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Artikel 13 / 69

SPIEGEL Gespräch »Ich bin nicht der liebe Gott«

CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm über die Sozialpolitik der Regierung Kohl
Von Dirk Koch und Klaus Wirtgen
aus DER SPIEGEL 3/1985

SPIEGEL: Norbert Blüm, stellvertretender CDU-Vorsitzender und Arbeitsminister im Kabinett Kohl/Genscher, die Frohnatur am Kanzlertisch, der Mann für Clownerie und freche Sprüche, in diesem Jahr »Ritter des Ordens wider den tierischen Ernst« - stimmt dieses Bild noch?

BLÜM: Also, für Imagefragen bin ich nicht zuständig.

SPIEGEL: Wenn Sie auf Ihre ersten zwei Ministerjahre zurückblicken: Was hätte anders laufen müssen?

BLÜM: Das, was gemacht worden ist, war notwendig, aber die Gefahr ist groß, daß man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Es gibt ja nicht nur eine Grenze der Arbeitskapazität, sondern auch der Aufnahmefähigkeit in der Gesellschaft. Es könnte sein, daß durch die Vielzahl der Gesetze, die unausweichlich waren, der Hauptnenner in Gefahr gerät, nicht erkannt zu werden.

SPIEGEL: Was ist denn der Hauptnenner?

BLÜM: Arbeit für alle.

SPIEGEL: Norbert Blüm war früher Vormann der Unionslinken. Er hat sich außerhalb der Sozialpolitik zu Wort gemeldet, etwa in der Deutschlandpolitik, er war Befürworter der Ostverträge. Jetzt hört man da von Ihnen nichts mehr. Frißt das Amt des Sozialministers den Politiker Blüm auf?

BLÜM: Der Vorteil der Opposition ist, daß sie Fragen stellen kann, die sie nicht beantworten muß. In der Regierung geht''s nicht nur um kluge Fragen, sondern um Antworten und die Bescheidenheit, die man braucht, um Antworten zu geben, auch wenn man nicht ganz sicher ist, ob sie richtig sind.

SPIEGEL: Sie haben jetzt auf unsere Frage nicht mal eine bescheidene Antwort gegeben. Wir haben gefragt, warum sich der Politiker Blüm heute auf den besten Kenner der Reichsversicherungsordnung reduziert hat.

BLÜM: Wenn''s denn den Armen hilft, wär''s auch nicht das Schlimmste.

SPIEGEL: Der Politiker Blüm, der früher als moralische Instanz galt und auch mit der eigenen Partei hart ins Gericht ging, schwieg beharrlich zu schweren Regelverletzungen, wie in der Affäre Kießling/Wörner, in der Parteispenden-Amnestie, zum Fall Barzel, sogar bei der Kabinettsentscheidung gegen einen Ersatz für die Investitionsabgabe. Hat Sie der Mut verlassen?

BLÜM: Da muß ich Sie leider enttäuschen. Es ist möglicherweise Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, daß ich zur Entscheidung gegen die Investitionsanleihe nicht geschwiegen habe. Nur dürfen Sie nicht von sich auf die ganze Öffentlichkeit schließen.

SPIEGEL: Gemessen an der Lautstärke früherer Blümscher Interventionen war das, was Sie da vorgebracht haben, so leise, daß es uns entgangen ist.

BLÜM: Wenn Ihnen das entgangen ist, bedaure ich das sehr, aber das muß nicht unbedingt von meiner Lautstärke abhängen. Es kann auch an Ihrem politischen Gehör liegen.

SPIEGEL: Wo war denn der Blüm der alten Tage, als es um die Amnestie von Parteispendern ging?

BLÜM: Den Vorwurf nehme ich hin.

SPIEGEL: Sind Sie bereits in der inneren Emigration gelandet?

BLÜM: Das Bild von dem bescheidenen, sich in sein Herzenskämmerlein zurückziehenden Norbert Blüm kann ich nicht bestätigen.

SPIEGEL: Dann sagen Sie doch mal, was Sie im Falle der Amnestie beispielsweise Ihrem Kanzler gesagt haben?

BLÜM: Ich habe nicht vor, sozusagen den Film des letzten Jahres noch mal zurücklaufen zu lassen. Die Milch ist verschüttet.

SPIEGEL: Die haben Sie ja gar nicht selbst verschüttet.

BLÜM: Das letzte Jahr liegt hinter uns, und jetzt geht''s ums Jahr 1985.

SPIEGEL: Wir fragen so beharrlich, weil die Teilhabe an der Macht sogar Politiker wie Sie dazu verführt, zu unangenehmen Themen zu schweigen und Selbstkritik zu verschlucken.

BLÜM: Da komme ich mir grad so vor, als wäre die Macht ein Sofa, auf dem man sich ausruht, und über dieses Ausruhen vergißt man alles, was wichtig und ein Problem in der Welt ist. Ich kann hier mein Amt nicht als Sofa erkennen. Das ist eher ein Nagelbrett für Fakire. Die Beteiligung an der Macht ist keine Verlockung für mich, sondern eher eine harte Maloche.

SPIEGEL: Also, Sie haben schon Ärger genug, Sie wollen sich jetzt nicht _(Mit Redakteuren Dirk Koch, Klaus Wirtgen ) _(im Bonner Arbeitsministerium. )

auch noch um was anderes kümmern? Das kann man verstehen.

BLÜM: Das kann man nicht nur verstehen, das ist so. Ich brauche meine ganze Arbeitskraft für eines der schwierigsten Gebiete, die zu bewältigen sind. Das können die einen als Rückzug sehen, die anderen als Flucht. Das ist mir egal. Ich muß das machen, was richtig und wichtig ist und wo es um das Schicksal von Millionen Menschen geht. Der liebe Gott bin ich nicht. Ich habe mich immer an Politikern gestört, die so tun, als wären sie der Onkel vom lieben Gott.

SPIEGEL: Sie reden doch sonst so gerne von der Erblast. Gibt es nicht moralisch-politische Hypotheken aus dem Jahre 1984, bei denen Sie auch als stellvertretender Parteivorsitzender gefragt waren und sind?

BLÜM: Es sind Fehler gemacht worden. Eine Regierung ohne Fehler gibt es vielleicht auf einem anderen Stern. Auf unserem leider noch nicht. Amnestie war ein Fehler. Und die Kießling-Entlassung war ein Fehler. Aber es war richtig, daß mein Freund Manfred Wörner im Amt blieb.

SPIEGEL: Und weiter?

BLÜM: Was in der Sache Barzel passiert ist, da hat Rainer Barzel selber die Konsequenz gezogen, wovor ich Respekt habe. Es ist doch kein Posten, der nachzuarbeiten wäre. Aber freilich, wir sind nicht durch das Jahr 1984 gegangen wie die Engel im Himmel. Das ist richtig. Es gehört auch eine Betroffenheit dazu, aus solchen Fehlern zu lernen. Warum soll nicht eine Regierung lernfähig sein? Ich hätte lieber eine Regierung von Menschen als eine Regierung, die den Eindruck erweckt, sie sei gegen jedes Versagen gefeit.

SPIEGEL: Wo hat denn Ihr Kanzler diese Betroffenheit, nach der Sie eben verlangt haben, gezeigt?

BLÜM: Soll er jeden Tag aufstehen und Schuldbekenntnisse ablegen? Dann hätten wir keine Zeit, über die Dinge zu reden, die wir gut gemacht haben. Man kann Fehler zu Protokoll geben, aber man braucht sie doch nicht pausenlos zu zelebrieren: Diese Art von Sich-auf-die-Bühnen-Stellen und im Büßergewand herumzulaufen hat etwas vom Hochmut der Demütigen, etwas von der Arroganz derjenigen, die dauernd sich als Sünder beklagen. Daraus muß man lernen und zum nächsten Tagesordnungspunkt weitergehen.

SPIEGEL: Darin ist diese Regierung nicht schlecht - zur Tagesordnung überzugehen und im übrigen auf die Vergeßlichkeit der Bürger zu setzen. Darin ist vor allem der Kanzler groß.

BLÜM: Ich sehe im Augenblick eine ganz andere Gefahr, und gegen die ist der Kanzler in einem hohen Maße immun. Es gibt nämlich nicht nur die Gefahr der mangelnden Sensibilität in der Politik, es gibt auch die Gefahr einer flatterhaften Aufgeregtheit, die auf jedes Problem mit Katastrophenstimmung antwortet. Gelassenheit, die in Gefahr ist, in Sturheit umzuschlagen, ist mir im Zweifelsfall immer noch lieber als die Sensibilität, die von Hysterie gefährdet wird.

SPIEGEL: Herr Blüm, verlangen Sie von der Union, daß sie als christliche Volkspartei auch Ansprüche von Minderheiten berücksichtigt? Oder finden Sie sich inzwischen damit ab, daß das Recht der stärkeren Bataillone gilt?

BLÜM: Die soziale Demokratie ist nicht die Staatsform, in der der große Fisch den kleinen Fisch frißt.

SPIEGEL: Ihr außergewöhnlich großer Arbeitsaufwand hat, scheint uns, auch damit zu tun, daß sie manchmal arg allein dastehen in dieser Regierung.

BLÜM: Das ist selbst beim Mannschaftsspiel so. Der Ball ist immer nur an einem Fuß. Ich habe ihn - das muß ich zugeben - sehr oft am Fuße.

SPIEGEL: Zu Beginn des Jahres 1985 sind zwei Drittel der Bürger voller Optimismus, was die Zukunft betrifft. Das muß Sie doch freuen.

BLÜM: Das muß nicht nur mich, sondern auch Sie freuen.

SPIEGEL: SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz spricht von einer »Zwei-Drittel-Gesellschaft« in der Bundesrepublik: Zwei Dritteln gehe es gut, ein Drittel falle durch den Rost.

BLÜM: Wenn es der Mehrheit gutgeht, wie Sie behaupten, dann geht''s erst mal den Arbeitnehmern gut. Das ist nämlich die Mehrheit. Gerechtigkeit ist allerdings keine Mehrheitsfrage, deshalb müssen wir uns um alles kümmern. Das Problem von zwei Millionen Arbeitslosen ist aus meiner Sicht nicht nur ein materielles Problem, sondern ein Problem, daß die Menschen aus Gründen ihrer Selbstachtung arbeiten wollen. Ich sehe nicht, daß wir verarmte, verelendete Rentner hätten. Ich sehe nicht, daß wir eine Sozialhilfe hätten, wo die Leute verhungern.

SPIEGEL: Das scheint uns allzu billig, zu sagen, hier verhungert keiner.

BLÜM: Ich widerspreche nicht, daß es eine Armut gibt, die weniger ein Defizit an materiellen Mitteln, sondern eher Mangel an Geborgenheit, an Integration ist. Die neuen Frontlinien verlaufen möglicherweise zwischen Arbeitslosen und Arbeitsbesitzern, die sich in die Festung zurückziehen und die Beute unter sich verteilen. Ich sehe, daß sich eine Mehrheit häuslich einrichtet, der es gutgeht und die dabei gern eine Minderheit aus dem Blickfeld verdrängt.

SPIEGEL: Mit diesen Einsichten finden sich die CDU-Sozialausschüsse, deren Vorsitzender Sie ja noch sind, offenbar nicht ab.

BLÜM: Was heißt: noch? Schießen Sie nicht so schnell, vor allen Dingen nicht mit Zündblättchen, auch wenn der SPIEGEL selbst eins ist.

SPIEGEL: Chefredakteur Lutz Esser schreibt in der Zeitschrift »Soziale Ordnung« der Sozialausschüsse: »Wende als Wertwandel und als eine neue Einstellung zum Gemeinwohl ist mißlungen. Diejenigen, die opferten, werden getäuscht ... Getäuscht wurden unsere Kollegen, die in Betrieben und Gewerkschaften die Konsolidierungspolitik der Bundesregierung verteidigt haben. Sie werden nicht mehr angegriffen, sondern nur noch ausgelacht.« Teilen Sie diese Kritik?

BLÜM: Dieser Artikel ist das Ergebnis einer Entrüstung über die ...

SPIEGEL: ... Zündblättchen dieser Regierung ...

BLÜM: ... Zündblättchen habe ich doch gerade für den SPIEGEL reserviert. Klauen Sie mir doch nicht meine schönsten Bilder.

Dieser Artikel ist Ausdruck der Enttäuschung über die ausgefallene Investitionsanleihe und, daß es uns in der Regierung nicht möglich war, dafür einen Ersatz zu schaffen. Die Enttäuschung teile ich. Ich weiß, daß das, was wir in der Sozialpolitik gemacht haben und machen mußten, unausweichlich war. Aber mit Lutz Esser bedaure ich, daß andere Bereiche fehlen. Ich sehe, daß das Pendant zu den sozialpolitischen Sparmaßnahmen im Bereich der Subventionen und im Bereich des Solidaritätsbeitrages der Besserverdienenden fehlt.

Es geht darum, daß das, was ich unter das Stichwort »Umstellung« fasse, als Aufgabe nicht nur der Sozialpolitik zu sehen ist. Wir sind ja auch noch ein paar Jahre an der Regierung. Und es ist noch nicht aller Tage Abend.

SPIEGEL: Wem lasten Sie es denn an, daß es zu dieser sozialen Balance etwa bei der Investitionsabgabe nicht gekommen ist?

BLÜM: Der CDU nicht. Sie wissen doch, daß CSU und FDP darüber anders gedacht haben. Ich bedaure das.

SPIEGEL: Wenn der Kanzler wirklich gewollt hätte, hätte er sich mit seiner Richtlinienkompetenz durchsetzen können.

BLÜM: Das ist ein merkwürdiges Verständnis von Koalitionsregierung und Demokratie. Sie verwechseln dies mit der absoluten Monarchie.

SPIEGEL: In der absoluten Monarchie herrscht einer, aber hier lagen Beschlüsse vor, die vom Kanzler getragen worden sind, vom Finanzminister, vom Arbeitsminister, vom Generalsekretär, vom gesamten Präsidium der Partei getragen waren. Ist es nicht ungewöhnlich, daß sich da ausgerechnet der Vorsitzende der Schwesterpartei querlegen kann?

BLÜM: Solche Sachen gab es in früheren Koalitionsregierungen jeden Montag.

SPIEGEL: Obendrein wirft Ihnen Strauß vor, daß Sie bei den Schwerbehinderten zu hart gestrichen haben.

BLÜM: In der Tat sehe ich da eine Diskrepanz bei Herrn Strauß, wegen 120 Millionen Schwerbehinderten-Kürzung Vorwürfe zu machen, aber selber nicht den Mumm zu haben, bei der Investitionsabgabe auch anderen Bevölkerungsschichten das Solidaritätsopfer abzuverlangen.

SPIEGEL: Bei den Wahlen im Jahre 1983 haben auch Arbeitnehmer, Rentner und sozial Schwache Hoffnungen auf die Union gesetzt. Jetzt stellt sich heraus, daß die Rentner wahrscheinlich in diesem Jahr nicht einmal die versprochenen 1,07 Prozent höheren Renten bekommen.

BLÜM: Also, da wollen wir erst mal unterstreichen, daß Sie das Wort »wahrscheinlich« gesagt haben. Wenn wir in dem Zeitpunkt sind, wo Sie das Wort »wahrscheinlich« durch »sicher« austauschen können, werde ich Ihnen auch sagen, was wir endgültig machen. Aufgrund von Spekulationen mache ich überhaupt nichts.

SPIEGEL: Was heißt hier »Spekulationen«? Bei den Berechnungen für den Jahreswirtschaftsbericht haben die Experten der Regierung festgestellt, daß die Entgelte nur um 2,8 und nicht, wie erwartet, um mehr als drei Prozent gestiegen sind. Nach Abzug der zwei Prozent für die Krankenkasse bleiben weniger als ein Prozent, den Kaufkraftverlust nicht mal mitgerechnet.

BLÜM: Das Amt, das für die Berechnungen zuständig ist, heißt Statistisches Bundesamt. Es hat gemeldet: Entgelt-Steigerung 1984 voraussichtlich ungefähr drei Prozent. Und man hält es auch nach wie vor nicht für ausgeschlossen, daß die ursprünglich erwarteten 3,2 Prozent erreicht werden.

SPIEGEL: Helfen Ihnen solche statistischen Rechnereien politisch weiter?

BLÜM: Nein. Sie wirken für manche so scholastisch wie die Frage: Wieviel Engel tanzen auf einer Schwertspitze? Also, angenommen, die Nettolöhne wären in 1984 um 2,8 Prozent gestiegen, dann haben die Rentner im Jahre 1984 relativ noch besser abgeschnitten als die Arbeitnehmer, denn die Rentenerhöhung des Jahres 1984 betrug im Durchschnitt 2,9 Prozent.

SPIEGEL: Jetzt tanzen Sie aber auf der sprichwörtlichen Nadelspitze. Nach geltendem Recht bemißt sich die Rentenhöhe nach den Entgelten des Vorjahres, das heißt, es geht nicht um den Vergleich der Rente 84 mit den Arbeitseinkommen 84.

BLÜM: Die Zahlen sind keine Schwertspitze, sondern Fakten. Wenn Sie noch etwas Geduld für die Wahrheit haben: Wenn Rentner und Arbeitnehmer 1984 etwa gleich hohe Einkünfte hatten, dann gibt es trotzdem einen himmelweiten Unterschied: Bei den Arbeitnehmern schlagen die noch mit Steuern und Sozialabgaben zu. 2,9 Prozent bei Arbeitnehmern heißt de facto auf der Hand nur 1,7. Dann liegen die Rentner 1,2 Prozent drüber.

SPIEGEL: Meinen Sie wirklich, mit diesen Rechenkunststücken die Rentner beruhigen zu können?

BLÜM: Auch wenn es manchen nicht in den Kram paßt: Den Rentnern sage ich: Ihnen geht es im allgemeinen ganz gut. Die neuen Notleidenden sind eher im Bereich der kinderreichen Familien zu suchen.

SPIEGEL: Halten Sie es nicht für zynisch, ständig zu sagen, die Renten seien sicher, wenn gleichzeitig täglich über die Rentenhöhe spekuliert wird?

BLÜM: Es gibt immer mehr Zeitgenossen - die Betonung liegt auf »Genossen« -, die diese Rentensicherheit unverantwortlicherweise in Frage stellen.

SPIEGEL: Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Die CDU macht doch mit dem Thema Propaganda.

BLÜM: Bei aller Diskussion, wie die Rentenversicherung der Zukunft aussieht, muß den Rentnern - morgens, mittags und abends, immer wieder - gesagt werden: Was auch immer passiert, laßt euch durch unsere Diskussion, wie die Rentenversicherung am besten die Zukunft erreicht, überhaupt nicht in Angst versetzen. Gezahlt wird immer am Ersten! Keine müde Mark wird euch abgenommen. Unser Streit geht nur darum, wie hoch die Steigerung in der Zukunft ist.

SPIEGEL: Wenn das alles so sicher ist mit den Renten, warum müssen dann neue Koalitionsgespräche über die Anpassung der Rentensteigerung an die neuen Zahlen stattfinden?

BLÜM: Die Selbstverständlichkeit ist nicht in Frage gestellt. Die Anpassungsformel bleibt so, wie sie ist. Sprechen kann man über vieles, aber unsere Rentenprinzipien bleiben unverändert.

SPIEGEL: Wird der Beschluß, den Krankenversicherungsbeitrag der Rentner in diesem Jahr um zwei Punkte steigen zu lassen, revidiert?

BLÜM: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe nicht die Absicht, die Koalitionsgespräche vorwegzunehmen. Aber es geht in den Koalitionsgesprächen mit Sicherheit nicht - oder nur über meine Leiche - um eine neue Rentenformel.

SPIEGEL: Also kein Aufrunden?

BLÜM: Dann müßte ich die allgemeine Bemessungsgrundlage verändern. Das hat einer meiner SPD-Vorgänger schon mal gemacht, und wir haben ihm zu Recht Manipulation vorgeworfen. Manipulation macht der Blüm nicht. Der Krankenversicherungsbeitrag zählt nicht zur Rentenformel. Auf zwei Prozent Krankenversicherungsbeitrag zu verzichten hieße ...

SPIEGEL: ... 2,8 Milliarden Mark weniger in der Rentenkasse.

BLÜM: Die muß mir erst jemand beschaffen. Die Rentenversicherung kann darauf nicht verzichten.

SPIEGEL: Und wenn Sie den Kleinrentnern die zwei Prozent Krankenversicherungsbeitrag erlassen?

BLÜM: Eine Sonderregelung für Kleinrentner entlastet entweder die Sozialhilfe, oder sie begünstigt jene Kleinrenter die darauf nicht angewiesen sind, weil sie neben ihrer Kleinrente noch andere Einkommen beziehen. Vier von fünf Rentnern mit Renten unter 600 Mark leben von einem Netto-Haushaltseinkommen von über 1000 Mark. Und immerhin 74 Prozent dieser Kleinrentner haben sogar mehr als 2000 Mark netto Haushaltseinkommen. Nicht jeder Kleinrentner ist ein armer Rentner.

SPIEGEL: Herr Blüm, wir haben den Eindruck, daß Ihre Regierung nicht so recht weiß, welche größeren Ziele - mal die Bekenntnisse zur Sicherung von Frieden und Wohlstand außen vor - sie in der zweiten Hälfte dieser Legislaturperiode noch ansteuern soll. Wissen Sie es?

BLÜM: Die Sozialsysteme stabilisieren. Ich gebe zu, das ist ein Ziel, von dem keine Faszination ausgeht, weil das Erreichte zu erhalten als Selbstverständlichkeit angesehen wird. Ich glaube, daß neue Aufgaben auf uns zukommen: Die Gesellschaft wird - ich nenne es mal so - zu kalt. Eine Wohlstandsgesellschaft darf ihre Kräfte nicht auf Verteilungsfragen beschränken.

Das Thema der Rentner ist zum Beispiel nicht das Thema Rentenhöhe. Das Thema der alten Leute ist, wie die dritte Phase ihres Lebens noch sinnvoll gestaltet wird. Das Wort »Ruhestand« hat bereits so einen Abdrängungseffekt, als würden die Alten auf der Parkbank sitzen im Wartestand. Es kommt darauf an, die Generationen zu versöhnen. Wie schaffen wir''s, daß die Alten gebraucht werden in politischen Parteien, in Gewerkschaften? Wie verhindern wir, daß Lebenserfahrung und Altersweisheit der Welt verlorengehen? Die Alten brauchen nicht nur die Jungen, sondern die Jungen auch die Alten.

SPIEGEL: Ist das eine Aufgabe der Regierung?

BLÜM: Ja, das ist eine Aufgabe, aber nicht nur der Regierung.

SPIEGEL: Nach Blüms »neuer Mütterlichkeit« jetzt das »neue Altern«?

BLÜM: Die Mütterlichkeit ist nicht so neu. Die ist, wenn ich mich nicht täusche, ein paar Millionen Jahre alt. Wenn es so ist, daß Arbeitszeiten kürzer werden, dann hört es auf mit einer Vorstellung von Freizeit, die lediglich Regeneration der Arbeitskraft ist. Es sind bei den Leuten neue Nachfragen entstanden nach einer Politik jenseits von Mark und Pfennig.

SPIEGEL: Durch die neuen Nachfragen sind auch die Grünen entstanden. Viele ihrer Parteifreunde versuchen, diese Bewegung als undemokratisch oder faschistoid auszugrenzen. Sie auch?

BLÜM: Das Mißtrauen gegen die großen Apparate teile ich mit den Grünen. Ich glaube, daß manches, was bei den Grünen an Hinwendung zu den kleinen Gemeinschaften entstanden ist, durchaus in Nachbarschaft zu dem Subsidiaritätsprinzip steht, das in der christlichen Soziallehre einen hohen Stellenwert besitzt. Nur darf diese Hinwendung zu den kleinen Gemeinschaften nicht zu einem Aussteigen aus Solidaritätspflichten führen. Wer schafft denn für diejenigen, die Sozialhilfe in Anspruch nehmen? Das sind die Malocher. Aber Vorfahrt für die kleine Gemeinschaft - das sehe ich in Nachbarschaften.

SPIEGEL: Sie lehnen also die Ausgrenzungsversuche, wie sie auch Ihr Kanzler betreibt, ab?

BLÜM: Ich mache mit dem Kanzler auf die Schwächen einer Politik aufmerksam, die das Nein leichter Hand formuliert und es uns überläßt, die Aufgaben zu lösen. Es ist den Grünen leichter, etwas zu formulieren, wogegen sie sind. Sie scheuen die Verantwortung wie der _(Töchter Kathrin, Annette, Sohn Christian ) _((hinten), Ehefrau Marita. )

Teufel das Weihwasser. Ich lehne es aber ab, sie einfach in das herkömmliche Links-rechts-Schema zu zwängen. Die Gefahr der Grünen ist der Ausstieg aus der Realität und die Verweigerung des Kompromisses. So lange sind sie politik- und koalitionsunfähig.

SPIEGEL: Ihre Kinder kommen ja ins Wahlalter hinein. Wählen die grün?

BLÜM: Ob sie''s tun oder nicht tun, halte ich für eine Frage, die Sie denen stellen müssen. Die sind für ihre politische Meinung selbst zuständig. Ich bin nicht der Pressesprecher meiner Kinder. Sie hätten das nicht gern, wenn der Alte für sie politische Erklärungen abgibt.

SPIEGEL: Es gibt viele Kinder von CDU-Funktionären, die grün wählen.

BLÜM: ... Selbst wenn sie die Grünen wählen würden, wären''s immer noch meine Kinder.

SPIEGEL: Herr Arbeitsminister, können Sie sich vorstellen, auch mal wieder etwas anderes zu machen?

BLÜM: Ich? Ja.

SPIEGEL: Was würde Ihnen denn Spaß machen in der Politik?

BLÜM: Ach so, in der Politik. Es wäre eine schreckliche Vorstellung, mich als 80jähriger Arbeitsminister zu sehen.

SPIEGEL: Früher, als Sie noch zum linken Flügel der Union gehörten ...

BLÜM: ... was heißt früher?

SPIEGEL: ... fehlte Ihnen die große Zustimmung in der Gesamtfraktion. Heute sieht das anders aus. Würde Sie der Fraktionsvorsitz eines Tages reizen?

BLÜM: Wollen wir erst bei der Voraussetzung bleiben: Ich fühle mich so »links« wie eh und je. Zum anderen glaube ich, daß ein Sozialpolitiker Sozialpolitik nicht wie ein Schrebergärtner betreiben sollte - immer das gleiche Beet. Ein Sozialpolitiker muß Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik nicht nur im Zusammenhang sehen, sondern auch alles betreiben können. Insofern kann ich mir Norbert Blüm auf vielen Posten vorstellen. Vor allen Dingen kann ich mir auch vorstellen, nicht mehr Politik zu machen. Und zu guter Letzt auch, um Sie auf den Boden zurückzuholen: Alfred Dregger ist ein prima Fraktionsvorsitzender.

SPIEGEL: Möchten Sie auch Bundeskanzler werden?

BLÜM: Soll ich jetzt Ihnen eine Erklärung abgeben, um was ich mich alles bewerbe? Ich kann Ihnen versichern: Der Papst wird es nicht sein.

SPIEGEL: Herr Blüm, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mit Redakteuren Dirk Koch, Klaus Wirtgen im BonnerArbeitsministerium.Töchter Kathrin, Annette, Sohn Christian (hinten), Ehefrau Marita.

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