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SPD Hollywood an der Pleiße

In einer pompösen Show feierten die Sozialdemokraten die Kür ihres Kanzlerkandidaten. Gerhard Schröder bedankt sich mit unbequemen Wahrheiten. Von Jürgen Leinemann
Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 17/1998

Am Eingang des Saales verharren die künftigen Sieger. Langsam wechselt die Beleuchtung von Lichtstimmung II a zu Lichtstimmung IV, es wird überwältigend fernsehfeierlich in der Messehalle 2 in Leipzig, wie Weihnachten. Weit reißt Gerhard Schröder einen Augenblick die Augen auf, Oskar Lafontaine winkt fast hilfesuchend zu den eingedunkelten Rängen empor. Ist da nicht einer, den er kennt?

Beide Männer wirken ein bißchen erschrocken. Wohinein sind sie da geraten? Parteitag in Leipzig? Hollywood an der Pleiße. Oder kommt Henry Maske?

Dröhnend setzt die Musik ein, aus Lautsprecher-Batterien schmettert ein Triumphmarsch los, »Ready to go«, was »Ich bin bereit« heißt und den Siegeswillen des Kanzlerkandidaten der SPD untermalen soll. Die Genossen haben sich von den Sitzen erhoben, ungläubig, belustigt, stolz.

Langsam beginnen die Stars der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands am vergangenen Freitag ihren Einzug in den Sonderparteitag von Leipzig. Den beiden Spitzen-Leuten folgen drei Vorkämpfer - Reinhard Höppner aus Sachsen-Anhalt, Harald Ringstorff aus Mecklenburg-Vorpommern und die Bayerin Renate Schmidt. Alle wirken zugleich befangen und vergnügt.

Schröder gewinnt der Situation den meisten Spaß ab.

Je näher die kleine Prozession der Bühne kommt, desto sicherer wird der Niedersachse, den seine Genossen hier zum Kanzlerkandidaten wählen wollen. Er umarmt Parteifreunde, greift nach Händen, zieht Menschen an sich und ins Bild, das live in die Haushalte flimmert. Die Sender Phoenix und n-tv übertragen die politische Inszenierung, die ausdrücklich als Medienspektakel geplant ist - wenn schon, denn schon.

Nicht auf die Reaktion der Vorständler Johannes Rau und Rudolf Scharping kommt es an, die ein wenig fassungslos den Händeschüttlern entgegenblicken; nicht die 480 Delegierten der SPD, die vielen hundert Journalisten im Saal, nicht die Diplomaten und Ehrengäste auf den Tribünen sind entscheidend. »Wir sind alle nur stolze Statisten«, spottet der SPD-Vize Wolfgang Thierse. Nein, es geht vor allem um die »15 Millionen Fernseher«, wie Parteisprecher Michael Donnermeyer bekundet - Wähler, Wähler, Wähler. Schröder nennt sie »die neue Mitte«.

Noch 162 Tage bis zum 27. September, an dem die Deutschen über einen neuen Bundestag entscheiden und - wie die Sozialdemokraten an diesem Tag ganz sicher sind - die Regierung Helmut Kohl endlich abwählen. Die Jungwähler '98, daran erinnert Altkanzler Helmut Schmidt in Leipzig, waren zwei Jahre alt, als er im Oktober 1982 aus dem Amt gedrängt wurde - »und seitdem«, sagt Schmidt, »immer nur Kohl«.

Jetzt also Schröder, der Liebling der Medien und der Massen. Kennt ihr den, Genossen? Während er strahlend durch die Halle schreitet, knallt von der Großleinwand ein Video-Clip, 1,28 Minuten, mit harten Schnitten den kantigen Staatsmann von morgen dem Parteitag vor - energisch, volksnah, modern.

Wechsel auf Lichtstimmung IV. Als er an der Bühne angekommen ist, bewegt sich der Kandidat zu den pathetischen Klängen der Auftrittsmusik, die der US-Präsidenten-Hymne aus dem Film »Air Force One« nachempfunden ist, schon so sicher wie der Held einer Vorabendserie. Er tritt auf wie ein Amtsinhaber, und er redet wie einer. Als er gewählt wird, wirkt er einen Moment jungenhaft froh, obwohl er nur 93,01 Prozent kriegt. Verglichen mit früheren Kandidatenwahlen ist es das schlechteste, dafür aber, wie Helmut Schmidt sagen wird, »ein ehrliches Ergebnis«.

Ehrlich, weil es - bei aller gemeinsamer Siegesshow nach außen - nicht so tut, als bestehe die SPD plötzlich aus lauter Schröders. Heide Simonis hat es schon nach der Rede des Kandidaten gesagt: »Wir werden für dich und unsere Partei kämpfen.« Er wird für die SPD beliebt sein und regieren. Genossen, die einen aufrüttelnden, leidenschaftlichen Schlachtgesang ihres Kandidaten erwartet haben, erleben statt dessen eine Regierungserklärung.

Eineinhalb Stunden lang kämpft sich Gerhard Schröder angespannt und vor Anstrengung dampfend durch ein detailgespicktes Manuskript. Wofür er steht? Jetzt kann man es nachlesen. Den Genossen aber beantwortet er die unausgesprochene Frage danach, was denn wohl gemeint sei mit dem verwischenden Genitiv in der Parole »Die Kraft des Neuen«, die blutrot und tiefblau von der Bühne strahlt. Ist »der Neue« gemeint, Schröder also? Oder ist »das Neue« angesprochen, die Hollywood-Inszenierung?

Schröders Antwort überrascht: Er meint »die Neue«, die neue Mitte nämlich.

Mit diesen Passagen weckt er ein deutliches Unbehagen bei den Delegierten, denen der Umfrage-Rekordler klarmacht, daß er die gute alte Tante SPD selbst im Sinn hat, die 1863 in Leipzig als »Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein« gegründet worden war, wenn er von einer »Partei für die Neue Mitte« redet.

Das, sagt er ausdrücklich, wolle er ganz klar verstanden wissen. »Wir bedienen nicht etwa die Neue Mitte, wie etwas Fremdes oder Außenstehendes, quasi wie eine Wählergruppe, die es zu gewinnen gilt«, sagt er in ein Schweigen hinein, das geradezu vibriert vor innerer Abwehr. Daß er den Genossen dabei auch noch mit einem Zitat von Ludwig Erhard kommt, frustriert viele.

Kein Beifall für diese Passagen, minutenlang. Statt dessen ist Befremden fast körperlich zu spüren. Sie, die Genossen, sollten »Leistungsträger der Gesellschaft« sein, sollen sich zu jener Gruppe von Managern und Kleinunternehmern, flexiblen Mittelständlern, Handwerkern und Freiberuflern, Technikern und Existenzgründern gesellen, die ihr Kandidat als mutig, verantwortungsbewußt, innovativ und risikofreudig preist, ohne daß ihm ein einziges mal das Wort »sozial« über die Lippen kommt? Es ist, als kriegten viele Sozialdemokraten zum erstenmal eine Ahnung davon, daß Gerhard Schröder auch sie gemeint haben könnte, als er sagt: »Die Sicherheiten, die der Sozialstaat bieten wird, werden nicht mehr die alten sein.«

Nicht, daß der Kandidat es in Leipzig darauf anlegt, seine Partei zu verprellen. Wann immer er, gestützt auf die eigene Aufsteiger-Biographie, die ihn aus der Baracke am Rande des Dorfes im Flüchtlingsdeutschland der Nachkriegszeit ins neue Kanzleramt von Berlin führen könnte, soziale »Unanständigkeiten« anklagt, greift er der Partei mächtig ans Herz. Das tut er oft und gern. Aber er erspart den Genossen eben auch nicht detaillierte Auskünfte über seine Sicht von Modernität. Das macht die Rede nicht kurzweiliger, aber - im Vergleich zu Helmut Kohls Selbstgespräch-Idyllen sechs Monate zuvor an derselben Stelle - unerwartet redlich.

Seit Leipzig wissen Partei und Kandidat deutlicher denn je, was sie voneinander zu halten haben. Und daß keiner klatscht, als Gerhard Schröder zum Schluß behauptet, nie sei das Programm einer Partei so nahe an ihrem Kandidaten und ein Kandidat so nahe an seinem Programm gewesen, ist wohl kein Wunder. Ein Wunder ist eher, daß darüber weder Gezeter anhebt noch der gemeinsame Siegeswille beeinträchtigt scheint.

Daß Helmut Schmidt dabei ist und Schröder ausdrücklich zur Tapferkeit ermutigt, »das Notwendige auch dann zu tun, wenn es zunächst unpopulär ist«, mag böse Erinnerungen an Schmidts Unpopularität in der eigenen Partei wecken. Aber was zählen die schon im Vergleich zu der Erinnerung, daß es wahr und wahrhaftig einmal einen leibhaftigen sozialdemokratischen Kanzler gab.

Und dann ist ja noch »der Oskar« da, der alles zusammenhält, auch in Leipzig.

Tatsächlich ist die SPD seit Jahrzehnten nicht mehr so diszipliniert, ernsthaft und selbstbewußt aufgetreten. Und selbst Helmut Schmidt hält das »nicht zuletzt« für ein Verdienst des Saarländers Lafontaine.

Noch staunen die Genossen über sich selbst und vor allem über die Enkel, die plötzlich - bevor sie ihre letzte Chance verspielen konnten - ihr Potential mobilisieren. Franz Müntefering, der biedere Westfale, dem Lichtspielorgien wie in Leipzig niemand zutraute, erzählt - als Helmut Schmidt nach Jahren der Parteitagsabstinenz am Vorabend zur SPD-Familienfeier aufkreuzt - stillvergnügt einen alten Witz über die drei SPD-Altvorderen im Himmel:

Da saß Herbert Wehner auf Wolke Sieben und begrüßte den Neuankömmling Schmidt mit der Anweisung: »Du gehst am besten auf Wolke Fünf«, was natürlich dem ehrgeizigen Schmidt überhaupt nicht behagte. Er habe eher an Wolke Eins gedacht und darüber schon »mit dem Herrgott« gesprochen. Da wunderte sich aber Willy Brandt sehr: »Mit mir hat keiner geredet!«

Lange wird es nicht mehr dauern, bis solche Witze neu aufgelegt werden, mit aktuellem Personal. Nur Wolke Sieben ist noch nicht endgültig besetzt.

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