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ARCHÄOLOGIE Hölzerne Mauern

Drei Briten ließen das gefährlichste Kriegsschiff der Antike wiedererstehen - die mit 170 Ruderern besetzte »Triere«. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Für Griechenlands Kulturministerin r Melina Mercouri ist es »mein Schiff«, für Experten und Fans »die vielleicht größte Errungenschaft der modernen experimentellen Archäologie«, so das Athener Blatt »To Ethnos«.

Diese Begeisterung gilt einer Renaissance antiker Schiffbaukunst: Vergangenen Mittwoch präsentierten Engländer und Griechen vor Attikas Küste zum erstenmal nach 2000 Jahren eine »Triere«, einen »Dreiruderer«, den erfolgreichsten Schiffstyp der klassischen Antike.

Das wendige und schnelle Ruderkampfschiff bildete von 600 v. Chr. bis zur Zeitenwende das Rückgrat antiker Mittelmeerflotten. Das von den Korinthern um 650 v. Chr. entwickelte Schiff wurde vor allem von den Athenern eingesetzt, die damit ihre Seeschlachten gewannen. So besiegte im Jahre 480 v. Chr. eine griechische Flotte aus 380 Trieren ("hölzerne Mauern") in der Schlacht von Salamis die persische Armada aus 600 Fahrzeugen, die König Xerxes von Land aus kommandierte. In den engen Gewässern um die Insel Salamis, in die Themistokles die Feinde gelockt hatte, verloren die Perser 200 Schiffe, die Griechen dagegen nur 50.

Dank ihrer Trieren konnten die Griechen nach der Niederlage der Perser ihre Seeherrschaft sichern, die Athener ihre Hegemonie. Noch heute messen Historiker dieser Seeschlacht eine weltgeschichtliche Bedeutung zu. Ohne Trieren hätten die Griechen die Perser nicht besiegen können, wäre das Goldene Zeitalter von Athen, der Höhepunkt der

griechischen Antike, abrupt beendet worden.

Die Rettung brachte ein Gefährt, das heute noch als Meisterstück der Schiffbaukunst gilt. Die Triere war 40 bis 50 Meter lang und bis sechs Meter breit. Ihre Hauptwaffe war der bronzebeschlagene Rammsporn ("Embolos") am Bug. Die Schiffe verfügten über eine Besatzung von 200 Mann, darunter 170 Ruderer, etwa 20 Matrosen und 10 bis 12 Seesoldaten. Ihre Aufgabe war es, den gegnerischen Schiffen die Ruderreihe abzufahren oder sie durch einen Rammstoß in die Breitseite zum Sinken zu bringen.

Zu Beginn des Peloponnesischen Krieges (431 bis 404) verfügte die Athener Flotte über 300 Trieren. Den Bau finanzierte der Staat, für Ausrüstung und Instandhaltung mußten reiche Bürger aufkommen. Nur Vollbürger durften eine Triere rudern. Sklaven oder Sträflingen war dies untersagt.

Mit dem Verfall des Athener Stadtstaates verlor die Triere ständig an Bedeutung. Vergebens versuchten die Nachfahren immer wieder, das Glanzstück der antiken Schiffbaukunst auferstehen zu lassen.

Als unlösbares Rätsel galt vor allem das Rudersystem der Triere, eine raffiniert ausgeklügelte Anordnung, in der drei Ruderreihen versetzt übereinander saßen. Mit einer gut trainierten Mannschaft soll das Schiff eine für die damalige Zeit unerhörte Geschwindigkeit erreicht haben. Nach antiken Quellen konnte die Triere eine Entfernung von 200 Meilen (etwa 370 Kilometer) mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von sieben bis acht Knoten zurücklegen, mithin rund 15 Kilometer in der Stunde.

In jüngster Zeit faszinierte das Trieren-Rätsel drei Engländer unterschiedlicher Herkunft: Frank Welsh, ehemals Bankier, der auch als Thriller-Autor reüssierte, Sir Charles Willink, Cambridge-Absolvent und späterer Professor für klassische Philologie in Eton, und John Coates, Schiffbauingenieur. Das Ruder-Geheimnis glaubten sie gelüftet zu haben: Sie rekonstruierten die komplizierte Zuordnung der drei Decks mit den Muskelmännern.

Als die spleenigen Engländer 1984 ihre Pläne in Athen präsentierten, griff das Verteidigungsministerium prompt zu.

Zwei Jahre lang werkelten griechische Handwerker nach den Plänen der Briten auf einer kleinen Werft bei Piräus am Nachbau. Ruderanordnung und Plätze der Ruderer wurden mit moderner Computertechnik bestimmt.

Da die Pinien Griechenlands nicht mehr die Qualität von vor zweieinhalb Jahrtausenden besitzen, mußte Oregon Pine aus Kanada importiert werden. Das Segeltuch aus Leinenstoff kam aus Schottland.

Zur Verbindung der Bretter des Schiffsrumpfes wurden 20000 Keile aus Eichenholz verwendet. Hinzu kamen rund 25000 Nägel aus Bronze, alle handgearbeitet. Mit Bronze wurde auch der Rammsporn beschlagen.

Kapitän Dimitris Papadas von der Kriegsmarine trainierte die aus 16 Engländern und 154 Griechen zusammengesetzte Crew. Zusammengepfercht auf den drei Decks, jeweils nur einen halben Meter voneinander entfernt, mußten die Ruderer sehr darauf achten, ihre Nachbarn nicht durch eine ungeschickte Bewegung zu verletzen.

Nun kreuzt zum erstenmal seit zwei Jahrtausenden vor Attikas Küste wieder eine Triere in der Ägäis. Statt der klassischen Höchstgeschwindigkeit von zwölf Knoten schafften die ungeübten Ruderer der Neuzeit bei der Premiere freilich nur die Hälfte.

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