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HOLLAND / DORFJUSTIZ Holz vor der Tür

aus DER SPIEGEL 39/1968

Wer im holländischen Staphorst gegen das gesunde Dorfempfinden sündigt, muß nächtens zur Spießrutenfahrt durch die Gemeinde aufsitzen -- auf dem Mistwagen.

Den Sünder auf dem Mist -- zuweilen ist"s auch eine Sünderin -- bewerfen die sittenstrengen Nachbarn mit Eiern und Tomaten, bis er bekehrt ist und Buße tut. Damit das mittelalterliche Dorf sauber blieb, rollten und büßten zum Beispiel

* der Jüngling Jan, der ein Mädchen geliebt, dann aber verlassen hatte -er versprach rasch die Verlobung;

* der Zimmermann Derk und die Arbeiterfrau Maarte wegen Ehebruchs -- sie versprachen, einander fürderhin zu meiden;

* der Jüngling Roelof, der eine Dorfschöne mit Erfolg geliebt hatte -- er versprach, sie zu heiraten. Die Mistwagenfahrt Ist nur eine -- freilich die härteste -- der Volksstrafen, mit denen die 10 000 Staphorster den Beelzebub aus ihrem Dorf vertreiben, das seit Generationen In fröhlicher Inzucht und calvinistischer Gottesfurcht lebt.

Das Fürchten lehrt in Staphorst zur Zeit der Pfarrer Pieter Dorsman, 52. Sein Porträt hängt in fast jedem Haus des sittenstrengen Dorfes In der Provinz Overijssel. Seine Predigt kündet mehr von der Hölle als vom Himmel -- und als Hölle gilt dem Prediger die moderne Welt, die fürchterliche.

In Staphorst fährt man Rad -- wie überall in Holland -, aber sonntags nie, »weil Jesus nie auf einem Fahrrad fuhr«. In Staphorst haßt man Photographen, »weil Jesus sich nie photographieren ließ": Als ein Reporter die Meute und den Mist auf den Film bannen wollte, jagte Ihn der Volkszorn mit Mistgabeln vor das Dorf. Dort warnen seither Schilder in vier Sprachen: »Photographieren von Personen verboten.«

Der erste Motorrasenmäher von Staphorst wurde zerstört, weil der Mensch laut Bibel sein Brot im Schweiße seines Angesichts verdienen soll. Das Radio ist den Frömmlern noch immer nicht geheuer, und der Fernsehapparat verpönt als »duuvels kiekkast« ("Teufels Guckkasten"). Tischtennis und »Mensch ärgere dich nicht« gelten als sündige Spiele.

Nur vollendete Liebesspiele werden von alters her als gottgefällig angesehen -- Im Sinne der Bibeiwelsung »Seid fruchtbar und mehret euch": 80 Prozent der Bräute von Staphorst werden erst geheiratet, wenn Ihre Fruchtbarkeit erwiesen ist.

Zur Beweisführung laden die sogenannten Freierfenster: als Einstieg zu den heiratsfähigen Töchtern. Fortschrittliche Burschen nehmen bereits den geraden Weg durch die Haustür oder verlegen den Test auf die Wiese.

Bleiben Folgen aus, wird das Mädchen zum Gespött des Dorfes: Vor der Tür der Test-Braut kündet ein Haufen faulen Holzes, vom enttäuschten Freier aufgeschichtet, von Ihrem Malheur.

Die mildeste Dorf strafe Ist ein »Schandbogen« aus Ästen oder Leitern. Er wurde zum Beispiel am Haus der Hermien, 24, errichtet. Sie wollte den Witwer Jan, 49, heiraten, doch für die Moral von Staphorst war der Altersunterschied sündhaft groß.

Wenn der Bogen nichts bewirkt, wird die Strafe gesteigert: Die Rächer der Nacht verrammeln die Höfe der Uneinsichtigen mit Ackerwagen.

Bürgermeister Hendrik Haverkamp, 40, der den mittelalterlichen Spuk wegfegen wollte, griff einmal zur Gewalt der Obrigkeit, um einen Hof zu befreien: Er setzte die Vier-Mann-Polizei von Staphorst ein und holte auswärtige Ordnungshüter zu Hilfe. 25 Personen wurden verhaftet, es fielen sogar Warnschüsse. Doch. dafür wurde Haverkamp von seinen Staphorstern als Bürgermeister abgewählt.

Sein Nachfolger, Piet Nawijn, 55, ist volksverbundener. Nawijn: »Ich liebe Traditionen.«

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