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EIERFABRIKEN Hühner im Hochhaus

aus DER SPIEGEL 37/1966

In Berlin-Neukölln kakeln demnächst die Hühner. Jedes siebente bis achte Ei, das die West-Berliner konsumieren, soll in Deutschlands höchstem Hühnerhaus erzeugt werden, das auf dem Industriegelände am Boschweg aus Stahlbeton errichtet wird.

Bis zum fünften Stockwerk steht der Hennensilo bereits, fünf Etagen werden noch aufgeschichtet. Geschäftsführer und Initiator dieser Eierfabrik, die rund zehn Millionen Mark kostet, ist der Architekt Günther Göde. Nachdem er für die Eierlikörfirma Deneke Advocat bei Bückeburg eine industrielle Hühnerfarm für 36 000 Tiere errichtet hatte, entwarf er den Neuköllner Hühnerbunker, der 250 000 Tiere aufnehmen soll,

Göde gewann für das Projekt 14 Partner, darunter den ehemaligen Präsidenten der Bayerischen Landeszentralbank, Dr. Max Günther Grasmann, einen Hamburger Fachanwalt für Steuerrecht und einen Berliner Filmkaufmann. Die produktiven Großstadt-Hennen werden zu 18 auf einem Quadratmeter in Spezialkäfigen untergebracht, die eine britische Firma konstruierte. Jede Box ist mit einer Anlage gekoppelt, die automatisch Futter streut, die Eier zur Sammelstelle und den Kot - täglich 40 Tonnen - in einen desodorierenden Orkus befördert. Die Exkremente werden mit Heißluft eingedampft, verpackt und als Düngemittel verkauft.

In der Bundesrepublik stehen bereits mehrere - Dutzend ähnlicher Fabriken. Sie gehören vorwiegend Industriellen und Managern, die im interessantesten Bereich der Landwirtschaft auf Nebenerwerb ausgehen und die kapitalintensive Tiermaschinerie finanzieren können. Den Anfang machte der Welt größter Strumpffabrikant Fritz-Karl Schulte, Mitinhaber der Firma Schulte & Dieckhoff ("Yes«, »nur die").

Dem westfälischen Maschen-Millionär liefern seine 280 000 Käfigtiere jährlich etwa 65 Millionen Eier. Als Hühnerheger im Nebenberuf betätigen sich unter anderem noch der bayrische Schlepperfabrikant Schlüter in Freising und der Generalbevollmächtigte des Bertelsmann-Konzerns, Dr. Manfred Köhnlechner.

Auf dem Windhäuserhof bei Mainz arbeiten 80 000 Intensiv-Eierleger für den abgedankten Industriellen Dr. Carlfried Schleussner, der sich nach dem Verkauf der Adox Fotowerke Dr. C. Schleussner GmbH der Landwirtschaft widmet. Das alte Familienunternehmen wurde von dem amerikanischen Chemiekonzern Du Pont de Nemours übernommen.

Die Lebensuhr der fleißigen Fabrikhühner tickt nur ein Jahr. Im zarten Alter von vier Monaten werden sie eingekastelt, nach rationeller Norm gefüttert, getränkt, belüftet und künstlich beleuchtet. Jedes Huhn soll in acht Monaten etwa 240 Eier produzieren. Nachdem es diese Leistung vollbracht hat, für die gewöhnliche Hofhühner fast drei Jahre brauchen, endet es im Suppentopf oder am rotierenden Grillspieß.

Die Fabrikbesitzer erwarten von jeder ihrer Klassehennen jährlich vier bis fünf Mark Reinertrag - bei 100 000 Hennen also 400 000 bis 500 000 Mark, vorausgesetzt, daß alle Tiere gesund bleiben. Veterinäre halten die Silos ständig unter Kontrolle. Theoretisch würden etwa 270 Eier-Fabriken von der Größe der Schulte-Betriebe genügen, um die 14 Milliarden Frischeier zu erzeugen, die jährlich in der Bundesrepublik konsumiert werden.

Obwohl eine so starke Konzentration nicht zu befürchten ist, verlangten die traditionellen Hühnerhalter - Berufsbauern und Hühnerfarmer alter Art - von Bonn ein Gesetz zum Schutz der bäuerlichen Veredlungswirtschaft, das die maximale Betriebsgröße der Tierfabriken unter anderem auf 10 000 Legehennen und 1250 Mastschweine begrenzen soll. Der Bundestag will nach den Parlamentsferien darüber beraten.

Während noch an dem Gesetzestext gefeilt wurde, gingen die Vertreter des bäuerlichen Mittelstandes zum Angriff über. In Württemberg durchkreuzten sie dem Textilkaufmann Dietmar Elsäßer, 36 - einem Freund des größten Eierproduzenten Fritz-Karl Schulte -, seinen Plan, in Oppingen bei Ulm eine Farmfabrik für 200 000 Hennen zu errichten.

Schon vor Monaten ermahnte der CDU-Landtagsabgeordnete Christian Leibing auf der Jahreshauptversammlung des Kreisbauernverbandes die Vertreter des Landratsamtes Ulm, als Baurechtsbehörde alle Bedenken - »auch hygienischer und seuchenpolizeilicher Art« - auszuschöpfen. Mit dieser Verzögerungstaktik soll die Baugenehmigung gestoppt werden, bis das Schutzgesetz - die sogenannte Lex Schulte verabschiedet worden ist.

In Bonn stellten indes auch die Industriellen ihre Weichen. Sie konterten mit dem Argument, daß die vorgesehene Beschränkung' wider alle wirtschaftliche Vernunft und verbraucherfeindlich sei. Die Super-Farmen könnten rationeller produzieren, billiger Betriebsmittel einkaufen und ihre Erzeugnisse in großen Partien besser verkaufen.

Ihre garantiert frischen Produkte seien auf dem Markt ein wichtiges

Preisregulativ. Bäcker und Fleischer würden auch nicht vor der Konkurrenz der Brot= und Wurstfabriken geschützt. Die Berufslandwirte und ihre Genossenschaften sollten sich von der Industrie anregen lassen, durch Kooperation selbst solche rentablen Großbetriebe aufzuziehen.

Da die Eier-Industriellen fürchten, daß ihre Interessenvertreter in Bonn der Grünen Front nicht gewachsen sind, ließ Fritz-Karl Schulte in Schöppingen bei Horstmar - in der Nähe seines Strumpfzentrums - vorsorglich noch schnell eine dritte Hühner-Kaserne hochziehen. Sie wird in Kürze mit 140 000 Junghennen belegt.

Strumpffabrikant Schulte: Mit Eiern nebenbei Millionen verdient

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