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»Ich beneide Freund Modrow nicht«

aus DER SPIEGEL 47/1989

SPIEGEL: Herr Wolf, waren Sie auch schon in West-Berlin?

WOLF: Nein, noch nicht.

SPIEGEL: Durften Sie nicht als Immernoch-Geheimnisträger der DDR oder als von Generalbundesanwalt Rebmann steckbrieflich gesuchter Quasi-Verbrecher?

WOLF: Ich möchte schon gern, aber das ist eine politische Frage, die zuerst mit dem Dienstherrn von Generalbundesanwalt Rebmann geklärt werden muß. Ich weiß nicht, wer dafür zuständig ist.

SPIEGEL: Warum mußte es 28 Jahre dauern, bevor sich der SED-Staat die Entscheidung zutraute, Löcher in die Mauer zu brechen und seine Bürger frei nach West-Berlin gehen zu lassen?

WOLF: Ich fürchte, der Umfang Ihres Magazins würde nicht ausreichen, wenn man auf diese Frage eine erschöpfende Antwort geben wollte. Die Zeit ist auch für mich zu kurz, um überhaupt eine Wertung dieses Ereignisses vornehmen zu können. Sicher ist: All das, was jetzt geschehen ist, macht den Bau der Mauer 1961 nicht im nachhinein überflüssig.

SPIEGEL: Was macht die jetzt noch für einen Sinn? * Mit Redakteuren Hartmut Palmer, Erich Böhme und Ulrich Schwarz in Ost-Berlin.

WOLF: Jetzt macht sie überhaupt keinen Sinn mehr, allenfalls als Denkmal des Kalten Krieges.

SPIEGEL: Die SED hat den Mauerbau 1961 vor allem ökonomisch begründet. Die Probleme sind heute dieselben: Durch die offene Mauer wird wieder eine Menge Sozialprodukt abfließen.

WOLF: Ja, und das stimmt mich bei aller Euphorie genauso nachdenklich wie Vertreter des Neuen Forums. Ich hätte mir gewünscht, daß ein solcher Schritt als Zeichen der Beendigung des Kalten Krieges und als Zeichen, daß die Entmündigung des Bürgers vorbei ist, am Ende eines von der politischen Führung meines Landes gesteuerten Prozesses gestanden hätte. Auf die wirtschaftlichen Folgen der offenen Westgrenze ist bei uns niemand vorbereitet. Ich beneide meinen guten Freund Hans Modrow nicht.

SPIEGEL: Wenn Sie ihn schon nicht beneiden - beraten Sie ihn?

WOLF: Seine Kompetenz, gerade in Wirtschaftsfragen, ist wesentlich größer als die meine. Aber wir sehen uns.

SPIEGEL: Halten Sie den Sozialismus insofern für korrigierbar, als man ihm marktwirtschaftliche Lichter aufsetzen kann, was wir nicht für möglich halten, oder ist es nicht vielmehr so, daß man den Sozialismus verabschieden muß?

WOLF: Die Probleme, die wir in der DDR jetzt haben, haben mit der Verabschiedung vom Sozialismus nichts zu tun, sondern mit der Deformation des Sozialismus durch den Stalinismus. Was die Effizienz der Wirtschaft angeht, werden wir, glaube ich, viel von Ihrem System lernen müssen, ohne unsere sozialistischen Ziele aufzugeben.

SPIEGEL: Aber Sie stimmen wenigstens zu, daß die wirtschaftlichen Fragen im Augenblick die vordringlichsten sind?

WOLF: Ja und nein. Da hat uns, glaube ich, die Erfahrung Michail Gorbatschows doch einigen Vorlauf gegeben, daß Wirtschaftsreform ohne grundlegende politische Reform nicht machbar ist. Das heißt, wir müssen versuchen, jetzt die einmalige Chance zu nutzen, Sozialismus mit Demokratie, die das Wort verdient, zu verbinden. Ich glaube, nur wenn uns das gelingt - und ich sage, das muß uns gelingen -, wird es auch möglich sein, die notwendigen Wirtschaftsreformen effizient zu machen, also den Beweis anzutreten, daß es möglich ist, Sozialismus mit effektiver Wirtschaft, das heißt auch mit den Regeln des Marktes, zu verbinden.

SPIEGEL: Herr Wolf, wer hat denn am 9. November plötzlich die Tore aufgemacht?

WOLF: Ich möchte Ihnen dazu etwas Grundsätzliches sagen: Wenn die politische Führung früher zu der Einsicht gekommen wäre, daß ein Demokratisierungsprozeß in der DDR dringend notwendig ist, wäre die Gefahr der Destabilisierung, die ich noch nicht gebannt sehe, nicht so groß.

SPIEGEL: Die Gegenthese: Ohne den Druck von unten, ohne die Demonstrationen der Hunderttausende, wäre der Erneuerungsprozeß noch längst nicht so weit.

WOLF: Ja, aber nur, weil die Führung nicht zur Einsicht zu bringen war. Für mich beginnt dieser Prozeß am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR. An diesem Tag war Gorbatschow in Berlin, und er hat der alten Führung deutlich gesagt, daß sie Reformen machen muß. Am Abend kam es dann zu den tragischen Zwischenfällen vor der Gethsemane-Kirche. Das sind für mich zwei markante Punkte. Von da an begann es. Es ist keineswegs zynisch gemeint: Das Blut, das am 7. und 8. vergossen wurde, hat bewirkt, daß seit dem 9. Oktober, also praktisch einen Monat vor Öffnung der Grenze, kein Blut mehr geflossen ist. Man kann vor der Besonnenheit, der Klugheit unserer Menschen, die auf die Straße gegangen sind, nur den Hut ziehen.

SPIEGEL: Lassen Sie uns ein Wort zur Vergangenheitsbewältigung sagen: Man hat den Eindruck, als ob es nun keiner mehr gewesen sein will, als ob die Mehrheit der Kommunisten eigentlich immer schon in der Opposition gestanden hätte. Kommt Ihnen nicht auch eigenartig vor, daß schon immer alle dagegen waren?

WOLF: Es gibt natürlich die Wendehälse und Trittbrettfahrer. Ich glaube, das ist fast normal in dieser Zeit und gilt nicht nur für die Mitglieder meiner Partei. Aber es gibt nicht nur Opportunisten. Ich möchte vielen, die in irgendeiner Weise irgendwo Verantwortung hatten, auch zugestehen, wie ich es auch mir zugestehen möchte, daß sie an dem Platz, an dem sie gearbeitet haben, bemüht waren, das Beste zu tun, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Menschen, für die sie verantwortlich waren. Zum anderen möchte ich ihnen auch eine Lernfähigkeit zubilligen. Ich verstehe das, was sich jetzt in den oberen Etagen abspielt - und dazu rechne ich die Volkskammer zumindest in Teilen -, auch als einen Prozeß der Selbstreinigung.

SPIEGEL: Sie selbst waren in der Honecker-Zeit nicht gerade außerhalb des Apparates. * Oben: am 4. November auf der Großdemonstration in Ost-Berlin; unten: im Oktober in Leipzig.

WOLF: Das kann man wirklich nicht sagen.

SPIEGEL: Erst seit Ihrer Pensionierung entpuppen Sie sich als Oppositioneller. Hat es Sie gewundert, daß Sie bei der großen Demo auf dem Alex am 4. November gnadenlos ausgepfiffen worden sind?

WOLF: Nein. Ich habe es auch niemandem übelgenommen. Ich glaube aber, die Pfiffe galten eigentlich nicht mir persönlich. Die Pfeifer haben meine Tätigkeit im Ministerium mit der Tätigkeit dieses Ministeriums insgesamt identifiziert. Das ist durchaus verständlich. Irgendwie muß man ja auch, wenn man eine solche Funktion eingenommen hat, dafür geradestehen. Für den Bereich, für den ich zuständig war, und für die Mitarbeiter, für die ich zuständig war, kann ich das mit gutem Gewissen. In diesem Ministerium gab es keine kollegiale Führung. Ich habe mich auf meinen Aufgabenbereich zurückgezogen und mich nicht in andere Dinge eingemischt, die in der Parteiführung oder auch in diesem Ministerium geschahen. Man könnte das als Opportunismus bezeichnen. Das müßte ich akzeptieren, wenn ich es selbst auch anders sehe.

SPIEGEL: Wie sehen Sie sich denn selbst - als Opportunisten oder als Paulus?

WOLF: Ich seh' mich nicht als Paulus und nicht als Saulus. Ich habe mich bemüht, den kommunistischen Idealen, denen ich mich verschrieben habe, an verantwortlicher Stelle dieses Landes treu zu bleiben und sie an andere weiterzugeben. Viele Leser meines Buchs »Die Troika«, das in der DDR zu einem Bestseller 1989 wurde und zu den Vorboten der Perestroika in der DDR gezählt wird, erkennen im Buch die Übereinstimmung zwischen mir und meinem Bruder, dem Filmregisseur Konrad Wolf, in solchen Haltungen wie Wahrhaftigkeit, Toleranz, Bereitschaft zur kritischen Selbstanalyse. Diese Übereinstimmung entstand nicht erst mit seinem Tod 1982. Allerdings erlebe ich bei den Buchlesungen: Manche bringen das nicht zusammen.

SPIEGEL: Wir auch nicht. Sie waren stellvertretender Minister einer Behörde, die seit 40 Jahren für Unterdrückung in der Deutschen Demokratischen Republik steht. Mit der Pensionierung sind Sie plötzlich Oppositioneller. Wo hatte Markus Wolf sein Damaskus?

WOLF: Es war nicht ein plötzlicher Wandel. Absolut war für mich der 20. Parteitag der KPdSU 1956, auf dem das Denkmal Stalin gestürzt wurde, schon der Einschnitt. Da waren für mich die Person Stalins und die Verbrechen Stalins klar, und ich habe mich, im Gegensatz zu anderen, auch in dem Ministerium, in dem ich tätig war, niemals mehr zum Stalinismus bekannt.

SPIEGEL: Ihr ehemaliger Chef Erich Mielke hat, wenn auch nicht so eloquent wie Sie, dasselbe vor der Volkskammer gesagt: Er verantwortet alles, was er als Leiter des Ministeriums für Staatssicherheit in 32 Jahren getrieben hat, aber er ist nicht schuldig. Er steht auf und sagt: »Ich liebe euch alle.« Wenn Mielke es nicht war, wenn Sie es nicht waren, wer hat dann die Repression, die jahrelang von der Stasi ausging und ein ganzes Volk in Angst versetzte, gemacht?

WOLF: Ich stimme Ihnen zu, daß als Folge der von diesem Minister verkörperten Doktrin bei vielen Menschen das Gefühl der Allgegenwart dieses Apparates und Angst entstehen mußten. In vieler Hinsicht muß in diesem Apparat ein Prozeß der Selbstreinigung, und zwar der radikalen Selbstreinigung, erfolgen. * Nach der Rückkehr nach Ost-Berlin, im Hintergrund Markus Wolf. Dafür trete ich ein, und ich glaube, daß ich dazu jetzt auch Möglichkeiten und Einfluß habe.

SPIEGEL: Einer von uns war Zeuge, als am Abend des 7. Oktober am Marx-Engels-Forum vier Leute sich im Dunkeln auf ein friedlich dastehendes junges Mädchen stürzten, es zusammenschlugen und wegzerrten. Das war kein Übergriff einzelner, sondern es wiederholte sich an dem Demonstrationsweg immer und immer wieder - wie eine eingedrillte Lektion aus dem Stasi-Lehrbuch, Überschrift: Wie schüchtert die Stasi eine Menge ein?

WOLF: Ich fordere genauso wie andere eine absolute Klärung nicht nur der Handlungen einzelner und nicht nur der Befehlsgeber, also der Einsatzkräfte, sondern auch der Verantwortung der Leute, die dahinterstanden.

SPIEGEL: Bei der Demo auf dem Alexanderplatz haben Sie gesagt, die Aufgaben vom Ministerium für Staatssicherheit entsprachen stets den Vorgaben der Regierung.

WOLF: Der politischen Führung, ja.

SPIEGEL: Das klingt verdächtig nach Befehlsnotstand, auf den sich nach 1945 so viele Deutsche berufen haben.

WOLF: Ich konnte mich auf dieser Kundgebung nicht sehr differenziert äußern, ich hatte fünf Minuten Redezeit, und mir ging es vor allem darum, zu verhindern, daß in dieser Situation die Gräben noch tiefer werden und nun jeder Mitarbeiter eines Schutz- und Sicherheitsorgans zum Prügelknaben der Nation gemacht wird. Denn ich bin absolut sicher, die Übergriffe am 7. und 8. Oktober waren eine Folge der falschen Sicherheitsdoktrin. Wenn von der Führung gesagt wird, hier sind Konterrevolutionäre im Anmarsch, die den Staat stürzen wollen, mußte man mit solchen Konsequenzen rechnen. Nochmals: Ich hielt und halte diese Doktrin, die sich aus der Politik der damaligen Führung ergab, für falsch und eine Selbstreinigung in den Köpfen für unbedingt erforderlich.

SPIEGEL: Das heißt: Es darf keine Gesinnungspolizei mehr geben?

WOLF: Wenn Sie diesen Ausdruck wählen wollen, würde ich zustimmen.

SPIEGEL: Werden Sie offizieller Berater des Ministerpräsidenten Modrow oder des SED-Generalsekretärs Krenz für innere Sicherheit?

WOLF: Ich wünsche es mir in institutionalisierter Form nicht; aber ich stehe mit meinem Rat zur Verfügung.

SPIEGEL: Nochmals zur Selbstreinigung des Generalobersten a. D. Wolf: Haben Sie persönlich sich Vorwürfe zu machen? Haben Sie Leute auf dem Gewissen?

WOLF: Ich bin sicher, daß ich keine Menschen auf dem Gewissen habe.

SPIEGEL: Sind Sie sicher, daß nicht ein paar Sekretärinnen zum Beispiel in der früheren Bundesregierung da anders denken und auch Angehörige von Agenten, die Sie haben führen lassen?

WOLF: Wissen Sie, da kommen wir in ein Gebiet, wo ich Sie bitten müßte, Kollegen vom Bundesnachrichtendienst oder von der CIA oder auch vom britischen Intelligence Service mit in die Runde zu nehmen. Dann könnten wir uns über solche Dinge unterhalten.

SPIEGEL: Kollegen?

WOLF: Das ist ein falscher Zungenschlag. Ich kenne auf jeden Fall eine ganze Reihe von Sekretärinnen, zum Beispiel die ehemalige Sekretärin mehrerer Generalsekretäre der CDU und andere, die sehr glücklich verheiratet sind mit den Männern, die man als bösartige Romeos - ich glaube, auch in Ihrer Zeitschrift - darstellt.

SPIEGEL: Es ist nicht das übliche Eheanbahnungsverfahren, das vom MfS jahrelang praktiziert wurde.

WOLF: In dieser Branche werden in der ganzen Welt nicht die üblichen Verfahren angewandt. Ich glaube mit gutem Gewissen sagen zu können, daß die Anbahnung - das ist ja der Fachausdruck aus diesem Bereich -, die ja immer notwendig ist, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, nicht unfair war. Niemand ist von meinem Verantwortungsbereich dabei erpreßt oder gezwungen worden.

SPIEGEL: Sie haben noch eine andere Leiche im Keller. Über Ihren Agenten Günter Guillaume ist der westdeutsche Kanzler Willy Brandt aus dem Amt gestolpert. Guillaume hatten Sie im Vorzimmer von Brandt plaziert.

WOLF: Den habe nicht ich, sondern Georg Leber plaziert.

SPIEGEL: Aber die Enttarnung war letzter Anstoß für Brandts Rücktritt im Jahre 1974, für den Friedenskanzler Brandt, der die Entspannungspolitik vorangetrieben hat.

WOLF: Ich würde sagen: Vorwand.

SPIEGEL: Wie denken Sie denn heute über Ihren damaligen Coup?

WOLF: Den betrachte ich als eine bedauerliche schwere politische Panne, die allerdings kaum mehr zu vermeiden war. Die Alternative wäre nur gewesen, nach der Feststellung von nicht sehr klaren Anzeichen, daß Ihre Dienste Guillaume auf der Spur waren, ihn wegzunehmen von dort; aber das hätte vermutlich nicht zu viel anderen Folgen geführt - außer daß Günter Guillaume eine Haftstrafe erspart geblieben wäre.

SPIEGEL: Es wäre auch gegen Ihre Berufsehre gegangen.

WOLF: Nein.

SPIEGEL: Aber das Handwerkliche wäre doch ein bißchen ins Schleudern geraten, wenn man da schon einen sitzen hat.

WOLF: Nein. Wir hätten diesen Schritt mit Sicherheit getan, wenn wir, sagen wir mal, die Dummheit und Ignoranz auf der Gegenseite - ich will nur den Namen Nollau nennen - richtig eingeschätzt hätten. Man rechnet ja immer mit der Klugheit der anderen Seite. Die »Bearbeitung«, wie es im Jargon heißt, war auf Frau Guillaume gerichtet, bei ihr stand die Einstellung als Bürochefin beim Verteidigungsminister Leber an. Daher dachten wir, es handle sich nur um eine Routineüberprüfung.

SPIEGEL: Haben Sie Ärger bekommen, nachdem Ihr Mann aufgeflogen war?

WOLF: Was verstehen Sie unter Ärger?

SPIEGEL: Honecker soll gesagt haben, wenn er von Guillaume gewußt hätte, hätte er sofort dessen Rückzug veranlaßt.

WOLF: Er hat tatsächlich davon nichts gewußt. Er hat sich dann überzeugen lassen, daß der Einsatz von Guillaume im Vorzimmer von Brandt von uns kein gewollter und gezielter Schritt war. Das läßt sich ja auch beweisen. Guillaume war wirklich nur der Vorwand für Brandts Sturz. Der SPIEGEL war immer unser Beleg. Hätte ich die Gelegenheit, würde ich Willy Brandt mein Bedauern aussprechen, daß unser Dienst zu einer Zeit daran beteiligt war, als seine neue Ostpolitik erste Früchte zu tragen begann.

SPIEGEL: Sie haben Ihren Dienst vorzeitig verlassen, weil Sie, wie Sie sagen, Bücher schreiben wollen. Es fällt ein bißchen schwer, das zu glauben. Kann es sein, daß die Verhältnisse im Ministerium für Staatssicherheit Sie dazu gebracht haben, den Dienst zu quittieren?

WOLF: Auf jeden Fall hatte ich das Gefühl, ich kann dort nichts mehr einbringen. Auch weil ich im Gegensatz wahrscheinlich zu anderen mich immer darum bemüht habe, gute, geeignete Nachfolger zu finden, die dieses Handwerk mindestens so gut beherrschen wie ich. Zum anderen kommt natürlich vieles zusammen. Der Weg der Erkenntnis ist ein schwieriger Prozeß. Deswegen kann ich nicht sagen: Von dem Tag an bin ich der Paulus geworden.

SPIEGEL: Nach unseren Informationen ist auch etwas nachgeholfen worden. Sie sind angeblich geschaßt worden, weil Sie im Hause des DDR-Verteidigungsministers Keßler den Gorbatschow-Kurs eingeklagt haben.

WOLF: Diese Ente muß ich absolut dementieren. Ich hatte in der Zeit überhaupt keine Gespräche mit Heinz Keßler, den ich aus früheren Zeiten gut kenne.

SPIEGEL: Eine andere Version lautet, Sie hätten das Handtuch geworfen, weil Honecker Sie nicht zum Nachfolger von Erich Mielke machen wollte.

WOLF: Die Ambition hatte ich nie.

SPIEGEL: Auf dem Alex haben Sie ein »Bekennen zur Verantwortung mit entsprechenden personellen Konsequenzen« gefordert. Gegen den früheren Wirtschaftschef der SED, Günter Mittag, läuft ein hochnotpeinliches Verfahren wegen grober Verstöße gegen Partei und Staat. Ist Mittag der einzige Sündenbock?

WOLF: Es gehört zu dem traurigen Schauspiel, daß die alte Führung, dann die alte neue Führung - jetzt muß man außerdem vor dem Sonderparteitag von einer Übergangsführung sprechen - nur unter dem ganz massiven Druck der Parteibasis Stück für Stück sich zum Benennen der Ursachen für diese ganze Misere durchringen konnte und - noch mühseliger - zu den unbedingt notwendigen personellen Konsequenzen. Ich möchte aber der Darstellung vieler Medien bei Ihnen widersprechen: Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands ist keine Partei, die abgewirtschaftet hat. Die Führung hat eindeutig abgewirtschaftet. Daraus ergeben sich auch Konsequenzen der Verantwortung. Aber die Basis der Partei ist stark und intakt. Darauf baue ich meinen gedämpften Optimismus für eine Zukunft.

SPIEGEL: Viele Genossen haben die SED verlassen.

WOLF: In der letzten Phase. Es gibt eine große Zahl kompetenter, fähiger, vor allem auch junger Leute, die heute schon mit erarbeiteten Zukunftskonzeptionen für einen modernen Sozialismus aufwarten können, auch für das Gebiet der Wirtschaft. Diese Konzeptionen wollte in den letzten Jahren niemand sehen. Ich unterstütze diese jungen Leute, versuche sie einzubringen in die Beratungen der Parteiführung und der Regierung. Das läuft auch. Die Parteibasis drängt vehement nach vorn. Sie hat einen außerordentlichen Parteitag erzwungen. Nach dem Parteitag wird auch für die Partei selbst, glaube ich, die Welt und die Führung etwas anders aussehen.

SPIEGEL: Daran müssen auch Zweifel erlaubt sein. Es klingt sehr nach dialektischem Frisieren. Man kann rasch sagen, die Führungscrew wird abgeräumt, die Partei ist in Ordnung. Es kann doch sehr wohl auch so sein, daß die Partei nicht in Ordnung ist.

WOLF: Die stalinistischen Strukturen, die mit an der Wiege dieser Partei standen und sie begleitet haben in ihrer Entwicklung, die müssen beseitigt werden. Dazu gehört, daß natürlich große Teile des Parteiapparates, also nicht nur die oberste Führung, nicht mehr in der Lage sind, die Entwicklung der letzten Wochen nachzuvollziehen, und abgelöst werden müssen. Nur: Im Gegensatz zu Ihnen und den Darstellungen der meisten Medien im Westen bin ich überzeugt, daß die Partei als Ganzes stark und lebendig und dabei ist, sich wirklich zu erneuern.

SPIEGEL: Auch daran haben wir Zweifel. Die Parteiführung, auch die jetzige des Übergangs, gibt immer nur so viel nach, wie sie auf Druck des Volkes nachgeben muß. Sie hat zum Beispiel bislang jede Zusage vermieden, daß sie bereit ist, bei den nächsten Wahlen nicht nur geheim wählen zu lassen, sondern auch neue Parteien zuzulassen.

WOLF: Ein Wahlgesetz wird immer unter Kalkül verabschiedet. Das ist bei Ihnen nicht anders. Ich denke nur an die Fünf-Prozent-Klausel.

SPIEGEL: Wir würden es Ihnen nicht verübeln, wenn Sie unser Wahlgesetz übernähmen, inklusive Fünf-Prozent-Klausel.

WOLF: Ich weiß nicht, ob da alle zustimmen würden. Zurück zur Realität: Ich glaube, Ihre Befürchtungen sind unbegründet. Das neue Wahlgesetz muß ja einen Konsens in diesem Lande finden. Die Debatte über das Wahlgesetz wäre allerdings schon der Anfang des Wahlkampfes, da wird es sicher schwierig. Ganz persönlich würde ich gewissermaßen als Probelauf ein Sondergesetz der Volkskammer für Kommunalwahlen für denkbar halten.

SPIEGEL: Also eine Wiederholung der gefälschten Kommunalwahlen im Mai?

WOLF: Ja.

SPIEGEL: Die Debatte über das Wahlgesetz führen die Etablierten.

WOLF: Ich glaube nicht, daß das Neue Forum sich ausschalten läßt.

SPIEGEL: Gehen Sie davon aus, daß bei der nächsten Volkskammer-Wahl neue Parteien, etwa eine sozialdemokratische Partei in der DDR, kandidieren werden?

WOLF: Ich gehe nicht davon aus, aber ich halte es für denkbar. Wenn Sie erlauben, möchte ich den bulgarischen Kommunisten Angel Wagenstein zitieren, einen großen Freund meines Bruders. Der hat unlängst einen Vortrag gehalten. Ich lese nur zwei Sätze vor. Der erste wird Sie besonders erfreuen: »Vielleicht wird mich eines Tages die Türklingel wecken, und die Postbotin wird mir sagen: ,Genosse, die neue Ausgabe des Hamburger Magazins DER SPIEGEL ist da.'« Der zweite lautet: »Vielleicht wird eines Morgens das Telefon schellen, und ein Freund wird mir die gute Nachricht mitteilen, daß meine Kommunistische Partei in den gestrigen Wahlen Stimmen hinzugewonnen hat und nun in Koalition mit zwei weiteren Linksparteien imstande ist, die Regierung zu bilden.«

SPIEGEL: Der erste Satz macht uns mehr Spaß als der zweite.

WOLF: Das kann ich verstehen. Aber das ist noch eine Vision. Wenn wir den zweiten Satz und die Möglichkeit, die sich in ihm andeutet, nicht als mögliche Realität der Zukunft sehen, dann können wir heute nicht die Schritte unternehmen, die notwendig sind, um für uns eine bessere Ausgangsposition zu schaffen.

SPIEGEL: Es gibt ja auch die Möglichkeit, daß die Zukunftsperspektive andersrum lautet: »Die Kommunistische Partei hat die Wahl verloren und ist nun nicht mehr imstande, eine Regierung mit anderen Linksparteien zu bilden.«

WOLF: Ich verstehe den Satz von Wagenstein so, daß sie vorher nicht in der Regierung war und nun wieder die Chance bekommt, in die Regierung zu kommen.

SPIEGEL: Zur Qual der Wahl gehört auch die Möglichkeit, abgewählt zu werden.

WOLF: Ja, sicher.

SPIEGEL: Die Frage ist, ob die SED . . .

WOLF: . . . Sie können doch von mir nicht erwarten, daß ich einen Beitrag dazu leiste, daß meine Partei künftig keine Regierungsverantwortung mehr hat.

SPIEGEL: Nochmals: Sie plädieren also für ein Wahlgesetz, das auch die Zulassung sich neu formierender politischer Parteien in der DDR vorsieht?

WOLF: Sicher. Aber ich möchte noch einmal betonen: Ich sehe die Chance meiner Partei nicht schlecht in diesem Lande, wenn der Parteitag im Dezember das durchsetzt, was weite Kreise der Parteibasis erfaßt hat. Es gibt eine Art Aufbruchstimmung in der Sozialistischen Einheitspartei.

SPIEGEL: Der Dezember-Parteitag wählt ein neues Zentralkomitee. Das neue ZK wählt ein Politbüro und einen Generalsekretär. Wird Egon Krenz überleben?

WOLF: An dieser Spekulation möchte ich mich nicht beteiligen. Das hängt auch davon ab, was sich noch bis zum Parteitag entwickelt. Jeder Tag bringt neue Ereignisse und auch den Politikern immer neue Möglichkeiten, sich im Guten oder auch im Schlechten zu profilieren.

SPIEGEL: Wenn am nächsten Sonntag Wahlen wären, wieviel Prozent würden Sie der SED geben? Unter oder über 50 Prozent? * Konrad und Markus, in Moskau.

WOLF: Ich möchte das nicht verraten, aber meine Prognose ist relativ niedrig. Ich hoffe, daß wir bis zum Parteitag den Tiefstand im Vertrauen der Bevölkerung überwunden haben. Wenn die neuen Kräfte dieser Partei mit einer wirklich klaren Orientierung auf Demokratisierung dieses Landes und auch auf konsequente Durchführung der notwendigen Reformen an die Arbeit gehen, wenn, sagen wir mal, das Unheil im Bewußtsein der Menschen in den Hintergrund rückt, das die Führung der SED angerichtet hat, sehe ich für die Partei wieder eine steigende Tendenz.

SPIEGEL: Was halten Sie denn von dem ungarischen Beispiel? Die Partei löst sich auf, gründet sich neu, gibt sich neue Statuten, ein neues Programm, neue Leute, neuen Aufbau.

WOLF: Das wäre das allerletzte Mittel.

SPIEGEL: Lieber das Volk auflösen und sich ein neues wählen?

WOLF: Das geht nicht. Einige würden vielleicht »leider« sagen, ich sage Gott sei Dank. Unser Volk hat wirklich seine Mündigkeit bewiesen.

SPIEGEL: Wenn Sie freie Wahlen zulassen, dann würden Sie in Ihrer Republik vermutlich auch Anhänger der Republikaner orten.

WOLF: Die haben wir ganz sicher. Aber ich möchte die antifaschistischen Traditionen und auch den Konsens, den es hier bei uns in dieser Frage gibt, unbedingt erhalten wissen und wollen. Ich wünsche mir eine unverwechselbare DDR. An der Wiege dieses Staates steht eben auch der Tod vieler Kommunisten, die im Kampf gegen Hitler und den Faschismus ihr Leben gelassen haben.

SPIEGEL: Gibt es auch Anhänger einer Wiedervereinigung?

WOLF: Ich glaube, Ihre Politiker und auch Ihre Kollegen machen einen Fehler, wenn sie jetzt die Wiedervereinigung von früh bis abends strapazieren. Wiedervereinigung ist nicht unser Thema, auch nicht für die, die in Leipzig und anderswo auf die Straße gehen oder derzeit in Scharen über die Grenzen strömen. Sie wollen eine andere DDR. Aber alle, die sich bisher politisch artikulieren, wollen die sozialistischen Grundlagen, was sie auch immer darunter verstehen, nicht antasten. Sie wollen nicht die freie Marktwirtschaft, die Sie sehen und von der Sie wünschen, daß wir nun von ihr möglichst bald aufgefressen werden. Aber der antifaschistische Konsens und eine ganze Reihe anderer Werte, die jetzt erst wieder sichtbar gemacht werden müssen, die möchte ich mir für diese unverwechselbare DDR der Zukunft wünschen.

SPIEGEL: Herr Wolf, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*VITA-KASTEN-2 *ÜBERSCHRIFT:

Markus Wolf *

ist der Sohn des durch Dramen ("Cyankali« und »Professor Mamlock") bekannt gewordenen kommunistischen Schriftstellers und Arztes Friedrich Wolf. Er war von 1958 bis 1987 Spionagechef der DDR, offiziell: Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung im Ministerium für Staatssicherheit. Er galt - wie sein legendärer Gegenspieler Reinhard Gehlen vom Bundesnachrichtendienst - als Mann ohne Gesicht, weil es jahrelang keine offiziellen Fotos von ihm gab. Er soll zeitweise bis zu 4000 Agenten im westlichen Ausland geführt haben; sein erfolgreichster geheimer Mitarbeiter war wohl der Kanzlerreferent Günter Guillaume, dessen Enttarnung 1974 - unter anderem - zum Rücktritt von Willy Brandt führte. Wolf, 1923 in Hechingen/Hohenzollern geboren, mußte 1933 mit seinen Eltern in die Sowjetunion emigrieren. 1945 kehrte er mit den ersten deutschen Kommunisten nach Ost-Berlin zurück und arbeitete als Journalist und Diplomat, bevor er von den Sowjets mit dem Auf- und Ausbau des Nachrichtendienstes der Deutschen Demokratischen Republik betraut wurde. Er meisterte diese Aufgabe, so seine westlichen Gegenspieler, hervorragend. Wolfs Bruder Konrad, der es im Krieg zum Oberleutnant der Sowjetarmee gebracht hatte, wurde in der DDR ein bekannter Filmregisseur. Ihm widmete Markus Wolf, der 1987 völlig überraschend als Generaloberst - Ehrentitel: Held der Arbeit - zurücktrat, das Buch »Die Troika«. Es ist in der DDR inzwischen zum Bestseller geworden. In der Bundesrepublik ist »Mischa« Wolf als ehemaliger DDR-Spionagechef im Fahndungsbuch (siehe Ausriß) zur Verhaftung ausgeschrieben. Seit Monaten gehört er zu den Oppositionellen im Lande.

H. Palmer, E. Böhme, U. Schwarz
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