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Honecker managt Agententausch

aus DER SPIEGEL 7/1986

Die sonst von Moskau und Washington oft argwöhnisch beäugte deutsch-deutsche Schiene ist für die beiden Supermächte zuweilen von Nutzen. Nur acht Monate nach dem letzten spektakulären Agentenaustausch steht, wenn alles programmgemäß verläuft, die Glienicker Brücke von Potsdam nach West-Berlin am Dienstag dieser Woche wieder im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit. Hauptfigur der Aktion ist der seit 1977 inhaftierte sowjetische Regimekritiker Anatolij Schtscharanski. Wie im Juni vergangenen Jahres, als 25 Mitarbeiter amerikanischer Geheimdienste gegen vier in den USA verurteilte Ost-Agenten ausgetauscht wurden, spielten wieder zwei Deutsche die zentrale Rolle: der Ost-Berliner Anwalt Wolfgang Vogel, Beauftragter des SED-Chefs Erich Honecker für humanitäre Fragen, und sein westdeutscher Verhandlungspartner Ludwig Rehlinger, Staatssekretär im innerdeutschen Ministerium.

Kurz nach dem Juni-Austausch erhielten die Bonner über Vogel den Hinweis, daß im Fall Schtscharanski Verhandlungsbereitschaft bestehe. Wenig später begannen Gespräche, in die auch die US-Botschafter in Bonn und Ost-Berlin, Richard Burt und Francis J. Meehan, eingeschaltet wurden.

Unterbrochen wurden die Schtscharanski-Verhandlungen durch den Genfer Gipfel: Sowjetführer Michail Gorbatschow wollte den für Moskau heiklen Fall vom Ausgang seines Treffens mit US-Präsident Ronald Reagan abhängig machen.

Danach kamen die Austausch-Unterhändler fix zur Sache. Das vertraglich festgehaltene Ergebnis läßt auf guten Willen Moskaus schließen: Neben Schtscharanski sollen drei zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilte West-Agenten freigelassen werden. Im Gegenzug liefert der Westen fünf Agenten aus. Zwei kommen aus den USA; die Bundesrepublik steuert drei Herren der geheimen Zunft bei: *___den Sowjetbürger Jewgenij Semljakow, der als ____Angehöriger der sowjetischen

Handelsvertretung in Köln versucht hat, über deutsche Kaufleute Embargo-Waren zu beschaffen, und dafür im vergangenen September zu drei Jahren Haft verurteilt wurde; *___den im vergangenen Juni zu vier Jahren Haft ____verurteilten DDR-Bürger Detlef Scharfenorth, der ____Studenten für nachrichtendienstliche Tätigkeiten ____angeworben hat; *___und den Polen Jerzy Kaczmarek, der seit März letzten ____Jahres unter dem Verdacht, für den Warschauer ____Geheimdienst in der Bundesrepublik spioniert zu haben, ____in Untersuchungshaft sitzt.

Daß Schtscharanski im Verein mit Geheimdienstlern die Grenze wechselt, war Bedingung Moskaus. Dem Angebot der sowjetischen Behörden, er könne entlassen werden, wenn er mit seiner Unterschrift bestätige, daß er als West-Spion tätig gewesen sei, hatte sich der Oppositionelle seit Jahren standhaft verweigert. Nun soll er auf der Glienicker Brücke als simpler Agent vorgeführt werden.

Wenn die Sache klappt, gibt es einen Gewinner: Erich Honecker. Der DDR-Vorsteher war die treibende Kraft in dem ungewöhnlichen Geschäft. Ein christdemokratischer Deutschlandpolitiker: »So etwas hat eine über den Tag hinausreichende politische Bedeutung - die DDR hilft dem großen Bruder und kommt ins Gespräch mit den Amerikanern, das wertet doch ihre Stellung auf.«

Vielleicht kann Honecker mit seinem Spezialisten Vogel demnächst noch Größeres in die Wege leiten. In Bonn gibt es verhaltenen Optimismus, daß auf der bewährten Schiene sich auch im Fall des verbannten Regimekritikers Andrej Sacharow etwas machen ließe.

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