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STÄMME Hübsche Kühe

Deutschlands Witzbolde kichern geeint gen Norden: Dort, »wor so lut de Nordsee buttert« (Stammeshymne), leben die jüngsten Opfer des deutschen Humors -- die Ostfriesen.
aus DER SPIEGEL 31/1971

Eigenbrötlerisch, wortarm, zäh und ungelenk; intellektueller Brillanz und tollkühnem Fortschritt bedächtig abgeneigt; bodenständig, stark und blond so will die Legende die Deutschen zwischen Marsch und Ems.

Die freundliche Wesensart der Plattland-Bewohner wird vom sogenannten Ostfriesenwitz jetzt bissig karikiert:

Frage: »Woran merkt man, daß man nach Ostfriesland kommt?« -- Antwort: »Die Kühe werden hübscher als die Mädchen« Oder: »Warum wird bei Hochzeiten in Ostfriesland immer ein Mistwagen mitgeführt?« -- Antwort: »Damit die Fliegen von der Braut abgelenkt werden.«

Und noch eine Frage: »Warum tragen alle Ostfriesen Rollkragenpullover?« -- Antwort: »Damit man die Gewinde ihrer Holzköpfe nicht sieht.«

Da das Strickmuster solcher Witze noch simpler ist als das für Rollkragen, breiten sich die Ostfriesenwitze wie eine Schnupfenepidemie aus und bringen die Gegend um Leer und Aurich (Lokalsnack: »In Aurich ist es schaurig, in Leer noch viel mehr") in aller Munde.

Keine Party ist mehr ostfriesenwitzsicher; Disc-Jockeys verbreiten über den Rundfunk die schadenfrohen Scherze; im feindlichen Oldenburg in Oldenburg publizierten fixe Studenten ein Bändchen: »Frisia non ridet sed nos« ("Friesland lacht nicht, aber wir).

Nicht nur hämische Erfinderlust vermehrt den Bestand -- die Konjunktur verleitet auch dazu, greise Klassiker ostfriesisch rasiert neu darzubieten.

Denn Ostfriesland ist nur die vorerst letzte Provinz in einer Reihe von Landschaften, die sich die Mehrheit abwechselnd zum Schurfgebiet ihrer Witze wählte. »Es gibt da eine bekannte Rivalität zwischen den einzelnen Stämmen«. interpretiert Alexander Mitscherlich. »und die aufgestauten Affekte werden durch solche Witze abgelassen. Gleichzeitig projiziert man eigene Unzulänglichkeiten auf die Minderheit, auf deren Kosten man lacht.«

Die Minderheiten-Hatz der Humoristen reicht, mindestens, von den Schildbürgern und den hessischen Leinewebern bis zu den Bayern, den Sachsen und den Juden, und einige Witze wandern von Welle zu Welle

So galt die Schmäh ostfriesischer Polizisten -- »drei Winkel: kann lesen und schreiben: zwei Winkel: kann telephonieren; ein Winkel: kennt einen, der lesen und schreiben kann« -- auch schon für Österreicher, Volkspolizisten in Sachsen und Bayern.

Warum jetzt die Ostfriesen unter die Witzverfolgten geraten sind, ist nicht festzustellen. Nur der Friesenwitz selbst weiß Antwort: »Warum lacht man über die Ostfriesen?« -- »Weil man es satt hat, über die Bayern zu weinen.

Inzwischen formiert sich allerdings am Nordseestrand die Reaktion: »Schmutzige Pöbeleien ... geschmacklos und bewußt herabsetzend«, warf die ostfriesische Zeitung »Rheiderland« einem Witzler der »Hansa-Welle« vor. Der Hamburger Platten-Plauderer Henning Venske ersetzte daraufhin in allen Scherzchen das Wort »Ostfriesen« durch die besänftigende Formel »Wir hier oben im Norden«.

Aber Frisia ist unversöhnt. Inzwischen kam der erste Gegenwitz auf -- kräftig, deftig. so recht in Marsch-Männer-Manier. Frage: »Warum gibt es in Ostfriesland keine Hämorrhoiden?« -- Antwort: »Weil die ganzen Arschlöcher in Oldenburg Sitzen.«

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