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Argentinien Hühnchen mit Sekt

Nirgendwo in Lateinamerika sind die Stadtguerrilleros zur Zeit so aktiv wie in Argentinien. Mit der Entführung eines Fiat-Direktors wollten sie die Aussöhnung zwischen Militärs und alten Bürgerparteien torpedieren.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Fünfzehn bewaffnete Kapuzenmänner trafen sich im Dunkel einer Januar-Nacht vor dem Gebäude der staatlichen Entwicklungsbank in Buenos Aires. Zwei Bankangestellte, Komplizen, ließen die 15 ein.

Die Besucher fesselten Wächter und Putzpersonal, seilten sich durch die Schächte der Klimaanlage in den Tresorraum hinab und bohrten mit Schweißbrennern Löcher in »die Safewände. Sie arbeiteten sieben Stunden lang, unterbrochen nur von gelegentlichen Stärkungspausen bei Hühnchen und Sekt.

Anderntags fehlten der Bank rund 1,5 Millionen Mark. Das Geld, so teilte ein Mann per Telephon den Zeitungsredaktionen der argentinischen Hauptstadt mit, hätten Guerrilleros des »Ejército Revolucionario del Pueblo« (ERP) entwendet, »um es dem Volk zurückzugeben«.

Es war der größte Bankraub in der argentinischen Geschichte.

Sieben Wochen später starteten die ERP-Partisanen den ehrgeizigsten Menschenraub in der Historie ihres Landes: Am Dienstag vorletzter Woche stoppte ein grüner Lieferwagen den blauen Fiat, in dem der Generaldirektor der argentinischen Fiat-Concord-Werke, Oberdan Sallustro, 56, sich allmorgendlich in seine Fabrik chauffieren ließ. Vier Guerrilleros zerrten Sallustro in den Lieferwagen und fuhren mit ihm davon.

Für die Freilassung des Italieners forderten die Entführer einen höheren Preis, als ihn ihre Kidnapper-Kollegen in anderen Ländern Lateinamerikas je für eine Geisel verlangt haben: Der von den Guerrilleros »im Namen der Armen, Ausgebeuteten, Gefolterten und Gefangenen« zum Tode verurteilte Sallustro sollte nur dann unversehrt heimkehren, wenn

* 259 nach einem Streik im vergangenen Oktober entlassene Fiat-Arbeiter wieder eingestellt,

* alle bei dieser Gelegenheit verhafteten Fiat-Arbeiter und Gewerkschaftler freigelassen,

* ein Lösegeld in unbestimmter Höhe hinterlegt,

* für eine Million Dollar Schul-Utensilien, zusammen mit einem revolutionären Manifest, an Volksschüler verteilt,

* alle Polizisten aus den Fiat-Fabriken abgezogen,

* alle ERP-Kommuniqués in der Presse veröffentlicht,

* 50 gefangene Guerrilleros nach Algerien oder in ein anderes Land entlassen würden.

Die Sallustro-Entführung ist der vorläufige Höhepunkt eines Stadtguerilla-Kriegs, wie er so erbittert gegenwärtig nicht einmal im Tupamaro-Land Uruguay ausgefochten wird.

So erschossen allein in der Woche vor der Geiselnahme des Fiat-Chefs Guerilla-Kommandos den wegen Gefangenenfolterungen berüchtigten Ex-Polizeichef von Tucumán, Pedro Abel Agarotti, sowie den konservativen Politiker Mario Roberto Uzal.

Untergrund-Kämpfer verschiedener Couleur legten Bomben in einem Militär-Reitklub und sprengten das dazugehörige Offizierskasino in die Luft. Sie entführten den Manager einer Weinfirma -- den sie später gegen 37 000 Dollar Lösegeld wieder freiließen -- und steckten vier Polizeiautos in Brand. Im vergangenen Jahr zählte die Abendzeitung »La Razón« innerhalb von zwei Monaten 146 Polit-Attentate auf.

Schätzungsweise 6000 militante Revolutionäre in einem halben Dutzend Guerilla-Organisationen kämpfen heute gegen ein Militärregime, das Argentinien seit über fünf Jahren eine harte Diktatur beschert und das Land dabei an den Rand des wirtschaftlichen und politischen Bankrotts gebracht hat:

Ein »Dschungel verfehlter Wirtschaftspolitik und bürokratischer Stümperei« ("The Times") brachte im Lauf des vergangenen Jahres eine Steigerung der Lebenshaltungskosten um 40 Prozent. 600 000 Arbeitslose und Unterbeschäftigte gibt es allein in Buenos Aires. Die Auslandsverschuldung stieg auf fast fünf Milliarden Dollar an. Sechs Wochen lang mußte im vergangenen Herbst die Militärregierung zur Notmaßnahme des totalen Importstopps greifen. Innerhalb von neun Monaten stellten die Machthaber zwei einander widersprechende Wirtschaftspläne auf und verwarfen beide wieder.

Die wachsende Unzufriedenheit, die sich allein im vergangenen halben Jahr in zwei großen Generalstreiks äußerte, wurde von Militär und Polizei mit harter Hand niedergehalten. So verlangte der Chef der Bundespolizei in einem Brief an den Innenminister, den Verteidigungsanwälten das Recht auf Überprüfung des Gesundheitszustands von Häftlingen zu beschränken. Rechtsanwälte in Buenos Aires enthüllten im November Foltermethoden an Politgefangenen, die vom großen Nachbarn Brasilien inspiriert zu sein scheinen.

Zwar hatte Staatschef General Alejandro Agustín Lanusse bereits bei seinem Amtsantritt vor genau einem Jahr die Rückkehr zur Parteiendemokratie gelobt und im vergangenen Herbst auch tatsächlich einen Wahltermin -- den 25. März 1973 -- genannt.

Zwar propagierte der General lauthals die »Große nationale Versöhnung« und machte selbst dem einstigen Erzfein, dem in Madrid exilierten Diktator und Volkshelden Juan Domingo Perón, 76, Avancen: Er bot ihm einen argentinischen Paß und damit die Rückkehr in die Heimat an, und er ließ ihm die seit Peróns Sturz von den Militärs auf einem italienischen Friedhof versteckt gehaltenen sterblichen Überreste der ersten Perón-Ehefrau Evita aushändigen.

Doch Argentiniens revolutionäre Untergrundorganisationen trauen Lanusses Friedensplänen nicht. Die Militärs, so fürchten die Jung-Anhänger des Alten in Madrid, werden einen Wahlsieg der Peronisten letzten Endes doch nicht zulassen -- und einen Wahlsieg der Peronisten prophezeien die meisten neueren Meinungsumfragen.

Die nicht peronistischen Guerillabewegungen allerdings -- wie die trotzkistische ERP --, »die auch in Perón nur die »letzte Rettungsbrücke der argentinischen Bourgeoisie« sehen, wollen die Rückkehr der alten bürgerlichen Parteien gar nicht.

Was die Rebellen wollen, glauben Argentiniens regierende Militärs genau zu wissen: Die »Agenten des Chaos«, so verkündete das Regime nach dem Sallustro-Raub in der vergangenen Woche, wollen »unsere christliche Lebensart zerstören«.

Doch die angeblichen Agenten des Chaos predigten derweil christliche Tugenden: In dem Manifest, das nach dem Willen der Entführer dem vom Lösegeld gekauften Schulmaterial beigefügt werden sollte, forderten die Guerrilleros Argentinienis Schulkinder auf: »Nun müßt ihr auch hart arbeiten, damit ihr gute Patrioten werdet.«

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