Zur Ausgabe
Artikel 120 / 135
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Briefe

Hoffnungsvolles Kreuz
aus DER SPIEGEL 7/1999

Hoffnungsvolles Kreuz

Nr. 5/1999, Titel: Die Schröder Show - 100 Tage Wirklichkeit

Köstlich! Das Titelbild spricht für sich. Da proben vier bekannte Polit-Virtuosen, zwar mit leeren Händen, aber dafür mit viel Show-Business. Leider kann man nicht hören, was die »glorreichen Vier« alles so »vergeigen« und welche Chancen sie »verstreichen« lassen.

STEPHANSKIRCHEN (BAYERN) JÜRGEN ENGELHARDT

Auf Ihrem Titelblatt spielen die Herren offensichtlich Streichquartett. Nun weiß man ja, daß diese Art des Musizierens die diffizilste ist. Nicht verwunderlich also, daß wir bis dato noch keine schöne Kantilene hören durften. Warten wir es ab und sehen wir uns wieder bei der Fermate.

NORDERSTEDT WILHELM SCHÖTTKER

Bundeskanzler Gerhard Schröder, der schon jetzt die Wiederwahl in vier Jahren als festes Ziel vor Augen hat, will es allen recht machen. Wer aber alle zufriedenstellen will, kann natürlich keine grundlegenden Reformen angehen, denn irgendwo gibt es immer Interessengruppen in der Gesellschaft, die sich mit Neuregelungen nicht abfinden wollen, weil ihnen dadurch Nachteile entstehen. Nachbesserungen sind doch immer nur das Resultat von Interventionen irgendwelcher Interessengruppen.

ESSEN BJÖRN VAN LENT

Die Chinesen haben ihren prächtigen Staatszirkus und die Deutschen - wenn man den Medien glauben darf - eine zirzensisch hochtalentierte Bundesregierung. Seit 100 Tagen trainiert und übt sie nun mit dilettantischer Mannschaft, wie man die Politik verbessert. Höhenflüge am Trapez sind an der Tagesordnung - und alles ohne Netz. Der Zirkusdirektor turnt persönlich mit. Er ist ein Tausendsassa, kann alles, macht alles - der neue große Zampano. Wie ein Adler schwingt er durch die Zirkuskuppel und hat als Fänger alle Hände voll zu tun, damit die Tollkühnen seiner Truppe nicht vom Trapez in die Manege stürzen. Simultan gewinnt auf seinem Trampolin weit unter ihm ein kleiner Clown immer wieder an Höhe, verfehlt aber regelmäßig beim nervösen Absprung sein Ziel. Jongleure und Illusionisten lenken von den Pannen ab. Mit infantiler Leichtigkeit wird dem erstaunten Publikum eine Zufallsserie von Flops und Tops geboten. Und wenn etwas total danebengeht, schwenken alle Scheinwerfer in die Höhe auf den großen Zampano. Ihn umfangen dann die Strahlenkegel wie die Aura eines Erlösers. Frenetischer Beifall kommt auf. Die Zuschauer sind begeistert. Der Eintritt ist frei. Kassiert wird nach der Vorstellung.

SANKT AUGUSTIN (NRDRH.-WESTF.)

MANFRED GEROLD

Sie haben so ziemlich alle Minister kritisiert, aber Innenminister Otto Schily kaum erwähnt. Ich vermisse bei ihm deutliche Signale zum Problem Rechtsradikalismus. Hardliner war er bisher nur bezüglich »Zuwanderung«. Es war doch die Regierung Kohl, die die Neonazis immer verharmlost hat.

WÜRZBURG PROF. ALFRED TILP

Das Volk, das dem neuen Kanzler gute Noten gibt, versteht es - im Gegensatz zu oberintellektuellen Klugscheißern - eben besser, daß 100 Tage ein Wimpernschlag sind und daß eine parlamentarische Demokratie ein komplexes Gebilde ist, das man nicht so ohne weiteres umkrempeln kann wie einen Bautrupp oder eine Bananenrepublik. Das läßt im Umkehrschluß die Frage zu, wie es mit dem Demokratieverständnis der intellektuellen Oberschicht bestellt ist.

HAMBURG MARTIN PRECHTL

Wir sind nicht mehr so verdrossen wie unter Kohl. Auch wenn Fehler beim Arbeiten gemacht werden: Weiter so, Kanzler!

REICHSHOF (NRDRH.-WESTF.) HORST PETT

Wenn nach 16 Jahren CDU/CSU-Herrschaft, zudem noch mit einem Kanzler Kohl, eine vom Volk gewählte SPD-Grünen-Regierung nur Unwesentliches ändert und ihre Versprechungen an das Ende der Legislaturperiode verlegt, dann war der Stimmzettel das Kreuz nicht wert, welches ich auf ihm, hoffnungsvoll, hinterließ.

NÜRNBERG GERHARD WINTER

Sie sind ungerecht zur neuen Regierung. Fast drei Jahre lang haben Wolfgang Schäuble und seine Verbündeten Wolfgang Gerhardt und Guido Westerwelle um eine Steuerreform herumgelabert und nichts zustande gebracht, angeblich wegen des Bundesrats. Bereits zwei Monate und fünf Tage nach Amtsantritt der neuen Regierung hatte ich 40 Mark Steuerersparnis und 30 Mark mehr Kindergeld auf dem Konto. Respekt! Weiter so!

EISLINGEN (BAD.-WÜRTT.) GERHARD NÜRK

Ihre Verwunderung über die Beliebtheit der Regierung Schröder bei der Bevölkerung zeigt, wie weit Sie von der Realität entfernt sind. Was für Sie »kleine soziale Wohltaten« sind, sind für die Arbeitnehmer mit Familie die wichtigen Ereignisse. Entscheidend ist auch die Trendwende: Erstmals seit Jahren wird uns nichts genommen, sondern die Lage verbessert. Haben Sie vergessen, wie viele hunderttausend Leute gegen die Kürzung der Lohnfortzahlung demonstriert haben?

HUDE (NIEDERS.) BERND FRANCK

Der Kanzler hat es begriffen: Die eigene Medienpräsenz vorteilhaft in Wählergunst umzumünzen funktioniert selbst dann, wenn zur selben Zeit die professionellen Pressenörgler an allem etwas auszusetzen haben. Das Regierungs-Produktmarketing bedient sich derselben Mechanismen wie das von Kinofilmen. Neue Produktionen werden kritikresistent gemacht, indem die »unabhängigen« Berichterstattungen in Wahrheit nichts weiter als versteckte Werbung, pardon: »Produktinformationen«, darstellen. Als Authentizitätsverstärker werden gern kleinere Schwachpunkte eingestreut, so wie unsere Regierung gern eigene Fehler eingesteht, frei nach dem Motto: »Was meckern die denn, das haben wir selber doch längst erkannt und schon selbst gesagt!«

BONN DR. CHRISTIAN GAPP

Zur Ausgabe
Artikel 120 / 135
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.