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Honecker am Tropf

aus DER SPIEGEL 37/1989

Egon Krenz, einer der möglichen Nachfolger Erich Honeckers, übte sich schon mal im Krisenmanagement. Der Genosse Generalsekretär, so ließ Krenz am vorletzten Wochenende über alle ostdeutschen Medien zur Beruhigung der SED-Basis und der Bürger verkünden, »konnte nach erfolgreicher Gallenblasenoperation in gutem Gesundheitszustand aus stationärer Behandlung entlassen werden. Er hat einen Genesungsurlaub angetreten«.

Die Bezirksleiter der SED erhielten wenig später aus der Berliner Zentrale andere Kunde, die offenbart, wie widersprüchlich die Partei Informationen verteilt: Dem SED-Chef, so berichtete Krenz den Spitzenkadern in der Provinz, sei erfolgreich ein Gallenstein entfernt worden. Doch er liege nach wie vor im Regierungskrankenhaus in Berlin-Buch; es bestehe zwar keine Lebensgefahr, doch hänge Honecker noch immer am Tropf.

Sorgen bereitet den Ärzten nach Auskunft von Krenz nicht nur die Leber, die von einer Virus-B-Hepatitis befallen sei, sondern auch der Zustand der linken Niere sowie eine Verengung der Herzkranzgefäße ihres prominenten Patienten - eine Aufreihung von Übeln, die bei westlichen Medizinern den Verdacht weckte, sie solle Honeckers wahres Leiden nur verschleiern. Zumindest das behauptete zeitliche Nebeneinander von gerade überstandenem Gallensteinleiden und Leberentzündung (Virus-Hepatitis) gilt nach medizinischer Erfahrung als unwahrscheinlich seltenes Zusammentreffen.

Nach der Prognose der Ost-Berliner Ärzte wird der Staatsratsvorsitzende zwar an seinen Schreibtisch zurückkehren können, aber seine frühere Leistungsfähigkeit nicht wieder zurückgewinnen.

Der DDR-Volksmund hat sich der Krankheit des obersten SED-Mannes bereits angenommen: Warum, so wird gefragt, hat Honecker alle Blumengrüße aus seinem Krankenzimmer entfernen lassen? Weil er, so die Antwort, das Wort »Gießen« nicht mehr hören kann.

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