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ZEITGESCHICHTE / QUISLING Holzhammer und Schnaps

aus DER SPIEGEL 37/1970

König Haakon VII., Norwegens greiser Monarch, sagte im Mai des Jahres 1945 eine langwierige Prozedur voraus: »Wir werden ihn dreimal hängen. Beim erstenmal wird sich die Falltür nicht öffnen. Dann Werden wir sagen: »Es tut uns leid ... aber wir müssen es später nochmal versuchen.« Beim nächstenmal wird der Strick reißen. Auch dann werden wir uns entschuldigen.« Erst »beim drittenmal werden wir Glück haben«.

So sollte nach königlichem Willen Vidkun Abraham Quisling sterben, dessen Name in aller Welt zum Gattungsbegriff geriet -- »zum Symbol für Landesverrat« (so das deutsche »Brockhaus«-Lexikon) und der im Duden als »abwertende Bez. für: ausländischer Politiker, der im 2. Weltkrieg mit der dt. Besatzungsmacht kollaborierte«, registriert wurde.

Der einstige Führer der norwegischen Faschisten-Partei »Nasjonal Samling« (Nationale Sammlung), der es »fertigbrachte«, so NS-Propaganda-Chef Joseph Goebbels schon 1942, »in allen Kulturstaaten zu einem Prototyp zu werden«, hatte im Zweiten Weltkrieg Hitlers Wehrmacht bei der Eroberung Norwegens geholfen und den Monarchen ins Exil getrieben. Doch als die Deutschen dann kamen, fiel Quisling, der zum »Lichtbringer der Welt« avancieren wollte, »in die Hände eines anderen Weltverbesserers«.

So sieht es der West-Berliner Historiker Hans-Dietrich Loock, Verfasser der ersten deutschsprachigen Quisling-Biographie*. Der Pfarrerssohn aus dem Bergland Telemark, der mit Hitlers Hilfe sein Land in einen »Großgermanischen Bund« einbringen und einer neuen Weltreligion vom Universum »als dem lebendigen wahren Gott« Gehör verschaffen wollte, wurde, so Loock, »zum verratenen Verräter«.

Quisling, der, wie er selber bekundete, »als kleiner Junge« am liebsten »am Sonntag predigen« und »am Wochentag als Arzt arbeiten« wollte, hatte mit Hitler am 14. Dezember 1939 zum erstenmal über seine Pläne gesprochen. »Herr Reichskanzler«, erkundigte er sich anschließend, »habe ich Sie richtig verstanden, daß Sie uns helfen wollen?« Hitler: »Jawohl, das will ich.«

Der Besucher kam »sehr zufrieden zurück«, bemerkte sein eifrigster Förderer, Reichsleiter Alfred Rosenberg, und »fuhr still und froh ... nach Hause«. Es war, so erinnerte sich später Staatssekretär Ernst von Weizsäcker vom Auswärtigen Amt, »der unscheinbare Anfang seines Endes als Landesverräter von Weltberühmtheit«.

Am selben Tag befahl Hitler, »in kleinstem Stab« die »Studie N« (später: »Fall Weser-Übung") vorzubereiten: die Invasion Norwegens. Dem Großadmiral Erich Raeder, Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine, erschien Quisling »wie ein Wink des Schicksals«.

Fünf Tage vor dem Angriff auf Norwegen, am 4. April 1940, traf sich der norwegische Major mit dem deutschen Abwehr-Oberstleutnant Hans Pieken -- brock in Kopenhagen, berichtete über

* Hans-Dietrich Loock: »Quisling, Rosenberg und Terboven. Zur Vorgeschichte und Geschichte der nationalsozialistischen Revolution in Norwegen«. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 588 Selten: 52 Mark.

norwegische Truppenverschiebungen und machte Hinweise auf günstige Landeplätze, »unter Angabe der Wege«. Der Kollaborateur versprach, er sei mit seiner »Nasjonal Samling« imstande, »die politische Lage des Landes in kurzer Zeit entscheidend zu ändern« und die Militärs für die Deutschen zu gewinnen.

Sechs Tage nach dem Angriff erkannte aber auch Hitler, was das Auswärtige Amt von Anfang an befürchtet hatte -- daß Quisling »eigentlich nichts hinter sich« hatte. Und ebenfalls nach sechs Tagen endete auch die Ära Quisling, der sich selber zum Regierungschef gemacht hatte.

Hinter sich hatte der Quisling nur ein paar tausend norwegische Nationalsozialisten. die sich gegen »Klassenkampf und Parteipolitik« ebenso verschworen hatten wie gegen die »kurzschädeligen europäisch-asiatischen Rassen« (Quisling).

Alle anderen hatte der Absolvent der Osloer Militärakademie, der gerne in Knickerbockern und ärmellosem Pullover auftrat, gegen sich: Reichsrat, Gewerkschaften, Parteien und Berufsverbände.

Gegen sich hatte der »Kreuzfahrer der neuen Zeit« (wie ihn seine Anhänger nannten) bald auch den Gauleiter aus dem Ruhrgebiet, der sich im Kronprinzenschlößchen Skaugum einquartiert hatte: Reichskommissar Josef Terboven hielt Quisling für »anständig, aber potenziert dumm«. Erst mit »ehrenvollem Vorwand«, dann aber mit »Holzhammer und Schnäpsen, so berichtete Terboven dem in Norwegen Kommandierenden Admiral Hermann Boehm, hatte er sich Quisling kaltstellen können -- um Norwegens Behörden kooperationsbereit zu stimmen.

Quisling, der nun nur noch für die Demobilisierung der norwegischen Armee zuständig war, sah sich immer noch »auf dem Weg zum Sieg«. Unbeirrt setzte er auf »den Tag, an dem wir Zehntausend in unseren Reihen haben«.

Im Februar 1942 schien der Tag noch einmal nahe. Auf Drängen von Reichsminister Alfred Rosenbergs »Außenpolitischem Amt der NSDAP« (APA), das in einem verschlüsselten Telegramm »für Victor den offiziellen Generaldirektor« und für die »Nasjonal Samling« die »Aktienmajorität« forderte, machte Hitler den Quisling noch einmal zum Ministerpräsidenten. Propaganda-Chef Goebbels erläuterte, warum: Es sei im Interesse des Reiches, »die norwegische Regierung möglichst groß und selbständig erscheinen zu lassen«.

Fortan verfaßte Quisling zahllose Denkschriften. die sämtlich unbeachtet blieben. Als er, noch im Februar 1945, Hitler vortrug, er wolle nun »Reichsverweser« eines wieder unabhängigen Norwegen werden, eine neue norwegische Armee aufbauen und den »Friedensschluß zwischen dem Großdeutschen Reich und Norwegen« vorbereiten, antwortete Hitler »ausweichend« auf die »dahin gehenden Ansprüche« (Goebbels).

Am Ende war der Quisling Quisling nach dem Urteil der Historikerin Margret Boveri ("Der Verrat im XX. Jahrhundert") »vielleicht der am wenigsten typische Vertreter der Gattung, der er den Namen gegeben hat«. Er stellte sich der Polizei -- überzeugt, »zum besten des eigenen Volkes und zur Förderung des Gottesreiches auf Erden« gewirkt zu haben. Vor Gericht bekundete er: »Ich bin der Märtyrer Norwegens.«

Die Hinrichtung gelang -- anders als König Haakon VII. vorausgesagt hatte -- schon beim ersten Versuch: An einer Kopfsteinmauer der königlichen Akershus-Festung zu Oslo wurde der wegen Hoch- und Landesverrats zum Tode verurteilte Quisling am 24. Oktober 1945 von einem zehnköpfigen Exekutionskommando erschossen.

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