Zur Ausgabe
Artikel 49 / 84

AFRIKA / SUDAN Hört die Trommeln

aus DER SPIEGEL 12/1971

Immer wenn über dem südsudanesischen Busch eine DC-3 ohne Hoheitszeichen auftaucht, stürzen schwarze Rebellen freudig gestikulierend aus ihren Verstecken; denn das Flugzeug bringt begehrte Güter: Waffen und Munition, Lebensmittel und Medikamente. Am Steuer der aus Äthiopien oder Uganda kommenden Maschine sitzen Weiße -- Israelis.

Sobald aber Mi-8-Grollhubschrauber oder An-12-Flugzeuge über die Wipfel knattern, gehen die Guerillas entsetzt in Deckung; denn die Maschinen bringen Tod und Verderben: MG-Feuer, Bomben, Soldaten der Sudan-Armee. Auch am Steuer dieser im Sudan gestarteten Maschinen sitzen Weiße -- Russen.

Der Buschkrieg im Sudan, Afrikas flächengrößtem Land, ist in ein neues Stadium getreten. Mehr als zehn Jahre lang hatten sich nur humanitäre Organisationen für den scheinbar aussichtslosen Kampf der sechs Millionen schwarzen Südsudanesen interessiert, die sich von der arabischen Führungsschicht in Khartum majorisiert und unterdrückt fühlen.

Seit aber der 1969 in Khartum an die Macht gekommene Generalmajor Numeiri seinen 15-Millionen-Einwohner-Staat ins radikale antiwestliche Lager führte, hat sich der Bürgerkrieg zu einem »Konflikt zwischen dem arabischen und dem Schwarzen Afrika, zwischen Arabern und Israel und damit zwischen der Sowjet-Union und den Vereinigten Staaten« ausgeweitet (so der britische »Guardian").

Denn weil der revolutionäre Sozialist Numeiri mehr und mehr Russen und Ägypter ins Land holte und damit das Gleichgewicht der Kräfte im östlichen Afrika veränderte, wurden auf der anderen Seite westliche Mächte aktiv -- vor allem die Israelis.

Verglichen mit dem östlichen Engagement für Numeiri nimmt sich die westliche Unterstützung für die nach einem Schlangengift benannten Anya-Nya-Aufständischen allerdings bescheiden aus: Die Israelis instruierten in Israel einige Anya-Nya-Führer -- so den Chef der »Southern Sudan Liberation Front«, Joseph Lago --, sie leisten Materialhilfe aus der Luft und schickten 26 Agenten zur Beratung der Rebellen in den Busch.

Bescheidene Hilfe leisten auch Äthiopien und Uganda. Haile Selassies Kaiserreich, seit der linken Machtübernahme in Somalia in die Zange geraten, gewährt den Rebellen Unterschlupf. Der Negus rächt sich damit zugleich bei Numeiri für dessen Unterstützung der Eritrea-Separatisten, die Äthiopiens reiche Küstenprovinz aus dem Kaiserreich lösen wollen.

Uganda, dessen nördliche Stämme zu beiden Seiten der Grenze leben, steht erst seit dem Sturz des Linken Milton Obote am 25. Januar fest an der Seite der Südsudanesen. Idi Amin, Ugandas neuer Führer, verglich Numeiris Behandlung der schwarzen Sudanesen mit Südafrikas Apartheid-Politik. Daraufhin drohte Numeiris Minister Abu Issa: »Wir werden angesichts der Einmischung im revolutionären Sudan nicht die Hände im Schoß gefaltet lassen.«

Seine militärische Stärke verdankt der revolutionäre Sudan der Sowjet-Union, die auch an dem Mitte Februar ausgesprochenen KP-Verbot keinen Anstoß nimmt. Das Gästebuch im Hotel der südsudanesischen Provinzhauptstadt Juba ist voll von russischen Namen. In die Spalte »Firma« haben fast alle »Air Force« geschrieben.

500 bis 1000 russische Experten drillen Numeiris 30 000 Soldaten. Die Sudan-Luftwaffe ist mit Mig-Überschalljägern, An-12-Transportern, Tu16-Bombern und Mi-8-Hubschraubern, den »fliegenden Lastkränen« der Sowjet-Luftmacht, ausgerüstet.

Bei Port Sudan bauen die Sowjets einen Flotten- und Sam-2-Raketen-Stützpunkt. Auf dem Flugplatz Wadi Seidna, 24 Kilometer nördlich von Khartum -- außerhalb der Reichweite von Israels Jets -, stehen 100 ägyptische Migs.

Alarmierender aber als die sowjetisch-ägyptische Präsenz im Sudan ist die Verwicklung der sozialistischen Freunde in den Bürgerkrieg, denn seit sechs Monaten beteiligen sie sich aktiv an den Aktionen gegen die Rebellen in den drei Südprovinzen:

So brachten im Oktober von Russen geflogene Hubschrauber eine sudanesische Einheit zum Einsatz gegen das Lager Morta, unweit der Uganda-Grenze. Die Hubschrauber griffen in die Kämpfe ein, angeblich fielen fast tausend Zivilisten. Und im Januar unterstützten Hubschrauber einen Angriff auf »Owing-ki-bul« (Hört die Trommeln), das Hauptlager der Aufständischen.

Von Sowjets gesteuerte Hubschrauber, Migs und Antonows flogen außerdem von den Basen Juba und Malakal aus Bombenangriffe gegen vier weitere Orte.

»Niemals zuvor haben die Sowjets so aktiv an der Unterdrückung eines Aufstands in der Dritten Welt teilgenommen, nie zuvor haben sie gegen schwarze Afrikaner gekämpft und bei der Bombardierung ihrer Dörfer geholfen«, entrüstete sich das US-Magazin »Time«. Überschrift: »Das sowjetische Vietnam.«

Tatsächlich gibt es Parallelen zwischen Südsudan und Südostasien. So siedeln auch die Behörden im Südsudan die mit den Aufständischen sympathisierende Bevölkerung in befestigten Dörfern an, um die Rebellen zu isolieren. Wie in Saigon scheint auch das Regime in Khartum alles andere als stabil zu sein: General Numeiri erlebte in knapp zwei Jahren Herrschaft nicht weniger als neun Umsturzversuche.

Anders aber als der hervorragend organisierte, disziplinierte Vietcong sind die südsudanesischen Aufständischen durch Stammes- und Führungsrivalitäten zerstritten. Der in einem Khartumer Gefängnis auf seine Verurteilung wartende deutsche Rebellen-Helfer Rolf Steiner: »Am besten kämpfen sie untereinander.«

Experten beurteilen denn auch die Erfolgsaussichten der Südsudanesen

anders als die des Vietcong -- äußerst skeptisch. Ein Washingtoner Militärspezialist: »Jetzt, nachdem Sowjet-Offiziere und Prestige verwickelt sind, können die Russen keine Siege der Aufständischen mehr zulassen.«

Zur Ausgabe
Artikel 49 / 84
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.