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»Ich bin mein Geld wert«

aus DER SPIEGEL 26/1992

Hau den Lukas gehört noch immer zu den beliebtesten Kirmes-Kraftmeiereien. Böse Geister sollen in manchen Naturreligionen durch Bespucken eines Fetischs gebannt werden.

So primitiv sind wir nicht. Doch bei uns gehört die allgemeine Politikerbeschimpfung inzwischen zum amüsanten Zeitvertreib. Und selbst wenn auf einer Party die Stimmung in Langeweile zu kippen droht, reden über Politiker hält wach und gibt dem Small talk wieder Stoff für schöne sektglasbewaffnete Süffisanz.

Warum auch nicht? Schließlich hat die Demokratie auch einen unbestreitbaren Unterhaltungswert. Attacke, Konfrontation, Konflikt gehören zum demokratischen Geschäft. Macht wird mit der Zustimmung der Wähler gewonnen und nicht von Gottes Gnaden verliehen - Gott sei Dank!

Ich bin eins von den Objekten der allgemeinen Volksbelustigung: ein Politiker. Ich beschwere mich nicht. Meinen Job habe ich mir selber ausgesucht. Aber ich entschuldige mich auch nicht, Politiker, gar Berufspolitiker zu sein. Mit Demutsgesten kann ich nicht dienen.

Ich bin mein Geld wert. Ich würde es auch für weniger machen. Aber warum denn? So nützlich wie jeder Sparkassendirektor und ein mittelmäßiger Bundesligafußballspieler bin ich auch.

Meine Normalschicht endet in der Regel mit der üblichen Spätschicht, und viel später als die Frühschicht beginne ich auch nicht. Meine 35-Stunden-Woche erreiche ich gewöhnlich zwischen Dienstag und Mittwoch. Ich schätze die 35-Stunden-Woche so sehr, daß ich bequem zwei von der Sorte in einer Woche unterbringe.

Warum soll ich dem Gemüsemann dankbar sein, daß ich mit seinem Geld meinen Salat bei ihm kaufe? Er erhält sein Geld vom Kunden, ich vom Steuerzahler. Der ist mein Kunde, und wenn unseren Kunden die Ware nicht mehr gefällt, verliert der Gemüsemann sein Geschäft und ich mein Amt.

Nein, beim besten Willen, die neudeutsche Erwartung zur kratzfüßigen politischen Unterwürfigkeit kann ich nicht erfüllen. »Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden«, wußte schon Nietzsche. Und der verstand etwas von Heuchelei.

Ich gehöre sogar einer Partei an. Gott sei bei uns. Denn immer, wenn es schwierig wird, erfaßt die deutsche Seele eine waberige Sehnsucht nach parteiloser Neutralität. Aber es gibt ihn leider nicht, den parteilosen Standpunkt. Wir sind immer an einen Standort gebunden und sehen alles durch eine Perspektive beschränkt. Wir sind deshalb immer allein oder im Haufen Partei.

Parteien bündeln die Meinungsvielfalt, ermöglichen den Wettbewerb der Alternativen, sind lebenswichtig für die Demokratie. Und diese Parteien sind nun zum Brennpunkt der Politikerverachtung geworden. Sicher, sie sind zu fett geworden, nehmen sich zu wichtig, haben sich eingeigelt. Aber so schlimm, wie sie gemacht werden, sind sie auch wieder nicht.

Unsere Bundesrepublik wäre ohne Parteien nicht zu dem geworden, was sie ist - ein freiheitlicher und sozialer Rechtsstaat. Sie ist die beste Republik, die wir in unserer nicht immer glücklichen Geschichte auf die Beine gebracht haben. Und diese Bundesrepublik haben die vielgescholtenen etablierten Parteien mitgeschaffen.

Und nun lese ich vom Herrn Bundespräsidenten, wie »machtversessen« und »machtvergessen« die Parteien sind. Ja, was denn? Verehrter Herr Bundespräsident, lesen Sie einmal dieses saloppe präsidiale Urteil durch die Brille eines Kommunalpolitikers in Kleinkrotzenburg, Großwallstadt, München, Berlin oder Dresden.

Während andere schon zu Hause auf dem Sofa sitzen, von Bierflaschen umrahmt im Fernsehen Krimi, Fußball oder eine wie immer schöne Ansprache des Herrn Bundespräsidenten konsumieren, rackern sich diese »machtvergessenen« und »machtversessenen« Parteipolitiker in Ausschüssen, Kommissionen und Parlamentssitzungen ab und streiten um das Wohl des Volkes. Jawohl, um das »Wohl des Volkes«.

Und ich will Ihnen gestehen, daß selbst ich mich ab und zu am Riemen meiner Machtversessenheit reißen muß, damit ich nicht meinem Hang zur Machtvergessenheit nachgebe, denn manchmal, mit Verlaub gesagt, habe ich die Schnauze von dem schönen Spiel der Macht voll - pardon!

Über Geld und Korruption zerreißen sich viele das Maul - ich auch; besonders wenn es um Geld und Korruption der Parteien geht - ich auch! Vom Idealismus vieler Parteipolitiker reden jedoch wenige. Der Bundespräsident zuwenig. So viele Bundesverdienstkreuze hat die Republik gar nicht, wie Parteipolitiker aller Couleur in Sachen deutsche Einheit Tag und Nacht unterwegs waren. Übrigens viele auf eigene Rechnung!

Ja, es stimmt, sie wollen alle an die Macht, auch der Bundespräsident wollte in die Macht seines Amtes. Und obwohl er - nicht nur beschreibend - feststellt, »nicht aus dem politischen Parteileben« zu kommen, bediente er sich bei diesem ehrenwerten Ziel aller im Parteileben etablierten Techniken des Machtkampfes.

Es ist gut, daß Parteien Platz machen für Seiteneinsteiger wie Richard von Weizsäcker. Ich wünsche mir in meiner Partei viel mehr Seiteneinsteiger von seiner Statur. Aber in das Gefährt kann man auch von der Seite nur einsteigen, weil es Parteipolitiker auf der bekannten Ochsentour weder »machtversessen« noch »machtvergessen« gezogen haben.

»Machtversessen« und »machtvergessen": Schönhuber haut mit der flachen Hand auf den Wirtshaustisch, daß die Biergläser scheppern, so gut findet er das.

Sicher bin ich ungerecht. Und Richard von Weizsäcker wird meinen Zorn mit tausend Gegenzitaten leicht beruhigen. Ich gehöre zu den großen Bewunderern seiner präsidialen »Zwar-Aber-Rhetorik«. Sie ist der Differenzierung fähiger als das markige Entweder-Oder, das unsere komplexe Gesellschaft nicht mehr zu beschreiben vermag. Aber manchmal beschleicht mich der Verdacht, sie sei eine Art eingebauter Rückfallposition für den Fall des Widerspruchs.

Laßt uns streiten, es macht Spaß. Herzlich willkommen im Getümmel, Herr Bundespräsident.

Wollen wir nicht zusammen dem intellektuellen Dünkel wehren, der Politik nur als schmutziges Geschäft und garstig Lied beschreiben kann?

Die Verachtung der Politik hat in Deutschland eine angesehene Tradition. Sie hat nicht die demokratischen Tugenden gestärkt, sondern das spießbürgerliche »Meine Ruhe will ich haben« abgeschirmt.

Und wo bleibt der Hinweis, daß Politik nicht nur Geschäft und Management ist, sondern verstrickt ist in die tragische Konstellation des Lebens? Wie war es, als nach einer Räumung besetzter Wohnungen der kleine Rattay unter die Räder eines Berliner Busses geriet und zu Tode geschleift wurde? Sind wir damals dem Triumphgeheul des »gesunden Volksempfindens« entschieden entgegengetreten? Sie, Herr Bundespräsident, der Sie damals Regierender Bürgermeister waren, und ich und der ganze Senat von Berlin?

Nicht alles hängt allein vom Geist ab. Manchmal fehlt es nur am Mut, den Stimmen aus dem Orkus entgegenzutreten. Diesen Mut haben Sie freilich bei anderer Gelegenheit mehr als einmal bewiesen.

»Der Geist«, so empfiehlt Richard von Weizsäcker am Ende seines Buches, »sollte der Politik und der ganzen Gesellschaft in der nötigen Weise im Nacken sitzen.« Wo soll er sitzen? Das Bild stimmt mich lustig. Hält sich der Geist womöglich an der Gurgel der Politik fest, damit er nicht abrutscht? Wie tröstlich, daß selbst einem Richard von Weizsäcker gelegentlich Bilder verrutschen.

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