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STRAFJUSTIZ »Hört's auf mit dem Schmarrn«

Viel »Aufdeckung«, wenig Aufklärung: Ein Sozialpädagoge wehrt sich gegen den Vorwurf, seine Frau vergewaltigt und die Kinder missbraucht zu haben. Von Gisela Friedrichsen
aus DER SPIEGEL 16/2007

Der Münchner Rechtsanwalt Peter Weitzdörfer ist kein geschmeidiger Advokat, keiner, der bewundert werden will für elegantes und verbindliches Auftreten vor Gericht. Mit sperriger Hartnäckigkeit hat er Richter schon zur Weißglut und zu Wutausbrüchen getrieben - vor allem, wenn er von der Unschuld eines Angeklagten überzeugt ist. Jedes Ansinnen eines Deals, jede Aufforderung, auf ein Geständnis hinzuwirken um der Verfahrensökonomie willen, lehnt er dann empört ab. Schrittweise kämpft er sich den steinigen Weg zum erhofften Freispruch voran mit Anträgen, Beschwerden, Widersprüchen und Gegenvorstellungen. Er quält, auch sich selbst, er nervt. Manch einer hält diesen Mann für eine Zumutung.

Landgericht München II, 1. Jugendkammer. Angeklagt ist Klaus Papperger, 41, Sozialpädagoge aus Bad Tölz, wegen sexuellen Missbrauchs seiner drei Kinder in 56 Fällen, wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen in 25 Fällen sowie zweimaliger versuchter Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs mit gefährlicher Körperverletzung seiner angeblich widerstandsunfähigen Ehefrau. Vorwürfe, die, gleich wie das Strafverfahren ausgeht, für einen Angeklagten existenzvernichtend sind und diejenigen am meisten beschädigen, die am wenigsten dafür können - die Kinder, die von Loyalitätskonflikten zerrissen werden und im taktischen Spiel der Erwachsenen auf der Strecke bleiben.

Die Gerichte haben ihre liebe Not mit solchen Anklagen, vor allem, wenn sie sich als Ergebnis bitterböser Ehezwistigkeiten und Streitereien um das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder entpuppen. Beweise für eine Version fehlen meist, Aussage steht gegen Aussage, dabei gewesen ist ohnehin niemand, und was in Kinder alles hinein- und wieder herausgefragt wird bei der »Aufdeckung« durch sogenannte Fachleute - es ist oft ein Graus. Also müssen die Gerichte hinter die Fassaden schauen, und was dabei dann alles zutage kommt! Der Prozess gegen Klaus Papperger, der im Juli 2006 begonnen hatte, sollte ursprünglich nach 6 Sitzungstagen schon zu Ende sein. Mittlerweile sind dank Weitzdörfer mehr als 30 daraus geworden, und da sich die Staatsanwaltschaft gegen jegliche Erkenntnis verbissen sperrt, die konträr zu ihrer Überzeugung steht, werden wohl noch einige dazukommen.

Papperger sitzt seit Oktober 2005 in Untersuchungshaft. Fast eineinhalb Jahre später, am 23. März, es war der 31. Verhandlungstag, setzte die Kammer den Haftbefehl gegen Auflagen außer Vollzug. Noch in der Hauptverhandlung legte die Staatsanwaltschaft Beschwerde ein, der die Jugendkammer nicht abhalf. Also beschwerte sich die Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht (OLG) mit der Folge, dass Papperger 13 Tage später wieder verhaftet wird. Wegen Fluchtgefahr.

Fluchtgefahr? Papperger erschien anstandslos vor Gericht, obwohl er sich hätte absetzen können, denn der Pass war ihm ausgehändigt worden. Freiwillig trug er ihn zurück zur Polizei. Seine Eltern kratzten ihren Notgroschen für die Kaution zusammen. Von Ex-Frau und Kindern hielt er Abstand. Keine Auflage wurde verletzt.

Vielleicht war dies den Mitgliedern des OLG nicht bekannt. Da sie die Hauptverhandlung nicht miterleben, wussten sie offenbar auch nicht, dass der Salzburger Universitätsprofessor Franz Popp bereits mit der Glaubhaftigkeitsanalyse der Kinderaussagen begonnen hatte. Erstes Fazit: »Die Ereignisse, die zur Anklage des sexuellen Missbrauchs führten, sind mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit überhaupt nicht dramatisch zu werten, sondern als Entharmlosung und Dramatisierung ganz banaler Vorfälle.«

Wenn Richter aber so vieles nicht wissen, manches vielleicht auch gar nicht wissen

können - die Borniertheit der Münchner OLG-Richter stellt hier keine Ausnahme dar -, woher nehmen sie dann die Gewissheit, der Angeklagte gehöre schleunigst wieder eingesperrt?

Was gibt ihnen Anlass zu meinen, sie wüssten besser Bescheid als die erkennende Kammer, die sich mit einer Vielzahl von Zeugen und Sachverständigen und vor allem mit den angeblichen Opfern schon stunden-, tage-, ja monatelang auseinandergesetzt hat?

Pappergers Eltern haben in Bad Tölz ein Geschäft. Sie sind arbeitsame Leute. In der Familie werden Werte wie Fleiß, Strebsamkeit und Ordnung hochgehalten. »Wir waren eine vorbildliche Familie«, sagt die Mutter des Angeklagten.

Der Sohn arbeitete sich nach einer Lehre im elterlichen Betrieb über die Fachhochschule zum Diplom-Sozialpädagogen hoch und bildete sich via Fernstudium im Fach Kinder- und Jugendpsychotherapie und Philosophie fort. Bis 2005 kümmerte er sich um behinderte Kinder in 50 Kindergärten und arbeitete für das Amtsgericht Wolfratshausen als Betreuer. Gerade der berufliche Ehrgeiz und sein traditionelles Wertebewusstsein ließen ihn an der Ehe, die er mit einer viel zu jungen, überforderten Frau geschlossen hatte, scheitern.

Kennengelernt hatten sich die beiden 1993. Sie war 17. Ihr Elternhaus war im Gegensatz zu seinem unstet, man zog oft um, die Kinder lebten zeitweise in England und in Südafrika. Sie weiß fast nichts über diese Kindheitsjahre, und auch von dem, was später geschah, hielt ihr Gedächtnis kaum etwas fest. Daten? Jahreszahlen? »Das weiß ich nimmer.« Sie wirft die Schule mit 16, als sie schwanger wird. Sie treibt ab, macht keine Ausbildung, erlernt keinen Beruf. Als sie auf den elf Jahre älteren Papperger trifft, ist sie fasziniert: »Anfangs fand ich toll, dass er sich für mich überhaupt interessierte.« 1995 kommen Zwillingsmädchen zur Welt, 1996 ein Junge.

Die erste Zeit, ausgefüllt von der Versorgung der drei Winzlinge, war wohl noch die harmonischste. Die Großeltern halfen mit, die Jungen wohnten mietfrei über dem Laden der Eltern. Als die Kinder größer wurden, fingen die Probleme an. Es ging um Erziehung und Haushaltsführung.

Die Großmutter: »Ich habe mich bemüht, den Kindern etwas beizubringen - Radfahren, Schwimmen, Skifahren. Die Mutter dagegen lebte in einer Lethargie, aus der sie nicht herauskam. Stets hieß es: Ich schaff das nicht, ich kann das nicht. Sie stand morgens nicht auf, sie hat nicht gekocht und gewaschen. Zweimal wollte sich unser Sohn von ihr trennen, da ließ sie sich eine Glatze scheren. Sie hat wahllos eingekauft und nicht überlegt, dass man die Lebensmittel auch verarbeiten muss. Die Frau hatte nie ein Leben mit uns. Jetzt kommen die Kinder in die Pubertät. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau mit diesem Laisser-faire-Stil, die nie was geschafft hat, damit zurechtkommt.«

Pappergers Erziehungsprinzipien, wie er sie von zu Hause kennt - Regeln einhalten, gehorchen, lernen, üben -, sind nicht die ihren. Je mehr er darauf drang, desto mehr zog sie sich in eine Traumwelt zurück. Als er von Trennung sprach und dass die Kinder bei ihm zu bleiben hätten, geriet sie offensichtlich in Panik. Sie fragte Freundinnen, ob er ihr tatsächlich die Kinder wegnehmen könne und ob es für sie womöglich gefährlich sei, weiter in der Ehewohnung zu bleiben. »Sie sah halt ihre Existenz als Mutter gefährdet«, sagt eine Zeugin.

Verteidiger Weitzdörfer hält es da kaum noch auf dem Stuhl: »Genau zu der Zeit, als sie fragt, ob es für sie zu Hause gefährlich werden könnte, will sie schon vergewaltigt worden sein! Sie hat ihm die Kinder tagelang überlassen und redet gleichzeitig von sexuellem Missbrauch! Sie hat immer wieder nachgelegt und sich mit einem Netzwerk von Unterstützern umgeben, die ihr blind glaubten!«

Zu diesem »Netzwerk« gehören nach Auffassung Weitzdörfers vor allem eine Polizeibeamtin, die einseitig ermittelte; eine parteiliche Jugendamtsmitarbeiterin; ein blauäugiger Arzt; eine Kinderpsychologin, geschult von Tilmann Fürniss, dessen Methoden zur »Aufdeckung« statt Aufklärung sexuellen Missbrauchs die Justiz schon mehrfach in Katastrophen gestürzt haben - und die Schwester von Pappergers Ex-Frau. Denn die überzog den Vater ihres Kindes einst mit fast denselben Vorwürfen. Ein Gericht zu zwingen, sich mit einer solchen Parallelität auseinanderzusetzen - Schwerarbeit für einen Verteidiger.

Papperger ist nicht uneinsichtig. Er gibt Fehler zu, zum Beispiel, dass es gegen Ende der Ehe mal zu einem »dummen Gerangel« kam: »Die Kinder sollten aufräumen. Der Bub machte Theater, ich griff nach ihm. Sie ging sofort dazwischen und ließ mich nicht mehr los. Ich kann das nicht haben und drehte mich weg. Sie fiel dabei hin, weil sich ihr kleiner Finger in meiner Kleidung verhakt hatte. Daraufhin rief sie gleich die Polizei.« Der Zug kommt ins Rollen. Monate später, als sie noch immer nicht das alleinige Sorgerecht hat, werden Vergewaltigungsvorwürfe erhoben und Verletzungen behauptet, die kein Arzt je gesehen hat. Im Prozess sagt eine Sachverständige: »Die diesbezüglichen Angaben der Frau P. sind rechtsmedizinisch nicht in Einklang zu bringen.«

Die Kinder, die anfangs nur vom Streit der Eltern berichteten und von ihrer Angst, dass der Papa die Mama haut, erzählen nach geradezu skandalös suggestiven Befragungen irgendwann vom »Raupi-Spiel« an der Isar beim Nacktbaden mit dem Vater (die Anklage unterstellt Manipulationen bis zur Erektion). Ist »Raupi« der Penis? Papperger: »Sie mögen mir Missbrauch anhängen, wie Sie wollen! Aber ich habe keine pädophilen Neigungen. Die Kinder sehen halt, dass beim Vater da was ist genauso wie bei der Mutter der Busen, den sie auch mal angefasst haben.«

Der Vorsitzende Hans-Jochen Hintersaß: »Warum sollten die Kinder von Erektion sprechen, wenn nichts war?« Papperger: »Im Wasser schwimmt dieses Ding halt. Einmal haben sie mich im Sand eingegraben, ich war vorher im eiskalten Wasser gewesen. Sie fanden es witzig, dass das Glied nicht liegenblieb. Ich sagte: Hört's auf mit dem Schmarrn. Das war alles. Und daraus wird dann zigfacher Missbrauch!«

Der psychologische Sachverständige Popp ist kein Parteigutachter, sondern ein unabhängiger, erfahrener Hochschullehrer. Weitzdörfer, der erst kurz vor Prozessbeginn die Verteidigung übernahm, brachte ihn gerade noch rechtzeitig in das Verfahren. Warum wurden nicht schon viel früher Gutachten eingeholt, wie sie der Bundesgerichtshof in solchen Fällen fordert? Dem Angeklagten, seinen Kindern und der Justiz wäre einiges erspart geblieben.

* Mit Verteidiger Peter Weitzdörfer.

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