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GRIECHENLAND Hose runter

»Die größten Investitionen in der Geschichte Griechenlands« -- so Premier Papadopaulos -- finden nicht statt. Regime-Partner Onassis, der 600 Millionen Dollar zugesagt hatte, stieg aus dem Geschäft aus.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Athens Obristen behielten die Schokoladenseite der Affäre fest im Auge. »Das war«, kommentierte Vizepremier Nikolaos Makarezos das Finanzfiasko des Regimes, »das Beste für den Staat.

Das Beste für den Staat waren noch vor 22 Monaten jene 600 Millionen Dollar, die Großreeder Aristoteles Onassis, 65, in einem Vertrag mit der Junta als Investitionen in Aussicht gestellt hatte. Seit voriger Woche steht fest: »Die größten Investitionen in der Geschichte des Landes« (Papadopoulos) finden nicht statt.

»Gegenseitiges Einvernehmen« steht nun, nach monatelangem Tauziehen um Vertragsmodalitäten, am Schluß der geplatzten Dollar-Bescherung für Griechenland. Onassis verlor ein bißchen Geld, die Obristen büßten Prestige und für sie wertvolle Zeit ein; dennoch feierte Makarezos das Storno als »ideale Lösung«.

Den 600-Millionen-Vertrag hatte Premier Papadopoulos seinem Günstling Onassis verschafft -- zum Ausgleich durfte Onassis-Feind Makarezos seinem Protégé und Onassis-Rivalen Stavros Niarchos, 62, ein ähnliches Vertragswerk über 200 Millionen Investitionsdollar zuschanzen. Planziel für die Reeder war ein lukratives Kraftstoffmonopol« für die Staatsmänner

Tina Niarchos. 1960 von Onassis geschieden.

wirtschaftliches Wachstum: Ölraffinerien, Kraftwerke, Werften und Fabriken sollten mit den Dollars der Tycoons gebaut und vergrößert werden.

Doch bald nach Vertragsabschluß im Januar 1970 mußte Onassis, der laut Vertrag Griechenlands dritte Ölraffinerie errichten sollte, erkennen, daß er sich verrechnet hatte.

Für 64 Millionen Tonnen Rohöl, die seine künftige Raffinerie in einem Jahrzehnt verarbeiten sollte, setzte der Tankerkönig Festpreise ein -- er hatte auf fallende Rohölpreise spekuliert. Aber die Preise, ebenso wie die Frachtraten, kletterten im letzten Jahr auf Rekordhöhen (SPIEGEL 37/1970).

Onassis forderte eine Revision des Vertrages. Freund Papadopoulos zeigte Verständnis, Feind Makarezos nicht. Ende letzten Jahres drohte der Vize, er werde den Vertrag »als niemals ratifiziert« betrachten, falls Onassis es unterlassen sollte, eine Bankgarantie über sieben Millionen Dollar zu hinterlegen. Zwei Tage vor Fristablauf präsentierte der Reeder Garantiebriefe in gewünschter Höhe.

Allzu voreilig glaubte Makarezos den Partner kirre. Denn anstatt zu investieren, leitete der unverändert auf Vertragsrevision drängende Onassis ein Schiedsgerichtsverfahren ein, forderte Schadenersatz und meldete schon seine Ansprüche für kommende Verluste an.

Um Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden und die verheißungsvollen Investitionen zu retten, zeigte sich die Regierung in diesem Frühjahr weich gegenüber den Forderungen des Landsmanns. »Wir haben«, so urteilte damals ein Makarezos-Vertrauter. »vor Onassis buchstäblich die Hose runtergelassen.«

Der Regierungs-Striptease vermochte den Strip. Kenner Onassis indes nicht mehr zu entzücken: Zu dem Zeitpunkt war er bereits weniger an der Vertragsrevision als an einem totalen Disengagement ohne Verlust interessiert.

Gänzlich ungerupft kam er nun doch nicht davon. Zwar bekommt er seine Sieben-Millionen-Dollar-Garantien zurück, dafür ließ er seinen Schadenersatz-Anspruch für Projektstudien (Kosten: drei Millionen Dollar) fallen. Als Zugabe trat er die Studien sowie die (mangels Vermögensmasse so gut wie wertlosen) Aktien seiner Projektgesellschaft Omega an den Staat ab.

Das Regime erkaufte sich dafür, so jedenfalls trompetete Makarezos, »die Freiheit, zur Realisierung der Investitionen zu schreiten, die der Vertragspartner hätte durchführen müssen«.

Diese gelobte Freiheit ist in Wahrheit freilich schon die vierte Investitionspleite der griechischen Obristen: zunächst platzte eine 840-Millionen-Dollar-Zusage des amerikanischen Litton-Konzerns; 1970 scheiterte ein Automobilindustrie-Projekt für 100 Millionen, und neuerdings ist auch das 150-Millionen Dollar-Projekt Egnatia. Straße, der Bau einer Ost-West-Achse durch Nordgriechenland, im ersten 25-Kilometerabschnitt steckengeblieben.

Dennoch gibt es Interessenten für Onassis' Erbe. Um den Hauptköder im stornierten Investitionspaket, die Raffinerie, balgen sich bereits seit Anfang 1970 zwei Neureeder: Ioannis Latsis, 59, und Nikolaos Vardinoyannis, 40.

Beide locken mit dem Vorschlag, die Rohöllieferungen unter Ausschaltung der internationalen Ölkonzerne sicher. zustellen, durch direkte Arrangements mit den Ölproduktionsländern. Latsis ergatterte bereits die Konzession für eine Export-Raffinerie.

Erfolgversprechender noch sind Vorgehen und Background des Reeder-Parvenus Vardinoyannis, der 1967 Herr über einen einzigen alten Tanker, letzte Woche über 15 relativ neue war.

Seine Karriere ais ein weiterer Legendär-Reeder griechischer Nation begann, als er 1967 mit seinem alten Kahn gegen den Uno-Protest die Rhodesienblockade brach.

Die Gunst des Regimes verschaffte ihm Bruder Pavlos, namhafter Zentrumspolitiker, der zwar nach dem Putsch ins Ausland floh, 1970 aber als erster emigrierter Politiker heimkehrte und seither Versöhnungsdialoge führt.

Das brachte Nikolaos Vardinoyannis die Konzession für eine noch im Bau befindliche Schmierölraffiperie ein. Derzeit wird das Projekt unter strenger Geheimhaltung von der Arbeitsgemeinschaft Thyssen-Stahlunion-Export und Mannesmann-Export zur Rohölraffinerie mit vier Millionen Tonnen Jahreskapazität aufgestockt.

Für ein von Onassis projektiertes Aluminiumwerk interessieren sich drei US-Giganten: Kaiser, Reynolds und der Ex-Onassis-Partner Alcoa, jetzt solo.

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