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AGENTEN Hohe Quote

Vom Gefangenentausch auf der Glienicker Brücke in Berlin profitiert in erster Linie der DDR-Chef Erich Honecker. *
aus DER SPIEGEL 25/1985

John Le Carres britischer Meisterspion George Smiley ließ grüßen. Doch anders als im Roman, wo Smileys alter sowjetischer Widersacher Karla in schmutzig-grauer Nacht über die Brücke wechselte, war es High-noon am vergangenen Dienstag in Berlin, als vor den Linsen der TV-Kameras des SFB der größte Agentenaustausch der Nachkriegszeit über die Glienicker Brücke ging.

Die Besetzung des Stücks war prominent. Von Westen fuhren auf die von der DDR so genannte Brücke der Einheit: Richard Burt, Leiter der Europa-Abteilung im State Department und, voraussichtlich ab Juli, neuer US-Botschafter in Bonn; John Kornblum, seit kurzem US-Gesandter in West-Berlin; und Thomas Niles vom Europastab des amerikanischen Außenministeriums. In ihrem Gefolge: vier in den USA abgeurteilte Ostagenten. Auf DDR-Seite überwachte Rechtsanwalt Wolfgang Vogel die Austausch-Aktion, bei der 23 Mitarbeiter amerikanischer Geheimdienste in den Westen entlassen wurden - zwei DDR-Bürger bleiben einstweilen noch zurück, um persönliche Dinge zu regeln.

Vogel, persönlicher Beauftragter des SED-Chefs Erich Honecker für humanitäre _(DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel wird von ) _(der ausgetauschten Alice Michelson auf ) _(der Glienicker Brücke umarmt. )

Fragen, half nicht zum ersten Mal beim Agenten-Austausch über die 80 Jahre alte Havel-Brücke. Er war schon 1962 dabei, als dort der mit seinem Spionageflugzeug »U-2« über der UdSSR abgeschossene US-Pilot Francis Gary Powers gegen den sowjetischen Topagenten Rudolf Abel ausgetauscht wurde.

Zwar wechselten diesmal nicht gerade Spitzenleute der geheimen Zunft über die Brücke, aber bemerkenswert ist der Vorgang doch: Daß der Osten mitten im amerikanisch-sowjetischen Clinch um Raketen- und Weltraumrüstung 25 West-Späher gegen nur vier eigene Agenten tauscht und dazu noch die Familienzusammenführung der Freigelassenen garantiert, wertet ein prominenter Bonner Deutschland-Politiker als »Zeichen der Kooperationsbereitschaft schlechthin«.

Seit drei Jahren, ließen die Amerikaner wissen, hätten sie sich um die Freilassung ihrer geheimen Mitarbeiter bemüht, unter denen sich kein US-Staatsbürger befand. Am Ende umfaßte das Paket 19 Deutsche, davon knapp die Hälfte Bundesbürger, fünf Polen und einen Österreicher. Weil die weitaus meisten in der DDR verurteilt worden waren - einige zu lebenslangen, die anderen zu Freiheitsstrafen zwischen zehn und 15 Jahren -, spielte Ost-Berlin die Hauptrolle in den Verhandlungen. Das Plazet für die Großaktion aber kam aus Moskau.

Irgendwann muß die Sache gehakt haben. Vor einigen Monaten jedenfalls wandten sich - vermutlich nach Absprache, weil fast zeitgleich - Wolfgang Vogel und die Amerikaner mit der Bitte um Vermittlung an Ludwig Rehlinger, Staatssekretär im innerdeutschen Ministerium und Partner des Ost-Berliner Anwalts in den schwierigen Dingen der Familienzusammenführung und des Häftlingsfreikaufs, Späher inklusive.

Unter der Ägide des bewährten deutsch-deutschen Duos kamen die Verhandlungen wieder flott, wenngleich in den USA zahlreiche rechtliche Klippen umschifft werden mußten, weil es sich bei der geplanten Aktion um einen Austausch von Ausländern und nicht von US-Bürgern handelte. Zudem habe sich, klagen Bonner Insider, die amerikanische Bürokratie als schwerfällig bis chaotisch erwiesen.

Auch hatte Washington nicht allzuviel zu bieten. Da war zunächst der Pole Marian Zacharski, leitender Mitarbeiter der Polish American Machinery Corp. und wohl größter Fisch des letzten Dienstag freigelassenen Quartetts: Er saß wegen Militärspionage eine lebenslange Haftstrafe ab. Im September 1983 kam der Bulgare Penju Kostadinoff dazu. Für seinen Versuch, sich in New York geheime Atompapiere zu beschaffen, erhielt er zehn Jahre. Als hilfreich für den Austausch erwies sich, daß wenig später auch zwei DDR-Bürger den amerikanischen Agentenjägern ins Netz gingen.

Im November 1983 griffen sich FBI-Spezialisten den Dresdner Physikprofessor Alfred Zehe auf einem Wissenschaftler-Kongreß in Boston. Lautstark protestierten die DDR-Medien damals gegen den »USA-Willkürakt«. Gegen 500 000 Dollar Kaution, die Ost-Berlin hinterlegte, wurde Zehe im Sommer 1984 auf freien Fuß gesetzt.

Bei seinem Prozeß in Boston Anfang dieses Jahres gestand der Physiker, im Oktober 1982 in Mexiko einen Zivilangestellten der US-Marine angeworben und diesem schließlich für 21 800 Dollar Geheimpapiere über die Flotte abgekauft zu haben. Zehes Pech: Sein Partner, mit dem er sich siebenmal in Mexiko und Ost-Berlin traf, arbeitete für das FBI. Im April wurde der Wissenschaftler zu acht Jahren verurteilt.

Sogar zwei Jahre mehr erhielt die 68jährige DDR-Bürgerin Alice Michelson. Sie war im Oktober letzten Jahres auf dem New Yorker Kennedy-Flughafen kurz vor dem Abflug nach Prag unter dem Verdacht der Spionage für den sowjetischen Geheimdienst KGB verhaftet worden. In ihrem Gepäck: ein Mini-Tonband mit militärischen Informationen, versteckt in einer Schachtel Marlboro-Zigaretten.

Der alten Dame war ähnliches Mißgeschick widerfahren wie ihrem wissenschaftlichen Kollegen: Das Geheimtape stammte von einem Feldwebel der US-Armee, der sich Frau Michelson gegenüber als von den Sowjets engagierter Spion ausgegeben hatte, in Wahrheit aber für die amerikanische Abwehr arbeitete.

Die beiden in Amerika abgeurteilten DDR-Spione waren, zusammen mit den im Honecker-Staat einsitzenden Agenten gleichsam die Basis für Rehlingers Vermittlungsaktion. Der Bonner kümmerte sich ausschließlich um die Deutschen. Als dieser Teil des Deals perfekt war, machten Washington und Ost-Berlin das Geschäft mit dem Polen und Bulgaren komplett und ließen es dann auch unter ihrer Regie ablaufen.

Den deutsch-deutschen Unterhändlern, deren humanitäre Geschäfte von den Sowjets fast immer und von Bonns Verbündeten bisweilen mißtrauisch beäugt werden, kam zupaß, daß diesmal mehrere Staaten von diesem internationalen Menschenhandel profitierten. Den sicherlich größten Nutzen von der 20-Minuten-Show auf der Glienicker Brücke aber hat, so die keineswegs neidvolle Einschätzung der Bonner, Erich Honecker.

Den eigenen Verbündeten hat der DDR-Vorsteher bewiesen, daß die deutsch-deutsche Schiene spursicher genug ist, selbst in Zeiten internationaler Spannungen auch den einen oder anderen Osteuropäer in die sozialistische Heimat zurückzuholen. Noch schöner dürften die Auswirkungen für Honeckers prononcierte West-Politik sein.

Im April erst war er auf Staatsvisite in Italien, Privataudienz beim Polen-Papst inklusive. Am letzten Montag traf Frankreichs Premier Laurent Fabius zu einem zweitägigen offiziellen Besuch in Ost-Berlin ein. Daß Honecker, die Gegeneinladung nach Paris schon in der Tasche, dieses Ereignis mit der Austauschaktion garnierte, war sicherlich kein Zufall.

Die Amerikaner wiederum zeigten ihre Wertschätzung für die Bemühungen

der DDR, indem sie eine Topmannschaft zur Glienicker Brücke entsandten. Richard Burt feierte den gelungenen Abschluß am Dienstagabend mit Wolfgang Vogel im Ost-Berliner Palasthotel. Ein Bonner Deutschland-Politiker: »Wenn Erich auch noch der Queen in London die Aufwartung gemacht hat, ist seine nächste Station ja wohl das Weiße Haus.«

Westdeutsche Nachrichtendienstler machen sich derweil ihre eigenen Gedanken. Das günstige Austausch-Verhältnis von 4 : 25 ist ihnen nicht nur Beleg für östliche Großzügigkeit, sondern auch für die Hemdsärmeligkeit, mit der amerikanische Agenten-Anwerber unbedarfte Späher für die risikoreiche Aufklärungsarbeit in den Staaten des Warschauer Pakts anheuern.

Ein Geheimdienst-Experte: »25 ist schon eine hohe Verlustquote, da kann man nur warnen.«

DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel wird von der ausgetauschten AliceMichelson auf der Glienicker Brücke umarmt.

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