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Ich bekenne mich

aus DER SPIEGEL 37/1989

Als der Parlamentarische Rat gebildet wurde und die CDU/CSU den Präsidenten stellen durfte, hieß es im Wirtschaftsrat, daß man dieses Amt Adenauer für einen ehrenvollen Abschied aus dem politischen Leben überlassen wolle, für einen honorigen Wechsel in das politische Rentnerdasein, als Übergang von der Vita activa in die Vita contemplativa. Diese Auszeichnung müsse man Adenauer noch zugestehen, danach sei Schluß. Konrad Adenauers letzte Station dürfe nicht seine Entlassung als Oberbürgermeister durch die Briten gewesen sein - das war unsere einhellige Meinung.

Es herrschte eine oft unausgesprochene Animosität gegen Adenauer in den Unionskreisen des Wirtschaftsrates. Der Rheinländer sei autoritär, verstehe nichts von Wirtschaft, denke restaurativ bis reaktionär - das waren die wichtigsten Punkte. Die Vorstellung von Adenauer als Außenpolitiker spielte keinerlei Rolle, sie lag völlig außerhalb des damaligen politischen Denkens. Diskutiert wurde über Adenauer als den bestimmenden Mann einer Partei, die sich in manchen Punkten ihres Ahlener Programms gefährlich nah am Sozialismus bewegte.

Bevor sich Adenauer überhaupt als Kanzler ins Spiel bringen ließ oder von anderen ins Spiel gebracht wurde, stand Erhard für Bonn als künftiger Minister fest, allerdings nur in einer marktwirtschaftlich orientierten Koalition. Die Bedingung dafür, daß Ludwig Erhard sich überhaupt zur Verfügung stellte als Nummer eins der Wirtschaftspolitik der Union, war die Ersetzung, zumindest die deutliche Abschwächung des Ahlener Programms durch die Düsseldorfer Leitsätze, deren Spiritus rector Franz Etzel war. Etzel hat Erhard mit dieser klaren Absage an die Ideen und Ziele des Ahlener Programms den Weg gebahnt. Viele Jahre später haben wir uns in der CSU entschieden dagegen gewehrt, daß Kurt Biedenkopf und seine Freunde das Ahlener Programm wieder ausgraben wollten als Leitlinie einer christlich-sozialen Wirtschafts- und vor allen Dingen einer christlich-sozialen Gesellschaftspolitik.

Erhard hat damals in meiner Anwesenheit gesagt, daß er für den Fall, daß eine Große Koalition zustande käme oder die Düsseldorfer Leitsätze und ihre Politik der Sozialen Marktwirtschaft wieder in Frage gestellt würden, nicht zur Verfügung stehe. Die Haltung Erhards war dann eines der Argumente Adenauers für die Bildung der Kleinen Koalition.

Das Meinungsbild bezüglich der zu bildenden Koalition war innerhalb der CDU außerordentlich schwankend und unentschieden. Konrad Adenauer und Ludwig Erhard waren entschieden gegen ein Zusammengehen mit der SPD. Sie fürchteten in diesem Fall einen starken Verlust an Glaubwürdigkeit für die Union, weil sich in der leidenschaftlichen Wahlkampfschlacht die SPD in polemischer Weise gegen den wirtschaftspolitischen Kurs von CDU und CSU ausgesprochen hatte. Unterstützt wurde dieser Standpunkt unter anderem von Theodor Blank, der ebenfalls auf die Wahlkampfagitation der SPD verwies, mit der sinnvoller- und vernünftigerweise nicht zusammengearbeitet werden könne.

Deutliche Position für eine Koalition mit der SPD und gegen ein Bündnis mit der FDP hatte schon im Vorfeld Karl Arnold bezogen, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Mitglied des Vorstandes der CDU Rheinland. Peter Altmeier, ein Wortführer dieser Richtung, und Gebhard Müller sprachen sich für eine Große Koalition aus. Die Argumentation der Befürworter einer Großen Koalition - die Größe der Aufgaben sowie die Unpopularität der notwendigen Maßnahmen erforderten eine breite parlamentarische Basis, keine der großen Parteien dürfe politischen Gewinn schlagen aus dem Streit um das unbequeme Notwendige - setzte sich jedoch nicht durch.

Natürlich waren von diesen CDU-Leuten im Hintergrund bereits Gespräche mit der SPD geführt worden, die ihrerseits Bereitschaft zur Großen Koalition signalisiert hatte. Werner Hilpert in Hessen, Karl Arnold in Nordrhein-Westfalen, Gebhard Müller in Baden-Württemberg, sie alle hatten gute bis sehr gute Beziehungen zur SPD. In diesen CDU-Kreisen also war man auf eine Große Koalition programmiert, bereit zur Schaffung von österreichischen Verhältnissen. Dabei spielten Überlegungen, wie man die Frage der deutschen Einheit in Bewegung halten und außerdem die SPD daran hindern könne, eine Entwicklung in Richtung SED zu nehmen, nach meinem Wissen keine Rolle. Die Wirtschaft dominierte, die Überwindung der materiellen Not stellte alle anderen Probleme in den Schatten. An der Frage der Einheit des Reiches konnte zwar niemand vorbei, aber ebenso wie die Frage nach den außenpolitischen Orientierungen und Zielsetzungen war sie von weit nachgeordneter Bedeutung. Das zentrale Problem war: Wie werden wir mit der täglichen Not fertig?

In der CSU gab es gegen den von mir und anderen vertretenen Kurs in Richtung auf eine Kleine Koalition keine großen Widerstände, wir konnten uns mit dieser Argumentation durchsetzen. Probleme aber gab es mit großen Teilen und wichtigen Männern der CDU. Was Gebhard Müller, ein kompromißloser Verfechter der Großen Koalition, in seiner Notiz nur angedeutet hat, hatte ich in der Tat mit einer Klarheit, die keinen Zweifel ließ, gesagt: Wenn die CDU mit der SPD eine Koalition eingehe, sehe sich die CSU nicht in der Lage, an dieser Koalition teilzuhaben, und werde es vorziehen, in die Opposition zu gehen!

Diese Äußerung hat Adenauer in einer raffinierten taktischen Finte ausgenutzt. Er sah die Chance zu einer Entscheidung des Themas in seinem Sinne gekommen und packte zu. Die Versammlung habe ja nun »unseren jungen Freund aus Bayern« gehört. Die Frage laute jetzt nicht mehr Kleine oder Große Koalition. Die Frage sei jetzt, ob die Union sich spalten oder beisammen bleiben solle. Wenn die CDU in die Regierung und die CSU in die Opposition gehe, gebe es keine Einheit der Union. Wer von den Anwesenden sei gegen die Einheit der Union? Natürlich war niemand dagegen. Adenauer: Damit sei auch entschieden, daß wir eine Kleine Koalition eingehen. Es war eine Meisterleistung!

So überrascht, wie Adenauer in seinen Erinnerungen berichtet, war er, als es in seinem Rhöndorfer Heim um seine Kanzlerschaft ging, natürlich nicht. Adenauer schreibt in seinen Memoiren: »Ich schnitt dann die Frage der Besetzung der Ämter des Bundespräsidenten und des Bundeskanzlers an. Ich war überrascht, als einer der Anwesenden meine Ausführungen unterbrach und sagte, daß er mich als Bundeskanzler vorschlage. Ich sah mir die Gesichter an und meinte dann: ,Wenn die Anwesenden alle dieser Meinung sind, nehme ich an. Ich habe mit Professor Martini, meinem Arzt, gesprochen, ob ich in meinem Alter dieses Amt wenigstens noch für ein Jahr übernehmen könne. Professor Martini hat keine Bedenken. Er meint, auch für zwei Jahre könne ich das Amt ausführen.'«

Das Protokoll von Gebhard Müller, in dem die Entschlossenheit Adenauers, Regierungschef zu werden, wesentlich profilierter zum Ausdruck kommt, ist der Wahrheit angemessener: »Die wichtigste Persönlichkeit ist der Bundeskanzler. Präsident soll ein anderer werden, ich will Kanzler werden. Ich bin 73 Jahre. Aber ich würde das Amt des Kanzlers annehmen, weil 1. der Bundespräsident aus dem Parteileben ausscheiden muß, der Kanzler nicht. Ich habe in der britischen Zone Autorität. Unsere Partei ist noch nicht so gefestigt, daß wir die großen Aufgaben auf die Dauer bei meinem Ausscheiden erfüllen können, die uns der vorige Sonntag gestellt hat. Gute Zusammenfassung auf die Dauer ist erforderlich. 2. Ich verfüge über gewisse Erfahrung in staatlichen Dingen und in der Verwaltung. 3. Habe stärkere Ellbogen, als ich früher geglaubt hätte.«

Zuletzt ging es um die Person des Bundespräsidenten. Nur am Rande dachte man noch daran, dieses Amt als Trostpreis der SPD zu geben, ernsthaft verfolgt wurde dieser Plan nicht. Anders als die Entscheidung für die Kleine Koalition, war dies für mich kein Thema. Es war klar, daß die zweitstärkste Koalitionspartei am Zuge war - die CSU hatte damals 24 Mandate, die FDP dagegen 52. Deshalb gab es in der CSU keine Bedenken, weder daß die FDP den Präsidenten stellte, noch gegen die Person von Theodor Heuss. Adenauer war auf die FDP festgelegt, die er einbinden wollte. Deshalb sollte ihr eines der wichtigsten Staatsämter, das dem Protokoll nach höchste, zuerkannt werden.

Erst bei der Rhöndorfer Konferenz kristallisierte sich für mich unter den vielen Mitbewerbern Konrad Adenauer als die überragende politische Figur der Konservativen heraus. Das lag nicht zuletzt an dem Altersunterschied von mehr als einer Generation. Bei uns jüngeren Politikern aus der Front- oder Kriegsgeneration gab es überhaupt keine Erinnerung an den Weimarer Politiker Adenauer, sowohl als preußischer Staatsrat wie als Oberbürgermeister von Köln war er mir völlig fremd. Erst bei der Rhöndorfer Konferenz habe ich gemerkt, daß die anderen im Vergleich zu ihm unterschiedlich kleine Zwerge waren.

Sein Alter setzte Adenauer immer wieder gekonnt als taktisches Mittel ein. Damals gab es noch keine Brücke zwischen Bonn und Beuel, Adenauer, der in Rhöndorf wohnte, war also auf die Fähre angewiesen. Als wir im September 1949 im sogenannen Roten Zimmer im alten Parlamentarischen Rat, dem späteren Bundestag, zusammentraten, um über die Besetzung einiger Posten zu sprechen, hat Adenauer sein Alter geradezu meisterhaft ins Spiel gebracht. Wir sollten doch daran denken, daß er 73 Jahre sei, »eine alte Mann«, und daß er morgen wieder den ganzen Tag arbeiten müsse; die letzte Fähre gehe in 15 Minuten, wenn er die verpasse, müsse er über Köln fahren, das koste ihn eine Stunde, wir hätten doch sicher Verständnis. »Also gute Nacht, meine Herren« - und draußen war er. Am nächsten Tag wurde er zum Bundeskanzler gewählt.

Die Meisterschaft im Taktieren, zu der sicherlich auch ein Stück Rücksichtslosigkeit gehörte, beherrschte Adenauer nicht nur im Umgang mit deutschen Partnern oder Konkurrenten. Auch gegenüber den Alliierten verfügte er über diese Kunst. Zwar war in der Nachkriegszeit die Vorstellung, es könne jemand das Vertrauen der Amerikaner verlieren, für die politische Karriere des Betreffenden absolut tödlich, ohne dieses Vertrauen ging nichts. Dennoch hat Adenauer sehr früh und sehr bewußt wiederholt einen begrenzten Konflikt mit den Alliierten in sein Kalkül einbezogen.

Am deutlichsten wurde das am 21. September 1949, als er die Bundesregierung auf dem Petersberg vorstellte und das Besatzungsstatut übergeben werden sollte. Statt vor dem Teppich stehenzubleiben, wie es die Hohen Kommissare wohl erwartet hatten, stellte sich Adenauer prompt auf den Teppich. Diese Geste verstand jeder, der einen Sinn für Symbolik hat. Adenauer hat es immer als nützlich angesehen, ein Stück Spannung im Verhältnis zu den Alliierten zu haben, sozusagen ein Stück Nicht-Identität, um so den deutschen Preis möglichst hoch zu halten, was ihm ja auch meisterhaft gelungen ist.

Auch in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner war Adenauer nicht kleinlich, nicht pingelig, wie er selbst zu sagen pflegte. Vom ersten Moment an gab es eine scharfe Polarisierung zwischen Regierung und Opposition. Diese Polarisierung kam sicherlich durch Schumacher, aber es wäre ungerecht, sie dem SPD-Vorsitzenden allein anzulasten. Auch Adenauer hat diese Polarisierung gewollt und genutzt. Er erkannte ihre solidaritätsbildende Wirkung für die eigene Partei und die eigene Koalition. Ein harter parteipolitischer Kampf führte zum Schulterschluß in den eigenen Reihen, machte für den Mann an der Spitze das Regieren leichter.

Adenauer verstand den Umgang mit Parteien im allgemeinen und mit befreundeten Parteien im besonderen. Er kannte ihre Vorzüge und Schwachstellen, wußte, wie sie zu behandeln und wie ihre Führer zu nehmen waren. So war Adenauer, weil er uns für seine Strategien und Mehrheiten als unentbehrlich ansah, nie in Versuchung, der CSU in Bayern selbst Konkurrenz zu machen. Das war für ihn völlig undenkbar.

Dazu steht mir eine Szene aus den späten fünfziger Jahren lebendig vor Augen. Wir flogen von Bonn nach Berlin in einer amerikanischen Militärmaschine, Adenauer in Begleitung seines Sohnes Max. Wir kamen in ein Gespräch über die Rolle der CSU, und Max Adenauer meinte, wir seien uns doch darüber im klaren, daß die CSU von der Gnade der CDU lebe; wenn die CDU Ernst machte in Bayern, dann gebe es bald keine CSU mehr. Ich sagte zu ihm: »Da täuschen Sie sich ganz gewaltig, da kennen Sie Bayern nicht, da kennen sie die CSU nicht. Im übrigen halte ich diesen Teil des Gesprächs für denkbar unerfreulich.«

Am nächsten Morgen frühstückten wir im Gästehaus Gehrhus in Berlin-Grunewald. Ich hatte das Gespräch im Flugzeug, über das ich mich innerlich sehr geärgert hatte, schon fast vergessen. Plötzlich sagte Adenauer: »Ich habe gestern abend meinen Sohn zur Rede gestellt. Ich mißbillige seine Äußerungen. Er wird sich bei Ihnen entschuldigen.« So geschah es.

Adenauer hat uns gegenüber stets bewußt eine Politik der Nichteinmischung und der ehrlichen Partnerschaft betrieben. Für ihn waren wir das, was viele Jahre später in einer allerdings mißglückten Konstruktion die FDP für Kohl wurde. Adenauer hat uns immer gegen die eigene Partei, die CDU, ausgespielt, wenn er uns brauchte, hat uns oder unsere Haltung vorgeschoben, wenn ihm dies hilfreich zur Durchsetzung eigener Ziele war. Er sah in der CSU ein Scharnier, sie war für ihn Angel- und Stützpunkt seiner pragmatischen Politik.

Notwendigerweise gehört es zur Führung einer Koalition, immer eine Partei gegen die andere auszuspielen. Helmut Schmidt hat dies ebenfalls mit der FDP versucht, was ihm allerdings zum Schluß nicht gut bekommen ist. Aber wir waren und sind nicht eine reine Koalitionspartei, wir sind Koalitionspartei und Unionspartei, also hat die CSU hier eine Doppelrolle. Für Adenauer war die Regierungspolitik handlicher und leichter zu handhaben mit einer CSU, die er notfalls auch gegen die CDU oder die FDP ausspielen konnte beziehungsweise eine gegen zwei oder zwei gegen eine. Es waren mehrere Instrumente, die er beherrschte, aber das Spiel war auch schwieriger und gefährlicher. Aus diesem Grunde hat er uns auch drei Minister konzediert.

Zu Adenauers Regierungsstil gehörte, den Kreis der Mitwirkenden oder auch nur der Eingeweihten möglichst klein zu halten. Das Petersberger Abkommen etwa hat er praktisch allein ausgehandelt. Das Kabinett hat er so gut wie überhaupt nicht informiert, und die Fraktionen, auch CDU und CSU, nahmen das hin.

Man muß dabei berücksichtigen, daß die CSU in ihre Rolle der selbstbewußten Eigenständigkeit in der Außen- und Verteidigungspolitik erst im Lauf der Jahre hineingewachsen ist. Noch stand die Wirtschaftspolitik mit ihrer wörtlich zu nehmenden Sorge um das tägliche Brot für die große Mehrheit der Fraktion im Vordergrund. Es herrschte die allgemeine Überzeugung, daß Adenauer recht handelte und den richtigen Instinkt hatte, die schwierigen außenpolitischen Geschäfte zu meistern - und diesen Instinkt hatte er.

Für Adenauer mußte, wenn er in Schwierigkeiten geriet, im Zweifelsfall immer sein Freund John Foster Dulles herhalten. »Vergessen Sie nicht, daß der Herr Dulles zu mir gesagt hat«, war eine stehende Redewendung. Ob der US-Außenminister den entsprechenden Satz gesagt oder ob Adenauer ihn erfunden hatte, war unerheblich, wenn er nur gepaßt hat.

Als es wieder einmal eine kritische Situation gab, griff er nach einem Stück Papier und sagte, er habe da eine Depesche erhalten - er hat nicht von Telegramm oder Fernschreiben gesprochen, sondern von Depesche -, die vom amerikanischen Außenminister stamme und deren Inhalt er uns mitteilen wolle. Da ich sehr nahe saß, stellte ich fest, daß es sich bei der »Depesche« um die Speisekarte des Bonner Hotels »Königshof« handelte.

Die SPIEGEL-Berichte vom 6. und 13. Oktober 1954 über eine Äußerung Adenauers aus einem nächtlichen Gespräch mit Luxemburgs Ministerpräsident Joseph Bech im Londoner Claridge-Hotel, die ausnahmsweise richtig waren, führten zu großer Aufregung und lösten eine publizistische Welle aus. Adenauer warnte vor einem deutschen Nationalismus: »Wenn ich einmal nicht mehr da bin, weiß ich nicht, was aus Deutschland werden soll, wenn es uns nicht doch noch gelingen sollte, Europa rechtzeitig zu schaffen.« Er glaubte, man müsse die Deutschen vor sich selbst bewahren.

Zu sagen, daß Adenauer die Deutschen gefürchtet hätte, ginge zu weit. Gefürchtet hat er eine Überbetonung des Zieles der deutschen Einheit, seine Sorge war, daß damit die Bindung an den Westen gestört oder gar zerstört werden könnte. Er hatte Angst, daß die Deutschen sowjetischen Offerten, wie den Stalin-Noten von 1952 und ähnlichen späteren Verwirrungsangeboten, zum Opfer fallen könnten. Das war der Grundtenor jenes Londoner Gesprächs: Mein Gott, was soll aus Deutschland werden!

Adenauers Sorge über die Deutschen konnte ich verstehen, wenn auch nicht unbedingt in allen Punkten teilen. Ich verfügte nicht über den so viele Geschichtsräume umfassenden Erfahrungsschatz Konrad Adenauers, über den ich einmal gesagt habe, er habe alles erlebt und das Gegenteil von allem. Als bei meiner Generation um 1930 allmählich ein gewisses politischhistorisches Bewußtsein erwachte, hatte Adenauer, der zu diesem Zeitpunkt in die zweite Hälfte seines Lebens trat, schon wichtige politische Ämter als Kölner Oberbürgermeister und Präsident des Preußischen Staatsrates bekleidet.

Golo Mann hat Adenauer einmal »Staatsmann der Sorge« genannt, eine Bezeichnung, an der viel richtig ist, die aber Politik und Persönlichkeit des ersten Kanzlers nicht voll erfaßt. Im Hinblick auf Adenauers Sicht der Vergangenheit, auf seine tragische Analyse der deutschen Geschichte, die in der Katastrophe münden mußte und in der Zukunft in Katastrophen münden würde, wenn die von ihm gezogenen Lehren, die sich in seiner Politik niedergeschlagen hatten, von seinen Nachfolgern in den Wind geschlagen würden, nenne ich Adenauer einen »Staatsmann des sorgenvollen Triumphs«. Aber auch einen »Staatsmann der Freude« hinsichtlich dessen, was in kurzer Zeit unter Ausnutzung der internationalen Gezeiten erreicht worden ist.

Die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU war für mich durch die Praxis des Wirtschaftsrates vorgeprägt. Hintergedanken, daß auf diese Weise die CDU daran gehindert würde, in Bayern aufzutreten, gab es auf unserer Seite nicht. Die geographische Aufteilung von CDU und CSU war selbstverständlich, das stand nie zur Diskussion. Ein entsprechender Schritt der CDU hätte sofort zur Gründung der CSU außerhalb Bayerns geführt. Davor mußte die CDU viel mehr Angst haben als wir.

Die Fraktionsgemeinschaft gründete auf einem ungeschriebenen, nicht kodifizierten Vertrag, formelle und detaillierte Abmachungen gab es nicht. In der Zwischenzeit gibt es Fraktionsverträge bei Beginn jeder Legislaturperiode, die unter anderem festlegen, daß Grundsatzentscheidungen oder verfassungsändernde Entscheidungen nicht auf dem Wege der Mehrheitsbildung in der Fraktion gegen die CSU getroffen werden dürfen.

Divergierende Meinungen und Streitigkeiten zwischen CSU und CDU gab es in den Anfangsjahren nicht, jedenfalls nicht in Haupt- und Grundsatzfragen. Zu gravierenden Auseinandersetzungen zwischen CDU und CSU kam es erst in der Zeit der 1969 beginnenden Opposition. Es ging vor allem um die Frage, wie der Kampf gegen die Ostpolitik von SPD und FDP zu führen sei. Die CSU ist hier von der CDU regelrecht hintergangen worden. Der Partner der Fraktionsgemeinschaft, verkörpert in der widersprüchlichen Taktik Rainer Barzels, hat uns gegenüber eine üble und wenig partnerschaftliche Rolle gespielt. Seither gibt es auf unserer Seite ein erhebliches Mißtrauenspotential. Was in diesen Oppositionsjahren bedenklich aufschien, ist seither in manchem quälenden Prozeß immer wieder sichtbar geworden.

1949 begann die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU in pragmatischer Harmonie. Adenauer entwickelte eine eindrucksvolle Autorität, das Wort von der Kanzlerdemokratie ging früh um. Über Adenauer wurde, was er mit anderen Großen teilt, nur in seiner Abwesenheit geschimpft. Aufgrund seiner Amtsstellung, seiner internationalen Reputation, auch seiner unbestrittenen Führungsrolle in der eigenen Partei gewann er sehr schnell Eigengewicht. Seine Autorität hatte auch eine große Reichweite hinein in die Reihen der CSU.

So gab es kaum Streitigkeiten innerhalb der Fraktion, aber bald einige gewaltige Auseinandersetzungen mit Adenauer selbst, etwa bei der Planung für den deutschen Verteidigungsbeitrag, die ich von Anfang an für verfehlt, überzogen und undurchführbar hielt, oder bei steuerpolitischen Themen. Daß in den Anfangsjahren wenig gestritten wurde, lag bestimmt nicht daran, daß die CSU anders, friedfertiger gewesen wäre als später. Es gab einfach weniger Anlaß zu Konflikten, weil es noch mehr Übereinstimmung im Grundsätzlichen gab.

Ich selbst arbeitete unmittelbar nach meiner Wahl in den Bundestag in dem Bereich, aus dem ich kam. Im Bayerischen Innenministerium war ich zuletzt Leiter des Landesjugendamtes gewesen, und so übernahm ich in Bonn den Vorsitz im Jugendfürsorgeausschuß; Jugendwohlfahrtsgesetz und Jugendschutzgesetz waren meine spezifischen Aufgaben. Auch meine erste Rede im Bundestag war eine jugendpolitische Rede.

Eine der ersten Krisen in der Anfangsphase des Kabinetts Adenauer war der Rücktritt von Innenminister Gustav Heinemann im Oktober 1950, der schon im Zusammenhang mit einem deutschen Wehrbeitrag stand, aber tiefere Ursachen hatte. Der überzeugte Protestant Heinemann hatte gegenüber der Bundesrepublik Deutschland, die er für eine Rheinbund-Republik hielt, tiefste Vorbehalte.

Ich saß neben Gustav Heinemann in der ersten Fraktionssitzung nach der Sommerpause 1950. Adenauer hielt wie immer ein politisches Einleitungsreferat und begründete sein an die westlichen Besatzungsmächte gerichtetes Memorandum, in dem er die Aufstellung deutscher Streitkräfte anbot unter der Voraussetzung einer unbedingten Sicherheitsgarantie der Westmächte, vor allem der Amerikaner. Rechts von mir am Vorstandstisch saß Heinrich von Brentano, links von mir Heinemann.

Er fragte mich, ob ich es für richtig halte, daß wir jetzt schon Militär aufstellen. Meine Antwort: Ich sei zwar auch nicht von heller Begeisterung beflügelt, aber dieser Schritt sei notwendig. Heinemann darauf: Wenn wir eine starke Polizei aufstellen würden statt einer Wehrmacht, dann könnte man einverstanden sein. Aber die Aufstellung einer Wehrmacht führe dazu, daß die deutsche Spaltung vertieft werde; dann komme das Militär auch drüben. Ich erwiderte ihm darauf, daß es in der sowjetischen Besatzungszone doch schon die kasernierte Volkspolizei gebe, die jederzeit in eine Armee umgewandelt werden könnte.

Die Volkspolizei hatte sogar schon eine Luftwaffe aufgestellt. Der Major hieß zwar noch Volkspolizeirat, in Klammern aber stand schon LW für Luftwaffe dahinter. Dieses Wissen ist mir durch ein höchst mysteriöses Erlebnis zuteil geworden. Chefpilot der Flugbereitschaft Wahn war ein Major Eisenreich. Er flog den Bundeskanzler und auch den Verteidigungsminister mit einer viermotorigen Maschine, einem mühsamen Vogel. Als ich einmal mit ihm in Hannover startete und nach einer halben Stunde aus dem Fenster blickte, waren wir wieder über Hannover. In Hamburg sind wir dann mit großer Verspätung eingetroffen.

Später hat mir dann der Militärische Abschirmdienst (MAD) gebeichtet, was es mit diesem Flugzeugführer und mit meinem merkwürdigen Flug auf sich hatte. Kopilot war ein Stabsunteroffizier namens Friedrich, der kurz nach dem Abflug Major Eisenreich darauf hinwies, daß er einen falschen Kurs fliege. Major Eisenreich aber flog unbeirrt weiter. Nach fünf Minuten meldete sich Friedrich wieder: »Herr Major, Sie fliegen einen falschen Kurs!« Barsche Antwort: »Halten Sie Ihren Mund, das weiß ich besser als Sie!« Nach einer weiteren Pause: »Herr Major, wenn Sie jetzt nicht den Kurs um 180 Grad ändern, verständige ich die Passagiere. Wir sind weit in der DDR.« Daraufhin wurde der Kurs geändert, und deshalb waren wir, als ich aus dem Fenster blickte, immer noch über Hannover. Wir müssen ungefähr 100 Kilometer tief im Luftraum der DDR gewesen sein. Weil wir im Luftkorridor flogen, blieben wir unbemerkt, was anders ausgesehen hätte, wenn wir die Route der Verkehrsflugzeuge verlassen hätten.

Erste Zweifel an den Fähigkeiten von Major Eisenreich waren nach einer Nachtlandung in Landsberg am Lech aufgetaucht, als er seine Maschine nicht herunterbrachte und schon am Tower vorbei war, ehe sie den Boden berührte. Nur durch ein quietschendes Bremsmanöver brachte er das Flugzeug noch vor dem Ende der Landebahn zum Stehen - und drinnen saß Konrad Adenauer, der gar nichts bemerkt hatte.

Bei einer Überprüfung dieses sonderbaren Piloten stellte sich dann heraus, daß er nicht nur keine Nachtflugberechtigung hatte, sondern auch Major der Volkspolizei (LW) gewesen war. Als man meinte, ihn jetzt festnehmen zu können, zeigte sich, daß er in den Bewerbungsbogen als Berufsangabe ganz offen »Volkspolizeirat (LW)« hineingeschrieben hatte, eine Angabe, deren Brisanz von der Annahmeorganisation offenbar nicht erkannt worden war.

Zurück zu dem Gespräch mit meinem Nachbarn Heinemann: Weder Adenauers Argumentation noch meine unterstützenden Privatargumente brachten Heinemann von seiner Ablehnung eines Verteidigungsbeitrages ab. Das könne er nicht mitmachen, das sei für ihn unmöglich, die Aufrüstung sei nicht vereinbart, im Kabinett nicht beschlossen worden. Ein paar Tage darauf hat er seinen Rücktritt erklärt, den Adenauer gern annahm.

Seit Adenauers Sicherheitsmemorandum vom 29. August 1950, in dem er den Westmächten unter mancherlei Kautelen anbot, »im Fall der Bildung einer internationalen westeuropäischen Armee einen Beitrag in Form eines deutschen Kontingents zu leisten«, geisterte die deutsche Wiederaufrüstung durch die politische Diskussion.

Am 31. Januar 1952 erhob die SPD eine Vorbeugende Klage gegen den EVG-Vertrag beim Bundesverfassungsgericht. Eine Woche später standen dann der Antrag der Föderalistischen Union »betreffend Verhandlungen über den deutschen Verteidigungsbeitrag« sowie entsprechende Gegenanträge der Regierungsfraktionen auf der Tagesordnung des Bundestages. Zum erstenmal befaßte sich eine Plenarsitzung mit dem Thema Wiederaufrüstung. Konrad Adenauer hatte zu Beginn der Sitzung gesprochen und die Notwendigkeit eines Verteidigungsbeitrages begründet. Er vermochte nicht zu überzeugen, bot eine der schwächsten Reden, die er je im Bundestag gehalten hat.

Er hielt sich nicht an das vorbereitete Konzept, verhedderte sich, verlor immer wieder den Faden und ließ eine klare Darstellung der Zusammenhänge vermissen. Bedrückte Stimmung machte sich in den Bänken der Koalitionsparteien breit, die Opposition lachte. Angesichts der zu erwartenden Schwierigkeit der Debatte hatten sich die Würdenträger der Fraktion, die eigentlich am Zuge gewesen wären zu reden, merklich zurückgehalten. So war schon im vorhinein die Wahl auf mich gefallen - und ich wollte auch reden. Zwei Tage und Nächte habe ich diese Rede vorbereitet, habe sie meiner Sekretärin diktiert, mehr in Sätzen als in Stichworten wie sonst. Als ich aufstand, um ans Rednerpult zu treten, sagte Bundesernährungsminister Niklas zu mir: »Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang.«

Zunächst grenzte ich das Thema ab: _____« Als dieses Hohe Haus im September 1949 seine Arbeit » _____« für den Wiederaufbau unseres Vaterlandes aufnahm, da » _____« waren wir uns wohl bewußt, daß unsere Tätigkeit nicht in » _____« eine Periode friedlicher Entspannungen der Weltprobleme » _____« fällt. Ich rede nicht davon, ob wir es damals nicht » _____« erwartet haben, darüber reden zu müssen; jedenfalls haben » _____« wir es nicht gewünscht, daß wir uns in unserer » _____« politischen Arbeit mit dem Problem der militärischen » _____« Verteidigung unserer Heimat werden beschäftigen müssen. » _____« Wir haben es nicht gewünscht, weil wir gern gehabt » _____« hätten, daß die Weisheit der Sieger ausgereicht hätte, » _____« auf beiden Seiten eine tragbare Lösung auch für unser » _____« Volk herbeizuführen. »

Ich spürte die Spannung im Saal, merkte, daß ich schon mit meiner Einleitung die Aufmerksamkeit des gesamten Hauses gewonnen hatte. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Man habe das Prinzip der Umerziehung, so fuhr ich fort, nicht nur als Propagandamittel betrachtet, sondern so weit ernst genommen, daß man gern für die Zeit der eigenen Generation allen Gedanken militärischer Art entsagt hätte. Aber nun stehe Deutschland im Schatten der weltpolitischen Entwicklung: _____« Dem tragischen Irrtum der Weltmächte, daß mit dem » _____« militärischen Sieg über Deutschland auch schon eine neue » _____« Ordnung der Welt und ihrer Zukunft eingeleitet sei, stand » _____« gegenüber die konsequente sowjetische Zielsetzung, daß » _____« der militärische Sieg über Deutschland erst die Basis, » _____« den Ausgangspunkt und das Sprungbrett für eine Ausdehnung » _____« des bolschewistischen Machtbereichs darstelle . . . » _____« Deshalb müssen wir heute über die Verteidigung » _____« Deutschlands reden. »

Ich sprach über den sowjetischen Militärapparat, der mit seinen 180 Divisionen und drei Millionen Mann eine ständige Bedrohung der freien Welt darstelle, machte deutlich, daß Aufrüstung und Friedenspolitik kein Widerspruch seien.

Noch einmal nahm ich mir die Argumente der Opposition vor, griff auch den in den Vordergrund gerückten Punkt einer angeblichen Verhinderung der deutschen Wiedervereinigung durch den Verteidigungsbeitrag auf: _____« Wer auf den Anschluß der Bundesrepublik an die » _____« Gemeinschaft der freien Völker verzichtet, gibt die » _____« deutsche Einheit preis, ob er will oder nicht, ob er es » _____« weiß oder nicht. Die verhängnisvolle These, die manchmal » _____« auch in der SPD angeklungen ist: zuerst Einheit, dann » _____« Europa, wird von uns mit der klaren Parole beantwortet: » _____« über die Einheit Europas zur Wiedervereinigung » _____« Deutschlands! Die Frage, die heute von Millionen » _____« Deutschen in berechtigtem Ernst gestellt wird, ob ein » _____« deutscher Verteidigungsbeitrag die Kriegsgefahr erhöht, » _____« kann nicht allein von der europäischen Landkarte aus » _____« entschieden werden. Die Verteidigungsgrenzen der freien » _____« Welt ziehen sich heute um den ganzen Erdball. Auf ihm » _____« gibt es viele heiße Punkte. Deutschland ist einer davon. » _____« Ein deutscher » _____« Beitrag für die Europäische Verteidigungsgemeinschaft » _____« bedeutet für Rußland keine Gefahr, da die Europäische » _____« Verteidigungsgemeinschaft bewußt auf dem Gedanken der » _____« Sicherung und des Verzichts auf jeden Angriffskrieg » _____« aufgebaut ist. Rußland weiß, daß ein Angriff auf einen » _____« Staat der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft den » _____« dritten Weltkrieg auslösen würde. Die bisherigen » _____« Erfahrungen zeigen nicht, daß Rußland bereit ist, dieses » _____« Risiko auf sich zu nehmen. »

Nachdem Adenauer am Vormittag im Parlament ins Stottern geraten war und die Opposition sich mit schallendem Gelächter auf die Schenkel geklopft hatte, hatte niemand aus den Reihen der Regierungskoalition ins Feuer gewollt. Auf einmal war da ein junger Abgeordneter, der eine Rede hielt, die immer wieder von Beifallsstürmen der Koalition unterbrochen und am Schluß sogar mit einer stehenden Ovation der Koalitionsparteien gefeiert wurde - das erste und letzte Mal, mir ist es im Bundestag nie wieder passiert. Vielleicht hat es auch nie wieder einen so bewegenden Anlaß gegeben, denn die Vorstellung, daß die Deutschen wieder Militär haben sollten, war ein das ganze Land bewegendes Thema. In den 70 Minuten meiner Rede hatte ich die Regierung, den Bundeskanzler vor allem, aus einer schwierigen Situation gerettet. Die Erleichterung des Regierungslagers war doppelt groß, weil man den bislang unangefochtenen Bundeskanzler zum erstenmal unkonzentriert, ja schwach gesehen hatte.

Meine Rede brachte die Wendung. Die Kollegen aus CDU und CSU überschütteten mich mit Glückwünschen, gratulierten mir zum großen politischen und persönlichen Durchbruch.

Diese Einschätzung meines Auftritts schlug sich am folgenden Tag auch in den Medien nieder. Bundesweit entdeckten die Zeitungen den Abgeordneten Franz Josef Strauß, widmeten ihm ausführliche Berichte und Kommentare. Die Neue Zeitung zählte mich zu den besten und temperamentvollsten Rednern des Bundestages, die Ruhr-Nachrichten schrieben: »Er ist witzig, schlagfertig, hat einen sechsten Sinn für die Schwächen des Gegners und trägt auch Grundsätzliches mit der sympathischen Lebendigkeit eines großen politischen Temperaments vor.«

Jetzt war ich in die vorderste Reihe der CSU-Abgeordneten gerückt. Am Montag nach der Bundestagswahl (1953), als feststand, daß CDU und CSU ziemlich genau die Hälfte der Abgeordneten stellten, war ich bei meinem Landesvorsitzenden Hans Ehard, dem Ministerpräsidenten, in der Bayerischen Staatskanzlei zu einer Lagebesprechung. Er eröffnete mir, daß ich jetzt Mitglied des Bundeskabinetts werden würde. Mein Eintritt ins Kabinett war keineswegs als Forderung der CSU vorgetragen worden. Ich wußte von gar nichts, war völlig überrascht.

Zunächst gab es jedoch ein absurdes Intermezzo. Adenauer ließ mich kommen, um mir zu eröffnen, daß ich Familienminister werden sollte. Ich war irritiert und erheitert zugleich: »Herr Bundeskanzler, damit würde ich die Witzfigur der Nation. Ich bin jetzt 38 Jahre, unverheiratet, ohne Familie - werde ich Familienminister, so fordert das alle Karikaturisten geradezu heraus. Herr Bundeskanzler, ich bitte Sie um Verständnis, aber dann ist es mir lieber, Sie lassen mich in der Fraktion.«

Darauf der Bundeskanzler: »Herr Strauß, ich mache Ihnen so ein gutes Angebot, und Sie befinden es nicht für nötig, es anzunehmen. Herr Strauß, ich bin enttäuscht von Ihnen.« - »Herr Bundeskanzler, ich habe nie verlangt, daß ich Mitglied der Regierung werden muß. Ich bin bereit, es zu werden, es ist eine hohe Ehre für mich. Aber Familienminister, so daß ich täglich Gegenstand von Karikaturen und spöttischen Bemerkungen werde, das geht nicht. Wenn, dann möchte ich eine politisch wichtige Aufgabe haben, die zu mir und in mein Metier paßt.«

Adenauer hatte mir gesagt, ich solle mir sein Angebot noch einmal überlegen. Obwohl manche Fraktionskollegen, denen es nicht in den Kopf wollte, daß man einen Kabinettsposten ablehnt, dringend zu einem Ja rieten, war ich fest entschlossen, bei meinem Nein zu bleiben. Eine Woche später habe ich Adenauer in höflichster Form meine Ablehnung mitgeteilt. Er warf mir grobe Undankbarkeit vor und war tief verärgert. Einigkeit bestand über die anderen Ministerämter für die CSU: Fritz Schäffer sollte Finanzminister bleiben, Siegfried Balke Postminister werden. »Und Sie?« fragte Adenauer.

Der Spielraum für die Vergabe von Ministerämtern war für den Bundeskanzler auch damals nicht sehr groß. Da kam Adenauer auf eine Idee. Man müßte eine engere Verbindung schaffen zwischen Regierung und Regierungsparteien, Regierung und Fraktion. Also sollte ich Minister für besondere Aufgaben werden, und zwar mit dieser Zielrichtung. Begeistert war ich nicht. Dennoch sagte ich nicht länger nein und nahm das Angebot an. Das Sonderministerium schien mir keine Substanz zu haben, Minister für besondere Aufgaben hieß für mich eher Minister ohne besondere Aufgaben.

In seinem langen politischen Leben hatte Adenauer immer wieder aus der Nähe beobachten können, daß reale politische Macht und formales Regierungsamt auseinanderklafften. Es könnte sein, daß ihm sein politischer Instinkt geraten hatte, reale Macht ins Kabinett einzubinden. Unter diesem Aspekt war meine Berufung zum Sonderminister durchaus sinnvoll. Zudem schien ich dem Bundeskanzler in der Disziplin des Kabinetts besser aufgehoben als in der freien Wildbahn des Abgeordnetendaseins. Bei einer Einladung des neuen Kabinetts zum Abendessen sprach Adenauer in einer ernst-ironischen Tischrede davon, daß sich in der neuen Bundesregierung wiederberufene, neu ernannte und auch jüngere Mitglieder befänden. Das sei wie auf einem Pferdegestüt, wo man junge und alte Hengste in ein und demselben Stall halte, damit sich beide aneinander gewöhnten, vor allem aber, damit die jungen von den alten lernten.

Dem Arbeitsaufwand nach war das eine wunderbare Zeit. Ich bezog volles Ministergehalt, hatte keine Amtsverantwortung und einen weiten Spielraum. Aber irgendwie kam ich mir mit 38 Jahren wie pensioniert vor. Das Unbehagen, das ich schon bei Adenauers Angebot hatte, sah ich bestätigt. Ich konnte und wollte aber die zweite Offerte des Bundeskanzlers nicht ausschlagen, weil ich in undefinierbarer Ferne das Verteidigungsministerium sah. Ich wollte der erste Verteidigungsminister der Bundesrepublik werden. Das ist mir nicht gelungen, ich bin der zweite geworden. Aber wenn ich 1953 zweimal nein gesagt hätte, wäre Adenauer vielleicht zu dem Schluß gelangt, daß es zwischen ihm und mir einfach nicht klappe, da ich unzufrieden mit allem sei. Diesen Vorwand wollte ich ihm nicht liefern. Zufrieden war ich mit dem neuen Amt nicht.

Die Zeit des politischen Unausgefülltseins als Sonderminister währte nicht lange. Eines Tages teilte mir Staatssekretär Globke mit, der Kanzler wolle mir eine völlig neue Aufgabe übertragen, nämlich den Aufbau der Atomwissenschaft und Atomtechnik in der Bundesrepublik. Dies sei eine großartige Chance.

Im Oktober 1955 übernahm ich das Bundesministerium für Atomfragen, weil mich die Herausforderungen der modernen Technik immer fasziniert haben. Die Überlegung, einmal Bundesverteidigungsminister zu werden, spielte für mich keine Rolle mehr. Nachdem Theodor Blank, der ja nicht zu den älteren Kollegen gehörte, im Juni 1955 erster Verteidigungsminister geworden war, verschwand dieses Ziel in unerreichbarer Ferne. Also schaltete ich innerlich völlig um und nahm die neue Arbeit mit Schwung und Engagement auf. Ich war nicht sehr glücklich, als ich ein Jahr später dieses neue Amt schon wieder aufgeben mußte, um schließlich doch Verteidigungsminister zu werden. Zudem hatte ich als Atomminister bereits erste Erfolge aufzuweisen.

Auf die Frage, wie man Atomminister wird und wie ich als Historiker und Altphilologe zu diesem Amt komme, habe ich nicht nur einmal eine ironische Antwort gegeben - a) indem man nichts von Naturwissenschaften versteht, b) indem man von anderen Ministerien ferngehalten werden soll und c) indem man verspricht, durch jugendlichen Eifer und organisatorischen Ehrgeiz trotzdem etwas zustande zu bringen.

Selbstverständlich spielte der Wunsch, ein Ministerium aufzubauen und eine richtige Aufgabe anpacken zu können, eine wesentliche Rolle. Gerade die Tatsache, daß ich nichts vorfand und bei Null beginnen mußte, hat mich gereizt - ähnlich war es dann auch bei der Übernahme des Verteidigungsministeriums. Sicherlich hätte ich auch Verteidigungsminister werden können, ohne zuvor die politische und organisatorische Aufgabe des Atomministeriums in einer Weise gelöst zu haben, die vom Bundeskanzler und anderen als erfolgreich bewertet wurde. Aber ich habe als Atomminister eine Menge gelernt. Dieses eine Jahr war für mich eine nützliche Gesellenzeit.

Die Faszination der modernen Technik hat mich sehr früh erfaßt und nie mehr losgelassen. Entscheidend war für mich dabei die Einsicht, daß nur die Mittel der modernen Technik dem Menschen bei seiner oft mühseligen, entwürdigenden und unmenschlichen Arbeit Erleichterung und Ersatz bringen. Die Erwartungen, die gerade in den fünfziger Jahren mit der Atomphysik verbunden waren, bestimmten in vielfältiger Weise das politische Denken. Aber auch Luft- und Raumfahrt haben mich schon damals angezogen, und der Gedanke, ein Luftfahrtministerium zu schaffen, erschien mir durchaus sinnvoll. Konkret wurde das letzte Mal bei der Regierungsbildung von 1987 darüber gesprochen, als Helmut Kohl und ich die Idee eines Luft- und Raumfahrtministeriums erörterten.

Gerhard Stoltenberg, seit 1957 Bundestagsabgeordneter und von 1965 an als Forschungsminister einer meiner Nachfolger, trat beim Thema zivile Forschung und Nutzung der Kernenergie noch nicht in Erscheinung. Dem Aufbau einer deutschen Flugzeugindustrie aber versuchte er einige unüberwindliche Hindernisse in den Weg zu legen. Im Jahre 1958 kam es deshalb zu heftigen Meinungsverschiedenheiten. Stoltenberg und der Haushaltsobmann der Fraktion, Rudolf Vogel, versuchten im Fraktionsvorstand meinen Haushaltsansatz für den Aufbau der militärischen Luftfahrtindustrie zu Fall zu bringen mit der Begründung, das finanzielle Risiko sei enorm, die Nachfrage gering und der Rückstand nicht mehr aufholbar. *HINWEIS: Im nächsten Heft »Ich wollte erster Verteidigungsminister werden« - Adenauers Veto - Bundeswehr- und Atomplanung - Ungarn bittet um Hilfe

Franz Josef Strauß
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