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»Hüte dich vor dem Gestank der Engländer«

Auf das Ende des Waffenstillstands zwischen der britischen Armee und der nationalistischen Irischen Republikanischen Armee (IRA) folgte in Nordirland eine der blutigsten Wochen seit Beginn der Unruhen vor annähernd drei Jahren. Die Beschwichtigungspolitik Minister Whitelaws, der die Provinz seit über drei Monaten kommissarisch regiert, scheint gescheitert. Während sich die Protestanten-Organisation Ulster Defence Association (UDA) auf einen Bürgerkrieg mit der katholischen Minderheit rüstet, kündigte der Oberkommandierende der Belfast-Brigade der IRA, Seamus Twomey, 56, an, daß seine Untergrundarmee »bis zum Siege« weiterkämpfen werde. Er kämpft seit 40 Jahren gegen Großbritannien und hat sieben Jahre in englischen Gefängnissen zugebracht.
aus DER SPIEGEL 30/1972

SPIEGEL: Warum ging der zwischen den Briten und der IRA vereinbarte Waffenstillstand zu Ende. warum wird in Ulster wieder gebombt und geschossen, sterben noch mehr Menschen als vor der Waffenruhe?

TWOMEY: Nicht wir, die britischen Soldaten haben den Waffenstillstand gebrochen. Wir hatten bloß zwei britische Offiziere in Zivil im freien Teil von Derry festgenommen. wo sie nichts zu suchen hatten. Wir haben sie wieder freigelassen, obwohl sie sicher spioniert hatten. Dabei hätten wir sie erschießen können.

SPIEGEL: Und damit den Waffenstillstand gebrochen.

TWOMEY: Keineswegs.

SPIEGEL: Wieso? Wollen Sie damit sagen, Sie hatten britische Offiziere umbringen können, ohne damit die Waffenruhe zu gefährden?

TWOMEY: Genau das. Es war eindeutig ausgehandelt worden, daß, wenn wir in unseren Gebieten einen Spion aufgreifen sollten, die Briten ihn verleugnen würden -- auch wenn wir ihn hinrichteten.

SPIEGEL: Das würde ja bedeuten, daß Ihnen der britische Nordirlandminister Whitelaw praktisch für einen Teil der zum Vereinigten Königreich gehörenden Stadt Londonderry ein Entscheidungsrecht über Leben und Tod eingeräumt hätte?

TWOMEY: So kann man"s sicher auch sehen. Aber die britische Armee und der Heuchler Whitelaw haben sich ja nicht an die Vereinbarungen gehalten. Trotz einer schriftlichen Garantie Whitelaws wurden in Belfast zwei meiner Freiwilligen festgenommen. Die Briten haben. getreu ihrer Tradition verräterischer Tricks. die Waffenruhe dazu benutzt, überall unsere Leute zu kontrollieren und zu behelligen, obwohl wir klar vereinbart hatten, daß wir uns ohne Waffen überall frei bewegen durften.

SPIEGEL: Sie durften also in Ihrem Gebiet Briten festnehmen, unter Umständen sogar hinrichten, während die Briten Ihre Männer nicht einmal kontrollieren sollten -- konnte es wirklich eine solche Vereinbarung geben?

TWOMEY: Genau so war es abgemacht. Wir haben einander absolutes Stillschweigen über diese Bedingungen versprochen, wir haben deshalb bisher auch mit niemandem darüber gesprochen, nicht einmal, als wir von dem sauberen Mister Whitelaw und seinen sogenannten Politikern schon reingelegt worden waren. Aber wenn er jetzt sagt. wir hätten den Waffenstillstand gebrochen. fühlen wir uns frei von jedem Wort, jeder Verpflichtung gegenüber diesem sogenannten Gentleman. Mit solchem Auswurf kann ich doch nie wieder ehrenhafte Verhandlungen führen.

SPIEGEL: Wie kam es denn zu den Schießereien, wie fing das Blutvergießen wieder an?

TWOMEY: Als wir völlig legal -- ich persönlich hatte dies mit dem britischen Oberst Tomlinson vereinbart vier katholische Familien in die ihnen zustehenden Wohnungen einziehen lassen wollten, schossen die Briten mit Gummigeschossen, Tränengas und Wasserkanonen auf uns. Verdammt, jeder konnte das sehen, und nun kommen diese Heuchler an und behaupten, wir hätten den ersten Schuß abgefeuert! Dieser verlogene Whitelaw, der uns extra zu den Verhandlungen nach London fliegen ließ, hat uns alles versprochen, alle möglichen Garantien gegeben, aber wenn er seiner Armee Befehle gibt, redet er eine ganz andere Sprache. Wir werden diesem sogenannten Staatsmann jedenfalls nicht mehr in die Falle gehen, ihm und seiner Armee. diesem schleimigen Auswurf! Nicht umsonst haben wir hier, in Irland. ein altes Sprichwort: »Hüte dich vor zwei Dingen -- dem Bellen der Hunde und dem Gestank der Engländer.« Ich persönlich werde jedenfalls niemals mehr in meinem Lehen dem Wort eines Engländers trauen.

SPIEGEL: Heißt das: Keine Verhandlungen mehr, kein neuer Waffenstillstand?

TWOMEY: Nein, nichts mehr. Wir werden jetzt kämpfen, nur noch kämpfen. Wir hatten einen Waffenstillstand. Whitelaw hat ihn mit eigener Hand unterschrieben, in Gegenwart zweier Zeugen, zweier Anwälte aus Belfast und Dublin. Dennoch hat er jedes Wort der Abmachung gebrochen.

SPIEGEL: Wie wollen Sie weiterkämpfen. obwohl Sie wissen, daß Sie die Briten militärisch nicht besiegen können?

TWOMEY: Aber sie können uns auch nicht besiegen. Für jeden, der bei uns fällt, kommen zehn neue. Was die Briten nicht einsehen, noch immer nicht: Sie kämpfen gegen 800 Jahre irische Geschichte. das ist nicht mit Militär zu erledigen. Zudem müßten sie. um ihre Ziele zu erreichen, ein ungeheures Blutbad anrichten, und das können sich die Engländer vor der Weltöffentlichkeit nicht mehr leisten.

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