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BAYERN Hu is Hu

Ludwig Huber, Präsident der Bayerischen Landesbank, hat sich im »Wienerwald« verirrt - Ende der Ära eines politischen Multitalents im Freistaat. *
aus DER SPIEGEL 5/1988

Ein Kundiger ließ die Öffentlichkeit immer wieder mal wissen, wie es hinter der abweisend blaugrauen Fassade der Bayerischen Landesbank wirklich zugeht.

»Wildgewordene Beamte« genehmigten Millionenkredite für »dubiose Immobilienprojekte« auf »indiskutablen Standorten«, »scheffeln munter Millionenkredite in Länder wie Brasilien und Venezuela«, erzeugten »gigantische Verluste« und »riesige Schäden« - und das alles »ohne personelle Konsequenzen«, ja sogar »auf persönliche Anweisung von Präsident Dr. Huber«.

Hinterher gebe es »besten russischen Kaviar« und »Roederer-Cristal Champagner«. Der edle Saft, ein französisches Produkt, mit dem einst die russische Zarenfamilie beliefert wurde, ist Hubers Hausmarke - unter anderem, weil die Flaschen aus durchsichtigem Weißglas stets den Inhalt erkennen lassen.

Undurchsichtiger las sich ein Kurzprotokoll über fünf April-Tage im Jahre 1986. Die Notizen, beginnend mit einer »Verhandlung K. bei Frau T.«, enthalten eine geheimnisvolle Erklärung: »Hu hat Weisung erteilt, den Kreditantrag T. in die VS nach Vorgespräch Le, M. und K. zu bringen. » Am vierten Tag ein Intermezzo: »G, Li, Tr bei Hu: Wir nicht! (Hartes Gespräch)«.

Bei den Sitzungen ging es um ein Millionengeschäft: die Verwertung der Überbleibsel des 1982 in Vergleich gegangenen Brathendl-Konzerns »Wienerwald«. Bankchef Huber wird nachgesagt, bei den Verhandlungen private und geschäftliche Interessen vermischt zu haben: Er soll der Münchner Unternehmerin Renate Thyssen, mit der er liiert war, 1986 dazu verholfen haben, den maroden Konzern zu äußerst günstigen Konditionen zu erwerben. Zum Dank, so ein weiterer Vorwurf, habe ihm die Unternehmerin Beteiligungen an zwei »Wienerwald«-Tochtergesellschaften verschafft.

Die Enthüllung der Sitzungsprotokolle löste bald einen regen Briefwechsel aus, der das Buchstabenrätsel des Dossiers lösen half. Zum Beispiel ging Landesbankpräsident Ludwig Huber (Hu) in einem Brief an das Finanzministerium ins Detail: Renate Thyssen (Frau T) habe mit dem »sachkundigen Bankenvertreter« Dieter Krautzig (K) und dessen »zuständigen Bereichsleiter« Lutz Müller (M) lediglich Vorgespräche geführt. Über den »zuständigen Dezernenten«, das Vorstandsmitglied Alfred Lehner (Le), sei der Kreditvorgang dann in die Vorstandssitzung (VS) gelangt.

Besonders intensiv widmete sich Huber in seinem Drei-Seiten-Brief dem Vorstandskollegen Professor Dr. Gerhard Tremer (Tr), der zusammen mit dem Kollegen Fritz Grasmeier (G) und dem für Auslandsgeschäfte zuständigen Mitvorstand Hans Peter Linss (Li) so heftig bei huber vorstellig geworden war. Tremer, nebenher auch im Mercedes-Aufsichtsrat, habe »nach eigener Bekundung« an das Finanzministerium »Informationen gegeben, deren Inhalt und Auswertung ich selbst nicht kenne«. Das von Frau Thyssen wegen Verletzung des Bankgeheimnisses angerufene Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen konnte keine Indiskretionen finden, wohl aber »tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten« darüber, ob sich Huber in einer Kreditangelegenheit »von sachfremden Motiven« habe leiten lassen.

Stellungnahme der Landesbank: An Frau Thyssen sei letztlich von der Bayerischen Landesbank ein Kredit »nicht gegeben worden« und damit das Gerücht über einen Widerstand im Vorstand »eindeutig falsch«; die angebliche Begünstigung von Frau Thyssen sogar »absolut falsch«.

Das Zwei-Seiten-Schreiben genügte offenbar, den Präsidenten voll zu rehabilitieren. Jedenfalls verlängerten die 38 Verwaltungsratsmitglieder einen Monat später, Anfang Dezember 1986, seinen Vertrag einstimmig um fünf Jahre.

Vor dem beginnenden Bundestagswahlkampf im Januar 1987 war die nötige Ruhe wiederhergestellt. Doch allmählich wurden die toten Buchstaben vom April mit Leben erfüllt. Und wie so oft war das wirkliche Leben sehr viel üppiger, verzwickter und schlimmer als die Phantasie von Dossier-Verfassern.

Hinter den »Wienerwald«-Transaktionen steckte nach Erinnerung Hubers der aus Linz inÖsterreich stammende Friedrich Jahn, der schon unter Finanzminister Ludwig Huber ein Günstling der Freistaats-Regierung gewesen war, aber dennoch mit seinem Brathendl-Weltreich Pleite gemacht hatte.

Die Gläubiger, darunter 25 Banken, hatten die schweizerische Verwertungsgesellschaft Svido mit der Liquidierung des Restvermögens beauftragt. Dazu gehörten außer Immobilien, Hotels und amerikanischen Fast-Food-Stationen die verbliebenen »Wienerwälder« von Österreich und Deutschland.

Doch nur ein paar verwegene Engländer interessierten sich zeitweilig für das fettige Fiesel-Geschäft. Nur einer war nach wie vor unverdrossen Feuer und Flamme für sein gegrilltes Geflügel und wollte sein ehemaliges Imperium zurückkaufen: Friedrich Jahn. Doch der Pleitier hatte naturgemäß kein Geld, jedenfalls nicht die 40 Millionen Mark, die Svido für den Rückkauf des deutschösterreichischen Wienerwalds verlangte.

Da entsann sich Jahn seiner früheren Geschäftspartnerin Renate Thyssen, die sich ehedem beim Servieren von Kalbshaxen in Frankfurter Restaurants Fachkenntnisse erworben hatte und wegen ihres privaten Techtelmechtels mit Landesbankchef Huber vielleicht auch Kredit hatte - einen höheren jedenfalls als der disqualifizierte Huhn-Vater Jahn.

Die blonde Kauffrau sollte den »Wienerwald« als Strohfrau kaufen; eine Option sah eine spätere Übernahme durch Jahn vor. Wie Maßarbeit paßte zu dem Plan, daß die Bayerische Landesbank sowohl auf der Verkäufer- wie auf der Käuferseite tätig werden konnte. Landesbank-Vertreter Krautzig vertrat nämlich in der Svido die Interessen seines Hauses, des zweitgrößten Gläubigers unter den 25 Banken, und hatte so Einfluß auf den Verkaufspreis - sicher kaum ohne Rücksprache mit Landesbankchef Huber. Zu Hause in München betreute Krautzig dann als Finanz- und Kreditberater die Käuferin Renate Thyssen.

Jahns Kalkül ging zunächst auf: Der Preis für die Wienerwald-Holding sank bei der neuen Konstellation von 40 Millionen Mark auf ein Drittel. Danach aber guckte der ehemalige Hendl-Boß in die Backröhre: Er konnte die mit Frau Thyssen vereinbarte Option auf Übernahme des Hendl-Imperiums nicht ausüben - entweder weil die Unternehmerin selber Geschmack an dem Haxl- und Hendlgeschäft gefunden hatte und die Vertragserfüllung geschickt vereitelte oder weil Jahn selbst die stark reduzierte Summe nicht aufbringen konnte.

Reiche Münchner erinnern sich noch heute, wie der Hendl-Händler und Strauß-Freund wenige Tage vor Optionsablauf am 31. August 1987 über bayrische Golfplätze tingelte und jeden wissen ließ: »I brauchat fuchzehn Millionen.«

Er kriegte sie nicht. Dafür waren sich inzwischen Präsident Huber und Frau Thyssen, deren Romanze die Münchner Gesellschaft bewegte, auch geschäftlich noch näher gekommen: Huber wurde Partner bei einer »Wienerwald«-Tochtergesellschaft, nach seinen Angaben allerdings nur mit 7000 Schilling, nur unter Vorbehalt der Genehmigung durch die Landesbank, nur ganz kurz und also eigentlich überhaupt nicht. Nach Recherchen des Finanzministeriums war Huber aber nicht nur mit 7000, sondern mit 56 000 österreichischen Schilling (etwa 8000 Mark) engagiert, und nicht nur bei einer »Wienerwald«-Gesellschaft, sondern bei zweien.

Dies alles mobilisierte nicht nur den Landtag, wo sich inzwischen die Anfragen und Eingaben zum Fall Huber und zur Landesbank-Affäre häufen, sondern auch Finanzminister und Huber-Nachfolger Max Streibl, der seinerzeit alle Hände voll zu tun hatte, um die auch in parlamentarischen Untersuchungsausschüssen nicht völlig geklärte Hinterlassenschaft Hubers ins Lot zu bringen.

Auf einer für Freitag nachmittag letzter Woche anberaumten Verwaltungsratssitzung mit den eher unauffälligen Tagesordnungspunkten »Aktuelle Lage« und »Verschiedenes« versuchte der Minister seiner Aufsichtspflicht über die halbstaatliche Bank gerecht zu werden. Daß die Initiative für die Sondersitzung von Huber ausgegangen sei, wie dieser lancieren ließ, beantwortete man in der Umgebung Streibls mit einer zum Thema Wienerwald passenden Floskel: »Da lachen ja die Hühner.«

Huber wies vor dem Verwaltungsrat alle Vorwürfe zurück - und stelllte sein Amt zu Ende Februar zur Verfügung. Er wolle, so seine Darstellung, »eine weitere, das Ansehen der Bank beeinträchtigende öffentliche Diskussion vermeiden«. Huber-Vize Alfred Lehner, der die Amtsgeschäfte vorläufig kommissarisch weiterführt, über die Notwendigkeit dieses Schritts: »Die Optik war einfach nicht mehr die schönste.«

Mit dem Rücktritt geht die Ära Ludwig Huber ihrem Ende entgegen. Ein politisches Multitalent des Freistaats hat ausgedient. Ludwig Huber, 59, galt in seinen frühen Karriere-Jahren als »der stärkste Mann nach Strauß« ("FAZ"), der eigentlich nur 40 Jahre alt werden müßte - das gesetzliche Mindestalter, um Ministerpräsident in Bayern zu werden. _(Zeichnung von Franz Josef Strauß. )

Doch das politische Leben Hubers war von stetem Wandel geprägt. Der Präsident mit seinem g''schlamperten Verhältnis zu einer mehrmals geschiedenen Frau hatte sich einst als Jungpolitiker »im Dienst am Wahren, Guten, Schönen und Heiligen« verzehrt.

Als er 1964, »am 7. Oktober nachmittags« (Huber), den wegen dubioser Rechtskommentare in der Nazi-Zeit ins Zwielicht geratenen Kultusminister Theodor Maunz ablöste, war Huber der jüngste Minister der Republik - und wohl auch der rückständigste. Nur schweren Herzens und unter Seelenqualen mochte er sich von der »häuslichen Nestwärme« trennen, die ihm seine Dorf- und Zwergschulen zu garantieren schienen.

Doch die Verbindung mit dem konservativen Klüngel der Partei verlieh Huber den Mut und die Kraft, auch schon mal gegen den immer übermächtigen Parteivorsitzenden Franz Josef Strauß aufzubegehren. Als dieser Anfang der sechziger Jahre, von Affären gebeutelt, Ministerpräsident in Bayern werden wollte, muckte Huber auf - nach Landesart doppelsinnig und hinterfotzig. »Ich erwarte, daß Strauß in der Fibag-Affäre völlig rehabilitiert wird«, postulierte der gelernte Staatsanwalt Huber (zuständig für Bestechungen und Amtsdelikte), und fügte dann schnell hinzu: »Dann besteht kein Grund, ihn von Bonn wegzuholen.«

Strauß kam nach Bayern, und der freche Huber wurde nicht Ministerpräsident, sondern nur Bankpräsident, als der er allerdings dreimal soviel verdient. Für den Fall seines Falles hat er den Mächtigen und Geschäftstüchtigen im Lande schon Ungemach angekündigt: »Ich gehöre nicht zu jenen, die Provisionen genommen haben.« In der Umgebung von Strauß und Streibl, seinen Hauptwidersachern, werden die Andeutungen erst mal nicht ernst genommen: »Der hat nix, der pokert nur.«

Das wird sich erweisen. Vielleicht kursieren demnächst Dossiers mit ganz neuen Buchstabenkombinationen, die genaueren Aufschluß geben über die Engagements in Luxemburg, Österreich und der Schweiz.

Vielleicht kommen aber endlich auch jene Geheimpapiere zum Vorschein, die bisher nicht einmal in mehreren parlamentarischen Untersuchungsausschüssen geknackt werden konnten: das von Huber-Freund und Ex-Staatsschutzchef Hans Langemann mit rotem Kugelschreiber abgefaßte Tagebuch, in dem es sogar um Schürfrechte für Uran gehen soll, dem Stoff, aus dem die Bombe ist, die Subventionen für das Strauß-Lieblingsprojekt Airbus oder der Hinweis auf Schmiergeld von Lockheed.

Unter Verschluß liegt auch noch ein etwa 50 Seiten starkes »Huber-Dossier« aus dem Hause Streibls, das sich nach dem Eindruck der ganz wenigen Kenner lesen soll »wie Science-fiction«.

Zeichnung von Franz Josef Strauß.

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