Zur Ausgabe
Artikel 13 / 76

CDU Holzhacker im Kommen

aus DER SPIEGEL 39/1964

Josef-Hermann Dufhues, Geschäftsführender Vorsitzender der CDU, dachte im März an den Herbst und sprach: »Wir müssen uns etwas Neues einfallen lassen.«

Denn am kommenden Sonntag finden in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen Kommunalwahlen statt; Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland folgen am 25. Oktober. Und gerade in den Stadtparlamenten ist die Stellung der Christdemokraten nach einer Statistik des Parlamentarisch-Politischen Pressedienstes besonders schwach:

- 16 von 20 Städten mit mehr als

250 000 Einwohnern haben SPD -Oberbürgermeister,

- in 41 deutschen Großstädten besitzt

die SPD die Mehrheit - die CDU/

CSU nur in acht, und

- in den kreisfreien

Städten amtieren zwar 42 CDU/ CSU-, aber 68 SPD - Oberbürgermeister.

Als Dufhues im März über diese Tatsache referierte, hatte er einen aufmerksamen Zuhörer: Günter Triesch, Leiter der Abteilung »Verbände, Parteien, Recht« am Deutschen Industrieinstitut in Köln,

Wahlkampfberater der Christdemokraten und Anwärter auf den Posten des Bundesgeschäftsführers der CDU. Und Triesch versprach, sich »etwas Neues« einfallen zu lassen, damit diesmal nicht wieder wie bisher der christdemokratische Sturm auf die roten Rathäuser im kommunalen Vorfeld steckenbleibe.

Schon im Mai hielt der Kölner Wort. Er legte eine - bislang vertraulich behandelte - Analyse über »Kommunalpolitik und Parteiarbeit« vor, die sogleich die Zustimmung der Parteimanager fand. Einen Monat später, im Juni, durfte Triesch in Anwesenheit Konrad Adenauers seine Thesen auf dem kommunalpolitischen Bundeskongreß der CDU/CSU in Mainz vortragen. Der Dank des Auditoriums war stürmischer Beifall.

Dabei applaudierten zumindest die Älteren unter den Zuhörern ihrem eigenen politischen Todesurteil, denn Triesch kritisierte nicht nur ihren Arbeitsstil, sondern forderte auch ihren unverzüglichen Rückzug aus den Parteifunktionen.

Die CDU, so sagte er, sei »eine kleinbürgerlich-agrarisch orientierte Honoratiorenpartei, die in den Großstädten,

wo unsere heutige Zivilisation Gestalt annimmt, nichts zu vermelden hat, nicht einmal in der Opposition«. Kenntnisse über moderne kommunalpolitische Aufgaben seien zumal bei älteren CDU -Stadträten kaum anzutreffen. Statt dessen betrieben sie nichts weiter als »Kirchturmspolitik«. Und, mit einem Seitenblick auf Adenauer: Die Senioren strebten »einem großen Vorbild nach, ohne dessen Format zu erreichen«.

Angesichts dieser Lage empfahl der Referent im Hinblick auf die Kommunalwahlen dieses Jahres ein Sofortprogramm:

- Ablösung der Partei-Honoratioren in den Großstädten durch junge, geschulte Kräfte;

- Ausrichtung der Stadtratsfraktionen auf »die Leitbilder und Grundsätze« der modernen Industriegesellschaft;

- Konzentration des Wahlkampfs auf die Großstädte mit dem Ziel, den von den herrschenden Sozialdemokraten praktizierten »Gemeindesozialismus« zu liquidieren.

Unmittelbar nach der Mainzer kommunalpolitischen Musterung ließ Dufhues diese Grundsätze in den Grundorganisationen der CDU zur Direktive erheben. In leicht faßlicher Form wurde sie in die Texte der Parteiredner-Briefe für den Wahlkampf eingebaut:

In den Gemeinden schlagen sich Wirkung und Erfolg der großen Politik nieder. Darum muß die Partei sich mit dem Fortschritt identifizieren, der sich in den Zentren der Industriegesellschaft manifestiert. Der Eindruck, die CDU sei ländlich-konservativ, verdunkelt ihre Leistungen im Bund und in den Ländern.«

Zugleich sorgte der Partei-Reformer dafür, daß bei der Aufstellung der Kandidatenlisten alte Kämpfer abgehalftert und durch Nachwuchs aus dem Reservoir der Jungen Union ersetzt wurden - gelegentlich mit Methoden, die den FDP-Vize Willi Weyer zu dem Kommentar veranlaßten: »Politischer Holzhackerstil bei der CDU im Kommen.«

In welchen Formen sich dieser neue Stil äußert, zeigt das Beispiel, das die Dortmunder Christdemokraten allen Parteifreunden gaben, die sich wie sie zum Sturm auf die Rathäuser rüsten:

Der Dortmunder Kreisverband verzichtete darauf, den CDU-Ratsfraktionsvorsitzenden Professor Heinrich Raskop und den Bürgermeister Scherer, die sich beide gut mit der regierenden SPD vertragen hatten, wieder auf die Kandidatenliste zu setzen und entschied sich statt ihrer für jüngere Leute.

Raskop protestierte zwar: »Mit dem siebenundsechzigjährigen Erhard wird Wahlpropaganda getrieben. Er soll in eine gute Zukunft führen. Aber ich bin mit 60 zu alt für die CDU.«

Aber statt den Professor zu rehabilitieren, leitete der Kreisvorstand gegen ihn wegen kritischer Äußerungen in der Öffentlichkeit ein Parteiausschlußverfahren ein.

Auch die Einreden renommierter Parteifreunde richteten nichts aus, und auf die Warnung des Abgeordneten Rieke: »Wir schließen den Intelligentesten aus«, gab der ganz auf Sieg gestimmte Kreisverbandsvorsitzende, Vermessungstechniker Hans Mönig, 35, zur Antwort:. »Den Sachverstand werden wir durch Fleiß ersetzen.«

CDU-Wohlkampfberoter Triesch

Honoratioren verdrängt

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 13 / 76
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.