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Plutonium Hungrige Wölfe

Der mutmaßliche Nuklearschieber Adolf Jäkle verhandelt mit dem Kanzleramt: Gegen Hafterleichterung will er Atomverstecke nennen.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Unter dem salzarmen Titel »Arbeitstagung organisierte Kriminalität« diskutierten vorletzte Woche Experten aus fünf Ländern im Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA) die Bedrohung durch internationale Mobster. Am frühen Nachmittag des 20. Juli zogen sich drei der Herren zu einem Plausch in ein Hinterzimmer zurück. Es ging um einen Kriminal-Schocker und die Gefahr der nuklearen Apokalypse.

Kriminaldirektor Peter Krömer, Spezialist für Nuklearia aller Art im BKA, der Anwalt Gerhard Bätz aus dem badischen Rheinstetten und Bernd Schmidbauer, Koordinator der Geheimdienste im Kanzleramt, hatten sich gerade bekannt gemacht, da kam der Bonner Staatsminister auf eine fulminante Idee. Der BKA-Referatsleiter solle ihm doch gleich mal eine Verbindung zu dem Mandanten des Advokaten herstellen, einem Adolf Jäkle, der zur Zeit in der Justizvollzugsanstalt Erding einsitzt.

Über genau diesen Jäkle hatten sich die Fachleute am Rande des Treffens die Köpfe heißgeredet. Denn in der Garage des Geschäftsmanns im südbadischen Tengen-Wiechs war im Mai erstmals waffenfähiges Plutonium 239 aufgetaucht - der Stoff für die Bombe (SPIEGEL 29/1994). Dienste aus aller Welt interessieren sich nun für seine Hintermänner, doch Jäkle mauert bislang. Ein schwieriger Fall, ganz nach dem Geschmack von Schmidbauer, der dafür bekannt ist, daß er gern persönlich mitmischt.

Seit Jahren schon warnen Geheimdienstler, eines Tages werde irgendwo illegal waffenfähiges Atommaterial auftauchen. Nun ist der Tag X gekommen, und es geht zu wie immer in großen Fällen: Nur das Chaos ist eine verläßliche Größe. Neben dem Kanzleramt tummeln sich in dem Fall gleich mehrere Behörden, deutsche und andere, vom FBI bis zu Interpol. Entsprechend groß ist der Wirrwarr.

Unterdessen versucht Jäkle, mit dem Kanzleramt zu handeln. Gegen Hafterleichterungen will er aussagen und weitere Verstecke von nuklearem Material benennen.

Mit seinem ersten telefonischen Anlauf freilich kam Staatsminister Schmidbauer zunächst nur schleppend voran. Zwar sagte BKA-Fahnder Krömer den Beamten der bayerischen Justizvollzugsanstalt, der Herr Schmidbauer wolle schnell mit dem U-Häftling Jäkle konferieren. Doch Schmidbauer heißen in Bayern viele, allein in Erding gibt es mindestens sechs, mit d und auch mit dt. Erst nach mehreren Rückfragen der Justizbeamten wurde der Häftling aus der Zelle an den Apparat geholt.

Ein Gespräch unter Fachleuten hob an. Der gelernte Kfz-Meister Jäkle, 52, und der ehemalige Physiklehrer Schmidbauer, 55, fachsimpelten zunächst über Spaltstoffe, Strahlenmessungen und anderen Teufelskram. Schmidbauer, vom BKA erst jüngst mit der Auszeichnung »Staatsschutzeule für Nachtspäher« geehrt, zischte durch die Zähne: »Der Mann hat Ahnung.«

Dann fragte der Bonner Superagent nach der Herkunft des Plutoniums; Jäkle versicherte ihm, zu gegebener Zeit über Lieferanten und Lieferwege auszupacken. Das hat er dem Staatsminister inzwischen sogar schriftlich gegeben.

Einen »Bonbon« (Jäkle) bekam des Kanzlers Abgesandter schon vorab. In seinem Büro in Gottmadingen, erzählte Jäkle, müßten gleich unter der Treppe rechts zehn Behälter mit einer rätselhaften Quecksilber-Mischung lagern. Sofort setzte das Krisenmanagement ein.

Ein Hubschrauber mit vier Experten an Bord flog los, auch der Staatsanwalt mußte raus. Gegen 19 Uhr war der Alarm beendet, die Beamten meldeten Fehlanzeige. Andere Ermittler waren schneller gewesen und hatten die Gefäße längst gesichert - absolut harmloses Material.

Verärgert reagierte Staatsanwalt Götz Walter, 38, aus Konstanz, der als Strafverfolger für den Fall Jäkle (Aktenzeichen: 11 Js 172/94) zuständig ist. »Ihr Ansprechpartner ist nicht das Bundeskanzleramt«, raunzte der Ermittler Jäkles Anwalt Bätz an. Doch der konnte, dank Schmidbauer, darauf hinweisen, daß »der Bundeskanzler selbst die Angelegenheit zur Chefsache gemacht hat«.

Höher geht''s nicht. Resigniert klagt ein Beamter des Landeskriminalamtes in Stuttgart über die »Einmischung von ganz oben«. Schmidbauer gab Bätz gar eine Empfehlung der Regierung: Der Anwalt sei, so schrieb der Minister am 21. Juli, »in einer wichtigen Angelegenheit für Bundesbehörden« tätig.

Während das Kanzleramt die Ermittler düpiert, zeigt sich auch, daß die auf internationalen Konferenzen vielbeschworene Solidarität beim gemeinsamen Kampf gegen die Atom-Mafia nur aus schönen Worten besteht.

Nach einer Analyse des Europäischen Instituts für Transurane in Karlsruhe stammt »Fund 13«, wie Jäkles Plutonium intern genannt wird, aus dem militärischen Nuklearkomplex Rußlands. BKA-Hauptabteilungsleiter Leopold Schuster erklärte, bisher gebe es »keinen Anlaß«, an der Herkunft des Stoffes »zu zweifeln«. Auch Schmidbauer ist sich bombensicher: »Der muß aus Rußland stammen.«

Das sehen die Russen ganz anders. Sie wiegeln ab: »Solche Diebstähle hat es nie gegeben«, sagt Innenminister Wiktor Jerin. »Mit der Begründung, man müsse die eigenen Agenten schützen«, würden deutsche Ermittler ihnen zudem wichtige Informationen vorenthalten, klagt Kirill Sidorow, zuständiger Abteilungsleiter beim russischen Geheimdienst (siehe Interview Seite 61).

Als bedingt einsatzbereit erweisen sich auch die Amerikaner. Bei einem US-Hearing hatte beispielsweise jüngst Senator Sam Nunn vor der »Bedrohung der internationalen Sicherheit« durch die Nuklear-Schmuggler gewarnt. Große Worte, kleine Gesten: Ein FBI-Büro in Moskau soll zwar gemeinsam mit den Russen gegen die Exporteure des Todes kämpfen, doch im Fall Jäkle bringt das wenig. Der erste US-Resident wird im Januar 1995 in der russischen Hauptstadt erwartet. Er beherrscht die Sprache noch nicht.

Weltweit trifft die Entwicklung die Verfolgungsbehörden unvorbereitet. Weitsichtig hatte BKA-Chef Hans-Ludwig Zachert schon vor knapp zwei Jahren erkannt, daß die Polizei »unerfahren, unversiert und unbeholfen« auf die neue Art des Verbrechens reagiere. Er hatte im Herbst 1992 über fehlende Schutzanzüge und Transportbehälter für Atom-Trödel geklagt.

Heute geht es um mehr: Terroristen und Despoten könnten mit dem nuklearen Ernstfall drohen. In das Vakuum, das die kommunistische Weltrevolution hinterlassen hat, kann mit einem selbstgebastelten Atomsprengsatz die Weltrevolution des Verbrechens platzen.

Die Kriminalitätsforscher gebrauchten auf ihrer Wiesbadener Tagung schon die Ausdrücke »vor Tengen« und »nach Tengen« - ganz so wie es heißt: »vor der Wende« oder »nach der Wende«.

Der »Point of no return« sei gekommen, hat Jäkle am Donnerstag vergangener Woche in seiner Zelle auf einen Schmierzettel notiert. Der Kaufmann pokert nun hoch, sehr hoch.

Durchaus staatsmännisch versichert er manchmal, »daß es im nationalen und auch in meinem Interesse liegt, den Fall aufzuklären«. Sonnenhell scheinen seine Erinnerungen, wer da im wilden Osten schachert. Aber wenn es um Details geht, legt Jäkle einen Schleier über das Ausmaß des Geschäfts und macht dunkle Andeutungen, mehr noch nicht.

»Das Plutonium ist mein Trumpf«, weiß Jäkle. Er fordert bessere Haftbedingungen, vielleicht sogar eine Haftentlassung. _(* Urananreicherungs-Anlage Tomsk 7. ) Mit Schmidbauer hat er über das Thema gesprochen. »008«, wie der Staatsminister auch genannt wird, wirkte verständig.

Jäkle sei ein »vielschichtiger Mann«, sagt der ermittelnde Staatsanwalt Walter. Gesprächspartner schildern den Händler als »hellwachen Typ mit Neigung zur Melancholie«.

Er kenne, ließ Jäkle die Fahnder durch Emissäre des Kanzleramtes wissen, »noch eine weitere Lagerstätte für Plutonium«. In Österreich und Deutschland sei zudem hochangereichertes Uran versteckt. Überdies komme das Plutonium über andere Länder als den ehemaligen Ostblock in die Bundesrepublik. Der Handel funktioniere auch nicht so, wie bislang spekuliert wird. Sogar die Adressen von Käufern, so Jäkle, seien ihm geläufig.

Der Bundesnachrichtendienst zumindest müßte davon wissen. In einer Expertise für das Auswärtige Amt sind sich die Agenten jedoch sicher, daß es »nur eine Anbieterseite« und keine Käufer gibt. Fahnder rätseln nun, ob Jäkle blufft oder nicht.

Der Stoff, der bei ihm gefunden wurde, ist zwar wegen der geringen Menge noch nicht sonderlich bedrohlich; sechs Gramm reichen bei weitem nicht für eine Bombe. Aber die Strafverfolger sind ziemlich sicher, daß es sich nur um ein Lockmittel für potentielle Käufer handelte.

Auch nach Ansicht des Chefermittlers Schmidbauer ist das eine »Probemenge« gewesen. »Wenn es gelingt, solches Material bei uns einzuschmuggeln, dann ist auch davon auszugehen, daß es mehr Material geben könnte, das irgendwo gebunkert wird.«

Über weitere mindestens 60 Gramm Plutonium werde er eines Tages vielleicht reden, kündigt Jäkle an. Der Stoff liege in der Schweiz. »Wir gehen jeder Spur nach«, sagt Peter Lehmann von der Berner Bundesanwaltschaft. Wohnungen, Geschäfte und Lagerräume von Jäkle-Partnern wurden gefilzt, aber die Nachforschungen erweisen sich als zäh und äußerst schwierig.

Beharrlich versuchen das Landeskriminalamt Stuttgart und die Staatsanwaltschaft Konstanz, Indiz mit Indiz zu verknüpfen. Halten die Knoten, wird es ein Netz. Mit 3500 Namen, Daten und Adressen fütterten die Ermittler ihren Polizeicomputer.

Das meiste Material stammte aus zwei grünen Kladden, die bei Jäkle gefunden wurden, sowie aus zwei Karteikästen aus Plastik und einem Adreßbuch.

Eine Spurensuche im Labyrinth: Jäkle hatte Verbindungen rund um den Globus. Arabische und fernöstliche Namen und Firmen tauchen auf. In Osteuropa kennt er sich aus. Mit Wissenschaftlern, Mitarbeitern russischer Atombetriebe und Militärs saß Jäkle an einem Tisch. Auch hierzulande war er im Geschäft.

Eine Welt voller Gefahren, denn in der Branche herrschen rauhe Bräuche. Von Morddrohungen gegen sich berichtete Jäkle den Ermittlern, er bat um Personenschutz. Er selbst freilich ging auch nicht immer sanft mit Kontrahenten um. »Mein Arm ist lang«, warnte er einen früheren Partner. Der verstand.

Der Tengener Kaufmann war vermutlich das letzte Glied einer Kette von weltweit operierenden Schiebern. Keine nüchtern kalkulierenden Kaufleute handeln da, sondern hungrige Wölfe, die zuschnappen, sobald sie den Geruch von Geld in der Nase haben.

Die Ermittler vermuten mittlerweile, daß Jäkles Plutonium von Laien verpackt worden ist. In dem Plastikfläschchen mit den sechs Gramm des tödlichen Pulvers wurden Glassplitter entdeckt. Offenbar steckte der Spaltstoff zuvor in einem Glas, das zu Bruch gegangen war.

Rätsel gibt die Mischung mit der Quecksilber-Antimon-Verbindung Red Mercury auf. Wer mit Plutonium dieser Art eine Waffe bauen möchte, müßte erst durch aufwendige chemische Prozesse das Quecksilber herauslösen.

Während die Fahnder grübeln, sitzt Jäkle in Erdinger Einzelhaft und malocht als Vorarbeiter. Nebenbei kümmert er sich rührend um Abschiebehäftlinge.

Jäkle, der Heimweh hat und - koste, was es wolle - in einen baden-württembergischen Knast verlegt werden möchte, hat seiner Frau in den letzten Wochen 41 Briefe geschickt, darunter richtige Gedichte. Aber nur ein paar davon sind angekommen - ein weiteres Rätsel. Y

* Urananreicherungs-Anlage Tomsk 7.

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