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KREDITBETRUG Hübners goldene Hölle

aus DER SPIEGEL 27/1961

Für 25 westdeutsche Unternehmen verschiedenster Art endet das Wirtschaftswunder in diesen Wochen mit dem förmlichen Bankrott. Sie fallen dem Zusammenbruch des Karlsruher Finanzierungskonzerns Hübner & Co. zum Opfer. Die Höhe des Schadens ist noch nicht abzusehen.

Feststeht bisher nur eins: Hauptleidtragender dieser Massenpleite ist der Erbprinz Joachim zu Fürstenberg, der sich ebenso um die Donaueschinger Musikfestspiele wie um das nach seiner Familie benannte Fürstenberg-Bier verdient gemacht hat. Der begüterte Hochadelssproß, der schon vor Jahresfrist bei der diskreten Pleite der Karlsruher Fluor Chemie GmbH 1,2 Millionen Mark einbüßte, muß sich jetzt mit einem weiteren Verlust von rund drei Millionen Mark abfinden

Schmerzlicher als die materiellen Einbußen muß den Erbprinzen, dessen Vermögen (etwa 300 Millionen Mark) solch glücklosen Operationen durchaus gewachsen ist, ein anderer Umstand berühren: Eines seiner Unternehmen, die unter dem Namen seines Schwagers firmierende Bank für Absatzkredit Graf von Berckheim & Co. KG (ABA) in Mannheim, ist an dem Hübner-Skandal ursächlich beteiligt.

Besonders verdroß den Erbprinzen vor wenigen Wochen die Nachricht, daß gegen den Geschäftsführer des fürstlichen Teilzahlungsinstituts - Hans Joachim von Hertzberg, der sich kraft eigener Entscheidung das Schmuckattribut Baron zugelegt hat - ein Ermittlungsverfahren angestrengt worden ist, weil er sich des Betrugs, der Urkundenfälschung und der Wechselreiterei verdächtig gemacht hat.

Kurz vor der Abreise des Erbprinzen zur Hochzeit des Hohenzollernprinzen Hansi mit dem blonden Schwedenmädel

Birgitta wurde der Bankier von Hertzberg, der sich von Fidel-Castros Vorgänger Batista mit dem Titel eines kubanischen Honorarkonsuls hatte zieren lassen, in das Untersuchungsgefängnis Karlsruhe eingeliefert.

Nicht weit von seinei Haftzelle sitzt jener Mann, dem die Karlsruher Staatsanwaltschaft die größte Schuld an der Finanzpleite zuschreibt: Günter Thomas, 36, Geschäftsführer und Mitinhaber der Hübner & Co. Dieser Thomas nämlich, der über ein Körpergewicht von 230 Pfund und beachtliche Überredungskünste verfügt, hat nacheinander

- die fürstliche Absatzkreditbank Karlsruhe,

- die Heidelberger Vereinsbank & Spargesellschaft für Stadt- und Landgemeinden AG,

- die Rheinische Hypothekenbank in Mannheim,

- mehrere Angestellte und Geschäftsfreunde sowie

- verschiedene Bardamen in Heidelberg, Mannheim, Karlsruhe und Düsseldorf

um über zehn Millionen Mark geprellt.

Bevor sich Thomas die finanziellen Dienste der Fürstenberger sichern konnte, hatte er sich muhsam durchschlagen müssen. Die Kapitalbasis des väterlichen Immobiliengeschäfts in Bensheim an der Bergstraße hielt dem Betätigungsdrang des gewichtigen Unternehmers auf die Dauer nicht stand. Bereits 1953 mußte Thomas die Firma liquidieren, was ihm ohne viel Aufhebens gelang. Dann siedelte er nach Mannheim über.

Das beginnende Wirtschaftswunder trieb ihn schon bald zu neuen Taten. Eine frisch gegründete Thomas & Co. KG wollte indes auch nicht recht florieren. Wesentliche Thomas-Objekte waren in jenen Tagen eine Empfängnisverhütungs-Uhr, die alle konzeptionsfreien Tage verläßlich registrierte. Allerdings bestand selbst im ambulanten Handel auf Jahrmärkten für dieses Schlafzimmer-Monstrum nur geringe Nachfrage.

Das gleiche Schicksal war einem automatischen Zigarettenspender beschieden. Still liquidierte Thomas das Unternehmen.

Mit 700 000 Mark Schulden setzte sich Thomas nach Karlsruhe ab. Allein, seine Gläubiger und sein Pech blieben ihm auf den Fersen. Bereits im ersten Quartal seiner Tätigkeit am neuen Ort gingen nicht weniger als 30 Wechsel zu Protest. Thomas, vor dem sich jeder Bankschalter schloß und der sich deshalb gelegentlich von Geschäftsfreunden fünf Mark Kostgeld ausbitten mußte, kroch schließlich bei der Karlsruher Finanzierungsfirma Hübner& Co. unter.

Gesellschafter der Hübner & Co. waren der Finanz- und Immobilienmakler Karl Hübner aus Ludwigshafen, ein in den Firmenpapieren zum Kaufmann ernannter Malermeister Erich Schwarz aus Pirmasens und der Karlsruher Rechtsanwalt Franz Gönner, Präsident der altbadischen Irredenta-Bewegung, Vizepräsident der Anwaltskammer Nord -Baden und Aufsichtsrat der Karlsruher Volksbank.

In der Folge erwies sich der mit 4000 Mark Monatsgehalt und Spesen in unbeschränkter Höhe zum Alleingeschäftsführer avancierte Günter Thomas als Meister des Pumps. In die Sprache der Hübner-Gesellschafter übersetzt: Es gelang ihm, »den Geschäftsumfang sachlich und räumlich schon in verhältnismäßig kurzer Zeit wesentlich auszudehnen«.

In großem Stil spekulierte Thomas mit Häusern und Grundstücken in der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin. Dabei kam ihm die gespannte politische Lage ebenso wie die Unkenntnis mancher westdeutscher Kredit- und Hypothekenbanken hinsichtlich der Berlin-Werte sehr zustatten.

In Berlin sind seit Jahren Zinshäuser billig zu beschaffen. Ihr Marktwert beträgt wegen der latenten Sowjetdrohung nur das Vier- bis Fünffache der Jahresmiete, während in der Bundesrepublik der Preis eines Hauses den Jahresertrag um das Zehn- bis Vierzehnfache übersteigt.

Miethäuser, die in Berlin beispielsweise für 70 000 Mark zu kaufen sind, hätten, wenn sie in Westdeutschland stünden, einen Wert von etwa 200 000 Mark. Diesen Umstand machte sich Thomas zunutze. Durch befreundete Gutachter ließ er sich für die Berliner Grundstücke den höheren westdeutschen Verkehrswert bescheinigen. Mit diesen Unterlagen versehen, erschien er sodann bei einer westdeutschen Bank und erklärte, er habe auf das Objekt bereits 100 000 Mark angezahlt; die restlichen 100 000 Mark wolle er mit Wechseln finanzieren.

Tatsächlich kaufte er dann mit einem Wechselkredit von 100 000 Mark das Haus für 70 000 Mark. Mithin hatte Günter Thomas 30 000 Mark in bar »herausfinanziert«.

Nach der gleichen Methode verfuhr Thomas bei der Aufnahme von Hypotheken. Da die Kreditanträge auf falschen Gutachten basierten, überschritten die eingezahlten Hypothekensummen den effektiven Wert der Häuser meist beträchtlich. So erwarben Hübner & Co. binnen dreier Jahre allein 45 Miethäuser in Westberlin, wobei durchschnittlich zwischen 10 000 Mark und 50 000 Mark pro Haus »herausfinanziert« wurden.

Auch in der Bundesrepublik kam Thomas dank der Übung westdeutscher Banken, bei Großkrediten nicht kleinlich zu sein, zu Hausbesitz und Bargeld: Ein Haus in Mannheim zum Beispiel, für das Thomas nur 86 000 Mark zahlen mußte, ließ er nach einem entsprechenden Gutachten mit Bankkrediten über 170 000 Mark finanzieren. Nach drei Jahren nannten Hübner & Co. nahezu 30 Häuser und Grundstücke in Westdeutschland ihr eigen.

Derlei Geschäfte, bei einem Eigenkapital der Hübner & Co. von nur 50 000 Mark, ließen es Thomas geraten erscheinen, sich nach dauerhaften Bankverbindungen umzusehen. Als eines der ersten Finanzierungsinstitute wurde die Heidelberger Vereinsbank & Spargesellschaft gewonnen, deren Direktor Karl Wetzel glaubte, mit Thomas könne er endlich in die große Finanzwelt vorstoßen.

Fortan streckte die Vereinsbank die für Grundstückskäufe notwendigen Barmittel so lange vor, bis Thomas Hypothekengelder zusammengetrommelt hatte, mit denen er die Bankschulden zurückzahlen konnte. Aufkommende Bedenken Wetzels, dessen Sparkasse für Finanzgeschäfte dieser Größenordnung nicht geeignet war, zerstreute Thomas, indem er dem Bankier Darlehen einräumte.

Nicht weniger angenehm gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem Fürstenberg-Bankier Hans Joachim von Hertzberg, der nach Meinung des ABA -Teilhabers Graf Berckheim von »unterschwelligen Minderwertigkeitskomplexen« geplagt wurde. Entgegen allen Mahnungen des Grafen Berckheim, Hertzberg solle beim Abzahlungskredit für Fahrräder und Fernsehapparate bleiben, wollte sich der Honorarkonsul unbedingt an der Spitze einer »Vollbank« sehen.

Diesen Wunsch nährte Thomas, indem er dem Möchtegern-Bankier insgesamt 120 000 Mark zusteckte und ihm eine Beteiligung an einer Hübner-Gesellschaft verschaffte. Auch die »Baronin« von Hertzberg, geborene Kulicke, wurde mit Aufmerksamkeiten bedacht. Mit dem Geld der Hübner-Gruppe kaufte sie in Mannheim und Nürnberg Häuser.

Der Fürstenberg-Bankier revanchierte sich und gewährte Hübner & Co. Kredite in Höhe von rund vier Millionen Mark, obwohl nach den Vorschriften der Banken-Aufsichtsbehörde ein Institut von der Größe der Absatzkredit Graf von Berckheim & Co. einem einzelnen Kunden keineswegs soviel Kredit einräumen darf.

Nach Paragraph 12 des Kreditwesengesetzes soll die Verschuldung eines Kunden gegenüber seiner Bank die Höhe von 15 Prozent des Bank-Eigenkapitals nicht überschreiten. Bei 2,8 Millionen Mark Eigenkapital lag die Kreditgrenze der ABA mithin bei 420 000 Mark. Geschäftsfreunde erinnern sich, daß Thomas die ihm kreditierten Summen gern in bar abholte, wobei er die Geldbündel gelegentlich in die »Bild«-Zeitung einwickelte.

Wegen Überschreitens der Kreditgrenze wurden die Bankiers Wetzel und Hertzberg bereits im vergangenen Jahr von der Aufsichtsbehörde verwarnt und mit Geldstrafen belegt. Gelegentlich einer Sonderprüfung qualifizierten die Aufsichtsbeamten überdies den Sparkassendirektor Wetzel als »nicht mehr zuverlässig« und forderten seine Entlassung.

Desungeachtet beließ die Heidelberger Privatbank ihren Direktor auf seinem Posten, und auch der Erbprinz zu Fürstenberg, dem die innige Geschäftsverbindung seiner ABA-Bank mit Thomas beim Studium der Bankbilanzen hätte auffallen müssen, mochte sich nicht von Hertzberg trennen.

Immerhin hatte Hübner-Chef Thomas die Intervention der Aufsichtsbehörde als so störend empfunden, daß er daranging, Hübner & Co. in viele Bestandteile zu zerlegen, um das Unternehmen einzunebeln. Er atomisierte die Firma in sechs gleichnamige Gesellschaften mit Sitzen in Karlsruhe, Mannheim, Frankfurt, Saarbrücken, Stuttgart und Pirmasens.

Dem regional aufgesplitterten Konzern flickte er sodann immer neue Gesellschaften an, darunter auch die Olef & Co. in Düsseldorf, zu der die Düsseldorfer Nachtlokale »Goldene Spinne«, »Goldene Hölle« und »Weinhexe«, in Heidelberg die Bars »nach 8«, »Oase« und »Hubertus-Hütte«, in Karlsruhe die »Roxy-Bar« und die »Fächer-Bar« gehörten.

Schließlich waren 24 Firmen unter der Hübner-Ägide versammelt. Bei zwölf von ihnen fungierte Thomas als Hauptgesellschafter. Wetzel und von Hertzberg machten sich unverdrossen daran, die Masse der Thomas-Kredite auf die Vielzahl der Firmenkonten zu verteilen.

Als die Hübner-Gruppe bereits mit weit über drei Millionen Mark in der Kreide stand, feierte Thomas seinen Einzug in den Gottesauerhof, ein verfallenes Hotel an der Durlacher Allee in Karlsruhe. Dieses Etablissement möbelte er zum Preis von 250 000 Mark pompös auf, um seine Position als Konzernchef in das rechte Licht zu rücken.

Der schwergewichtige Thomas hockte hinter einem mit Schweinsleder bezogenen Superschreibtisch, die Wände waren mit Seidentapeten in Rosa und Gold verkleidet, und von der Wand protzte ein Ölschinken im Format 2,5 mal 4 Meter; sechs Scheinwerfer tauchten das Malwerk in hellstes Licht.

Im Herbst vergangenen Jahres gelang dem beleibten Chef-Manager Thomas noch einmal eine Millionen-Operation. Bei Weilerbach in der Eifel und Buchholz im Hunsrück stellte Thomas prächtige Siedlungskomplexe - Grund und Boden samt fertigem Haus nach Wunsch - zum Verkauf. Die Häuser existierten freilich nur in den Werbeprospekten seiner Architektenabteilung.

Wie bei allen anderen Projekten kam es Thomas auch hier wiederum nicht so sehr auf Rentabilität an. Wichtiger waren ihm jene 2,2 Millionen Mark, die ihm die Rheinische Hypothekenbank in Mannheim auf die beiden Objekte lieh, nachdem Günter Thomas in Koblenz einen amtlich vereidigten Grundstücksschätzer aufgetan hatte, der nicht kleinlich war.

Von diesem Gutachter - »ärmliche Verhältnisse und empfänglich«, wie es in einer offiziellen Thomas-Hausmitteilung hieß - versprach sich die Firma wertvolle Hilfe »noch in manchen gleichlaufenden Dingen, die gegebenenfalls auf uns zukommen«, da »dieser offensichtlich zu'einigem bereit ist«.

Aber auch der empfängliche Gutachter aus ärmlichen Verhältnissen konnte das Unternehmen auf die Dauer nicht nachhaltig entlasten. Daraufhin ließ sich Thomas von mehreren Geschäftsfreunden sogenannte Blanko-Akzepte geben, das sind Wechsel, auf denen lediglich die Unterschrift des Schuldners steht, nicht aber die Höhe der Schuldsumme vermerkt ist. Hoch und heilig versicherte Thomas, er werde diese Wechsel nur ausfüllen, wenn er Sicherheit bei den Banken zu leisten habe. Der Unterzeichner werde daraus nicht in Anspruch genommen.

In diese Wechsel trug Thomas jedoch entgegen den Vereinbarungen Beträge ein, die in keinem Verhältnis zur Zahlungsfähigkeit der Unterzeichner standen, und legte die Wechsel der ABA -Bank vor. ABA-Geschäftsführer »Baron« von Hertzberg präsentierte sie später den ahnungslosen Ausstellern zur Zahlung.

Ein Hamburger Geschäftsmann sah sich- beispielsweise unversehens einer Wechselforderung der ABA über 444 000 Mark gegenüber. Ein Buchhalter von

Hübner & Co., der ebenfalls blanko unterschrieben hatte, schuldet der ABA heute einen Betrag von 450 000 Mark.

Den Überredungskünsten des Hübner -Chefs erlagen auch verschiedene Bardamen in den Olef-Betrieben. Sie werden von der ABA-Bank heute in Anspruch genommen, obwohl sie für ihre Wechsel-Unterschrift keine Gegenleistung empfingen. Eine Heidelberger Barfrau ("Es war nach Mitternacht") sieht sich heute mit 84 000 Mark als Schuldnerin der Fürstenberg-Bank.

Unter der Last der offenstehenden Kredite brach die Heidelberger Vereinsbank im April dieses Jahres zusammen. Das Unternehmen wies bei einem Grundkapital von nur 300 000 Mark mittlerweile Außenstände gegenüber der Hübner-Gruppe von 3,1 Millionen Mark aus, obwohl die Vereinsbank nach den gesetzlichen Bestimmungen nur 45 000 Mark an die Gruppe Hübner hätte ausleihen dürfen.

Am 25. April, drei Jahre nach Beginn der Kreditschaukelei, entschloß sich die Bankenaufsicht endlich, den Heidelberger Schalter zu schließen. Erst nach langwierigen Verhandlungen konnte das Institut, das 6800 Sparer mit rund sieben Millionen Mark zu seinen Einlegern zählt, von der Badischen Kommunalen Landesbank aufgefangen werden, so daß die Sparer keine Verluste erleiden. Der Bankier Wetzel wechselte in das Karlsruher Untersuchungsgefängnis über.

Hans Joachim von Hertzberg wetterte zu dieser Zeit über seinen Geschäftsfreund Thomas: »Dieser Verbrecher gehört hinter Schloß und Riegel.« So geschah es auch, und Hertzberg folgte dem Thomas auf dem Fuße.

Geschädigter Erbprinz von Fürstenberg, Gäste: Mit Adel und Bardamen ...

Schädiger Thomas

... auf der Kreditschaukel

Thomas-Freund Wetzel

Unterschwellige Komplexe ...

... vor seidenen Tapeten: Thomas-Hauptquartier Gottesauerhof

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