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»Höchst gefährliche Gedanken«

Auszüge aus dem Strauß-Beschwerdebrief an Genscher *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Sehr geehrter Herr Bundesminister!

Mit Beginn der SPD/FDP-Koalition 1969 wurde auch in der auswärtigen Kulturpolitik eine entschiedene Wende vollzogen... Dieser Kurswechsel von 1969 ist bis heute nicht korrigiert, als hätte es 1982 keinen Regierungswechsel gegeben ...

Die Arbeit des Goethe-Instituts kann nicht anders denn als Teil der auswärtigen Kulturpolitik der Bundesrepublik Deutschland verstanden werden... Das Goethe-Institut erfüllt seine Aufgaben mit Steuergeldern der Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Schon deshalb darf seine Arbeit nicht mit der eines rein privaten Instituts verglichen werden ...

Die Aufgabe des Goethe-Instituts ist es, die deutsche Sprache im Ausland zu pflegen und die internationale kulturelle Zusammenarbeit zu fördern. Seit den frühen 70er Jahren wird an den meisten Goethe-Instituten deutsche Sprache und Kultur im Sinne des »erweiterten«, in Wirklichkeit uferlosen Kulturbegriffs von Ralf Dahrendorf vermittelt. Dies bedeutet: Müllverbrennung, Abwasserprobleme, Arbeitslosigkeit, Randgruppenfragen usw. gehören ebenfalls zur deutschen »Kultur« ...

Sie sagten in Ihrer Rede vor dem Bundestag am 20. Juni, daß »das Auftreten von Literaten, von Künstlern, und zwar ihr ungehindertes Auftreten, immer eine Zierde für eine freiheitliche Demokratie und einen Kulturstaat ist«, und Sie bezogen diese Worte ganz ausdrücklich dann auf Heinrich Böll und Günter Graß.

Es versteht sich von selbst, daß ich Ihnen hierin voll zustimme - allerdings mit einigen Anmerkungen.

Wenn Heinrich Böll das Asoziale »erhaben« nennt, wenn er behauptet, der Sinn der Bundeswehr bestehe »in der Produktion absurder Nichtigkeiten«, wenn er die Bundesrepublik Deutschland als »trauriges Land ohne Trauer« bezeichnet oder »dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sollte, nur einige verfaulende Reste von Macht erblickt, die mit rattenhafter Wut verteidigt werden«, wenn Peter Handke erklärt, Deutschland »lasse ihn an einen Kadaver denken, an eine von einem Erdbeben verwüstete Gegend«,... dann ist es den politisch verantwortlichen Persönlichkeiten der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr erlaubt, solche gegen den Bestand unseres Staates gerichteten Äußerungen in die Zuständigkeit der Literaturwissenschaft zu verweisen! Dies sind politische Gedanken, und zwar weder »linke« noch »rechte«, sondern den freiheitlichen Rechtsstaat angreifende und, wenn sie im Ausland formuliert werden, höchst gefährliche ...

Das letzte Jahrbuch des Goethe-Instituts (1984/85) beweist ebenfalls, daß das von den Goethe-Instituten vermittelte Bild der Bundesrepublik Deutschland im Ausland insgesamt zu düster und historisch zu karg ist: Während Goethes Name in den Programmen fünfmal auftaucht, waren 18 Veranstaltungen Bertolt Brecht gewidmet, 10 Franz Kafka, 6 Tankred Dorst. Zehnmal trat die bekannt linksextreme Schriftstellerin Ingeborg Drewitz in Goethe-Instituten in aller Welt auf, 10 Filmretrospektiven waren Rainer Werner Fassbinder gewidmet.

Die deutsche Literaturgeschichte scheint - von wenigen Ausnahmen abgesehen - in den Goethe-Instituten erst mit Bertolt Brecht, die deutsche Geschichte erst 1920 zu beginnen. Die historischen Veranstaltungen haben fast ausschließlich die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft und die Jahre unmittelbar davor zum Thema. Unausbleiblich werden so Selbstbezichtigung und Selbstmitleid als »typisch deutsche Gefühlsregungen« das Bild bestimmen, das sich Ausländer von den Bürgern der Bundesrepublik Deutschland machen ...

Es geht mir, dies betone ich nochmals ausdrücklich, keineswegs um irgendeine Einschränkung der künstlerischen Freiheit, sondern um die klare Trennung von Begriffen: Die Arbeit der Goethe-Institute muß politisch betrachtet, kommentiert und gegebenenfalls auch gelenkt werden, weil sie politisch ist. Die Freiheit des Goethe-Instituts kann nicht so weit gehen, durch gezielte Desinformation und bewußt einseitig negative Darstellung der Bundesrepublik Deutschland Schaden zuzufügen!

Mit freundlichen Grüßen Franz Josef Strauß

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