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»Ich bin im Sessel gestorben«

Die Desinformationskampagne der Springer-Presse in der Barschel-Affäre *
aus DER SPIEGEL 44/1987

Eine Woche nach Uwe Barschels geheimnisvollem Tod in Genf war der Fall geklärt. Minuziös schilderte »Bild am Sonntag« ("BamS") den Hergang der Ereignisse im Luxushotel »Beau-Rivage«.

Zwei Männer, so die Darstellung des Blattes am vorletzten Sonntag, hätten im Zimmer 317 Barschel mit vergiftetem Mineralwasser umgebracht. Weiter: _____« Es wurde Wasser in die Wanne gelassen. Einer sagte: » _____« »Wir legen ihn in die Wanne und schmeißen den » _____« Rasierapparat rein. Dieses wurde ... abgelehnt mit der » _____« Äußerung: »Der Auftrag lautet: Beiseite schaffen und » _____« keine Spuren hinterlassen! Sammel die Gläser ein und nimm » _____« das Wasser mit. Das genügt ...« »

Erfahren hatte die Zeitung den Ablauf des Geschehens »aus dem Jenseits«, und zwar durch Hans-Peter Paulussen, ein »bekanntes Medium« ("BamS") für derlei überirdische Kontakte. Der 44jährige Münsteraner pflegt, wie er mit Grabesstimme verkündet, seit 38 Jahren Umgang mit seiner verstorbenen Großmutter, die ihm Sprechkontakte zu anderen Toten vermittelt - wie nun auch zu Barschel, der die Genfer Zimmer-Szene nach seinem Tod habe »geistig miterleben« können. Fazit von Barschels Geist: »ICH bin im Sessel gestorben.«

Die Großmutter-Story aus Münster war nur einer von vielen Höhepunkten in der Barschel-Berichterstattung der überregionalen Boulevardpresse aus dem Hamburger Axel Springer Verlag. Der Hokuspokus paßte nahtlos in die Linie der Konzernblätter »Bild« und »Bild am Sonntag«, »Welt am Sonntag« und schließlich auch »Bild der Frau«, die sich redlich bemühten, ihre Leser mehr zu verwirren als aufzuklären.

Klar war nur eine durchgängige Tendenz: Planvoll verwischten die auflagestarken Blätter zunächst Barschels Spuren in der Kieler »Schlammschlacht« ("BamS"), bis nach dem Tod des Politikers allerlei Mord- und Komplott-Theorien durch ihre Spalten geisterten.

Das Publikum zeigte Wirkung. Nach einer - vorletzten Sonntag von »BamS« veröffentlichten - Wickert-Umfrage tippten 55 Prozent der Bundesbürger auf Mord an Barschel, während die Genfer Ermittlungen einen Selbstmord immer wahrscheinlicher machten.

Daß an den Vorwürfen von Barschels früherem Pressereferenten Reiner Pfeiffer gegen seinen Dienstherrn überhaupt etwas dran sein könnte, erfuhren die überraschten »Bild«-Leser ganze 26 Tage nach der Erstveröffentlichung der Affäre. »Erster Verdacht gegen Barschel«, verkündete eine »Bild«-Schlagzeile am 8. Oktober über die Ermittlungen der Lübecker Staatsanwälte.

Bis dahin hatte der Christdemokrat, Interview für Interview, im Springer-Blatt »bedingungslos für die volle Wahrheit kämpfen« können. Als er dann zurücktrat, geschah das aus »politischer Verantwortung«, nicht, weil sich etwa die Zweifel an ihm und seinem Ehrenwort verdichtet hätten.

Nicht Barschels Verstrickungen waren das Thema bei Springer, sondern eine »Schmutzkampagne«, »eine Hetzjagd« auf Barschel. Mit ihrer tölpelhaften Informationspolitik gab die Kieler SPD der »Bild«-These von Barschel als Opfer gewaltigen Auftrieb.

Daß Oppositionsführer Björn Engholm und andere Sozialdemokraten von Pfeiffer über seine Umtriebe früher informiert worden waren als zunächst eingeräumt, nutzte letzte Woche auch Springers Kopfblatt »Die Welt« zu einer kausalen Verdrehung. »War Barschel Ziel eines raffinierten Doppelspiels?« fragte »Welt«-Chef Manfred Schell: »Das ist jetzt nicht mehr abwegig.«

Flankenschutz verschafften sich die Verwirrspieler mit abenteuerlichen Begleitgeschichten. Phantasten aller Art kamen, großenteils anonym, in Springer-Blättern zu Ehren. Pfeiffer nur als unseriösen Journalisten darzustellen genügte den Springer-Kollegen nicht - »Bild«-Methoden sind schließlich auch nicht vom Feinsten. Ohnehin hat Pfeiffer einen Arbeitsvertrag mit Springer, auch wenn der Verlag »einen Wiedereintritt Pfeiffers inzwischen« ablehnt, und war nur für das Wahljahr 1987 an Barschels Regierungspressestelle ausgeliehen worden.

In der Redaktion einer neuen Hamburger Springer-Zeitung (Arbeitstitel: »Der Tag") war Pfeiffer als Politikchef vorgesehen. Nach dem Verzicht auf das Projekt erwog Springer-Direktor Gerd Rattmann, dem die personelle Abwicklung zugefallen war, im Gespräch mit Pfeiffer sogar dessen Verwendung als Politikchef der »Bild«-Zeitung.

Der Mann, der offenbar so glatt ins Personalraster der Springer-Presse paßte, geriet nun unter Beschuß der Konzernkollegen. Mal wurde er als nebenamtlicher Geheimdienstler ins Gerede gebracht. Mal registrierten »Bild« und »BamS« die anonyme Anzeige eines angeblichen DDR-Oberleutnants, der Pfeiffer »beim Stasi in Ost-Berlin gesehen« habe - obwohl die Bundesanwaltschaft »wesentliche Teile« der Anzeige als falsch erkannt hatte. Die »Bremer Nachrichten« ernannten »Bild« zum »Zentralorgan für Desinformation«.

Kam Pfeiffer zu Wort, dann auf »Bild«-eigene Weise. In einem Interview mit der »Bunten« hatte er gesagt: _____« Ich habe Engholm mehrmals gesehen, habe auch mit ihm » _____« gesprochen, allerdings nur auf Pressekonferenzen. »

Dieser Satz schien Pfeiffers Schlußfolgerung, es stimme »definitiv nicht«, daß er Engholm vor Beginn der Affäre unbekannt gewesen sei, nicht schnittig genug zu belegen. »Bild« kürzte den Satz: _____« Ich habe Engholm mehrmals gesehen, habe auch mit ihm » _____« gesprochen. »

Erst im späteren Zusammenhang fügte das Blatt Pfeiffers Aussage an: _____« Ich habe an allen SPD-Pressekonferenzen teilgenommen, » _____« auf denen er auch war. Ich bin sicher, daß Herr Engholm » _____« mich kannte. »

Die »Bild«-Leser konnten also nicht erkennen, daß Pfeiffer nach eigener Aussage »nur auf Pressekonferenzen« mit Engholm gesprochen hatte."Bild«-Überschrift: »Pfeiffer sprach und sah Engholm - mehrmals«. Mit ihrem Wust von Komplott-Thesen sorgt die Gruppe mit dem rechten Welt-Bild dafür, daß, die Aufmerksamkeit ihres Publikums von den ursprünglichen Kieler Tatorten,

Uwe Barschels Staatskanzlei und Gerhard Stoltenbergs CDU, abgelenkt bleibt. Richtungweisend fragte die »Welt": _____« Was hat der SPIEGEL mit Barschel gemacht, was hat die » _____« SPD im Kontakt zu Pfeiffer mit Barschel gemacht, was hat » _____« der »Stern« mit Barschel gemacht? »

Am »Stern« jedoch schieden sich bei Springer die Geister."Bild« stieg voll in die Vermarktung des »Stern«-Photos von Barschels Leiche ein (Schlagzeile: »Der Tote in der Wanne"). Als Bundeskanzler Helmut Kohl die »sensationslüsterne und pietätlose Vermarktung« des toten Politikers verurteilte, zeigten sich die »Bild«-Berichter von der Medienschelte getroffen. Kommentator Herbert Kremp fragte spitz, warum Kohl »nicht einige seiner Parteifreunde so deutlich wie die Medien« kritisiert habe.

Angefangen hatte damit bereits der stellvertretende »Bild«-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje. Nach Barschels Tod entrüstete er sich ("Die Heuchler sind unter uns") über CDU-Leute, »die zur Treibjagd auf Barschel bliesen«. Tiedje: »Diese Kampagne brach Uwe Barschel das Herz.«

Genaugenommen war es Tiedjes »Bild«-Kollege Hans-Erich Bilges, der Barschel in Panik versetzt hatte. Bilges, dem Barschel seine Telephonnummer am Ferienort Gran Canaria anvertraut hatte, entsetzte den Urlauber mit Horrornachrichten aus Kiel."Bild": _____« Barschel brauchte mehrere Sekunden, um seine Stimme » _____« wiederzufinden. »Wie bitte, das ist doch nicht Ihr Ernst. » _____« Was ist denn da los. Das ist ja nicht zu fassen. Glaubt » _____« mir denn niemand mehr? Was soll ich denn machen?« ... » _____« Barschel hatte noch zwei Tage zu leben. Beginnt hier die » _____« Chronik seines Todes? »

Mit Barschels Tod begann die »Bild«-Konjunktur für Mordtheorien - eine Woche voll abstruser Kombinationen. Eine Ausnahme machte nur Serienautor Franz Josef Wagner, der in einem Barschel-Report zu dem Schluß kam: »Kein Mord nach menschlichem Ermessen.«

Sonst war's mal ein Wannen-Anschlag »mit einem Fön« ("ein Kripo-Experte"), mal wurde der Tote ins Bad »hineingelegt« ("ein Kripo-Psychologe"). »Bild am Sonntag« sah »Super-Agent« Werner Mauss am Werk, den hannoverschen Privatdetektiv mit den vielen Decknamen (Mauss-Anwalt Hermann Höcherl: »Absoluter Wahnsinn« ).

Recht mußte wohl doch der »BamS«-Hellseher Paulussen mit seiner Geschichte über Barschels Vergiftung haben. Denn in einem Exklusivbericht bestätigte »Bild der Frau": Auch ein »Esoteriker und Seher (65) aus Schleswig-Holstein« habe mit Barschel »im Jenseits gesprochen« .

Auch er erfuhr, der Politiker sei »auf raffinierte Weise ermordet worden. Vergiftet!«

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