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MÜLLER-WIPPERFÜRTH Hosen aus dem Süden

aus DER SPIEGEL 38/1962

Die Kundenbeschwerden über Mängel an Herrenhosen aus der Mönchengladbacher Fabrik des Textil- und Bekleidungskonzerns Alfons Müller -Wipperfürth AG rissen in den vergangenen Monaten nicht mehr ab: Knöpfe lösten sich schon bald nach dem Kauf von den Hosen, Knopflöcher saßen schief. An den Hosenbeinen waren die Nähte der Umschläge häufig durchgesteppt.

Einige Monate lang stritt sich »Don Alfonso« mit der Belegschaft aus seiner Vaterstadt Mönchengladbach herum, die sein Renommee als Lieferant preiswerter und solider Ware gefährdet hatte. Dann entschloß er sich zu einer Radikalkur. Müller will die Hosenfabrik »wegen schlechter Arbeitsqualität« Ende dieses Monats schließen. Die Maschinen läßt er demontieren, Grundstücke und Gebäude werden verkauft.

»Die Arbeiter haben Star-Allüren bekommen«, klagte fern von seiner rheinischen Hosenmühle Konzernchef Alfons Müller auf der Terrasse seiner Villa »Hirondelle« bei Lugano, die ihm Schutz vor einem seit Jahren schwebenden Steuer-Ermittlungsverfahren bietet*. »Wenn die Arbeiter kritisiert werden, weil ihre Arbeit schlecht ist, sagen sie einfach: 'Mir jonn' (wir gehen).«

Vergebens hatten Müllers Mönchengladbacher Warenkontrolleure die Arbeiter-Stars zu mehr Sorgfalt angehalten. Wer nicht kündigte, machte blau - oft fehlte ein Viertel der Belegschaft. Müllers Enttäuschung über die schlechte Leistung seiner Hosenfabrik ist um so größer, als er seinen Arbeitern höhere Löhne zahlt denn die gesamte Konkurrenz. Ein Bügler beispielsweise verdiente im Werk Mönchengladbach** im Akkord 4,50 Mark (Tariflohn: 2,49 Mark) in der Stunde. Näherinnen erhalten pro Stunde 3,43 Mark (Tariflohn: 2,25 Mark). Überdies hatte Müller seiner Belegschaft schon 1954 die 40-Stunden-Woche beschert. Der Tarif ist heute erst bei 42 Wochenstunden angelangt.

Der Verzicht auf sein Stammhaus in Mönchengladbach, das er 1931 im Alter von 20 Jahren mit einem Kapital von 900 Mark errichtet hat, fällt dem Hosenschneider nicht sonderlich schwer. Außer seinen anderen westdeutschen Textilfabriken, die in ländlichen Gebieten liegen und deren Belegschaften sich noch nicht der Lohnhatz und dem Feierabend-Halali der Industriezentren verschrieben haben, hat sich Müller im Ausland leistungsfähige Werke zugelegt:

Im österreichischen Neufelden erwarb er im Mai vergangenen Jahres einen Barackenbetrieb, in dem Herrenbekleidung fabriziert wurde. Er baute eine Werkshalle mit 18 000 Quadratmeter Grundfläche und bildete Bauernjungen und Stallmägde für die Fließbandarbeit aus. Heute wirken in seiner Neufeldener Aktiengesellschaft, die ein Grundkapital von 1,85 Millionen Mark hat, bereits 650 Arbeiter und Angestellte. Der Konzernchef will die Belegschaft bis zum Jahresende auf 1000 Beschäftigte vergrößern.

Im Herbst vergangenen Jahres erwarb Müller auch noch die Spinnerei und Weberei AG im österreichischen Ebensee mit einem Grundkapital von 2,3 Millionen Mark, deren 500 Beschäftigte für den Wipperfürther Konzern Kammgarne fertigen.

Vor wenigen Wochen übernahm er schließlich im belgischen Pepinster eine über 100 Jahre alte Spinnerei und Weberei, die »Textile de Pepinster SA.«, mit einem Kapital von 5,6 Millionen Mark. Das Werk beschäftigt heute bereits rund 400 Spinner und Weber.

Anders als In der Bundesrepublik zahlt der Wipperfürther Großschneider seinen Arbeitern in Belgien und in Österreich lediglich den offiziellen Tariflohn, der noch unter dem westdeutschen Tarif liegt. Überdies beträgt die Wochenarbeitszeit in Österreich und Belgien 45 Stunden - fünf Stunden mehr als in seinen einheimischen Werken.

Alfons Müller erhofft jenseits der deutschen Grenzen noch weitere Kostenvorteile: »Im Ausland kann ich nunmehr neue Fertigungsmethoden einführen, die ich in Deutschland nicht verwirklichen konnte, weil hier die Arbeiter nicht mitmachen. In Belgien und Österreich sind die Arbeiter Neuerungen zugetan und ausgeglichener, denn hohe Löhne steigen ihnen nicht zu Kopf.«

Während in der Mönchengladbacher Hosenfabrik jeweils 58 Arbeiter an einem Fließband 420 Hosen pro Schicht herstellten, fabrizieren in Neufelden 30 Fließbandarbeiter 600 Hosen. Müller -Wipperfürth: »Wir können jetzt nicht nur besser, sondern auch billiger arbeiten.«

Noch im Herbst dieses Jahres will Müller, der sich, nachdem er den Bütteln des bundesdeutschen Fiskus entronnen war, vor dem teutonischen Freizeit-Furor in Sicherheit brachte, seine Hosenpreise »fühlbar senken«.

* Müller-Wipperfürth setzte sich Mitte 1959 in die Schweiz ab, nachdem gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen Steuerhinterziehung eingeleitet worden war (SPIEGEL 30/1959). Die Finanzbehörden warfen ihm Steuerhinterziehung in Höhe von 20 Millionen Mark vor. Inzwischen wurde die Forderung vorbehaltlich einer endgültigen Entscheidung auf zwei Millionen Mark reduziert.

** Außer in Mönchengladbach besitzt Müller -Wipperfürth Textilfabriken und Großlager in Willich bei Krefeld, Wipperfürth im Bergischen Land, Kappeln bei Schleswig, Frammersbach im Spessart und Münnerstadt bei Bad Kissingen. Müller verkauft seine Erzeugnisse über rund 100 eigene Einzelhandelsgeschäfte.

Bekleidungsfabrikant Müller-Wipperfürth*

Vor den Star-Allüren deutscher Arbeiter ...

... nach Österreich entwichen: Müller-Betrieb in Ebensee

* SPIEGEL-Titel 3/1961,

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