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SOWJET-UNION Hort der Unmoral

Sowjet-Bürger lieben das Lotterie-Spiel. Vor allem ein illegales Fußball-Toto fasziniert die Zocker. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Als die Polizisten zugriffen, war ihr Erstaunen groß. Keine gewöhnlichen Kriminellen oder auch nur üblen Geschäftemacher landeten auf der Wache, sondern angesehene Bürger der Sowjet-Republik Aserbaidschan.

Da waren der Bezirksabgeordnete Gassanow, der ein peinliches Verhör über sich ergehen lassen mußte, und der Gasleitungsingenieur Abdulajew, auch der Leiter eines Kulturpalastes. Rustamow, und der Mittelschullehrer Alijew - Mitglieder der KPdSU allesamt.

Außer dem Parteibuch vereinte sie nach Ansicht der Obrigkeit ein verwerfliches Laster: die Spielleidenschaft. In der Hoffnung auf reichen Rubel-Segen hatten sie sich an einer illegalen Lotterie beteiligt oder sie gar organisiert.

Das Untergrundspiel funktionierte nach Art des westdeutschen Fußball Totos: Wer eine bestimmte Zahl von Spiel-Resultaten der höchsten Kicker-Liga vorhersagt, gewinnt.

In den Teehäusern der kleinen Sowjet-Republik am Kaspischen Meer, in den Kontoren und Kabinetten saßen die privaten Veranstalter, die Tips und Geld entgegennahmen. Der Mindesteinsatz: fünf Rubel (umgerechnet 16,50 Mark, knapp ein Tageslohn). Mit viel Glück und genügend Teilnehmern waren Gewinne bis zu 9000 Rubel möglich: vier Jahresgehälter.

Die Aserbaidschaner hatten für ihr Toto eine brauchbare Infrastruktur aufgebaut: Wer mehr als 30 Rubel pro Durchgang wagte, bekam eine im Photoverfahren hergestellte Tabelle mit den Spielen, in die er seine Kreuzchen setzen konnte. Für ihre Arbeit kassierten die Hintermänner zehn Prozent Provision, der Rest ging an die Gewinner.

Damit die Namen der Mitspieler nicht publik wurden, mußte jeder ein Pseudonym annehmen. So tippten allwöchentlich »Tu-124«, »Rigoletto« oder »Pele«, ob »Torpedo Moskau« die Mannschaft von »Senit Leningrad« besiegt oder ob die Balltreter des Armeesportklubs wieder als Verlierer vom Platz müssen.

Die Fußball-Prognose bot den Aserbaidschanern mehr Nervenkitzel und auch mehr Ausschüttung als die zahlreichen offiziellen Lotterien, etwa das »Sportloto«, das nach ähnlichen Regeln wie das Lotto in der Bundesrepublik den Sowjet-Fiskus bereichert.

Zwei Tips kosten 60 Kopeken (1,80 Mark). Die Teilnehmer können zwischen dem Spiel »6 aus 45« und »5 aus 36« wählen. Obwohl die Gewinnchancen der zweiten Variante größer sind, ist der mögliche Geldsegen bei beiden gleich: 10000 Rubel, wenn alle Ziffern getroffen wurden. Wer drei Richtige hat, erhält um die sieben Rubel.

Dies Spiel ist nicht nur legal, sondern wird von Amts wegen gefördert, denn: Die Hälfte vom Umsatz nimmt der Staat ein, für den Bau und die Renovierung von Sportanlagen.

Elfmal im Jahr veranstalten die Genossen zudem eine kombinierte Geld- und Sachlotterie. Das Los, erhältlich m Zeitungskiosken und sogar auf Aeroflot-Inlandflügen, kostet 30 Kopeken und dient auch mal als Zahlungsmittel, wenn es an Wechselgeld mangelt.

Hier schüttet der Staat 60 Prozent der Einkünfte als Gewinne aus. Der höchste Geldpreis ist mit 75 Rubeln - annähernd zwei Wochenlöhne - gering. Doch Sachwerte locken: importiere Möbel im Wert von über 2000 Rubel. Motorräder vom Typ »ISch-Planeta« für 900 und sogar Limousinen der Marke »Wolga« für 15000 Rubel.

Mehr auf geistigen Gewinn orientierte Spieler haben Gelegenheit, in Bücherläden für 25 Kopeken pro Los ein Buch zu gewinnen. Die Chancen: von 200 Losen in der Trommel sind 131 Nieten.

Kunstliebhaber können alle zwei Jahre ihr Glück versuchen. Dann sind 25000 Gemälde, Skulpturen und Graphiken sowjetischer Künstler, aber auch Möbel und »Putjowkas«, Reisegenehmigungen ins In- und Ausland, im Lotterieangebot.

Für Geldgierige bleibt, da Casinos als Hort der Unmoral seit der Revolution verboten sind, noch die Wette bei Pferderennen. Im Moskauer Hippodrom haben Kenner schon mal 15000 Rubel gewonnen, häufiger sind Hauptgewinne zwischen 300 und 500 Rubel. Nicht selten aber endet die Jagd nach dem Glück wie auch auf westlichen Bahnen in Kummer und Leid, da manche Spieler ganze Monatslöhne riskieren.

Ins Unglück führe auch das private Fußball-Toto von Aserbaidschan. Bei den Behörden sprachen verzweifelte Frauen vor, deren Ehemänner die Haushaltskasse für ihr Hobby in Anspruch nahmen. Gerüchte über plötzlichen,sagenhaften Reichtum liefen um. Der Staat sah sein Spiel-Monopol gefährdet, seine Polizei entlarvte an 27 Orten 45 Spielkreise mit rund 500 Zockern.

Warum die illegale Lotterie enteignet werden mußte, erklärte Vize-Innenminister Kjamil Mamedow so: »Der Mensch fängt sich unbemerkt in einem Spinnennetz, listig gewebt durch Geschäftemacher. Die würden immer den Reibach machen, während die Bürger in Tragödien stürzten.

Doch nach dem Schlag gegen die Wetter stellte sich heraus, daß privates Toto zwar verboten ist, aber keine Paragraphen existieren, nach denen Veranstalter und Mitspieler bestraft werden können. So blieb es bei Tadeln für die Parteimitglieder sowie Mitteilungen an die Vorgesetzten.

Schlimme Folgen dürfte dies nicht haben, denn sogar die örtlichen Parteizeitungen äußerten nach dem Zugriff der Polizei Sympathie für das Spiel mit der Fußballvorhersage. Und niemand fühlte sich betrogen, außer den Verwaltern des Staatshaushalts.

Die Finanzexperten in Moskau prüfen nun, ob sich das Spiel nicht offiziell und landesweit einführen läßt, als staatliche Veranstaltung: Die Bürger hätten dann eine Hoffnung mehr - und der Staat eine satte Provision.

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