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Artikel 17 / 49

»ICH BIN EIN LUMP, HERR STAATSANWALT!«

aus DER SPIEGEL 51/1956

Niemals ist in unserem Europa weder eine Macht noch auch eine Lehre, am wenigsten eine politische zu vollkommener Alleinherrschaft gediehen.« (Leopold von Ranke,

Geschichte der Päpste.)

Von allen Satellitenstaaten Südosteuropas hatte die Tschechoslowakei die ältesten demokratischen Traditionen. Ihr Staatspräsident, Eduard Benesch, galt als die große aber auch letzte Hoffnung aller demokratischen Kräfte auf dem Balkan. Er und Außenminister Jan Masaryk, der Sohn des Staatsgründers Thomas Masaryk, waren die Bastionen der demokratischen Idee - auch nach dem Staatstreich der Kommunisten im Februar 1948. 14 Tage nach dem Staatsstreich aber kam Masaryk auf geheimnisvolle Art und Weise ums Leben. Drei Monate später trat Staatspräsident Benesch von seinem Amt zurück. Unumschränkt regierten nun die Kommunisten das Land, das seit seiner Gründung am 28. Oktober 1918 als Hort und Modell einer modernen Demokratie gegolten hatte.

5. Fortsetzung

Häuptling der tschechoslowakischen Kommunisten ist Rudolf Slansky - eigentlich heißt er Salzmann: Er entstammt einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Seit 1945 ist er Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Slansky ist arrogant und zynisch, gewissenlos und brutal, dabei aber von brillanter Intelligenz, und mit all diesen Eigenschaften das beste Instrument, das sich der Kreml in der Tschechoslowakei wünschen konnte.

Als Emigrant in Moskau hatte er im Jahre 1943 die Vernichtung von 300 000 Sudetendeutschen geplant. Nach 1945 setzte er den Plan in die Wirklichkeit um.

Genauso brutal wie das Sudetengebiet von Deutschen säuberte er Prag, Böhmen und Mähren und die Slowakei von Gegnern der Kommunisten. Er stand hinter dem Mord an Außenminister Jan Masaryk und hinter der Abdankung des Staatspräsidenten Eduard Benesch.

Ende November 1952 aber bekennt dieser Mann: »Ich habe mich des schwersten, furchtbarsten und erbärmlichsten Verbrechens schuldig gemacht. Ich habe ... dem Leben des Präsidenten der Republik (des Kommunisten Klement Gottwald) nachgestellt. Ich war der Hauptspion der amerikanischen Imperialisten. Ich habe dem tschechoslowakischen Volk umfangreichen materiellen Schaden zugefügt. Ich hemmte den Anstieg seines Lebensniveaus. Ich bereitete dem tschechoslowakischen Volk ein fürchterliches

Schicksal vor, nämlich den imperialistischen Krieg, die Vernichtung seiner Selbständigkeit und die faschistische Diktatur.«

KP-Generalsekretär Rudolf Slansky legte dieses Bekenntnis nicht in einer Beichte ab, sondern als Angeklagter vor dem Richter des Staatsgerichtshofes. Es sind nur 14 von den 57 Zeilen seines Schlußwortes, und dieses Schlußwort ist wiederum nur eine kurze Zusammenfassung einiger hundert Aktenseiten voller ungeheuerlicher Geständnisse, die in den Protokollen des Slansky-Prozesses verzeichnet sind.

Slansky sagt in seinem Schlußwort: »Mein Name wird mit Recht von jedem anständigen Menschen verflucht. Sollte er aber irgendwo in einem anderen Sinne gewertet werden, sollte ich irgendwo in Schutz genommen werden, so kann das nur dort geschehen, wo meine Komplicen saßen, nur von jenen, denen ich gedient habe und die meine Auftraggeber oder meine Mittäter waren. Ich leistete ihnen wertvolle und nützliche Dienste.«

Aber nicht genug damit; dieser Angeklagte nimmt selber den Richtern die Möglichkeit zur Gnade: »Ich habe mich der niederträchtigsten Verbrechen schuldig gemacht, die ein Mensch begehen kann. Für mich kann es keine mildernde Umstände, keine Entschuldigung und keine Nachsicht geben. Ich verdiene mit Recht nur Verachtung. Ich verdiene kein anderes Ende meines verbrecherischen Lebens als das Ende, das vom Staatsprokurator beantragt wird.«

Der Mann, der sich solchermaßen selbst entmannte, Rudolf Slansky, war 51 Jahre alt. Sechs Jahre lang war er Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei gewesen, am Tage seiner Verhaftung stellvertretender Ministerpräsident der kommunistischen Regierung Zapotocki, mächtigster Mann in Prag zwischen 1945 und 1951, ein Liebling des Kreml, eine Leuchte des Kommunismus. Ausgezeichnet mit den höchsten kommunistischen Orden, darunter dem »Orden des Sozialismus«, einem Sonderorden der Tschechoslowakei, der ausdrücklich für ihn gestiftet und ihm an seinem Geburtstag, am 31. Juli 1951, umgehängt worden war. Sieben Wochen später wurde Slansky verhaftet. Er war 30 Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen, Redner auf Moskauer Kongressen, Haupt eines der besten kommunistischen Nachrichtenapparate.

Und nun steht der gefürchtetste Mann aus dem KP-Hauptquartier am Prager Pulverturm im düsteren Gerichts- und Gefängnisbau auf dem Pankrac von Prag, wohin er selbst so manchen Gegner gebracht hatte. Der Senat des Staatsgerichts in Prag beginnt am 20. November 1952 gemäß der Anklageschrift des Staatsprokurators Dr. Urvalek vom 14. November 1952 die Verhandlung gegen »Rudolf Slansky und Komplicen wegen der Straftaten des Hochverrats, der Spionage, der Sabotage und des Militärverrats«. Genauer gesagt: »... daß sie als trotzkistisch-titoistische, zionistische, bürgerlich-nationalistische Verräter und Feinde des tschechoslowakischen Volkes, der volksdemokratischen Ordnung und des Sozialismus im Dienste der amerikanischen Imperialisten und unter Anleitung feindlicher westlicher Spionagedienste ein staatsfeindliches Verschwörerzentrum gebildet, die volksdemokratische Ordnung untergraben, den sozialistischen Aufbau gestört, die Volkswirtschaft geschädigt, Spionagetätigkeit betrieben, die Einheit des tschechoslowakischen Volkes und die Verteidigungsfähigkeit der Republik geschwächt haben, um sie vom festen Bündnis und Freundschaftsverhältnis zur Sowjet-Union loszureißen, die volksdemokratische Ordnung in der Tschechoslowakei zu liquidieren, den Kapitalismus wiederherzustellen, die Republik

neuerdings in das Lager des Imperialismus hineinzuschleppen und ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit zu vernichten.«

Das also war der »rote Held von Prag«, der »Garant der volksdemokratischen Ordnung«, wie Slansky in lobpreisenden Zeitungsaufsätzen noch sieben Wochen vor seiner Verhaftung anläßlich seines 50. Geburtstages gerühmt worden war. Lesen wir denn richtig, was das amtliche Parteiorgan »Rude Pravo« am 31. Juli 1951 schreibt? - »Rudolf Slanskys hervorstechendster Charakterzug ist Loyalität. Loyalität gegenüber den Prinzipien des Marxismus-Leninismus. Loyalität gegenüber der Sowjet -Union, der Grundlage des Sozialismus in der Welt, Loyalität gegenüber den Lehren und Taten des großen Stalin. Und er zeigt dieselbe unerschütterliche Loyalität und Ehrerbietung gegenüber der Arbeiterklasse, dem ganzen Volk, unserer kommunistischen Partei und ihrem Führer, dem Genossen Gottwald.«

Und lesen wir richtig, was da auf dem Formular eines Schmucktelegrammes steht? - »Lieber Genosse, unsere ganze Partei und das ganze werktätige Volk grüßen dich als seinen treuen Sohn und Führer, der erfüllt ist von der Liebe für die werktätigen Menschen und von Loyalität gegenüber der Sowjet-Union und dem mächtigen Stalin.« Die Unterschrift lautet: »(Staatspräsident) Klement Gottwald, (Ministerpräsident) Antonin Zapotocky«. Ja, wir lesen richtig! Es sind die Glückwunschadressen zum 31. Juli 1951, dem 50. Geburtstag Slanskys. Sieben Wochen später war der so gefeierte Mann ein »abscheulicher Lump, eine verderbliche Hyäne der Imperialisten, ein feiger Sohn der Bourgeoisie, ein nationalistischer Diversant, ein Mörder«. Aber Rudolf Slansky ist nicht ein gewöhnlicher Diversant, nicht ein gewöhnlicher Lump, nicht eine gewöhnliche Hyäne, nein, noch etwas viel Scheußlicheres.

Ein neues Epitheton bezeichnet diese Scheußlichkeit und taucht zum erstenmal im Katalog der politischen Verbalinjurien auf; ein Wort, das beim Rajkprozeß in Ungarn (SPIEGEL 46/1956) nur schüchtern aufgeblitzt war: Ein »zionistischer Verräter, ein zionistischer Lump« ist Slansky. Dieses Prädikat ist die politische Sensation dieses Prozesses.

Es ist eine merkwürdige Gesellschaft, die da auf der Anklagebank im Justizgebäude auf dem Prager Pankrac sitzt: 14 Männer, elf davon sind jüdischer Abstammung, alles alte und hohe Funktionäre der Partei und des Staates.

Neben Slansky, dem Generalsekretär der tschechischen KP, sitzen seine beiden Mitarbeiter Josef Frank und Bedrich Geminder, drei Männer, vor denen die ganze Tschechoslowakei jahrelang gezittert hatte, weil sie mit einem Federstrich über Leben und Freiheit entscheiden konnten, und von denen jeder nicht nur im moralischen Sinne des Wortes, sondern wirklich und wahrhaftig ein vielfacher Mörder war.

Dann kommen Vladimir Clementis, der Nachfolger Masaryks als Außenminister, und seine beiden Stellvertreter Artur London und Vavro Hajdu, von denen der eine, London, das diplomatische Personal des tschechischen Außenamtes nach dem Putsch von 1948 rücksichtslos säuberte, und der andere, Hajdu, ein berüchtigter Denunziant aller nicht linientreuen Kommunisten unter den Beamten und Diplomaten des tschechoslowakischen Außenministeriums war.

Unter den weiteren Angeklagten befinden sich die beiden stellvertretenden Außenhandelsminister Evzen Loebl und Rudolf Margolius, der stellvertretende Verteidigungsminister Bedrich Reicin und der einst einflußreiche stellvertretende Finanzminister Otto Fischl.

Weiter sitzen da Ludvik Frejka, der Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung in der Kanzlei des Präsidenten Gottwald, André Simone, der ehemalige Redakteur des Parteiorgans »Rude Pravo«, und Otto Sling, der Kreissekretär von Brünn, der jahrelang in dieser kommunistischen Hochburg ein blutiges Terrorregime geführt hatte.

Eine illustre Gesellschaft, ein Querschnitt durch die oberste Partei- und Staatsführung der Tschechoslowakei. Nimmt man die in der Anklageschrift noch genannten 40 »Helfershelfer« dazu, die als »Kreaturen Beneschs« apostrophiert werden, und die aus der Haft vorgeführten Zeugen - zwei Gruppen, die bereits längere Zeit auf ihre Richter warteten -, so ergibt sich das Bild, daß hier eine ganze Führungsgarnitur von mindestens einer Hundertschaft vor Gericht steht. Über die Hälfte davon sind Juden.

Jeden Abend, acht Tage lang, vom 20. bis 27. November 1952, hörten die Tschechen am Rundfunk die Bandaufnahmen aus dem Gerichtssaal. Sie hörten, wie ihre Unterdrücker von gestern die tollsten Verbrechen gestanden. Allerdings nicht die, die sie wirklich an ihren Mitbürgern begangen hatten, sondern Verbrechen, die so wahnwitzig waren, daß man sich fragen mußte, wie dieser Staat überhaupt angesichts der Tatsache bestehen konnte, daß sechseinhalb Jahre lang eine riesige Verschwörer- und Spionagebande an feiner Spitze gestanden hatte.

Nur manchmal blitzte inmitten der hysterischen Selbstbezichtigungen für den Kenner der Geschichte des Kommunismus ein amüsantes, versteckt gefochtenes Duell zwischen Ankläger und Angeklagten auf. Wie in einem Schlüsselroman waren diese Auseinandersetzungen jedoch für den politischen Laien nicht verständlich. Er bemerkte die Lufthiebe und Finten nicht.

Es war einer der typisch verrückten Einfälle der kommunistischen Propagandisten, diesen Prozeß über den Rundfunk zu geben. Es war keine prokommunistische, es war beste antikommunistische Propaganda. Ein Prager Spötter bemerkte denn auch zu einem westlichen Diplomaten: »Ich bin gespannt, wann die Tatsache dieser Übertragungen ein Anklagepunkt gegen den jetzigen Informationsminister werden wird.«

Hier ein Beispiel aus dem Protokoll des zweiten Verhandlungstages: Da steht der gefürchtete Geminder vor dem Richter Dr. Novak. Geminder war jahrelang Privatsekretär Georgi Dimitroffs gewesen in der Herzkammer des internationalen Kommunismus, der Komintern. 1946 hatte ihn Stalin als seinen Beobachter nach Prag geschickt. Er wurde der engste Vertraute und Stellvertreter Slanskys, zweiter Mann der tschechoslowakischen KP und Chef eines mächtigen Schnüffel- und Spionageapparates.

STAATSANWALT: »Geminder, welche Schulen besuchten Sie?«

Darauf kommt eine Antwort, die sich in der deutschen Übersetzung noch recht normal liest. Wollte man sie aber wortgetreu übersetzen, wäre sie schwer verständlich, denn Geminder sprach eine Art Pidgin-Tschechisch:

GEMINDER: »Ich habe besucht die deutschen Schulen in Ostrava. Ich habe die Tschechoslowakei verlassen bereits im Jahre 1919 und das Mittelschulstudium in Berlin abgeschlossen, wo ich maturierte. Auch nach Beendigung der Studien verkehrte ich im kleinbürgerlichen, kosmopolitischen, zionistischen Milieu, wo ich mit Personen deutscher Nationalität in Beziehungen stand, was dann auch hatte darauf einigen Einfluß, daß ich die tschechische Sprache leider gar nicht beherrsche gut.«

STAATSANWALT: »Und Sie haben während dieser ganzen Zeit nicht gut Tschechisch sprechen gelernt, nicht einmal im Jahre 1946, als Sie in die Tschechoslowakei kamen und eine verantwortliche Funktion im Apparat der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei eingenommen hatten?«

GEMINDER: »Jawohl, ich habe nicht gelernt, gut tschechisch sprechen.«

STAATSANWALT: »Welche Sprache beherrschen Sie vollkommen?«

GEMINDER: »Die deutsche!«

Tatsächlich, ein Mann, der 1946 jeden ans Messer lieferte, der es wagte, in Prag ein deutsches Wort auszusprechen, sagt, er beherrsche nur die deutsche Sprache.

Der Staatsanwalt lächelt höhnisch: »Können Sie tatsächlich gut Deutsch?«

GEMINDER: »Ich habe schon lange nicht mehr gesprochen deutsch, aber ich beherrsche diese Sprache.«

STAATSANWALT: »Beherrschen Sie die deutsche Sprache ungefähr so wie die tschechische?«

GEMINDER: »Ja!«

STAATSANWALT: »Nun, so können Sie überhaupt keine Sprache ordentlich. Sie sind ein typischer Kosmopolit. Mit diesen Eigenschaften haben Sie sich in die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei hineingedrängt.«

GEMINDER: »Jawohl, ich bin eingetreten im Jahre 1921 in die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei, und ich bin geblieben Mitglied bis zu meiner Entlarvung im Jahre 1951.«

Und da steht der gefürchtete Brünner Parteisekretär Sling, der Henker aller mährischen Antikommunisten und der Deutschen und deutschsprachigen Juden. Er gesteht eifrig: »Unser staatsfeindliches Verschwörerzentrum stellte die fünfte Kolonne in der Tschechoslowakei dar; es war der innere Angriff der amerikanischen Imperialisten auf die Tschechoslowakei, und im Kriegsfalle wäre unser Verschwörungszentrum die Stütze ihres Angriffs gewesen, das bedeutet, daß es zur Niederlage der volksdemokratischen Tschechoslowakei beigetragen hätte.«

Der Vorsitzende fällt schulmeisterlich ein: »Und zur Vernichtung der Selbständigkeit unseres Staates!«

Erschrocken, daß er diese Vokabel im Eifer seines Geständnisses vergessen hat, fährt Sling zusammen, verbeugt sich und beteuert eifrig: »Selbstverständlich, Herr Präsident, selbstverstandlich.«

Diese Komödie wird nur noch von dem aus der Haft vorgeführten Zeugen Holy übertroffen, der auf die erste Frage des Vorsitzenden: »Waren Sie auch Mitglied des Verschwörerzentrums?« unter mehreren Bücklingen antwortet: »Jawohl, bitte schön, Herr Präsident. Bitte schön, Herr Präsident!«

Daß ein Angeklagter gesteht, ein Spion zu sein, wie im Rajk - und Kostoff-Prozeß oder wie in den grollen Moskauer Säuberungsprozessen der 30er Jahre, gilt in Prag im Jahre 1952 als Bagatelle. Drei, vier, fünf Geheimdiensten muß man angehört haben, dann wird es erst interessant. Das Abnutzungsgesetz wirkt eben auch in Schauprozessen. Die Dosis an Verbrechen muß immer

größer werden, damit sie noch Entsetzen erregt.

Aber ansonsten feierten die Moskauer Schauprozesse, von 1936 und 1938 in Prag wirklich Urständ, sowohl in bezug auf die Beschimpfung der Angeklagten wie auf den Zynismus des Anklägers und die perverse Unterwürfigkeit der Opfer. Daß es in Prag geschah, der Stadt an der Moldau, auf der nach 1945 die Hoffnung ruhte, dort könne eine Synthese zwischen Kommunismus und Demokratie verwirklicht werden, gab dem spektakulären Ereignis eine besonders makabre Note.

Da ist zum Beispiel Evzen Loebl, Kommunist seit 1934 und stellvertretender Außenhandelsminister. Er gesteht, dem amerikanischen, dem englischen, dem österreichischen und dem israelischen Geheimdienst angehört und diese Dienste mit Geheimmaterial beliefert zu haben. Natürlich war die Beweisführung kinderleicht. Denn da ja ein stellvertretender Außenhandelsminister von Berufs wegen mit ausländischen Diplomaten umgeht, braucht er nur zuzugeben, ihnen Geheimnisse verraten zu haben. So waren denn auch die Partner dieses »Spions« durchweg die diplomatischen Vertreter der Westmächte oder israelische Gesandte in Prag.

Wie man dabei unter Vorspiegelung von Tatzeugenschaft die gigantische Kulisse einer Weltverschwörung konstruierte, zeigt der Auftritt eines verhafteten Zeugen, des Mordechai Oren. Er war ein Mitglied der Knesset, des israelischen Parlaments, und Parteiführer der linkssozialistischen Mapam-Partei. Er hatte in Ostberlin einen »Friedenskongreß« besucht und wurde auf der Durchreise in Prag verhaftet.

Im Slansky-Prozeß wurde dieser Mann der Hauptbelastungszeuge gegen die kommunistischen Juden der Tschechoslowakei. Der Ankläger bezeichnete den Zeugen, der in einem späteren Prozeß zu langer Freiheitsstrafe verurteilt wurde, nur als »den berüchtigten zionistischen Betrüger«. Seine Aussage ist ein ungeheuerliches Zeugnis der Infamie und der eingelernten »Zeugenaussage«.

Oren behauptete, der Kontaktmann englischer Labour-Abgeordneter, amerikanischer Finanziers und sogar Titos zu Slansky gewesen zu sein. Natürlich erklärte Oren, auch Weisungen

vom israelischen Außenminister bekommen zu haben. Von besonderer Pikanterie dabei ist, daß als Befehlshaber der Tito -Spionage nicht mehr - wie in den Prozessen gegen Rajk und Kostoff - die jugoslawischen Politiker Rankowitsch oder Kardelj auftreten, sondern Moscha Pijade; denn Moscha Pijade ist Jude. Damit wird Tito bedenkenlos und ohne Rücksicht auf die früheren Prozesse als Akteur in die zionistische Weltverschwörung einbezogen.

Die Aussagen Orens werden Ergänzt durch die Aussage Orensteins: Dieser »Zeuge« deklamiert abstruse Gedankengänge: Wie sich die Prager roten Moritze - angeblich - die Entstehung und den Zweck des Staates Israel vorstellen. Was Orenstein da aussagt, ist eine ganz passable Neuauflage der »Weisen von Zion": Ben-Gurion habe mit Truman den jüdischen Staat nur gegründet, damit israelische Agenten eine bessere Ausgangsbasis für ihre Tätigkeit haben, die kommunistische Weltbewegung zu unterwandern.

Alle bedeutenden amerikanischen Juden, wie der Ex-Gouverneur Lehmann, der frühere Finanzminister Morgenthau und andere Politiker, seien Mitglieder einer gigantischen zionistischen Weltverschwörung, deren finanzielles Zentrum das Züricher Büro eines Dr. Pausner sei, mit Filialen in London, Paris und einer Hauptgeschäftstelle in Washington.

Mit liebevoller kriminalistischer Kleinarbeit knüpften Vorsitzender und Ankläger den weltweiten Teppich des Zionismus und vor allem die Knoten der sogenannten osteuropäischen Agenturen, die mit obskuren V-Männern - mit typisch jüdischen Namen - belegt wurden. Man muß sagen, daß die jüdischen Verschwörungsphantasien des »böhmischen Gefreiten« Hitler ein Kinderspiel gegen das waren, was der böhmische Unteroffizier Klement Gottwald im Slansky-Prozeß produzieren ließ.

Nicht weniger abenteuerlich schildert der Angeklagte Simone seine monströse Spionagekunst. Dieser Mann, der seit mehr als 30 Jahren Mitglied der Kommunistischen Partei war, hatte seine kommunistische Aktivität in vielen Ländern bewiesen: in Moskau von 1930 bis 1932, in der Internationalen Brigade in Spanien, während des zweiten Weltkriegs in Frankreich, dann in den Vereinigten Staaten, dann in Mexiko und schließlich als diplomatischer Korrespondent des kommunistischen Parteiorgans »Rude Pravo«. Er enthüllt sich im Slansky-Prozeß als ein jüdisches Verräter-Ungeheuer. Es ist wohl kein Zufall, daß bei seinem ersten Auftritt in der Hauptverhandlung der Prager Vorsitzende die im Budapester Rajk-Prozeß erprobte Methode anwendet:

VORSITZENDER: »Ihr Name ist Andre Simone. Hießen Sie immer so?«

SIMONE: »Mein richtiger Name ist Otto Katz.«

VORSITZENDER: »Welche Verbindungen hatten Sie mit den Feinden der internationalen Arbeiterbewegung?«

SIMONE: »In Frankreich hatte ich bis 1939 enge Verbindung mit dem jüdischen Nationalisten, dem französischen Kolonialminister Georges Mandel. Seit dem Jahre 1939 war ich dann mit dem jüdischen Nationalisten und Mitglied des obersten amerikanischen Gerichtshofes, Frankfurter, verbunden.«

STAATSANWALT: »Sie waren auch dem britischen Spionagedienst verpflichtet. Sagen Sie darüber etwas aus.«

SIMONE: »Ich gestehe, daß mich im Oktober 1939 der britische Intelligence Service in der Kanzlei seines Agenten Paul Willert in Paris im Hotel 'George V' zur Mitarbeit verpflichtet hat.«

VORSITZENDER: »Wie kam es, daß Sie die Verpflichtung beim britischen Intelligence Service unterzeichneten?«

SIMONE: »Willert sagte, daß jeder Agent des Intelligence Service eine Verpflichtung unterschreiben müsse. Wir gingen in die Kanzlei Willerts, und er schrieb auf der Schreibmaschine meine Verpflichtung zur Zusammenarbeit mit dem Intelligence Service. Sie war englisch geschrieben, in drei Exemplaren, von denen das letzte auf blauem Papier war. In der Verpflichtung war weiter festgestellt, daß mein Auftrag unter allen Umständen geheim bleiben müsse, daß ich ihn freiwillig übernommen habe, daß ich für eventuelle Folgen selbst verantwortlich bin, und es wurde darin auch gesagt, daß im Falle meiner Entlarvung die britischen Behörden auf alle Fälle dementieren und meine Erklärungen und Aussagen bestreiten werden.«

Aber das sind ja erst zwei feindliche Agenturen, für die Simone gearbeitet haben will! Das reicht natürlich noch nicht. Also erklärt Simone: »Bei meiner Durchreise in New York wurde ich von den Engländern mit dem Agenten des amerikanischen Nachrichtendienstes« dem jüdischen Nationalisten Schönbrunn, zusammengebracht.«

Damit ja kein Mißverständnis entsteht, fragt der Staatsanwalt: »Für wen arbeiteten Sie mit ihm?«

SIMONE: »Für den amerikanischen Spionagedienst.«

STAATSANWALT: »Wem waren Sie nun eigentlich allen verpflichtet?«

SIMONE: »Ich war dem französischen, dem britischen und dem amerikanischen Spionagedienst verpflichtet.«

Aber warum wurde dieser Mann, der alte internationale Kommunist, der jahrelang würdig gewesen war, im parteiamtlichen Blatt der tschechischen KP die großen richtungweisenden Artikel zu schreiben, ein dreifacher Spion?

SIMONE: »Das liegt in meinen Charaktereigenschaften, die dazu geführt haben, daß ich ein Feind der Arbeiterklasse und alles Fortschrittlichen geworden bin.«

Eine wahrhaft erschöpfende Auskunft.

Ein Zwischenspiel von besonderer Delikatesse bei der Vernehmung dieses Angeklagten wirft ein bezeichnendes Licht hinter die Kulissen des Schauspiels.

Simone gestand, daß ihn Rudolf Slansky 1948 veranlaßt habe, ein Buch über die Februar-Ereignisse in Prag zu schreiben, das heißt über die revolutionäre Machtergreifung der Kommunisten in der Tschechoslowakei. Simone sagt dazu:

»Slansky forderte mich auf, ihn als den eigentlichen Führer dieser Periode darzustellen und als Modell für mein Buch John Reeds Buch 'Zehn Tage, die die Welt erschütterten', zu nehmen, das bekanntlich im trotzkistischen Geiste geschrieben ist. Durch trotzkistische Fälschung der historischen Ereignisse, wie sie auch Reed in seinem Buch vornahm, sollte ich Slansky Popularität verschaffen und die führende Rolle, die Klement Gottwald bei den Ereignissen gespielt hatte, unterdrücken.«

Es ist sicher, daß weder der Vorsitzende noch der Ankläger die Hintergründigkeit dieser Feststellung Simones durchschaut haben. Sie hätten sonst eine solche Bezugnahme auf das Buch von John Reed niemals zugelassen; denn dieses »im trotzkistischen Geiste geschriebene Werk«, das Stalin stillschweigend hatte verschwinden lassen, war die Geschichte der bolschewistischen Machtergreifung in der Sowjet-Union im Jahre 1917. Niemand anders hatte dazu das Vorwort geschrieben als der Vater des Bolschewismus, Lenin. Und er sagt in diesem Vorwort: »Hier ist ein Buch, das ich in Millionen Exemplaren in alle Sprachen der Welt übersetzt sehen möchte; denn es gibt die wahre und lebendige Darstellung der. Ereignisse wieder, die so bedeutsam für die Durchführung der proletarischen Revolution und die Errichtung der Diktatur des Proletariats in Rußland wurden. John Reeds Buch wird helfen, die Fragen zu klären, die so fundamental wichtig sind für die Bewegung der Arbeiterklasse.«

Das schrieb Lenin. Aber in dem Buch des John Reed ist von Josef Stalin wenig die Rede. In späteren »Geschichtsschreibungen« wurde Stalins Verdienst an der Revolution dicht neben die Leistung Lenins gesetzt; John Reeds Buch mußte aus dem Verkehr gezogen werden.

Wenn nun Andre Simone aussagt, er habe ein Buch schreiben sollen nach dem Vorbild von John Reeds berühmtem Werk, von dem jeder Kenner weiß, daß es die Ereignisse richtig wiedergibt, und wenn er sagt, er habe die Rolle Gottwalds trotzkistisch unterdrücken sollen - wie es Reed mit Stalin tat -, so liegt darin ein grandioser Spott gegen Gottwald und eine hinreißende Charakteristik des Machtkampfes, um den es in diesem Prozeß geht. Daß Simone den Mut dazu fand, ist wohl nur dadurch zu erklären, daß er sicher war, im Ankläger- und Richterkollegium niemanden vor sich zu haben, der die Zusammenhänge durchschaute. Diese Aussage war für Kenner der intimen Parteigeschichte bestimmt, und Kenner saßen nicht im Gericht von Prag: Auch unter den westlichen Journalisten gab es nur wenige, die solche Rabulistik verstanden.

Nach dieser Privatvorstellung für seine internationalen Freunde fiel Simone bald wieder gehorsam auf die vorgeschriebene Prozeßlinie zurück. Als der Vorsitzende ihn fragte: »Wollen Sie Ihre Aussagen noch durch irgend etwas ergänzen?« nimmt Simone sein Schlußwort vorweg und erklärt selbstanklagend: »Ich war ein Schriftsteller. Eine schöne Formulierung sagt, der Schriftsteller sei ein Ingenieur der menschlichen Seele. Aber was für ein Ingenieur bin ich gewesen, der die Seelen vergiftete? Ein Ingenieur der Seele, wie ich einer bin, gehört an den Galgen. Das ist der einzige Dienst, den ich noch erweisen kann ...« Das ist Zynismus reinsten Wassers. Und daß es die Richter für bare Münze nehmen, zeugt von ihrer unvorstellbaren Torheit oder es besagt, daß auch sie einfach - mitspielten.

Auch ein anderer Angeklagter, der stellvertretende Außenminister Hajdu, gab seinen internationalen Freunden, trotz seines linientreuen Geständnisses, einen tragikomischen Beweis für die Albernheit seines Bekenntnisses. Der Staatsanwalt fragte ihn: »Berichten Sie uns, wie Sie für die britische Spionage gewonnen wurden!«

Der Polizeichef von Wiveliscombe

Hajdu, der während des Krieges in England gelebt hatte, antwortete: »Im Jahre 1941 wurde ich ins Polizeihauptquartier von Wiveliscombe gerufen, um einige Informationen über mich abzugeben. Ich wurde zum Chef der Polizei geführt. Er wußte, daß ich 1939 in der Slowakei gewesen war, und befragte mich über einige industrielle Einrichtungen dort. Ich gab ihm Informationen über verschiedene Fabriken in der Nähe von Preßburg. Er war sehr zufrieden über meine Informationen und bat mich, ihm in Zukunft weitere Berichte dieser Art zu liefern.«

Hajdu bekennt dann weiter, daß er im Jahre 1946 auf der Pariser Friedenskonferenz von dem englischen Delegierten Sir Gladwyn Jebb erpreßt worden sei. Sir Gladwyn hätte Hajdu auf dessen Beziehungen zu dem Chef der Polizei von Wiveliscombe im Jahre 1941 hingewiesen und gedroht, ihn zu verraten. Klarer Fall!

Nur eins sagte Hajdu in seinem Geständnis nicht, und seine Vernehmer hatten sich offenbar nicht die Mühe gemacht, danach zu forschen: Wiveliscombe ist ein armseliges englisches Dorf mit zwei Dutzend Einwohnern. Wer das weiß, kann sich vorstellen, was es dort für ein »Polizeihauptquartier« und für »einen Chef der Polizei« gegeben hat. Was für ein großartiger Gendarm muß das gewesen sein, der sich für die kriegsentscheidende Bedeutung der slowakischen Industrie interessierte und einen in England weilenden tschechischen Emigranter gelegentlich eines dörflichen Wochenendaufenthaltes für das große Spiel der Londoner Regierung gewann!

Das Bemühen, jene jüdischen Kommunisten, die während des zweiten Weltkrieges in der westlichen Emigration gewirkt hatten, der verräterischen Zusammenarbeit mit den Westmächten zu überführen, war das Hauptanliegen, aber nicht das einzige Ziel des Prozesses. Nach dem Beispiel des Kostoff-Prozesses in Bulgarien wurde Slansky und seinen Mitangeklagten alles aufgebürdet, was damals in der Tschechoslowakei den Zorn der Massen erregte.

Alle Schuld für das Wirtschaftsdebakel zwischen 1948 und 1951, das durch die brutale Ausrichtung der tschechischen Wirtschaft auf die Bedürfnisse der Sowjet-Union entstanden war (s. Graphik), wurde den Weltverschwörern in Washington, Paris und London und ihren Prager Helfershelfern in der kommunistischen Führung angelastet. Alles war angeblich Sabotage und ein Werk der zionistischen Verschwörer: daß es kein Heizmaterial gab, daß die Energiewirtschaft zusammengebrochen war, daß in der chemischen Industrie ein Chaos herrschte, daß die Finanzen zerrüttet waren, die Landwirtschaft nicht funktionierte - bis zum Schwarzhandel.

Das Ziel des Slansky-Prozesses, einen Sündenbock für das Wirtschaftsdebakel zu finden, war wohl auch der Hauptgrund für die Rundfunkübertragung des Prozeßverlaufs. Man muß sich die Stimmung im tschechischen Volk vergegenwärtigen, die in jenen Wochen vor dem Weihnachtsfest 1952 herrschte. Die Bevölkerung stand zum zweiten Male vor einem Weihnachten ohne die geringste Sonderzuteilung an Lebensmitteln. Die Gehälter waren erneut gekürzt worden. Sogar für Säuglinge war die Vollmilchzuteilung gestrichen; die Mütter waren auf Kondensmilch angewiesen. Süßigkeiten und Schokolade gehörten zu den Märchen, die man nur auf dem Schwarzen Markt zu märchenhaften Preisen bekommen könnte. Und das alles ein Jahr vor dem Ende des vielgepriesenen Fünfjahresplanes, dessen Versprechungen die Hoffnung der Massen gewesen waren.

Welche Erlösung für Klement Gottwald und seine Moskauer Auftraggeber war es deshalb, daß der Angeklagte Frejka, der Chef der Volkswirtschaftlichen Abteilung in der Kanzlei des Präsidenten Gottwald, also der obersten verantwortlichen Stelle für die wirtschaftspolitischen Angelegenheiten, gesteht: »Daß es heute noch Mangel und daß es heute noch Lebensmittelkarten in der Tschechoslowakei gibt, dafür trage ich, ich allein, die Verantwortung, und ich allein bin daran schuld.«

Noch verrückter begründet Frejka seine Sabotage des Fünfjahresplanes mit dem Geständnis, er habe versucht, den Außenhandel der Tschechoslowakei mit den Westmächten künstlich hochzuhalten, damit die Imperialisten die Durchführung des Planes verhindern konnten. Wahrhaftig: Nichts kann dümmer sein als ein Schuldbekenntnis in einem kommunistischen Schauprozeß. Zu Dutzenden ließen sich die Beispiele dafür anführen; aber sie wären nur eine Wiederholung, eine wörtliche Wiederholung der Abstrusitäten, die man aus dem Rajk- und Kostoff-Prozeß bereits zur Genüge kennt.

Die Hexenjagd beginnt

Aber war denn der Prager Prozeß eine Abrechnung mit den Nationalkommunisten wie in Sofia und Budapest? War Slansky Nationalkommunist? Auch wenn man voll die Tatsache würdigt, daß Slansky und ein Teil seiner Mitangeklagten gute Beziehungen zur westlichen Welt hatten und versuchten, die wirtschaftliche Misere durch Wirtschaftsbeziehungen mit den Westmächten zu bessern und sich dabei sogar riesiger Schwarzhandelsorganisationen bedienten, kann man die einfache Formel einer nationalkommunistischen Auseinandersetzung in Prag nicht gelten lassen.

Der Nationalkommunismus der 48er und 49er Jahre, der durch Titos Abfall eingeleitet worden war, fand in der Tschechoslowakei keine echte, ausgeprägte und typische Repräsentation. Das lag daran, daß bis Februar 1948 die Prager Kommunisten noch im Kampf gegen die liberal-demokratischen Kräfte unter Benesch standen, die man in Sofia, Bukarest und Budapest bereits 1947 liquidiert hatte. Der Kampf um die wirtschaftliche Orientierung - West oder Ost - war noch im Zeichen von Benesch geführt worden. Und Stalin hatte im ersten Teil der Auseinandersetzungen sogar noch gut dafür bezahlt, daß sich Benesch und Masaryk gegen den Marshallplan entschieden. Wenn man überhaupt nach einem

nationalkommunistischen Nachzügler im Prager Prozeß sucht, dann kann man ihn höchstens in Clementis sehen, der noch unter Masaryk als Stellvertreter im Palais Czernin agiert hatte. Er verkörperte, wenn auch nur schamhaft, noch am ehesten den Nationalkommunismus.

Natürlich wurde nach Titos Abfall von Moskau in den 48er und 49er Jahren auch in der Tschechoslowakei nach Titoisten gefahndet. Natürlich hatten die Prozesse in Ungarn und Bulgarien gegen die Nationalkommunisten auch Säuberungsmaßnahmen in der tschechischen KP zur Folge. Aber die Aktionen blieben in der mittleren Etage, wenn auch eine gerade Linie von diesen Säuberungsmaßnahmen bis zur Anklagebank des Slansky-Prozesses führt. Dort enthüllte sich ein ziemlich düsteres Kapitel des Machtkampfes, der in den Reihen der Kommunisten in jenen Jahrein ausgefochten wurde.

Als der IX. Parteikongreß im Mai 1949 abgehalten wurde, nannte die Parteisekretärin Marie Svermova in ihrem Rechenschaftsbericht die neuen Mitgliederzahlen der Partei, aus denen hervorging, daß zwischen dem 1. Oktober 1948 und dem 31. Januar 1949 im Zuge von Säuberungsaktionen 107 133 Vollmitglieder aus der Partei ausgeschlossen und über eine halbe Million Vollmitglieder zu Kandidaten zurückgestuft worden waren.

Auf dem Kongreß wurde Klement Gottwald erneut zum Vorsitzenden der Partei gewählt. Dem neuen, siebenköpfigen Sekretariat des Zentralkomitees gehörten Rudolf Slansky als Generalsekretär an, ferner Gottwald, Marie Svermova, Josef Frank,

Ladislav Kopriva, Gustav Bares und Stefan Bastovansky. Von diesen sieben Mitgliedern des 1949 nach der nationalkommunistischen Säuberung ernannten ZK-Sekretariats hat nicht eines das Jahr 1953 überstanden. Von ihnen starb Gottwald - vielleicht auf natürliche Weise: an einer Erkältung, die er sich bei Stalins Beerdigung zugezogen hatte.

Im Februar 1950 wurde in einem offiziellen Bericht des Zentralkomitees zum ersten Male von »Agenten der westlichen Imperialisten und der Titoclique in den Führungsgremien der Partei« gesprochen. Aber damit war keineswegs Slansky gemeint. Im Gegenteil: Slansky war der Inaugurator der Hexenjagd. Kurz darauf wurden die »bürgerlich-nationalistischen Abweichler« aufs Korn genommen; Vladimir Clementis wurde zum Rücktritt gezwungen. Das nationalkommunistische Motiv taucht hier flüchtig auf: Clementis wird von seinem Nachfolger Siroky beschuldigt, er habe 1939, als er sich gegen den Hitler-Stalin-Pakt aussprach, »den Standpunkt des internationalen Imperialismus gegen die Sowjet-Union und gegen Stalin geteilt«. In Wahrheit ist dem Kreml die Außenpolitik Clementis nicht schroff antiwestlich genug. Man mißtraut dem Erben des Demokraten Jan Masaryk.

Noch werden jedoch die abgesetzten Funktionäre nicht vor den Richter gestellt. Sie erhalten untergeordnete Posten. Clementis wird Bankdirektor. Aber bald bestimmen die Machtkämpfe der Spitzenfunktionäre immer mehr das Bild der Auseinandersetzung. Rudolf Slansky glaubt den Augenblick gekommen, zum Angriff gegen seine alten persönlichen Gegner zu schreiten. Er hat sie in verschiedenen Fraktionen des kommunistischen Apparates.

Da ist einmal Gottwald, der inzwischen als Staatspräsident auf dem Hradschin nicht mehr so willfährig ist. Da ist der rüde und provinziell beschränkte Ministerpräsident Zapotocky, der mit seinem mächtigen Rückhalt als ehemaliger Gewerkschaftsführer gegen Slansky und seine internationale jüdische Führungsclique steht. Da sind schließlich Slanskys Gegner in der sogenannten Sverma-Gruppe, geführt von Marie Svermova, der Frau des alten, von Legenden umwobenen kommunistischen Partisanenführers Jan Sverma.

Die Svermova, eine einflußreiche, intrigante Parteisekretärin mit stark erotisch gefärbtem politischem Fanatismus, ist die Freundin des Brünner Parteisekretärs Sling und hat eine ehrgeizige Clique um sich geschart, die Slansky Todfeindschaft geschworen hat. Pikanter Hintergrund ist die Tatsache, daß Slansky hinreichend verdächtig ist, ihren Mann Jan Sverma während des Partisanenkrieges entweder selbst umgelegt oder auf andere Weise für sein Ableben gesorgt zu haben, um den großen Rivalen in Liebe und Partei aus dem Wege zu räumen. Die später von Slansky wieder verstoßene Marie Svermova, die verkaufte Braut, suchte Trost bei Sling und - sann auf Rache.

Im Oktober 1950 läßt Slansky den Sling verhaften. In der ZK-Sitzung im Februar 1951 wird er von Slansky als Mitglied eines internationalen Spionageringes bezeichnet. Marie Svermova versucht eine schüchterne Verteidigung, wird aber am Schluß der Sitzung aus der Partei ausgeschlossen. Das gleiche Schicksal trifft Vladimir Clementis und eine Reihe anderer ehemaliger hoher Parteiführer. Und da man nun einmal beim Aufwaschen ist, läßt Slansky den Clementis und alles, was zur Sverma-Gruppe gehört, einsperren. Er hält Abrechnung.

Am 31. Juli 1951 steht er - der 50jährige - auf der Höhe seiner Macht. Gottwald und Zapotocky sind eingeschüchtert. Die mächtigen Figuren der Sverma-Gruppe sitzen im Gefängnis. In Glückwunsch-Adressen und Zeitungsartikeln wird Slansky als der Held des Tages gefeiert.

Aber seine Feinde ruhen auch im Gefängnis nicht. Sie kennen den Gegensatz Slansky-Gottwald. Und die Svermova und der Sling verstehen es, in ihren Verhören Slansky zu belasten. Als Gottwald durch den sowjetischen Botschafter in Prag im Kreml auf den Busch klopfen läßt, merkt er, daß Moskau seine schützende Hand offenbar nicht mehr über den Prager Robespierre hält. Damit dämmert Gottwalds Stunde.

Machiavell auf dem Hradschin

Fünf Wochen nach den dröhnenden Geburtstagsfeiern und der Verleihung des eigens für ihn gestifteten »Ordens des Sozialismus« halten am 6. September 1951 die Slansky-Feinde im Zentralkomitee unter Führung Gottwalds dem mächtigen Generalsekretär die belastenden Aussagen der Svermova vor. Es gibt Tumult. Slansky wird überrumpelt und muß von seinem Amt zurücktreten, »bis zur Klärung der Angelegenheit«. Er erhält den Posten eines stellvertretenden Ministerpräsidenten.

Aber schon 14 Tage später, am 20. September 1951, wird er verhaftet, am 27. November 1951 seines Regierungsamtes für verlustig erklärt. Am 6. Dezember gibt Gottwald bekannt, Slansky sei als ein aktiver und feindlicher Verschwörer entlarvt worden. Seine Demaskierung sei durch die Angaben des Agenten Sling und seiner Freunde möglich geworden. Das Zentralkomitee billigt den Parteiausschluß.

Ein teuflischer Trick! Ein echtes Machiavell-Stück, das man dem Tischler aus Dedice gar nicht zugetraut hätte. Und es gibt viele Kenner, die es ihm auch heute noch absprechen und einen gerisseneren Regisseur dahinter Vermuten - den Alten im Kreml.

Damit war der seit Kriegsende in der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei im geheimen tobende erbitterte Kampf zwischen Slansky und der Sverma-Clique auf der einen und zwischen Slansky und Gottwald auf der anderen Seite entschieden. Gottwald und Zapotocky hatten zugesehen, wie Slansky die Sverma-Gruppe ins Gefängnis brachte, um dann Slansky selber stolpern zu lassen. Aus dem Säuberer war ein Gesäuberter geworden; und es war wohl die teuflischste Vergeltung Gottwalds, Slansky mit seinen eigenen Opfern, so weit sie noch nicht prozessiert waren, auf eine Anklagebank zu setzen.

So gesehen war der Slansky-Prozeß ein Musterbeispiel für den brutalen Machtkampf im Führungsgremium eines kommunistischen Staates, ein Machtkampf nach den Gesetzen des Dschungels: brutal, listenreich, skrupellos und mörderisch. Doch das war nur die eine Seite der Angelegenheit, der Vordergrund.

Hinter den Kulissen aber zog trotz des fast unentwirrbar scheinenden Durcheinanders der personellen Machtkämpfe eine Hand die Fäden. Richter und Gerichtete wurden von ihr gelenkt. Sie alle waren nur Schauspieler, Chargen in einem großen Spiel. Das Stichwort für die großen Szenen des Prozesses aber hieß: Zionismus. Und dieses Stichwort war die politische Sensation des Slansky-Prozesses.

Während Gottwald und seine Genossen auf dem Pankrac -Hügel von Prag mit ihren persönlichen Feinden abrechnen durften, benutzte Stalin diesen Prozeß für eine politische Demonstration, eine Demonstration für die sich formierende farbige Front und vor allem für ihren arabischen Flügel. Stalin wollte mit dein Slansky-Prozeß beweisen, wie entschlossen, wie eisern die Sowjet-Union hinter den Arabern und gegen Israel stand.

(Fortsetzung folgt)

Angeklagter KP-Chef Slansky: »Ich verdiene Verachtung ...

... denn ich war ein Feind innerhalb der Burgmauern": Prager KP-Hauptquartier

Angeklagter Clementis und Frau: Hysterische Selbstanklagen ...

... und ein wenig Ironie: Angeklagter Hajdu* (links)

Angeklagter Finanzminister Fischl (links)*: Tragikomische Beweise

Staatspräsident Gottwald auf dem Totenbett: Bei Stalins Begräbnis erkältet

KP-Sekretärin Marie Svermova: Die verkaufte Braut nahm Rache

Staatspräsident Gottwald, Ministerpräsident Zapotocki: Säuberer wurden Gesäuberte

* Rechts der damalige Botschafter der sogenannten DDR in Prag, Fritz Grosse.

* Als Botschafter der Tschechoslowakei in Pankow. Daneben Sowjetbotschafter Puschkin und Sowjetzonen-Präsident Wilhelm Pieck.

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