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»Ich bin auch schon ein Sympathisant«

aus DER SPIEGEL 43/1977

Seinem langjährigen Dienstherrn, dem Landesvater mit dem gesunden Volksempfinden, Hans Karl Filbinger, hat er im Entwurf einer Regierungserklärung mal »eine der besten Definitionen« des Freiheitsbegriffs untergejubelt, die er finden konnte: Freiheit sei immer auch die Freiheit des Andersdenkenden. Die Quelle des Zitats, Rosa Luxemburg, hat er nicht genannt. Und Filbinger hat nichts gemerkt.

Den Slogan »Freiheit statt Sozialismus« aber, den auch »jemand dem Filbinger reingeschrieben hat«, findet er gar nicht gut, im Gegenteil: »Man wird«, mutmaßt er, »böse sein über diese Bemerkung -- aber ich glaube halt, daß wir Christdemokraten in Baden-Württemberg nicht wegen dieses Slogans, sondern trotz dieses Slogans die Wahl gewonnen haben.«

Den Sozialdemokraten Helmut Schmidt hält er für einen »glänzenden Kanzler«; dem baden-württembergischen SPD-Vorsitzenden Erhard Eppler billigt er, bis auf dessen Pessimismus, jede Menge positive Eigenschaften zu; sein persönlicher Referent ist und bleibt Mitglied der SPD; und er selber stimmt im Stadtrat gelegentlich mit den Sozialdemokraten gegen seine eigene Partei: der erste CDU-Mann, der zum Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt gewählt worden ist, 1974 in Stuttgart, wo dies damals, laut Volksmund, »bloß einer« werden konnte, eben »dem Wüschtefuchs sei Kloiner«.

Heute hat Manfred Rommel, 48, Sohn des Generalfeldmarschalls und Chefs des Deutschen Afrikakorps im Weltkrieg II, auf seinem Schreibtisch daheim in dem Stuttgarter Uppermiddle-class-Vorort Sillenbuch zum Beispiel einen Bravo-Brief seines weiland Gegenkandidaten, des ziemlich linken SPD-Bundestagsabgeordneten Peter Conradi, liegen, worin er für seine wehrhafte Toleranz gegenüber einem weitaus Linkeren belobigt wird.

Ein Südlicht leuchtet zwischen Wald und Reben, hat wohl schon ein bißchen geglimmt in Filbingers rabenschwarzem Schatten, und jetzt flackert es ganz schön: Seit nämlich der Stuttgarter Schauspieldirektor Claus Peymann, der dort mit Erfolg allerhand linkes Theater veranstaltet hat, auch noch wegen des Zahnersatzes der Terroristin Gudrun Ensslin unter Beschuß geraten ist (für welchen er die ihm eingesandte Spendenbitte ans Schwarze Brett seiner Sprechbühne geheftet und selber hundert Mark gespendet hat). Nur eine Entlastungsoffensive des Oberbürgermeisters Manfred Rommel hat ihn vor der fristlosen Kündigung gerettet.

Das heißt, Rommel hat sich nicht bloß »vor den umstrittenen, schwierigen, linken Peymann« gestellt, sondern er ist die Affäre sozusagen prinzipiell angegangen, als »eine Veranlassung, das Problem Liberalität und Toleranz grundsätzlich zu diskutieren« -- auch apropos Luise Rinser, apropos Heinrich Böll. »Anhand dieser Fälle«, die er ganz ungefragt nennt, will Rommel räsonieren, »daß wir noch nicht überall das Bewußtsein dafür haben, was Freiheit wirklich bedeutet«, daß wir noch nicht »die Souveränität haben, auch extreme Ansichten ertragen, in gewissem Umfang sogar respektieren zu können«.

So was muß er ja nicht sagen. Er muß auch nicht unbedingt Interviews geben, die dann in Bonn (von Horst Ehmke) vervielfältigt allen SPD-Abgeordneten ins Fach gelegt und im SPD-Pressedienst (von Peter Conradi) beifällig zitiert werden, etwa mit dem Satz: »Man darf vor allem jetzt nicht sagen: Alle, die irgendwo links stehen oder die sich mal mit dem Problem der Anarchie beschäftigt haben, die versehen wir jetzt mit dem Brandmal des Sympathisantentums.«

Er muß das nicht sagen, wenn er nicht aus dem eigenen Lager Briefe bekommen will, deren Absender den Leichnam seines Vaters im Grabe rotieren sehen und die dem offenbar abartigen Filius nur eine Schlußfolgerung übriglassen: »Ich bin also auch schon ein Sympathisant.«

Das ist er natürlich nicht. Aber anders denken als die große Mehrheit seiner Parteifreunde, das will er schon -- vor allem: richtiger.

Er ist einer, der nachrechnet, und keineswegs nur die Zahlen. Den Taschenrechner (früher war es ein Rechenschieber), den er fast immer bei sich hat, den braucht er auch, um »mathematisch nachzuvollziehen, wenn mir einer was erklärt«; den braucht er selbst dann, wenn es um politische Entscheidungen geht. »Das Wichtigste fürs Leben ist die Wahrscheinlichkeitsmathematik« -- also der näherungsweise errechenbare Mittelwert zwischen dem denkbar günstigsten und dem denkbar ungünstigsten Fall.

Außerdem legt Manfred Rommel Wert darauf, besser als andere zu kennen, wovon die Rede ist; jetzt also nicht nur Herrn Peymanns Inszenierungen auch wirklich gesehen, sondern Marx, Lenin, ein bißchen Kautsky, ein bißchen Bernstein und -- »ich trau mich kaum, das zu sagen« -- Bakunin auch wirklich gelesen zu haben und mithin den Etikettenschwindel erkennen zu können, den weniger Bewanderte mit

* Zu Hause in Stuttgart-Sillenbuch vor Aufmarsch. skizzen des Feldmarschalls Erwin Rommel.

Begriffen wie Revolution oder Sozialismus betreiben.

Und schließlich hat Manfred Rommel einen anderen Hut auf als seine Parteifreunde: Er ist in der CDU der einzige direkt vom Volk (mit fast 60 Prozent der Stimmen) gewählte Oberbürgermeister einer Großstadt. Der aber ist unumgänglich auch für die Linken da, und Rommel hat sich gerade mit Linken »immer sehr gut unterhalten«. Zumal »der Hegelsche Weltgeist die Dinge im Stuttgarter Gemeinderat so geordnet hat«, daß SPD und FDP sowie CDU und Unabhängige mit je 30 Stimmen patt stehen und die Stimme des OB den Ausschlag gibt.

Das hilft. Es hilft nicht nur, sich in jener »Unabhängigkeit des Denkens« zu üben, die laut Rommel »auf der kommunalen Ebene zwischen den Parteien Täler überbrückt, die auf Landes- und auf Bundesebene unüberbrückbar bleiben«. Vielleicht hilft es sogar dabei, zeitlebens Sohn zu sein -- Sohn eines Vaters, der stets als ein Held gefeiert worden ist, erst während des Krieges und dann auch noch danach.

Als Knabe hat Manfred Rommel in seinem Sohn-Sein sich »immer zur Aufsässigkeit verpflichtet gefühlt«, um nicht als der würdige Sprößling des Herrn Generals herumgereicht zu werden. Sogar gegen die leidenschaftliche Neigung des Vaters zur Mathematik hat er sich zur Wehr gesetzt und lieber Klassiker gelesen. Später dann hat er sich eine Weile (ziemlich fruchtlos) als Wehrexperte versucht und ist, als gelernter Jurist, ein besonders versierter Mathematiker geworden.

Als Ministerialdirektor im Finanzministerium hat er sich schließlich noch am ehesten wie »ein Mensch eigener Prägung« gefühlt. Und ist doch wieder als »das Wüstenfüchsle« erfolgreich geworden und populär geblieben. Es fällt schwer, sich einen Sohn zu denken, der so oft über seinen Vater spricht wie er.

Erst jetzt hat er vielleicht die Chance, sich vom übermächtigen Vater zu befreien -- indem er dessen Image annimmt: als ein Mann, der gesiegt hat und gleichwohl moralisch motivierten Widerstand leistet gegen die Unduldsamkeit in den eigenen Reihen. »Wenn wir Intoleranz mit Intoleranz beantworten, dann gefährden wir auf die Dauer die ethische Substanz unseres Staatswesens.

Daß er sich ob solcher starken Sätze in Gefahr bringe, von der andersdenkenden Mehrheit politisch gemeuchelt zu werden (wie weiland sein Vater von Hitler zur Einnahme von Gift gezwungen wurde), ist allerdings höchst unwahrscheinlich. Eher schon könnte es sein, daß er sich auf lange Sicht bei solchen Parteigängern höchst profitabel profiliert hat, die mit ihm besorgen, »die CDU könnte sich ja nicht mehr liberal nennen, wenn man nicht mehr anderer Meinung sein dürfte«.

Sollte sich diese Annahme beispielsweise auf dem Parteitag der badenwürttembergischen CDU am Wochenende aber als falsch erweisen, dann wäre zumindest Manfred Rommels eigene Toleranz mitnichten erschüttert. Dann würde er wohl sagen, was er den CDU-Stadträten im Stuttgarter Gemeinderat sagt, wenn die ihm nicht gefolgt sind: »Schöne Freunde seid ihr. Jetzt habe ich wieder ganz allein mit der SPD stimmen müssen.«

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