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Klimagipfel Hohepriester im Kohlenstoff-Klub

Die Öl-Staaten lähmen die Berliner Klimakonferenz. Lobbyisten der US-Industrie haben schon im Vorfeld Wühlarbeit geleistet: Im Dickicht der Uno-Diplomatie brachten sie weitergehende Vertragsinitiativen zu Fall.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Der Mann sieht aus wie ein abgerissener Provinzler aus Kentucky. Ein kantiger Schädel mit Hängebacken sitzt auf dem schmächtigen Körper. Die Hose reicht nur bis zu den Knöcheln und lenkt den Blick auf ausgetretene Gesundheitsschuhe.

Der Schein trügt. Donald H. Pearlman, 59, macht Geschichte im Auftrag der Öl-Industrie und auf Rechnung von Amerikas einflußreichster Anwaltssozietät. Erfolgreich wie kein anderer Drahtzieher der internationalen Politik stellt er die Signale auf dem Weg zum weltumspannenden Schutz des Klimas - immer auf Halt.

Pünktlich um halb zehn lauert er seit Dienstag vergangener Woche jeden Morgen am Eingang zum Plenarsaal des Berliner Kongreßzentrums. Der Standort ist strategisch gut gewählt: Die Diplomaten aus 130 Staaten müssen an Pearlman vorbei, bevor sie die Uno-Verhandlungen über ein neues Klimaschutzabkommen fortsetzen.

»Hi Don«, begrüßt ihn da freudig der Kuweiter Atif Al-Juwaili und schließt ihn in die Arme. Man kennt sich. Hastig schärft Pearlman seinem Schützling mit leiser Stimme die Tagesparole ein: »Wir brauchen unbedingt jemanden im Büro.« Al-Juwaili nickt gelehrig. Ein paar Stunden später wird der kuweitische Delegierte energisch für sein Land einen Sitz in der künftigen Uno-Behörde fordern, welche die Umsetzung der Weltklima-Konvention überwachen soll.

Womöglich werden die Uno-Klimabeamten nicht viel zu tun haben. Knapp drei Jahre nach dem gefeierten Weltgipfel von Rio de Janeiro, bei dem über 100 Staatschefs in seltener Einigkeit die Rettung vor dem drohenden Klimachaos versprachen, sind die Umweltdiplomaten keinen Schritt vorangekommen. Im Gegenteil: Sogar die vertragliche Zusicherung der reichen Industrieländer, ihren Ausstoß an Treibhausgasen wenigstens auf dem Stand von 1990 zu begrenzen, wird von den meisten Unterzeichnern nicht eingehalten.

Eine weitere Minderung der Emissionen, wie sie Klimaforscher dringend anmahnen, solle in Berlin in einem sogenannten Protokoll verbindlich vereinbart werden, hieß es noch in Rio. Aber eine entsprechende Vertragsinitiative, gestartet von den besonders bedrohten Inselstaaten, scheiterte im Dickicht der Uno-Diplomatie schon vor Beginn der Berliner Konferenz.

Statt dessen ringen die Regierungsvertreter im raumschiffartigen Kongreßgebäude nur noch um einen Beschluß, ihre endlosen Verhandlungen auch nach dem Berlin-Gipfel fortsetzen zu dürfen. Hilflos versucht Bundesumweltministerin und Konferenzpräsidentin Angela Merkel (CDU), den Stillstand als Erfolg zu verkaufen. Das sogenannte _(* Mit dem kuweitischen Delegierten Atif ) _(Al-Juwaili. ) Mandat, das Ende dieser Woche verabschiedet werden soll, wäre, so Merkel, »ein wichtiger Schritt voran«.

Donald Pearlman lächelt. Daß der Klimaschutz im Nirgendwo wolkiger Erklärungen endet, dafür hat er drei Jahre hart gearbeitet. Nicht eine der über 20 wissenschaftlichen und politischen Vorkonferenzen zum Berliner Gipfel hat er versäumt. 27 Arbeitswochen verbrachte er bei diesen Treffen in Kongreßstädten wie Genf, New York, Nairobi und sogar Fortaleza in Brasilien. Kaum jemand kennt die vielen tausend Uno-Dokumente zum Thema so genau wie er.

Dabei ist der Weltreisende kein einfacher Lobbyist wie etwa sein dauernder Begleiter John Shlaes, der ganz offen die Auto- und Elektroindustrie der USA bei ihrem Kampf gegen Klimaschutzauflagen vertritt. Pearlman hält die Namen seiner Klienten strikt geheim. Er tritt stets nur als Teilhaber der großen Anwaltsfirma Patton, Boggs & Blow auf, die in Washington als ebenso einflußreich wie anrüchig bekannt ist.

Die Sozietät war mit dem Haiti-Diktator Duvalier ebenso verbunden wie mit dem Militärregime in Guatemala. Ihre Anwälte arbeiteten für die Drogen- und Geldwäschebank BCCI, deren Zusammenbruch als »Mutter aller Skandale« die amerikanische Öffentlichkeit monatelang in Atem hielt. »Das größte Kompliment, das man einem Anwalt bei Patton machen kann, lautet, daß er für Geld alles tut«, resümiert ein früherer Mitarbeiter.

Die Klienten ließen sich durch den zweifelhaften Ruf der Kanzlei nicht irritieren. Zu den 1500 Dauerkunden zählen nach wie vor etwa der Chemiekonzern DuPont sowie die drei Öl-Riesen Exxon, Texaco und Shell.

An solche Auftraggeber denkt Pearlman, wenn er vor dem »dramatischen Schaden« warnt, der Amerikas Wirtschaft mit »voreiligen Verpflichtungen zur Minderung des Energieverbrauchs« drohe. »Wir brauchen einfach mehr Energie für Transport, Heizung und Kühlung als das kleine Japan oder Europa.« Pearlman versteht sich als Verteidiger des American way of life und weiß sich mit dem US-Establishment einig. Auf die Öl-Industrie gründete Amerika seinen Reichtum, so soll es auch bleiben.

Für dieses Ziel arbeiten Pearlman und seine Mannschaft mit allen Tricks gewiefter Anwälte. Um bei den Uno-Verhandlungen zugelassen zu werden, erfand er kurzerhand die Nichtregierungsorganisation »The Climate Council«, ein Name, hinter dem genausogut ein Umweltverband stehen könnte.

Daueraufgabe seiner Crew ist die stete Überwachung der US-Diplomaten. »Jedes Wort, das wir hier öffentlich sagen, liegt morgen als Protokoll auf dem Tisch der Kongreßabgeordneten«, klagt ein Delegierter der Clinton-Administration, deren anfänglicher Umwelt-Elan am gut organisierten Widerstand der Industrie längst zerbrochen ist.

»Diese Leute«, sagt der US-Klimaexperte über Pearlman und seine Helfer, »schaffen hier eine Atmosphäre aus Mißtrauen und Verdächtigungen.« Der US-Delegationsleiter Rafe Pomerance wagt es in Berlin nicht einmal, die Forderung von Vizepräsident Al Gore nach einem verbindlichen Klimaschutzvertrag öffentlich zu kommentieren.

Gleichwohl können die USA als Hauptverursacher der globalen Erwärmung sich nicht offen gegen andere Länder stellen, die sich vom Klimakollaps bedroht sehen. Staaten wie Saudi-Arabien und Kuweit sind da freier.

Mit beispielloser Ausdauer verwandelte Pearlman deshalb deren früher nur hinhaltenden Widerstand zu einer perfekten Blockadestrategie - so berichten es Umweltlobbyisten, die ihren Gegner seit fünf Jahren beobachten. »Keiner ist so erfolgreich wie dieser Hohepriester des Kohlenstoff-Klubs«, sagt respektvoll Jeremy Leggett, Direktor bei Greenpeace International.

Das größte Problem für die Öl-Allianz sind die Erkenntnisse der internationalen Klimawissenschaftler. Deren überwiegende Mehrheit hat inzwischen keine Zweifel an der heraufziehenden Gefahr für den Planeten. Im Rahmen der Uno sind die Wissenschaftler im Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) organisiert und erarbeiten jährliche Berichte, als Grundlage für die politischen Verhandlungen.

Um die Glaubwürdigkeit der Forscher zu untergraben, brachte Pearlman bei den IPCC-Treffen systematisch die Abgesandten aus den Golfstaaten in Stellung. Während der entscheidenden Sitzung vor Berlin im vergangenen September in Genf stürzten Pearlman und seine arabischen Freunde das internationale Expertengremium ins Chaos.

Sechs Monate lang hatten Fachleute aus allen Kontinenten Szenarien durchgerechnet, wie die Konzentration der Treibhausgase sich entwickeln wird, je nach Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum. »Wir haben nur unumstrittene Aussagen aufgeschrieben«, berichtet der niederländische Klimaforscher Joseph Alcamo. Doch die Pearlman-Seilschaft, ärgert sich Alcamo, habe »jede Zeile des Berichts in Frage gestellt« und »endlose Haarspalterei« betrieben.

Ungeniert schwang sich der Anwalt selbst zum Experten auf. Abgesandte aus Kuweit reichten Änderungsvorschläge zum Text in Pearlmans Handschrift ein. Nicht einmal den Satz, daß eine »Zunahme der Kohlendioxidmenge in der Lufthülle zu erwarten« ist, ließen sie durchgehen. Der schließlich formulierte Abschlußbericht »spiegelt nicht mehr die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung wider« (Alcamo).

Triumphierend verkündet Pearlman seitdem, es gebe »gar keinen wissenschaftlichen Konsens« über die Klimagefahr, selbst das IPCC sei zerstritten.

Gegen die Klima-Warner engagieren die Kohlenstoff-Fundis auch eigene Wissenschaftler, zum Beispiel vom US-Wettervorhersagedienst »Accu-Weather«. Nach deren Befund - gewonnen auf der Basis von Daten aus nur drei Meßpunkten der USA - gibt es »keinen überzeugenden Beweis«, daß extreme Wetterereignisse zunehmen. Deshalb sei offen, verbreiten Pearlmans Mittelsmänner, »ob der Mensch überhaupt den Treibhauseffekt verstärkt«. Peinlich für die Anti-Klima-Koalition: Zum Beweis für die angeblich konstante Regenmenge dienten Messungen in der Wüstenstadt Los Angeles.

»Mit solcher Desinformation«, sagt der Vizepräsident des Washingtoner Worldwatch Institute, Christopher Flavin, »lenkt die Öl-Lobby in den USA die öffentliche Debatte.«

Noch toller trieb es der Mann mit dem Bulldoggengesicht während der letzten politischen Vorbereitungskonferenz im Februar in New York. Bei einer anstrengenden Nachtsitzung provozierte er mit seinem aufdringlichen Stil einen Eklat. Verärgert forderte der Uno-Beamte Jacob Swager alle Lobbyisten auf, den Plenarsaal zu verlassen. Doch Pearlman widersetzte sich. »Er ging erst, nachdem ich ihn mehrmals ermahnt hatte«, sagt Swager - eine Szene, die Pearlman heute dreist als »frei erfunden« leugnet.

Umweltschützer beobachteten Pearlman, wie er präzise taktische Anweisungen an arabische Delegationen kopieren und überbringen ließ ("Den vierten Absatz komplett streichen; falls Option I nicht erfolgreich ist, schlagen Sie folgende Formulierung vor!").

Formale Fehler aufspüren, die Geschäftsordnung in Frage stellen und damit langwierige Verzögerung bewirken - die klassische Anwaltstaktik diktiert auch den Verlauf des Berlin-Gipfels. Die Öl-Staaten sicherten sich - gegen den lauen Widerstand der Europäer und Amerikaner - eine Trumpfkarte im Verhandlungspoker: Auf ihr Betreiben blieb bis zum Wochenende offen, mit welchen Mehrheiten überhaupt abgestimmt wird. Paßt ihnen das Ergebnis nicht, können sie den ganzen Gipfel platzen lassen.

Mit diesem Trick, so versichert Pearlman, habe er aber »nicht das geringste zu tun«. Doch sicher liege es »im Interesse der Vereinigten Staaten, wenn Beschlüsse nur mit Einstimmigkeit gefaßt werden dürfen«.

Seine Berliner Etappe im Rennen um den industrieverträglichen Klimaschutz hat der Öl-Anwalt fast schon gewonnen. Y

»Eine Atmospäre aus Verdächtigungen und Mißtrauen geschaffen«

»Mit Desinformation lenkt die Öl-Lobby die öffentliche Debatte«

* Mit dem kuweitischen Delegierten Atif Al-Juwaili.

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