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»Ich bin kein Simulant«

aus DER SPIEGEL 14/1995

Sanft und abgeklärt spricht Kerstin Pape in ihr kleines Diktaphon. »Spülen: ja. Heizen: nein. Wäschewechsel: nein. Bemerkungen: keine.« Nun wird es heikel: Die Ärztin räuspert sich, ehe sie sagt: »Sechs, Punkt eins: nein.«

Das alte Ehepaar Klampe schaut ihr hoffnungsvoll zu. Er, 82, hat schweres Rheuma; sie, 79, leidet unter Wirbelsäulenverkrümmung und Bluthochdruck. Sie leben in einer Wohnung in Sehnde, einer kleinen Gemeinde nahe Hannover. Ihr Antrag auf einen Helfer, der ihnen das Leben erleichtert, ging beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Niedersachsen (MDK) ein.

»Ich schicke jetzt diesen ausgefüllten Fragebogen ab, Sie erhalten dann bald die Antwort von der Kasse«, sagt Pape freundlich. Ihr ablehnendes Urteil behält sie für sich: »Ich hätte es den Leuten auch gleich sagen können«, erklärt sie nach dem Besuch, »doch irgendwie kann ich das nicht.«

Es ist ihr vierter Besuch an diesem Tag und ihre vierte Ablehnung: »Das ist ungewöhnlich«, sagt Pape, »normalerweise habe ich einen Negativschnitt von 20 Prozent.«

Über 85 000 Anträge auf Pflegebedürftigkeit, die meisten davon Erstersuchen, waren allein beim MDK eingegangen, seit das Gesetz über die Pflegeversicherung am 1. Januar in Kraft trat - bundesweit fast 800 000. Knapp 50 000 davon liegen in Hannover unbearbeitet auf Halde - trotz der zusätzlichen Ärzte, die der MDK einstellte, trotz einer Urlaubssperre für alle.

»Das ist der absolute Streßjob«, klagt Pape, 39. Seit Januar absolvierte sie ein paar hundert Hausbesuche, im Durchschnitt sieben pro Tag. Sie soll »in einem ausführlichen Gespräch mit Patienten und der Pflegeperson« über die Rechtmäßigkeit des Antrags entscheiden. Die Begutachtung soll »fundiertes ärztliches und pflegerisches Wissen, aber auch Einfühlungsvermögen in die soziale Situation« einbringen.

Schöne Theorie. In der »wahnwitzigen« Praxis bleibt selbst bemühten Ärzten wie Kerstin Pape knapp eine halbe Stunde und die Krücke des achtseitigen Fragebogens. Dann müsse sie eben eine Entscheidung treffen, meint Pape sarkastisch, »die für die Leute ja gravierend sein kann«.

Großes ärztliches Wissen ist eher hinderlich. Meist wirft sie einen kurzen Blick auf die Atteste des Hausarztes, fragt nach Medikamenten und läßt die Kranken oder Gebrechlichen ein paar Meter auf dem Flur auf- und abgehen. Nummer vier, Punkt zwei des Fragebogens ruft auf zur Prüfung »funktioneller Einschränkungen«.

Der Rest ist stupides Abfragen: »Wie oft baden Sie? Brauchen Sie dazu Hilfe? Gehen Sie noch mal einkaufen?«

Wer angibt, daß er sich nicht mehr die Zähne allein putzen kann, wer die richtige Antwort auf die schlichte Frage gibt, ob er sich selber kämmt ("Nein"), hat gute Chancen auf Hilfe von einem Pfleger, den die Krankenkasse schickt und bezahlt. Wenn jemand seine Wohnung nicht mehr in Schuß halten kann, hat er noch lange nicht gewonnen.

»Das eine ist halt die persönliche Pflege«, erklärt Pape achselzuckend, »das andere fällt unter Haushaltsführung. Und dafür ist die Pflegekasse nicht zuständig.« So ganz plausibel erscheinen der Ärztin die Richtlinien des Medizinischen Dienstes nicht. »Alles andere wäre aber doch nicht zu bezahlen«, beruhigt sie sich selbst auf der Fahrt zu den nächsten Patienten.

Die Doblers, 78 und 77, sind ziemlich krank - Arthrose, Hüftschaden, Depressionen. Gemeinsam schaffen sie es gerade noch, sich zu versorgen. Den Rest muß eine - privat finanzierte - Haushälterin leisten. Und dabei bleibt es auch nach dem Besuch der Ärztin.

»Was soll ich denn machen?« fragt Pape entschuldigend.

Als MDK-Gutachterin ist sie Angestellte der Krankenversicherungen, also Partei. Aber das beeinflusse ihre Entscheidung nicht: »Ein bißchen Spielraum habe ich in Härtefällen ja auch noch.«

Früher war die gelernte Gynäkologin vornehmlich für Luxusfälle zuständig. Da prüfte sie, ob die Versicherungen für die gewünschten Schönheitsoperationen einspringen mußten - ein Busen, von Natur aus zu klein ausgefallen; das Bauchfett, das abgesaugt werden sollte.

Jetzt begutachtet sie Not und Elend. Eugen Stredlitz, ein 83jähriger Rentner, macht sich auf das Schlimmste gefaßt: »Ich bin kein Simulant, bin ich nie gewesen«, regt er sich auf, als Pape ihn bittet, zwecks vier, Punkt zwo ein paarmal die Arme so hoch wie möglich über den Kopf zu heben. »Das sagt ja auch keiner, Herr Stredlitz«, beruhigt ihn Pape.

Im Verein mit seiner Enkelin, die ihn betreut und versorgt, hat Stredlitz den Antrag auf Pflegehilfe gestellt. Zumindest die Enkeltochter soll etwas Geld für ihre Hilfe bekommen. »Das versuchen jetzt viele, die von ihren Verwandten betreut werden«, weiß Pape Bescheid. Auch dieses Gesuch wird abschlägig beschieden.

Gut, die Enkelin muß den alten Herrn schon ordentlich bemuttern. Sicher, die Sache mit dem holprigen Herzen und der Bauchspeicheldrüse ist schlimm. Und traurig sind diese Beklemmungs- und Angstgefühle, derentwegen der alte Mann sich nicht mehr vor die Haustüre traut. Aber all das reicht nicht.

Stredlitz kann ja laut Besuchsprotokoll »selbständig essen« und ist »nicht desorientiert«. Er kann sich »situativ anpassen« und braucht keine Hilfe zur »Darm-/Blasenentleerung«. Es reicht zum kleinen selbständigen Leben in der kleinen bescheidenen Wohnung in Sehnde.

»Alles, was die Enkelin darüber hinaus macht, ist halt Verwandtschaftshilfe«, rechtfertigt Pape ihr negatives Gutachten.

Und wie zum Trost fügt sie hinzu, daß sich für Opa Stredlitz die Lage plötzlich ändern könne - »das geht bei alten Leuten ja schnell«. Dann selbstverständlich stünde ihm und seiner Enkeltochter Hilfe von der Pflegeversicherung zu.

Den einzigen positiven Bescheid an diesem Tag bekommt eine junge Frau, die seit zehn Jahren - nach einer mißglückten Bandscheibenoperation - querschnittsgelähmt ist. Sie sitzt im Rollstuhl, den sie selbständig bewegen kann, sie hat einen Führerschein und sogar einen Job als Sekretärin. Ab und zu benötigt sie jedoch Hilfe, beim Ankleiden etwa oder beim Baden.

Das hatte bisher ihr Mann übernommen; demnächst kommt nun ein Pfleger. Pape ordnet sie in die Pflegestufe I - bis zu drei Stunden Hilfe pro Tag - ein.

»Das war ganz knapp«, seufzt die Ärztin und schaut zufrieden auf ihren Fragebogen, »ein etwas härterer Kollege hätte das vielleicht nicht getan.«

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