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KONJUNKTUR Hunde geweckt

aus DER SPIEGEL 1/1960

Ein Fünf-Zeilen-Kommuniqué des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung, das in der Vorweihnachtswoche den Bonner Zeitungskorrespondenten zuging, sollte die christfestlich gestimmten Bundesbürger in ihrer Überzeugung stärken, die Regierung werde ihre Untertanen auch im kommenden Jahr vor allen Unbilden einer überhitzten Wirtschaftskonjunktur bewahren. Ohne Wissen seines Wirtschaftsministers hatte Konrad Adenauer den Präsidenten der Deutschen Bundesbank, Karl Blessing, um ein Gutachten »über die Zusammenhänge zwischen der Kaufkraft unserer Währung und der Steigerung des Geldumlaufs durch erhebliche Lohn- und Gehaltssteigerungen« gebeten und dieses Ersuchen um kollegiale Nachhilfe in Fragen der Wirtschaftspolitik noch am selben Tag durch das Bundespresseamt bekanntmachen lassen.

Damit hatte der taktisch stets alerte Bundeskanzler seinen Stellvertreter Ludwig Erhard in einer Angelegenheit überspielt, die seit dem Herbst vergangenen Jahres zum publikumswirksamen Alarmthema von Groschenblättern und Verbandsfunktionären aller Richtungen avanciert ist: steigende Preise. In der kurzen Spanne vom Frühjahr bis zum Herbst hatte sich das Klima der westdeutschen Konjunktur von der Flaute zum Boom gewandelt, der reichlich Anlaß für besorgte Betrachtungen zu geben schien.

Beim traditionellen Orakelfest der Wirtschaftskundigen am Jahresende schrieb die »Frankfurter Allgemeine": »Die gegenwärtige Situation sollte ... nicht ausschließlich unter dem Blickpunkt neuer Rekordzahlen betrachtet werden. Die Anspannung in manchen Wirtschaftsbereichen hat ein ungewöhnliches Ausmaß erreicht. Aufträge müssen abgelehnt werden, die Lieferfristen werden länger, die Preise kommen wieder ins Gespräch.« Wie der »Volkswirt« seinen Lesern ankündigte, »wird die Tendenz zu Preissteigerungen, wie sie sich seit zwei Monaten abzeichnet, wohl bleiben, zumal nunmehr auch mit massiven Lohnforderungen zu rechnen ist«.

In der Tat sieht sich Westdeutschlands hektisch expandierende Wirtschaft gegenwärtig wieder von jenem chronischen Übel bedroht, das während der konjunkturellen Verschnaufpause vom Sommer 1958 bis zum Sommer 1959 gebannt schien: Vom unaufhaltsamen Preisauftrieb und damit von der schleichenden Entwertung der Mark. Noch selten zuvor war das westdeutsche Preisniveau einem derart starken Druck nach oben ausgesetzt. Hinter dieser Pression stehen vor allem

- der Rekordanstieg der Nachfrage, besonders nach Investitionsgütern,

- das Anwachsen der Masseneinkommen

durch Lohn- und Rentenerhöhungen,

- die neuerlich wieder steigenden Außenhandelsüberschüsse und

- der stetig wachsende Staatsverbrauch.

Seit dem Spätsommer 1959 hat der Konjunkturaufschwung mit einer Vehemenz eingesetzt, die die Auftragsbücher der Industrie schnell zum Platzen füllte. Im September erreichte der Auftragseingang mit 192 Indexpunkten (1954 = 100) ein Mehr von 49 Punkten gegenüber dem gleichen Vorjahrsmonat.

In diesem Schlangestehen vor den Verkaufskontoren steckt zwar ein beträchtlicher Teil nur vorübergehender Nachfrage, nämlich das Bestreben, die während der Rezession geräumten Vorratslager, etwa an Stahl, wieder aufzufüllen. Aber auch die wiedererwachte Bereitschaft der Industrie zu Ausrüstungsinvestitionen drückt sich darin aus: In der Investitionsgüterbranche lag der Auftragseingang im dritten Quartal 1959 um 23 Prozent, im September allein sogar um 33 Prozent über den Werten des Vorjahrs.

So konnte Ludwig Erhards Ministerium schon im Herbst »Symptome einer Übernachfrage« entdecken, die »gegen die Grenzen der technischen Produktionskapazitäten und des Arbeitsmarkts« dränge. Sie drängt naturgemäß auch gegen die Stabilität der Preise. Vor der Festgesellschaft, die im vergangenen Oktober in Köln das Zehn-Jahres-Jubiläum des Bundesverbandes der Deutschen Industrie beging, äußerte Erhard denn auch seine nicht unbegründete Sorge, daß das »Ruhen auf einem dicken Auftragspolster« zu einer Lockerung der Preisdisziplin führen könne.

Auf die Übernachfrage trifft zudem die Überbeschäftigung: Seit dem Juli vorigen Jahres verfügt der westdeutsche Arbeitsmarkt nur noch über eine Arbeitslosenreserve von etwa 200 000 Menschen oder rund einem Prozent der Beschäftigten, und diese Letzten der Reservearmee sind nur bedingt einsatzfähig. Auch ist der alljährliche Zufluß von Schulabgängern gerade jetzt durch die schwachen Kriegs - und Nachkriegsjahrgänge reduziert. Man rechnet für das kommende Frühjahr nur mit einem Aufgebot von etwa 580 000 neuen Arbeitskräften, gegenüber 770 000 etwa im Jahre 1957.

Dieser akute Menschenmangel heizt nicht nur die preistreibende Nachfrage nach Investitionsgütern weiter an, da ja die menschliche Arbeitskraft forciert durch größeren technischen Aufwand ersetzt werden muß. Er bringt auch die Löhne zum Steigen und erhöht damit sowohl die Nachfrage nach Konsumgütern als auch die Produktionskosten der Industrie.

Die Verhandlungsposition der einzelnen Arbeiter und der Gewerkschaften ist dank des leeren Arbeitsmarktes heute stärker als je im Nachkriegsdeutschland, und in den Funktionärsbüros herrscht darüber auch keine Unklarheit: Für insgesamt rund zehn Millionen Arbeitnehmer wollen die westdeutschen Gewerkschaften in den nächsten Monaten höhere Löhne mit einem Mehrbetrag von insgesamt rund vier Milliarden Mark aushandeln, für etwa acht Millionen streben sie Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohnausgleich an. Arbeitszeitverkürzungen haben dabei noch die Nebenwirkung, vielfach die Produktion und somit das Angebot einzuschränken.

Außer den Lohntüten schwillt auch das westdeutsche Devisenkonto seit einigen Monaten wieder an: Nachdem unter dem Einfluß der weltweiten Rezession und entsprechend geschmälerter westdeutscher Exporte ebenso wie durch das niedrige bundesdeutsche Zinsniveau die Devisenüberschüsse zeitweilig geschrumpft waren, begannen im vergangenen Herbst mit dem Fortfall der beiden dämpfenden Tendenzen die Überschüsse erneut zu klettern - vom 23. Oktober bis zum 7. Dezember allein um 1,1 Milliarden Mark oder 17 Prozent. Dieser Devisenzustrom bläht - nach Umtausch in Mark - ebenfalls die inländische Nachfrage auf.

Während so die bundesdeutsche Geldfülle ohnehin schon kräftig gespeist wird, bemühen sich auch die Bonner Wohlstandspolitiker, den Anschluß nicht zu verpassen. Mit der Rentenerhöhung um 5,9 Prozent steckten sie den westdeutschen Staatspensionären für 1960 rund 770 Millionen Mark mehr in die Tasche. Auch die Rentendebatte am Ende des laufenden Jahres wird - zwölf Monate vor der Bundestagswahl - nicht anders ausgehen, so daß sich der für 1960 zu erwartende Preisauftrieb dann in der neuerlichen Rentenerhöhung voll auswirken wird.

Auch sonst zeigt das staatliche Haushaltsgebaren wenig Neigung, sich den besorgten Sonntagsreden über das Schicksal der Mark anzupassen. Alle Ausgaben der Öffentlichen Hand - Bund, Länder, Gemeinden, öffentliche Zwangsversicherungen - zusammengenommen, verschlingen gegenwärtig mehr als 100 Milliarden Mark jährlich, oder rund 40 Prozent des westdeutschen Sozialprodukts* von etwa 247 Milliarden Mark.

Wie sehr staatliche Ausgabenfreudigkeit die Nachfrage aufbläht und damit die Preise treibt, wird noch deutlicher, wenn lediglich der Verbrauch des Staates für seine eigenen Hoheitsaufgaben als Maßstab dient: Während das bundesdeutsche Sozialprodukt im vergangenen Jahr um etwa 6,5 Prozent gewachsen ist, stieg der Staatsverbrauch um rund 8,5 Prozent. Allein durch Rüstungslasten lag im ersten Halbjahr 1959 der Staatsverbrauch sogar um 13 Prozent höher als im Vergleichszeitraum 1958 und erreichte damit gegenüber dem Sozialprodukt mehr als die doppelte Zuwachsrate.

Solche Ausgaben-Euphorie hatte kurz vor Jahresende zwar ein unfreundliches Memento der Deutschen Bundesbank an die Bonner Adresse provoziert, aber die Bereitschaft zu einer konjunkturgerechteren Haushaltstaktik ist angesichts der zahlreichen politischen Pressionen gering. Die Bundesbank selbst bemüht sich nach Kräften, die Geldschwemme einzudämmen - sie erhöhte im Oktober den Diskontsatz

um ein auf vier Prozent und die Mindestreservesätze* der Banken um zehn Prozent, Mitte Dezember noch einmal die Mindestreservesätze um zehn Prozent, und stellte damit etwa 1,5 Milliarden Mark kalt. Aber die Instrumente der Notenbank haben sich schon in der Vergangenheit bei Überliquidität als unzulänglich erwiesen (SPIEGEL 51/1959)

So stehen der handfesten Aussicht auf eine allgemeine Preiserweichung nur geringe und zudem wenig zuverlässige Kräfte entgegen:

- die Möglichkeit billiger Einfuhren,

- die Möglichkeit, die Devisenüberschüsse

durch Kapitalexport zu vermindern und

- die unverändert hohe Sparneigung der westdeutschen Einkommensbezieher.

Ob allerdings die westdeutsche Industrie in diesem Jahr noch einmal von einer Baisse der internationalen Rohstoffpreise wird profitieren können, ist ebenso fraglich wie die Bereitschaft, solchen Kostenbonus den Endverbrauchern durch niedrigere Preise auch zukommen zu lassen. Die billigen Rohstoffimporte der beiden vergangenen Jahre haben sich jedenfalls nicht preissenkend ausgewirkt. Problemattisch bleibt auch der Einfluß billiger Importe von Fertigwaren, etwa aus den asiatischen Niedrigpreisländern oder den europäischen Agrarstaaten. Derartige Zuflüsse werden durch Kontingente und die perfektionierte Marktordnung klein gehalten.

Ebenso muß es als unsicher gelten, ob der bei steigenden westdeutschen Exporten und Zinssätzen entstehende Devisenreichtum durch verstärkte Zahlungen an das Ausland kompensiert werden kann. Das Angebot Bonns, 800 Millionen Mark Schulden an die USA vorzeitig zurückzuzahlen, oder die im laufenden Jahr fälligen Rüstungszahlungen an ausländische Lieferanten in Höhe von 1,5 Milliarden Mark nehmen sich nicht sehr wirkungsvoll aus neben der gegenwärtigen Zuwachsrate der Devisenüberschüsse.

So wird das westdeutsche Sparwunder ziemlich allein dafür herhalten müssen, das Preiskarussell ein wenig zu bremsen. »Schon seit 1957«, attestierte Bundesfinanzminister Etzel dem Konsumentenvolk in seinen »Vorbemerkungen« zum kommenden Etat, »nimmt der private Verbrauch weniger zu als das Bruttosozialprodukt.« Für 1959 nimmt das Bundeswirtschaftsministerium ein Ansteigen des privaten Verbrauchs um fünf Prozent an. Die anhaltende Neigung, einen nennenswerten Teil des Einkommens nicht an den Ladentischen zu verjubeln, sondern zu sparen - die Sparquote der westdeutschen Masseneinkommen lag auch im vergangenen Jahr bei etwa neun Prozent, die Spareinlagen stiegen von 36 Milliarden auf rund 42 Milliarden Mark - dämpft die unmittelbare Konsumnachfrage und ist damit gegenwärtig die einzige spürbare Preisbremse.

Mithin bietet gerade das Verhalten der westdeutschen Lohn- und Gehaltsempfänger kaum Anlaß zu der heftigen Polemik; die Ludwig Erhard als bewährter Seelenmasseur dem »Volk« schlechthin angedeihen ließ: »Eine Gefahr«, so folgerte er mehr rhetorisch als schlüssig vor dem Bundestag, »droht nicht aus den Preisen, sondern sie droht von der Maßlosigkeit, die unser gesamtes Volk mehr und mehr erfaßt.«

Die Reaktion der Gewerkschaften auf das ministerielle Sprücheklopfen ließ denn auch wenig Zweifel an der gereizten Tonart, in der sich die Lohnkämpfe des Jahres 1960 abspielen werden. Ereiferte sich der DGB: »Diesen Anspruch der Arbeitnehmer auf gerechte Beteiligung (am Ertrag ihrer Arbeit) als maßlos' zu bezeichnen, ist nur unter Zugrundelegung eines völlig einseitigen Interessentenstaridpunktes verständlich.«

Auch bei den Unternehmern fanden Erhards Appelle wenig Anklang. Lästerte die industriebegeisterte »Deutsche Zeitung": »Maßappelle, wie sie der Bundeswirtschaftsminister ... liebt, sind nicht Methoden der Marktwirtschaft, sondern der Zwangswirtschaft... Gegenüber Verbrauchern und Erzeugern erweisen sie sich... als schädlich.«

Somit hatte sich Erhard in die Rolle des freudig begrüßten prominenten Prügelknaben manövrieren lassen. Es nützte ihm wenig, daß er seine wirtschaftspsychologischen Standpauken mit kräftigen Demonstrationen eines Dicke-Zigarre-Optimismus ausbalancierte ("Die Konjunktur des Jahres 1960 ist gefestigt") und treuherzig versicherte, er wolle nicht mit übereilten Alarmrufen schlafende Hunde wecken.

Die Atmosphäre war schließlich erregt genug, um dem Allvater Adenauer einen wirkungsvollen Auftritt als gutachtenheischender Schiedsrichter zu sichern. Er betraute den Notenbankpräsidenten mit der Lohn-Preis-Expertise - eine Aufgabe, die normalerweise dem Bundeswirtschaftsminister zufallen müßte.

Inzwischen schmiedete der Kanzler das heiße Eisen der Konjunktursorgen weiter für seine Werbezwecke: Er veranlaßte alle an Wirtschaftsfragen interessierten Bundesminister, das Konjunkturpalaver am 5. Januar in einer Sondersitzung fortzusetzen.

* Die Summe aller von der Volkswirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen, in Geld ausgedrückt.

* Die Banken sind verpflichtet, Mittel in Höhe eines von der Bundesbank bestimmten Prozentsatzes ihrer Einlagen als Mindestreserve unverzinst stillzulegen

Die Zeit

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