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Ich bin nicht der Seelsorger

aus DER SPIEGEL 6/1949

Frankfurter Direktoren begehen ihre Geburtstage selten zu Hause. Auch der Terminkalender Ludwig Erhards sah für den gestrigen Freitag keine Wochenendfahrt nach München vor. Der 52. ist allerdings sein erster Direktoren-Geburtstag, und sein Lieblingsgetränk - Wein - trinkt man in Frankfurt lieber als in München. Erhard mag kein Bier.

Daß es ein Direktoren-Geburtstag wurde und ein arbeitsam-fröhlicher dazu, dafür sind mehrere Gründe da. Einmal war der Wankelmut der vereinigten CDU/CSU doch nicht beständig genug, zum anderen fallen die Preise, zum dritten gibt es die DENA.

DENA-Reporter Erich Helmsdorfer, der Dr. Semlers Erlanger Rede publik machte, konnte nicht wissen, daß er mit der Bloßstellung Semlers den Weg frei machte für Ludwig Erhard. Der Wirtschaftsprüfer Semler ging nach München zurück, der Wirtschaftstheoretiker Erhard kam aus München. Niemand weiß, ob ohne den DENA-Mann in Westdeutschland die freie Marktwirtschaft zum Programm erhoben und, vor allen Dingen, ob sie durchgehalten worden wäre.

Prosperität. Diese Politik führte durch Krisen und Erschütterungen. Sie läßt weiterhin Krisen und Erschütterungen erwarten. Die augenblicklichen Preissenkungen sind die Hoffnungen vieler. Aber der einzige Mann, der sich rühmen kann, diese Entwicklung entgegen dem Mißtrauen der Feinde, dem schwankenden Vertrauen der Freunde, in der Oeffentlichkeit vertreten und richtig prophezeit zu haben, ist Ludwig Erhard selbst. Der Januar war der Monat des Triumphes für den massig stämmigen Mann mit dem kreisrunden Gesicht, das, im Verein mit einer dicken Importe, die besten Aussichten auf eine künftige deutsche Prosperität zu erwecken geeignet ist (siehe Titelbild).

Ludwig Erhard triumphiert nicht. Er ist nicht der Typ des Triumphators. Er weiß, daß auch die Preisstürze sich wieder »einpendeln« werden, diesmal vielleicht nach oben. Aber aus ihm spricht die Befriedigung des Wissenschaftlers, der unerschüttert einer von ihm erkannten Wahrheit nachgegangen ist und der von ihr nicht enttäuscht wurde. »Oder meinen Sie, ich hätte die Entwicklung aus dem Kaffeesatz gewußt«, erklärt er in behäbigem, regional nicht ganz definierbarem Süddeutsch, »oder etwa, weil ich ein Laubfrosch bin?«

Ludwig Erhard ist kein Laubfrosch. Aber er hat ein Barometer, das ihm untrüglich sagt, ob die Preise auf »Schön Wetter« stehen. Das ist in der Preismeteorologie immer dann der Fall, wenn ein »Tief« im Anzug (oder in den Anzügen) ist. Das Barometer heißt Ella Muhr, ist blond, stammt aus Berlin und ist seit 14 Jahren Erhards Sekretärin. Frau Muhr muß die Schaufenster studieren und Erhard sagen, ob schon mehr Textilien ausliegen und wieviel sie kosten. Sie muß ihm über die Volksmeinung berichten. Sie muß die oft anonymen Schimpf- und Belobigungsbriefe nach »positiv« und »negativ« abheften. »Die liest er besonders gern und in aller Gemütsruhe«. Presse-Angriffe interessieren ihn dagegen nicht, und er selbst guckt sich auch keine Schaufenster an.

Ludwig Erhard ist kein Kapitalist, wie man wohl meinen könnte, wenn man die Kommentare derer liest, die in jedem von der CDU gestützten Fachmann einen Kapitalistenknecht sehen wollen. Sein Vater war Bauer, seine Mutter ist die Tochter von Handwerkersleuten. »Mir fehlt zum Kapitalisten rein alles«. Er hat nie mehr besessen, als ein deutscher Professor besitzen kann, der nicht Professor werden konnte, weil er kein Nazi war.

Er ist es dann doch noch geworden. Eigentlich sollte der Honorar-Professor der Universität München praktischer Kaufmann werden, weshalb man ihn nur sechs Jahre Realschule absolvieren ließ. Kaufmännisch gelernt hat er auch kurz. Aber nach einer schweren Verwundung im ersten Weltkrieg studierte er eineinhalb Semester. »Da habe ich Blut geleckt.«

Gediegenes Nervenkostüm. Sein erster Lehrer war Wilhelm Rieger von der Handelshochschule Nürnberg, der jetzt in Tübingen lebt. »Erhard hat ein ziemlich gediegenes Nervenkostüm«, sagt der 80jährige Lehrer von seinem berühmtesten Schüler. »Ich hätte die Arbeit schon längst hingeworfen.« Grundsätzlich liege er richtig, wenn er auch mit seiner freien Marktwirtschaft allzu forsch vorgegangen sei.

Entscheidend für Erhard wurde Franz Oppenheimer, bei dem er mit einem währungspolitischen Thema ("Wesen und Inhalt der Werteinheit") promovierte. Von Oppenheimer, dem großen Soziologen und Bodenreformer, übernahm er die These, daß soziale Ziele sich am besten durch liberale Methoden erreichen ließen.

Von 1928 bis 1942 war Erhard dann wieder in Nürnberg, erst als Assistent, später als Leiter des Instituts für Wirtschaftsbeobachtung. »Mein Hauptziel war, die gegenseitige Mißachtung zu beseitigen, die Wirtschaftswissenschaft und praktische Wirtschaft für einander empfanden. Ich wußte nie, ob ich mich mehr als Theoretiker oder als Mann der Praxis fühlen sollte.«

Heute entgegnet der Direktor für Wirtschaft den moralisch aufgezäumten Argumenten seiner Gegner (Hortungsvorwürfe) mit den Gründen praktischer Wirtschaftsvernunft. »Ich bin nicht der Seelsorger der deutschen Wirtschaft.«

Sein Hauptargument: In Zeiten großer Warennot verschwindet Ware, die man preislich bindet, unter dem Ladentisch, und kein Preiskommissar und kein Wucherkontrolleur wird sie dort hervorholen. »Nicht durch die Preiswucherstellen, sondern trotz der Preiswucherstellen sind die Preise gefallen.« Erhard glaubt nicht daran, daß man auf die Wirtschaftsmoral des einzelnen sonderlich einwirken könne. Daß er nicht daran glaubt, stärkt vielen einzelnen das egoistische Rückgrat.

Auf Gördelers Kassiber. Gegen Preiskommissare hat er etwas. Mit den Preiskommissaren fange die Verschleierung an, wenn mann ungesunde Zustände in der Wirtschft verdecken wolle,oder wenn mann etwas im Schilde führe. Der erste, verhältnismäßig harmlose Preiskommissar des Staates von Weimar war Erhards Freund Gördeler, dessen Mitarbeiter er damals war. Auf Gördelers letzten Kasiber, der noch aus dem Gefängnis geschmuggelt wurde, stand der Name Erhard. Er wurde den Ueberlebenden des 20. Juli gleichsam testamentarisch als Wirtschafts- experte empfohlen.

1942 schied er, halb freiwillig, halb hinaus- gegrault, aus dem Institut aus, unter anderem, weil er nicht in die Arbeitsfront wollte.

»Mensch, Sie leben noch!« empfing ihn Professor Rieger nach dem Kriege. Den hatte er ebenfalls für den 20. Juli interessieren wollen, weil vordem für Gauleiter Bürckels lothrinigische Industriepläne. »Ich bin überzeugt, daß Erhard die dortige Glasindustrie vor radikalen Einflüssen schützen wollte«, sagt der Lothringer Rieger.

Immerhin zog Erhard in Leopold Schwarzschilds Wochenzeitung »Tagebuch« gegen den opportunistischen Schachtkurs zu Felde. Immerhin hat er die Harzburger Front in die Fragwürdigkeit ihrer wirtschaftlichen Hinter- und Vordergründe beleuchtet. Und er wurde auch kein organisierter Mirläufer. »Man muß nicht unbedingt Professor sein. Man kann auch so ganz gemütlich leben.«

Schon 1942 begann Erhard mit der Ausarbeitung wirtschaftlicher und finanztechnischer Pläne für die Nachkriegszeit. Sie sind noch vorhanden und nach denselben Richtlinien entworfen wie die Währungsreform, die er als Leiter der »Sonderstelle Geld und Kredit« den Amerikanern vorlegen konnte. Diesem »Homburger Kreis« rühmt er nach, daß in ihm auch die Parteileute ohne Rücksicht auf parteitaktische Manöver gearbeitet hätten.

Die Männer um Erhard und den Hamburger Finanzsenator Dudek hatten auch ein Lastenausgleichsgesetzt fertig, das gleichzeitig mit der Julireform hätte in Kraft treten können. Aber nach dem Willen der Alliierten sollte dieser Sisyphus-Stein der deutschen parlamentarischen Maschinerie nicht erspart bleiben.

Erhard ist überzeugt, daß »seine« Währungsreform Fehler vermieden hätte, die der künftigen Wirtschaftsentwicklung leicht hätten zum Verhängnis werden können. »ich hätte den Leuten nur so viel gegeben, daß sie mit Mühe und Not die ersten acht Tage hätten leben können. Die härteste Währungsreform ist die sozial wohltätigste.«

Dann Planwirtschaftler. Wie der Geldreformer seine Theorien von 1942 bis 1948 nicht geändert hat, so der Wirtschaftler nicht, seit er von Franz Oppenheimer gelernt hat, daß zwischen sozialer Zielsetzung und liberalen Methoden kein Gegensatz zu klaffen braucht. »Mein Liberalismus ist aber nicht der des vorigen Jahrhunderts. Wenn man unter Planwirtschaft versteht, daß man der Wirtschaft nach einem bestimmten Plan organisch Hilfestellung in eine organisch mögliche Richtung gibt, dann bin ich Planwirtschaftler.«

Nahezu seine gesamten Forschungen galten der Verbrauchsgüterindustrie. Hoch- und Niedrigpreise der Dinge, die heute knapp und teuer sind, hat er studiert, mit den Fabriken und Märkten hatte er Kontakt. Wie selten Männer dieser Spezialerfahrung sind, kann man daran ermessen, daß die SPD es bislang nicht geschafft hat, ihm einen ebenbürtigen Preis-Ringer gegenüberzustellen. Nie hat Erhard seinen Standpunkt geändert, daß man die Wirtschaft nur vom Verbrauch, d. h. vom Menschen her, sehen und beeinflussen könne. Diese Ueberzeugung wird von der SPD geteilt. Aber die Wege sind verschieden. Wenigstens offiziell.

Wie er Wirtschaftsdirektor wurde, weiß er heute noch nicht genau. Dunkle Kuhhändel sind noch erinnerlich. Seine Nominierung war für die meisten eine Ueberraschung. Stützen mußte er sich auf die FDP, deren Flügel genau so breit auseinanderklaffen wie bei einer großen Partei, und auf die CDU/CSU. »Sie haben alle ganz brav mitgehalten, wenn man ihnen auch ab und zu Korsettstangen einsetzen mußte.«

Anfängliche Vorbehalte von CSU-Leuten gehen auf Erhards Zeit als bayrischer Wirtschaftsminister zurück, wo er auch in punkto Benzinmarken seine mangelnde Fähigkeit zur Planwirtschaft erwies. Aber das war die kleinere Sünde. »Ich habe nie an eine bayrische Wirtschaft geglaubt.« Das verzieh man dem evangelischen Franken nicht so leicht. Er war der Mann der Amerikaner, denen er sich am Tag nach dem Einmarsch zur Verfügung stellte. Er mußte gehen, als eine gewählte bayrische Regierung kam. Er war und blieb immer parteilos.

Immer ohne Konzept. Jetzt spricht er zuweilen auf Wahlversammlungen der größten Partei, die ihn stützt. Auf seiner Tournee im Oktober 1948 hielt er bis zu drei Vorträge täglich, wie immer ohne Konzept. Frau Muhr sitzt dann in der Mitte der Zuhörer, »um zu hören, was die Leute sagen.« Seine Rundfunkreden stenographiert er selber und liest sie dann Frau Muhr vor, die sie noch einmal mitstenographiert und mit der Maschine ausschreibt.

Den Massen zum Ohr zu reden, liegt ihm nicht. Er hat auch kein übertriebenes Verständnis für ihre Nöte. Seine Politik soll ihnen helfen, und damit punctum. Er ist überhaupt kein wirkungsvoller Redner und Erzähler. Er liebt die sture Ueberzeugungskraft der Argumente, die er nicht auszuschmücken braucht, um selbst in sie verliebt zu sein. Und er überzeugt. Die Pulte müssen allerhand aushalten, wenn er sich mit beiden Armen ihrer Stütze überläßt. Sein Mantel und sein großer schwarzer Homburg liegen derweil irgendwo unter einem Flügel.

Der Chauffeur wartet draußen in dem Traum von einem Maybach, mit dem er Erhard vier Jahre lang über 180000 km gefahren hat, ohne den Motor zu wechseln. Erhard sieht seine Frau nur alle drei bis sechs Wochen, wenn er sie in München besucht. Dann fährt auch Frau Muhr mit, deren Mutter dort wohnt. Während der Fahrt animiert sie den Chef zur Beantwortung der überreichlich aufgelaufenen Post und läßt sich ins Stenogramm diktieren.

In München-Harlaching, Marienstr. 10, wo er wochenlang nur durch ein Messingschild ("Dr. Erhard") vertreten ist, erwarten ihn zwei volkswirtschaftlich gebildete Personen: seine Frau Luise, aus alteingesessenem Nürnberger Lebküchler-Geschlecht, die früher seine Studienkollegin an der Handelshochschule war, und seine jüngere Tochter Elisabeth, die sich noch nicht recht zwischen Sportkursus und Volkswirtschaft entscheiden kann: »Sie wird halt warten müssen, bis es so eine Art Sport-Volkswirtschaftlerin gibt«, meint Frau Erhard. Deren Fachgebiet ist Betriebswirtschaft, und sie schätzt Diskussionen, wie sie Nölting und ihr Mann vorm Mikrofon hatten. »Da kommt sachlich wenigstens etwas heraus.«

Die dunkle, schlanke Dame sähe es lieber, wenn ihr Mann Hochschullehrer in München wäre: »Er wäre dann hier und nicht im Hotel, und wir hätten immer junge Leute im Haus. Aber das wird wohl nie wieder möglich sein. Schließlich steckt er zu tief drin, und er hat ja recht behalten. Er wird auch jetzt recht behalten.« Einstweilen pflegt sie die vielen Blumen, die Erhards zur Silberhochzeit im Dezember geschenkt bekamen.

Auf keinen Fall. Erhard strahlt die selbstverständliche Ueberzeugung aus, daß er über den Berg sei. Er will das Jedermann-Programm gewaltig vergrößern und gleichzeitig auflockern. Er würde am liebsten alle Subventionen sofort einstellen. »Die Streichung der staatlichen Subventionen für die Landwirtschaft predige ich seit Monaten.« Auf keinen Fall sollen Exporte subventioniert werden.

Der schwächste Punkt in der Konzeption des Wirtschaftsdirektors bleiben die Sorgen des Landwirtschaftsdirektors Schlange. Wie sollen die Preise für die Landwirtschaft vernünftig heruntergehen, solange tatsächlich nicht genug zu essen da ist? Hier ist er nur indirekt zuständig: Größere Exporte ermöglichen auf lange Sicht größere Importe.

Die Freizeitfrage erübrigt sich. Auch die Frage nach dem Steckenpferd will den Reportern nur stockend über die Lippen. Aber da verklärt ein behaglicher Schein das runde Gesicht. »O ja«, sagt Erhard, »Musik!«. Ob er ein Instrument spiele? »Schon, Klavier, aber das ist es weniger, ich höre gern.« Was? »Klassisches«. Bis zu Beethoven? »Schubert auch, bis zu Strauß und Reger. Aber keinen Schritt weiter. Mit den Modernen können Sie mich jagen.«

Man kann ihn nicht jagen. Der Bakelit-Blaupunkt in den Höchster Amtsräumen schweigt. Bis nachts um zwölf, eins wird gearbeitet, zwischendurch gibt es nur Nachrichten. »Ich habe für Musik wirklich keine Zeit mehr.«

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