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KANZLERREISE Hoffnung in Samt

aus DER SPIEGEL 6/1964

Des Reichsmarschalls Hermann Göring

alter Salonwagen, den Bundeskanzler Ludwig Erhard, der das Fliegen nicht schätzt, auf seinen Reisen bevorzugt, stand auf Mussolinis römischem Prunkbahnhof Termini bereit. Um bessere Abschiedsworte verlegen, sagte Bonns neuer Botschafter in Italien, Konrad Adenauers einstmaliger Intimus Herbert Blankenhorn: »Es zischt schon, es zischt schon.«

Um 21.22 Uhr, acht Minuten vor der Zeit, ruckte der Sonderzug an. Kanzler Erhard hatte das »Mittelstück seiner Kontaktreisen« (Bundespressechef von Hase) hinter sich gebracht. Hinter ihm liegen Paris, Washington, London und Rom, vor ihm Brüssel, Den Haag und wiederum Paris.

Die drei Tage in der italienischen Hauptstadt verhalfen dem deutschen Bundeskanzler zu der Erkenntnis, daß durch optimistischen Schwung allein die von ihm anvisierte politische Einheit Europas nicht zu erreichen ist. Nur durch zähe Geduld und vorsichtige Diplomatie, so Außenminister Gerhard Schröder, ist der Bruch zu heilen, den Präsident de Gaulle im Januar 1963 durch sein Veto gegen Englands Aufnahme in den Gemeinsamen Markt herbeiführte.

Noch am Montagmittag, nach seinem ersten, anderthalbstündigen Gespräch mit Ministerpräsident Aldo Moro, verließ Ludwig Erhard hochgestimmt den mit grünem Samt ausgeschlagenen Konferenzsaal im Palazzo Chigi und verkündete freudestrahlend: Wir haben sehr schnell guten Kontakt gefunden und weitgehende Übereinstimmung aller politischen Auffassungen festgestellt.«

Aber schon am Dienstag hatte sich gezeigt, daß den italienischen Gesprächspartnern an einer Diskussion ihrer eigenen wirtschaftlichen und politischen Sorgen mehr gelegen war als an Erhards neuer Europa-Initiative.

Klagte Außenminister Giuseppe Saragat über das zunehmende Außenhandelsdefizit Italiens: »Der deutsche Warenexport nach Italien ist im letzten Jahr um 30 Prozent angestiegen, Italiens Ausfuhren nach Deutschland haben sich hingegen um 0,6 Prozent verringert. Auch das sind Probleme, die die Europäische Gemeinschaft betreffen.«

Ludwig Erhard sah sich so auf bilaterales Terrain abgedrängt. Doch auch hier versprach er Abhilfe: Gemischte deutsch italienische Kommissionen sollen sich künftig alle drei Monate zusammensetzen und Verbesserungen für den wirtschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen den beiden Ländern beraten.

Entsprechende Maßnahmen sind besonders im deutsch-italienischen Verhältnis vonnöten. Die Beziehungen zwischen Bonn und Rom hatten gegen Ende der Ara Adenauer arge Not gelitten. Dem alten Bundeskanzler flößten die starken kommunistischen und sozialistischen Kräfte in Italiens Politik großes Mißtrauen ein; in Rom wiederum sah man voll Unbehagen auf Bonns einseitig nach Paris ausgerichtete Politik.

Solche Reibungspunkte zu glätten, die sich wegen der italienischen »Öffnung nach links« durch die Bildung einer Koalition mit den Linkssozialisten noch verschärft hatten, war nicht zuletzt der Zweck der Erhardschen Rom-Tour gewesen. Gleich in der ersten Stunde seines Besuchs am Montagmorgen letzter Woche machte sich der Kanzler deshalb im Palazzo Chigi mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Pietro Nenni bekannt.

Nenni, Führer der Linkssozialisten und einst mit dem Stalin-Friedenspreis ausgezeichnet, hatte zusammen mit den Kommunisten lange Zeit eine Anti -Nato-Politik betrieben. Heute nimmt er in der Mitte-Links-Regierung des Christdemokraten Moro eine Schlüsselstellung ein.

Am Dienstagabend parlierte Ludwig Erhard unter vier Augen mit Nenni. Eine Stunde vor der Ankunft der übrigen Gäste des Gala-Abendessens war er vom Kanzler in die Villa Almone, die Residenz des deutschen Botschafters, geladen worden.

Kommentierte Außenminister Schröder, der einem europäischen Parlament skeptisch gegenübersteht, weil dort auch Kommunisten vertreten sein würden: »Die Sozialisten Italiens werden nie wieder mit den Kommunisten zusammengehen. Das ist doch ein großer Erfolg.«

Eines freilich konnte auch Ludwig Erhard seinem Gesprächspartner Nenni nicht abringen: die Zustimmung zu der von Bonn und Washington gewünschten multilateralen Atomstreitmacht (MLF).

Deshalb klafft zwischen der deutschen und der italienischen Fassung des gemeinsamen Schlußkommuniqués in Sachen MLF ein Unterschied, obwohl man volle zwölf Stunden lang um die rechte Formulierung gestritten hatte. Während nach dem deutschen Text »die beiden Regierungen beschlossen, ihre Arbeiten für die Schaffung der multilateralen Atomstreitmacht fortzusetzen«, spricht der, italienische Text lediglich davon, daß man »das Studium« dieser Frage weiterbetreiben wolle.

Die Italiener hatten den Kommuniqué-Streit am Dienstagvormittag letzter Woche mit einem drei Seiten langen, wortreichen Entwurf eröffnet.

Die deutsche Fassung dagegen füllte nur eine Seite. Bundesaußenminister Dr. Schröder: »Ein Kommuniqué muß in erster Linie international brauchbar sein. Für innenpolitische

Interpretationen bleibt dann immer noch Raum genug.«

Während der Bundeskanzler und sein Außenminister am Dienstagnachmittag mit Staatspräsident Segni im Quirinalspalast allgemeine Freundschaftsfloskeln austauschten, sausten die Kommuniqué-Referenten zwischen dem deutschen Standquartier im Albergo Grande und dem italienischen Außenministerium hin und her. Erst abends um 22.30 Uhr war die Endfassung fertig. Und auch dann kommentierte Außenminister

Schröder mißmutig: »Es hat schon bessere Kommuniques gegeben.«

In einem Punkt hatte sich Schröder allerdings durchgesetzt: Die von italienischer Seite mit deutlicher Spitze gegen Paris vorgeschlagene Formulierung, die MLF sei positiv zu beurteilen, »weil sie verhindert, daß Atomwaffen in den Einzelbesitz weiterer Staaten gelangen«, wurde gestrichen.

Auch Bundeskanzler Erhard nahm auf de Gaulles Empfindlichkeiten Rücksicht. Er wehrte sich verbissen gegen den von den Italienern gewünschten Text, daß Großbritannien schon zu Beginn an den Bemühungen um eine politische Union Europas beteiligt werden müsse.

Schließlich wurde eine von Erhard eigenhändig umredigierte Fassung angenommen, wonach »die EWG ehestens durch politische Formen der Zusammenarbeit ergänzt werden« müsse. Großbritannien und anderen europäischen Ländern... »die dem Inhalt und dem Geist der römischen Verträge zustimmen«, stehe der Beitritt offen.

Unter diesen widrigen Umständen kam Ludwig Erhards Plan, Europas Zusammenschluß durch eine Konferenz der Regierungschefs voranzutreiben, in Rom gar nicht erst zur Sprache.

Der Kanzler begründete seine Zurückhaltung: »Eine solche Konferenz muß sorgfältig vorbereitet und zeitlich richtig eingebettet sein, damit nicht so viele Fragen ungelöst im Raum stehen, auf die wir keine Antwort wissen.«

Rom-Reisender Erhard, Gastgeschenkt: »Es zischt schon«

* Bundeskanzler Erhard erhielt vom Bürgermeister der Stadt Rom eine Nachbildung der kapitolinischen Wölfin. Sie hat nach der römischen Überlieferung die sagenhaften Gründer der Stadt, Romulus und Remus, als ausgesetzte Neugeborene gesäugt. Das Standbild der Wölfin wurde zum Wahrzeichen Roms.

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