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BALKAN Hört die Wahrheit, Genossen

aus DER SPIEGEL 35/1950

Lieber mit der Maschinenpistole als mit dem Gebetbuch«. Mit diesem Schlachtruf stürzten sich kroatische »Krizari«-Kreuzritter auf der Straße Vrgnaska - Banja in der Nähe des serbisch-mazedonischen Städtchens Kragujevac auf eine jugoslawische Militärkolonne. Sechzig Tito-Soldaten wurden von den Lkw's heruntergeschossen. Die Kreuzritter waren schon wieder in den Wäldern verschwunden, ehe noch die Ueberfallenen sich zur Wehr setzen konnten.

Die Nachricht kam über den Abhördienst des Untergrundsenders »Zrinski« in den anglo-amerikanischen Horchposten Triest. Dem »Giornale di Trieste« bestätigten Jugoslawen aus der Zone »B«, die von »Manöverübungen« in Serbisch-Mazedonien heimlich zurückgekommen waren, die Kunde.

*) Welche Mächte vertreten waren, wurde ebenso geheim gehalten. Wahrscheinlich waren es die Sowjetunion, Mao-China, Nordkorea, das Viet Minh Ho Tschi-minhs und die halbautonome Mandschurei. »Lächerliche Erfindungen« dementierte Marschall Tito gegenüber Auslandsjournalisten alle Gerüchte über einen »organisierten Widerstand gegen sein Regime«.

Seine Zeitungen »Borba« und »Politika«, sein Nachrichtendienst »Tanjug«, und seine Rundfunksender korrigierten ihn wenige Tage später: »Elf Mitglieder verschiedener Untergrundorganisationen wurden durch die UDBA (Staatspolizei) verhaftet. Die Auftraggeber sitzen in Triest, Rom, Athen, Budapest und Graz. 15 Untergrundsender, automatische Waffen, Fotoapparate, Propagandamaterial, 2 Millionen Dinar und 1000 Dollar wurden sichergestellt.«

In jugoslawischen Prozinzzeitungen war noch mehr zu lesen. In dem südlich Zagreb gelegenen Landstädtchen Jastrebarski stimmten 24 Prozent der Wahlberechtigten bei den letzten Wahlen gegen Titos Einheitsliste. Mehrere Angestellte der Staatsfarm Belje in Kroatien wurden am 27. April zum Tode verurteilt. Sie hatten alle Schweine und Schafe auf der Farm vergiftet.

In Belgrad standen am 9. Februar Mitglieder der verbotenen »Union der Nationen Jugoslawiens« vor Gericht, sie wollten »mit Hilfe anderer Gruppen die Regierung stürzen«. In Titograd wird gegen »albanische Spione« verhandelt, in Skoplje gegen »Mazedonier im Solde Bulgariens«, in Apatin gegen »Großungarn im Dienste Budapests«.

»Neunzig Prozent der Bevölkerung Jugoslawiens ist mit Tito gegen den Osten - Neunzig Prozent ist gegen Tito mit dem Westen.« Auf diesen einfachen Nenner versuchen Sachkundige in Belgrad, Jugoslawiens innere Lage zu bringen.

Sie wollen damit ausdrücken, daß längst nicht alle Bewohner von Titos Polizeistaat zu den reichlich gefüllten Konzentrationslagern (INS: »Zwei Millionen politische Häftlinge"), zu den schmalen Rationen, zur 60-Stunden-Woche und zu den leeren Schaufenstern »ja« sagen. Daß sie aber immerhin noch lieber Titos Methoden hinnehmen, als in ein kominformistisches Satellitendasein abzusinken.

Jugoslawien ist immer von schärfsten inneren Gegensätzen zerrissen worden. Heute kommen zu dem ererbten Nationalitätenhaß, mit dem sich Kroaten, Slowenen und Serben wie eh und je bedenken, die von außen und innen angereicherten ideologischen Differenzen. Den Rest besorgen Banditen, um das Land zwischen Adria und Karawanken im Zeitpunkt gesteigerter internationaler Unruhe vollends zum Schnittpunkt aller nur denkbaren balkanischen Komplotte, Intrigen und Untergründlereien zu machen.

Fünf Hauptwiderstandsgruppen gegen Titos Zwangsstaat wollen frontnahe Beobachter und Experten in Triest ermittelt haben:

* Eine Kominformgruppe. Sie hat ihre Hauptquartiere in Prag, Budapest, Sofia und Bukarest. Ihre Befehle kommen aus Moskau.

* Drei west-orientierte Widerstandsbewegungen. Sie operieren von Triest, Athen, Rom und Graz aus.

* Eine wenig geschlossene und wenig organisierte Oppositionsgruppe der jugoslawischen Bauern. Sie kämpft gegen das verhaßte Kolchos-System durch offene Arbeitsverweigerung.

Als die aktivsten unter den Westgruppen gelten die kroatischen Krizari. Ihr Abzeichen ist ein weißes Kreuz. Die Anhänger laufen ihnen aus den alten Ustascha Ante Pavelitschs zu, des kroatischen Staatsführers aus faschistisch-gewährten Unabhängigkeitstagen.

Die Krizari sitzen um Novipazar und um Vranje in der alten Herzegowina. Sie operieren mit verschiedenen Banden in der Umgebung von Livno, einem bosnischen Städtchen an der Grenze Dalmatiens.

Im Livno-Distrikt führt ein Franziskanermönch, den vor einem Jahr seine Anhänger gewaltsam aus einem Tito-KZ entführten. Sie nennen ihn »Ujak«, das ist türkisch und heißt »Onkelchen«. Wie alle Krizari-Führer ziert »Onkelchens« Oberlippe der traditionelle mächtige Schnauzbart.

Mit den Krizari zusammen konspirieren drei andere Gruppen:

* Die IMRO (Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation) Vancio Mihajloffs, eine radikale mazedonische Splittergruppe, die von Montenegro aus Titos »Panserbische Politik« zu stören sucht. Auftraggeber des Mihajloff soll der griechische Generalstab sein.

* Die Mladi Muslimani, eine nationalreligiöse Organisation der Muselmanen, die im Gebiet von Sarajewo agitiert.

* Die Bunevici, eine kroatische Minderheitengruppe um das alte Maria-Theresianopel.

Die Beziehungen der Krizari reichen bis zu den ukrainischen Widerständlern. Sie waren die ersten, die im Sommer 1948 von dem bevorstehenden Bruch des Kominform mit Tito wußten. Ihr eigentliches Haupt ist nach wie vor Ante Pavelitsch. Reichlich mit Westgeldern gespickt, fliegt heute der Poglavnik (Führer) von einer Ustascha-Emigrantensiedlung in Syrien, Italien und Argentinien zur anderen. »Unsere Zeit kommt bald«, prophezeite er vor kurzem einem Auslandskorrespondenten in Rom.

Das Heil aus dem Westen wollen schließlich auch die in Dalmatien sitzenden Ueberlebenden des von Tito hingerichteten Tschetnik-Generals Mihajlovitsch nach Jugoslawien bringen. Ihr Mann ist Ex-König Peter. Er soll zurückkommen. Er will gern. In Paris, Rom und Triest unterhält er Büros. Der aktivste seiner Agenten ist Dobrosav Jerdjevitsch, der von Rom und Triest aus fanatisierte serbische Monarchisten in den Untergrundkampf gegen Tito hetzt.

Aber im Augenblick ist die Lage für die Westgruppe nicht eben günstig. Ihren Auftraggebern in den westeuropäischen Hauptstädten kann an einem Sturz des Moskauabtrünnigen Tito jetzt nichts liegen. Also müssen die westlich-dirigierten jugoslawischen Widerstandsgruppen auf der Stelle treten.

Um so aktiver sind die Aufstandsbeauftragten des Kreml. »Befreit das geknechtete jugoslawische Volk vom Tito-Terror«, ergeht täglich über alle sowjetisch-dirigierten Sender an sie der Befehl. Mit Zentralen in Prag, Budapest und Moskau sind drei einheitlich gelenkte jugoslawischkominformistische »Divisionen« bekannt:

* Die Nova-Borba (Neuer Kampf)-Gruppe mit dem Sitz in Prag. Sie will die Kommunisten Jugoslawiens weltanschaulich spalten. Ihr Chef, der emigrierte jugoslawische Fliegergeneral Popovida, zeichnet verantwortlich für die »Richtlinien zur Gründung einer neuen kommunistischen Partei in Jugoslawien«. Aus ihren Rundfunkanweisungen: »Hamstert alle Lebensmittel, damit Tito sie nicht an den kapitalistischen Westen gegen Kanonen verkauft!«

* Die Gruppe »Für ein sozialistisches Jugoslawien« in Moskau. Sie wird geführt von jugoslawischen Kommunisten und Offizieren, die während des Kominform-Knalles gerade die Frunse-Akademie oder das Lenin-Institut besuchten. Sie verbreitet jeden Abend über Radio Moskau die Sendung: »Hört die Wahrheit, Genossen«.

* Eine Art jugoslawische Emigranten-Regierung in Bukarest. Ihre Führer sind die ehemaligen jugoslawischen Botschafter in Rumänien und Ungarn, Brankoff und Golubovitsch. Als politische und militärische Berater stehen ihnen die Sowjetrussen Sussloff und Generalleutnant Balabanoff zur Seite. Ihre Aufgabe: Sich im gegebenen Augenblick an die Spitze eines »wahrhaft demokratischen Jugoslawien zu stellen und zum Befreiungskampf aufzurufen«.

Von Sofia und Bukarest, von Budapest und Prag dringen die Agenten und dringt das Agitationsmaterial des Kominform Nacht für Nacht in Titos Jugoslawien ein. Dicke Wälder und unwegsame Bergstrecken erleichtern die unheimliche Infiltration. Rumänische Minderheitengruppen an der Nordostgrenze bei Kladov, Golubac und Negotin bereiten den Emissären wohlvorbereitete Schlupfwinkel. Hier soll der Kampf beginnen, wenn eines Tages nach dem »hellenischen Prinzip« der verlorengegangene Balkanpfeiler Jugoslawien wieder heim ins Kominform geholt wird.

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