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Briefe

Hört auf, Gott zu spielen
aus DER SPIEGEL 15/1972

Hört auf, Gott zu spielen

(Nr. 11 bis 14/1972, SPIEGEL-Serie: »Das Geschäft mit der Krankheit")

Es ist in der Tat so. Was sich einige dieser Scharlatane im weißen Kittel erlauben, ist geradezu skandalös. Zu bedauern sind die Kassenpatienten, die lediglich als Massenware abgefertigt werden und demnach die Existenzgrundlage für den überwiegenden Teil der Ärzte bilden.

Karlsruhe ERICH RAUTHE

Den bisherigen Leserbriefen nach scheint Ihre Artikelserie »Geschäft mit der Krankheit« einigen Kollegen nicht zu gefallen. Ich finde sie ganz informativ. Informativer als die »Ärztlichen Mitteilungen« mit ihren endlosen Gebetsmühlen über die Unersetzlichkeit des deutschen Hausarztes, dem bleichen Schreckgespenst der Sozialisierung, den manchmal nicht gerade geschmackvollen Werbungen der pharmazeutischen Industrie und überhaupt dem ganzen berufsethischen Zuckerbäckerstil. Andersgläubige kommen nicht zu Wort. Dabei lebt doch die Medizin selbst als Wissenschaft auch von der Konfrontation.

Nordenham (Nieders.) Dr. SCHÜBEL

Kinderfacharzt

Ihre Serie sollte jeder Kenner der Materie lesen, sie ist sehr interessant. Weniger allerdings wegen der so eingehenden, keineswegs immer korrekt dargelegten Unterlagen, die bekannt sind, als vielmehr zum Studium der gezielten Meinungsmanipulation.

Bamberg (Bayern) Dr. med. HETTY LANDGRAF

Legen wir doch einiges auch auf die andere Seite der Waage: Neben den mehr als 100 000 Ärzten gibt es zum Beispiel mehr als 100 000 Manager in der BRD, deren Einkommen mehr als 100 000 Mark jährlich übersteigt, ohne daß sich darüber jemand entrüstet.

Lindenberg (Bayern)

IFK-INFORMATIONSDIENST FÜR KREBSGEFÄHRDETE

Warum nur, so frage ich mich, ist unsere heranwachsende Jugend einschließlich meiner eigenen Kinder nicht bereit, das von Ihnen so prächtig geschilderte Herrendasein eines Kassenarztes auf dem Lande zu übernehmen.

Rehlingen (Saarland) Dr. med. WERNER SCHULZ

Wo haben Sie denn die Information her, daß einem Kassenarzt die ärztliche Beratung eines Patienten mit 12 Deutsche Mark honoriert wird? Der Kassenarzt bekommt dafür noch nicht einmal vier Mark. Höchst- und Niedrigsätze gibt es beim Kassenarzt nicht, sondern nur die mit den Krankenkassen vereinbarten Sätze, basierend auf der von der Bundesregierung erlassenen Gebührenordnung für Ärzte.

Bonn ROSMARIE HENNIGS

Pressestelle des Hartmannbundes

Die Ersatzkassen-Adgo-Position »Beratung auch mittels Fernsprecher bei Nacht« lautet auf 10,40 Mark. Beim derzeitigen Auszahlungssatz von 118 Prozent ergeben sich gut zwölf Mark Honorar. -- Red.

Sie schreiben, daß ein Kassenarzt, der 2000 Scheine jährlich abrechnet, mit einem durchschnittlichen Umsatz von 190 000 Mark rechnen kann. Können Sie mir sagen, wie der Kollege das macht?

Stuttgart Dr. med. BRUNO SCHMITT

Das schrieb der SPIEGEL nicht. Vielmehr sind es, übliche Abrechnungsart der Ärzte, 2000 Scheine pro Quartal -- so macht es der Kollege. -- Red.

Dank Ihrer Serie bin ich mir erst bewußt geworden, wie gut es .mir und wie schlecht es meinen Patienten geht.

München Dr. med. FRITZ PANKIEWICZ

Sie müssen Verständnis für die älteren Ärzte aufbringen, noch weiterpraktizieren zu wollen. Es liegt vermutlich an ihren fehlenden Altersversorgungen, denn nach den IOS-, Gramco-, Paninter- und Calair-Pleiten hat sicher mancher sein so »sauer verdientes« Geld verloren. Außerdem haben viele das 14- und mehr semestrige Studium ihrer (standesgemäß!) Alfa-Romeo-fahrenden Söhne zu finanzieren!

Saarbrücken JÜRGEN NEUGEBAUER

Der oder die Verfasser sollten sich in psychiatrische Behandlung begeben, damit sie ihren Neidkomplex loswerden.

Düsseldorf Dr. RICHARD LEBLANC

Wohl keine Berufsgruppe nimmt die Vergiftung unserer Umwelt und die damit verbundene Zerstörung unserer Gesundheit so stillschweigend hin wie die »gedrillte deutsche Ärztearmee«. Gerade diese wäre berufen, hier endlich allerhöchste Alarmstufe zu geben. Ob diese auch hier der Schweigepflicht unterliegt?

Kassel NORBERT ASSMANN

Ihre Kritik ist bösartig, tief beleidigend und destruktiv wirkend, weil Sie damit das wichtigste »Heilmittel« des Arztes zerstören: das Vertrauen der Patienten.

Bad Mergentheim (Bad.-Württ.)

Dr. med. JOHANN ROSENFELD

Ich habe in meinem Leben nie eine größere Genugtuung empfunden wie nach dem Lesen Eurer Serie.

Hamburg H. VON PEIN

Während der erste Artikel noch gemäßigt erschien, empfand ich den zweiten und dritten Artikel in seiner unverschämten Ausdrucksweise als eine persönliche Beleidigung. So geht es nicht! Bitte produzieren Sie zwei ähnlich miesmacherische Monumentalartikel über die deutsche Zahnärzte- und Apothekerschaft. Icundi acti labores. Als Landarzt versuche ich mir die Situation eines Ihrer Herren Schreiber vorzustellen, daß er auf dem flachen Lande eine saftige Gallen- und/oder Nierenkolik bekommen möge und er zu Fuß -- möglichst 15 km weit -- in das nächste Krankenhaus laufen müßte, um Hilfe zu finden.

Bischhausen (Hessen) Dr. med. W. STEINKAMP

Homöopathie

An einem Februar-Wochenende brauchte ich nachts gegen 3.30 Uhr für meine schwer krebskranke Mutter einen Notarzt. Ich rief den Notdienst in Bielefeld an. Schilderte der Dame am Telefon die Beschwerden -- schwere Atemnot, starke Schmerzen im Leib -- und bat um einen Notarzt. Mir wurde versprochen, daß einer kommt. Für eventuelle Rückfragen wurde meine Telefonnummer notiert. Wenige Minuten später rief ein Arzt an, erkundigte sich nach den Beschwerden meiner Mutter und erklärte dann sinngemäß: Da kann ich nichts machen. Das ist eine »Schiet-Krankheit«. Die Schmerzen in den verschiedenen Körperpartien sind wohl auf Metastasen zurückzuführen. Auf meinen Einwand, meine an Bronchialkrebs leidende Mutter benötige aber nach meinem Urteil dringend ärztliche Hilfe, erklärte mir der Notarzt: Was soll ich denn tun? Soll ich kommen und »Guten Morgen« und »Auf Wiedersehen« sagen? Geben Sie ihr eine Schmerztablette. Die werden Sie ja wohl haben. Und wenn Sie jemand zum Sprechen brauchen, dann »lassen Sie sich einen Pastor kommen«. Danach erkundigte sich der Notarzt eingehend nach meiner Adresse und der meiner Mutter sowie danach, wo sie versichert sei. Schließlich verwies er mich darauf, daß ich ja um acht Uhr meinen Hausarzt anrufen könne.

Gadderbaum (Nrdrh.-Westf.) JÜRGEN KORDES

Ihre Information, daß Ärzteverbände durch gezielte Maßnahmen Abiturienten in der Frage der Berufswahl zu beeinflussen versuchten, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: Im Frühjahr 1961 wurden in den Abschlußklassen der Karlsruher Gymnasien von Medizinerverbänden Broschüren verteilt, in denen mit dem Hinweis auf einen bald zu erwartenden Ärzteüberschuß eindringlich vor der Aufnahme des Medizinstudiums gewarnt wurde.

Karlsruhe UDO WITZENS

Studienassessor

Zu Ihrer vorzüglichen, längst fälligen Serie zwei Bemerkungen:

1. Die WWI-Studie stellt richtig fest, daß die Qualität der Behandlung durch niedergelassene Ärzte wegen der Orientierung an technischen zuungunsten von ärztlichen Verrichtungen schlecht ist. Man sollte die Ursache dafür sehen: Die ärztliche Verrichtung (z. B. gründliche Untersuchung) wird im Vergleich zur technischen erbärmlich honoriert. Bezeichnenderweise bekämpft keine Standesvertretung dieses Relation mit Nachdruck. Dafür habe ich nur eine Erklärung: Die Standesvertretungen unterstellen dem niedergelassenen Arzt eine erhebliche Neigung zum Versicherungsbetrug. Der Kassenlöwe mit 200 Patienten pro Tag würde, so glaubt man, glatt angeben, alle 200 gründlich untersucht zu haben. Die Durchführung von Laboruntersuchungen hingegen ist vergleichsweise sicher dokumentierbar.

2. Die ärztlichen Standesvertretungen versuchen, die entscheidende Reform, das Behandlungsmonopol der niedergelassenen Ärzte für ambulante Patienten aufzulockern, zu verhindern, obwohl sie wissen, daß die Ausbildung der zukünftigen Ärzte darunter entscheidend zu leiden haben wird. Nach der neuen Approbationsordnung wird ab 1975 ein Teil der Medizinstudenten im letzten Jahr vor der Approbation in akademischen Lehrkrankenhäusern ausgebildet werden. Diese Krankenhäuser dürfen nach geltendem Recht nicht über die Polikliniken verfügen. Nur weil niedergelassene Ärzte den Hals nicht voll genug kriegen können, wird »die Ausbildung zukünftiger Ärzte in ambulanter Krankenversorgung verhindert.

Frankfurt Dr. med. HARTMUT KOCH

Eine volkswirtschaftliche Binsenwahrheit besagt, daß Leistungen, die nichts kosten, übermäßig in Anspruch genommen werden. Dadurch sinkt zwangsweise ihre Qualität.

München HANS ABT-MEYER

Rechtsanwalt

Hat sich je einer der Reporter je in einem Land mit sozialisierter Medizin behandeln lassen? Er könnte dort unschwer feststellen, daß er statt 77 Minuten 77 Tage warten muß.

Hannover Dr. Dr. med. WOLFGANG FENNER

Was wäre wohl, wenn heute der Gesetzgeber auf die Idee käme, zwangsweise eine Vollkaskoversicherung ohne Selbstbeteiligung bei allen Autobesitzern einzuführen? Nach kurzer Zeit würden die Versicherungsprämien ins Astronomische steigen, wären die Reparaturwerkstätten überfüllt, müßte man Wartezeiten und fehlerhafte Reparaturen in Kauf nehmen, gäbe es einen bisher ungeahnten Wohlstand bei den Besitzern der Werkstätten.

Nichts anderes geschieht bei uns im Gesundheitswesen! Von Wahljahr zu Wahljahr weckte der Gesetzgeber, dessen Blick für Realitäten durch ständiges Schielen zur Wahlurne getrübt ist, neue Begehrlichkeit bei den Versicherten.

Unsere scheinbare Gratismedizin, die mehr und mehr die Eigenverantwortung untergräbt, wird bald die teuerste Medizin der Welt sein. Sie trägt den Keim der Zerstörung schon in sich. Sie schafft auch kein soziales Recht, sondern das Gegenteil. Sie vergiftet -- Ihr Artikel beweist das -- das Vertrauen in die Redlichkeit von Arzt und Patient.

Nindorf (Nieders.) Dr. med. RICHARD POTT

Arbeitsmedizin

Es ist frappierend, wie genau Ihre Schilderung der überholten Ärzteverbandspolitik der schweizerischen Ärztepolitik entspricht.

Der amerikanische Schlachtruf gegen die Ärzte »Stop Playing God!« scheint international dringend nötig zu sein!

Basel (Schweiz) W. HAGEN

Für diesen Artikel sei Ihnen im Namen des Hippokrates aufrichtiger Dank gesagt.

Kiel THOMAS KNUTSCHE

stud. med. dent.

Nach Lektüre der bisherigen Folgen der Serie und des Kommentars von Peter Brügge fragt man sich, warum die Schreiber nicht selbst den anscheinend so lukrativen und mühelosen Beruf des Arztes ergriffen haben. Bei vorhandener geistiger Kapazität (die Gleichsetzung angekündigter Sprechstunden mit der tatsächlichen Arbeitszeit eines Mediziners läßt allerdings manchen Zweifel aufkommen) wäre ihnen das lange Studium und evtl. eine anschließende mehrjährige Fachausbildung sehr ans Herz zu legen. Sollte ihnen das zu lange dauern, so hätten ihnen als sicher »verantwortungsvollen« Journalisten auch wenige Tage eigener Beobachtung des Praxisablaufes eines vielbeschäftigten Allgemein- oder Facharztes genügt, ein total anderes Bild von ärztlicher Arbeit und Einsatzbereitschaft zu vermitteln. Bislang muß es jedoch als Glück für mögliche Patienten bezeichnet werden, daß sich die Verfasser der Serie der Tätigkeit des Skribenten und nicht der Medizin zugewandt haben, ansonsten zu befürchten wäre, daß aus den bisher angeblichen fünfzig Prozent Fehldiagnosen sicherlich deren hundert würden.

Bayreuth Dr. med. RICHARD GAREIS

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