Zur Ausgabe
Artikel 41 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

HOCHSCHULEN / ROTE ZELLEN Hoher Einsatz

aus DER SPIEGEL 41/1970

Jura-Professor Bernd Rüthers, 40, sieht die Freie Universität (FU) zu Berlin zur »Kaderschule des Marxismus« umfunktioniert. Privatrechtler Peter Hanau, 35. hält die jüngste Entwicklung an West-Berlins Alma mater für den »Beginn der Sowjetisierung«. Nationalökonom Horst Sanmann, 42, wähnt die FU bereits »unter Hammer und Sichel«.

Seit -- am 1. August 1969 -- das neue West-Berliner Universitätsgesetz in Kraft trat, vergeht kaum eine Woche, in der nicht »professorale Spekulationen über die »rote Machtergreifung« (Sanmann) und publizistische Meditationen über das »hochschulpolitische Debakel« ("Die Welt") verbreitet werden.

Um derlei Befürchtungen auf den Grund zu gehen, um »Fehleinschätzungen vorzubeugen ... und fehlerhafte Darstellungen richtigzustellen, um Schaden von Berlin und seinen Hochschulen abzuwenden«, trug das West-Berliner Abgeordnetenhaus im Juni dieses Jahres dem politischen Senat der Teilstadt auf, einen »Bericht über die Situation an den Berliner Hochschulen nach Inkrafttreten des Universitätsgesetzes« zu erarbeiten.

Drei Senatsverwaltungen (für Wissenschaft und Kunst, Inneres sowie Arbeit, Gesundheit und Soziales) machten sich an die Arbeit. Die Rechercheure konsultierten die Politische Polizei und das Landesamt für Verfassungsschutz, sie studierten Flugblätter und die »Rote Presse Korrespondenz« der ultralinken Studenten. Sie hörten Professoren an und zogen Erkundigungen bei Assistenten ein; nur Studenten konnten »für die Anhörung nicht gewonnen werden«.

Was dabei ermittelt worden ist, liegt -- analytisch aufbereitet, politisch gewertet -- seit der letzten Woche als Referenten-Entwurf vor und soll in dieser Woche vom Senat verabschiedet werden. Kern des Berichtes: »Die neuen Organisations- und Entscheidungsstrukturen an den Berliner Hochschulen haben bisher nicht zur Funktionsunfähigkeit der Hochschulen, die in Kreisen der Gegner des Universitätsgesetzes befürchtet wurde, geführt.«

Als das neue Hochschulgesetz die alte Ordinarien-Universität liquidierte, nahm auch die Politik der linken Studenten neue Formen an. Manche engagierten sich für die reformierte Hochschule. Andere sagten der Reform den Kampf an: in den Roten Zellen.

Diese linksradikalen Studentengruppen wuchsen seit dem Sommersemester 1969 in Berlin wie rote Pilze aus dem Boden. Allein an der FU bildeten sich:

* Rotzeg (Rote Zelle Germanistik), Rotzök (Rote Zelle Ökonomie), Rotzmath (Rote Zelle Mathematik), Rotzmed (Rote Zelle Medizin), Rotzang (Rote Zelle Anglistik), Rotzrom (Rote Zelle Romanistik), Rotzslav (Rote Zelle Slawistik), Rotzjur (Rote Zelle Jura) Rotzeps (Rote Zelle Psychologie), Rotzsoz (Rote Zelle Soziologie). Rotzphys (Rote Zelle Physik), Rotzhis (Rote Zelle Historiker), HZ Philosophie, und dazu noch Sako (Sozialistische Arbeitskollektive am Otto-Suhr-Institut). Sabi (Sozialistisches Arbeitskollektiv Biologie), Sak (Sozialistisches Arbeitskollektiv Germanistik), Kosomed (Kollektiv sozialistische Medizin), Rote Fachbereichsgruppe Anglisten, Romanisten. Komparatisten.

Im Gegensatz zur ideologisch diffusen und ohne Satzungen und Statuten operierenden Apo gaben sich die Roten Zeilen -- nach dem Vorbild kommunistischer Kader -- eine Strafe zentralistische Organisation: »Jedes Mitglied ist verpflichtet ... an den Schulungskursen, Aktionen und Kampagnen teilzunehmen ...

Rot-Zellist kann nur werden -- für einen Monatsbeitrag bis zu zehn Mark (Studenten) und 100 Mark (Universitätsangestellte) -, wer zuvor in einem der Ausschüsse, etwa für »Rekrutierungsarbeit« (Anwerbung von Erstsemestern) oder »Umfunktionierung« von Lehrveranstaltungen, als politisch zuverlässig erwiesen hat.

Von den 30 331 Studenten West-Berlins traten -- so die Schätzung der Senatsverwaltungen -- nur etwa 400 bis 500 den Roten Zellen als Mitglieder bei, und weitere 1000 Studenten dürfen den Senats-Rechercheuren zufolge als Sympathisanten gelten. Gleichwohl macht der Bericht schon optisch deutlich, daß dieser kleinen radikalen Minderheit große Bedeutung zugemessen wird: Während die schweigende Mehrheit der Studenten in 26 Zeilen erwähnt wird ("Die Masse der Studenten -- über 50 Prozent an der FU und TU -- denkt und handelt weiterhin unpolitisch"), füllt die Analyse der Roten Zellen über 70 von insgesamt 85 Schreibmaschinen-Seiten.

Tatsache ist, daß die Rot-Zellisten während der letzten zwölf Monate fortsetzten, was die antiautoritäre Studentenbewegung eingeleitet hatte. Rotzök hinderte den Betriebswirtschaftler Professor Bernhard Bellinger durch rhythmisches Schneuzen und Zwischenrufe wie »Hör doch auf zu sabbeln, daran, seine Standardvorlesung »Allgemeine Betriebswirtschaftslehre IV« vorzutragen. Rotzrom verlangte den Rücktritt des Romanisten Walter Pabst ("Bewußtloser Hand langer des Kapitalismus") -- vergeblich allerdings, obschon sich die Zellisten aus Protest acht Stunden im Seminar verbarrikadierten.

Mit solchen Methoden kamen die Roten auch beim linksliberalen FU-Präsidenten Rolf Dieter Kreibich nicht durch. Als sie den Akademischen Senat im letzten Semester für eine halbe Stunde im Sitzungssaal einsperrten, sprang Sozialdemokrat Kreibich auf einen Tisch und beantwortete den Sprechchor »Wer hat uns verraten? -- Sozialdemokraten« bestimmt: »Einen Ausschließlichkeitsanspruch wird es an dieser Universität nicht geben, solange wir da sind.«

Freilich, ohne Konzessionen an die Roten Zellen konnte oder wollte Kreibich nicht auskommen: Er verschickte den »Studienplan der Roten Zelle Ökonomie« ·auf Kosten der FU und berief den Rotzök-Genossen Rolf-Dietrich Rosenbrock in sein Beratergremium. Der Senatsbericht gleichwohl: »So weitgehende Konzessionen, daß dadurch die Freiheit von Forschung und Lehre gefährdet ist, sind ... nicht feststellbar.«

Daß der reformfreudige FU-Chef bislang im Konflikt zwischen statusbewußten Professoren und revolutionären Studenten geschickt taktiert hat, bescheinigt ihm nun auch das Referenten-Papier der Senatsverwaltungen. »Der in pausenlosen Vermittlungsversuchen bestehende hohe Einsatz des Präsidenten«, so heißt es, habe »erheblich dazu beigetragen, gefährliche Emotionen abzubauen und den Umfang der Störungen und materieller Schäden zu vermindern«.

Wie die Roten politisch-ideologisch einzuschätzen seien, ist für die Senats-Rechercheure eindeutig: in der Zielsetzung »unverhüllt kommunistisch«, trachtend nach einer »revolutionären Umwälzung des gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaftssystems«. Und: »Eine verfassungswidrige Zielsetzung liegt bei allen Roten Zellen vor.«

Vor den rechtlichen Konsequenzen aus dieser Erkenntnis, dem Verbot der Roten Zeilen, warnen indessen die Senatsverwaltungen in ihrem Berichts-Entwurf. Sie befürchten: »Die Linksradikalen könnten ihre Aktivität in anderer Form fortsetzen.« Und: »Ein Verbot könnte zur Solidarisierung eines großen Teils der Hochschulangehörigen mit den Roten Zellen und zu neuer Unruhe führen.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 41 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.