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SPIEGEL Gespräch »Ich bin nicht der Tröster der Nation«

Kanzlerkandidat Johannes Rau über sich und seinen Konkurrenten Helmut Kohl *
Von Wolfram Bickerich, Jürgen Leinemann und Hans Leyendecker
aus DER SPIEGEL 6/1986

SPIEGEL: Meinen Sie, daß Sie ein konventioneller Mensch sind?

RAU: Nein, das glaube ich nicht.

SPIEGEL: Sie sind Skatspieler, Fußball-Fan, Biertrinker.

RAU: Ich bin sicher nicht der Typ des Bohemiens, wenn das die Alternative zum konventionellen Menschen sein sollte. Aber konventionell bin ich sicher nicht.

SPIEGEL: Wenn die Alternative »bürgerlich« wäre, würde Ihnen das besser gefallen?

RAU: Nein, auch nicht.

SPIEGEL: Was wäre Ihr Wort zur Selbstbeschreibung?

RAU: Ich habe nie versucht, dafür ein Wort zu finden. Ich reflektiere ungern über mich.

SPIEGEL: Warum?

RAU: Es ist so.

SPIEGEL: Sind Sie sich nicht wichtig genug?

RAU: Ich versuche jedenfalls, mich nicht so wichtig zu nehmen.

SPIEGEL: Wie definiert der Politiker Johannes Rau seine Stärken, wo liegen seine Schwächen?

RAU: Meine Stärke ist sicher: Ich bin ein arbeitsamer Mensch, ich lese sehr viel, behalte ganz gut, und ich spreche leidenschaftlich gern mit anderen Menschen. Ich habe es am liebsten konkret. Und ich kann, glaube ich, ganz gut im Gespräch Sachverhalte ermitteln, Perspektiven und Strategien entwickeln. Meine Schwäche: Ich mag nicht gern abstrakt, abgehoben von konkreten Lebenslagen, argumentieren.

SPIEGEL: Wenn Sie jemanden wie den SPD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Hans-Jochen Vogel, erleben, über den Sie sich gelegentlich bewundernd geäußert haben, wenn er gerade souverän Faktenwissen präsentiert und vorzeigt, wie gut er systematisch arbeiten kann - spüren Sie dann ein Gefühl der Unterlegenheit?

RAU: Ach nein, das ist keine Unterlegenheit. Paulus hat sich ja abschließend dazu geäußert: Es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist. Jeder nach seinen Gaben. Es wäre ganz falsch, wenn ich ihn imitieren würde. Wahrscheinlich würde er auch scheitern, wenn er mich imitierte.

SPIEGEL: Es gibt von Ihnen ein Klischee: Sie seien der fröhliche Tausendsassa ohne Tiefgang.

RAU: Das finde ich nicht. Aber wenn man mich nicht zu den großen Konstrukteuren von lebensfernen Gedankengebäuden rechnet, empfinde ich das nicht als Kränkung. Ich bin nicht der Chef-Philosoph der Nation oder der Rektor der Universität Bundesrepublik. Es gibt manches, was ich an anderen bewundere: Ich bewundere Leute mit einem analytischen Vermögen - aber deshalb muß ich mich nicht an deren Stelle setzen wollen.

SPIEGEL: Man muß die Gedankengebäude ja nicht aufbauen; es würde reichen, sich darin zu bewegen.

RAU: Richtig. Und man muß sie sich entwickeln lassen!

SPIEGEL: Aber nicht unbedingt selber Entwürfe bieten?

RAU: Irgendwann muß man auch selber oder zusammen mit anderen einen Entwurf bieten. Aber man muß nicht ständig auf allen Gebieten nachweisen, daß man ihn bieten könnte. Man muß kein eigenes Buch über die Entspannungspolitik geschrieben haben, um sie überall vertreten zu können, bei Reagan oder bei Mitterrand oder bei Gorbatschow. Das muß man können, und zwar ohne Manuskript.

SPIEGEL: Zurück zu dem, was Ihnen an Klischees oder an Etiketten aufpappt: Man kann häufig hören, als vor allem guter Mensch seien Sie für das Amt des Bundeskanzlers zu unpolitisch, auch zu perspektivlos; und im speziellen hätten Sie von der Bonner Politik zuwenig Kenntnis.

RAU: Natürlich kann ich nicht erbringen, daß ich neben meiner Arbeit als Ministerpräsident die Summe bundespolitischen Detailwissens bereithalte, als wäre ich die Addition von Jochen Vogel und seinen acht Stellvertretern - zusätzlich zu meiner Aufgabe als Wahlkämpfer. Das geht nicht, das ist nicht meine Aufgabe. Dabei kann es dann mal passieren, daß man im Detail nicht gleich die rechte Antwort findet, wie sie der dafür zuständige Bonner Fachminister oder sein Kontrahent von der Opposition schneller parat hätte. Ich habe nicht den Ehrgeiz, das zu erreichen, was die Kanzler bisher nicht einmal in ihrem Amt erreicht haben: Nicht jede Einzelentscheidung muß ich selber erarbeiten und en detail begründen können.

SPIEGEL: Wie würden Sie Ihre Rolle als Kanzler definieren? Wäre das eine politische Führerrolle, wären Sie lieber eine Art Vater der Nation? Vordenker und Philosoph wollen Sie nicht sein haben Sie schon einmal gesagt.

RAU: Nein. Der Kanzler hat die Regierung zu führen, das ist seine erste Aufgabe und Pflicht. Eine Regierung zu führen ist etwas anderes als eine Aktiengesellschaft.

Ich habe den Satz von Helmut Schmidt, er sei der leitende Angestellte der Republik, immer für falsch gehalten. Das war wohl auch ein liebenswürdiges Unterstatement, sollte heißen: Nehmt mich nicht so wichtig. Aber ich meine schon, Chef einer Regierung zu sein ist etwas anderes als Vorstandsvorsitzender einer Aktiengesellschaft oder Präsident des Deutschen Sportbundes, weil es sich um die Führung der Regierung einer der großen Industrienationen handelt - und die will ich wahrnehmen.

SPIEGEL: Meinen Sie damit mehr so etwas wie eine geistig-moralische Führung oder eine politische?

RAU: Man kann nicht darüber befinden, ob man geistig-moralisch führt; man muß es tun. Die Diskussion darüber, soll man oder soll man nicht, ist witzlos.

SPIEGEL: Würden Sie es tun?

RAU: Ich möchte so handeln, ja. Nur Kohl, der es immer gefordert hat, tut es nicht. Man kann es nicht erst zum Postulat machen und erfüllt es dann nicht, sondern man muß es, umgekehrt, beweisen durch die Art, wie man etwas angeht, wie man regiert, auch wie man redet, selbstverständlich.

Den Regierungschef darf man nicht mit dem Bundespräsidenten verwechseln, und keinesfalls ist er der Tröster oder Mahner der Nation. Seine Hauptaufgabe ist es zu handeln; zusammenzuführen, wo es nottut; Entscheidungen herbeizuführen, wo es geboten ist, selber Entscheidungen zu treffen und zu begründen. Das heißt: Am besten ist es wenn sie aus sich heraus überzeugen.

SPIEGEL: Wo sehen Sie den Unterschied zwischen sich und Helmut Kohl?

RAU: Haben Sie keine leichtere Frage? Ich habe nie verstanden, daß es Menschen gibt, die Übereinstimmungen sehen; deshalb kann ich so schwer die Unterschiede definieren. Ich komme aus einer ganz anderen Tradition, aus einem anderen Denken.

SPIEGEL: Hat das etwas mit Macht zu tun? Sind es Unterschiede, wie man Macht ausüben und Macht haben will?

RAU: Könnte sein. Mich fasziniert Macht nicht. Mich fasziniert Gestaltung, und dazu braucht man in der Politik allerdings auch Einfluß und Macht. Aber ich bin nicht machthungrig oder machtgeil, kein bißchen. Man kann das vielleicht auch aus meinem bisherigen Lebensweg erkennen.

SPIEGEL: Wer bei Kohl und Rau Gemeinsamkeiten sieht, sagt, Sie seien beide nicht sehr an systematischem, abstraktem Denken sowie an politischen Programmen interessiert. Sie seien Generalisten.

RAU: Das glaube ich von mir nicht. Ich bin in den Dingen, die ich zu verantworten hatte, nie ein Generalist gewesen - etwa in der Hochschulpolitik. Manchmal habe ich eher zuviel Fachkunde entwickelt. Ich denke, das gilt so auch für die Landespolitik, auch für die regionale Wirtschaftsstrukturpolitik.

SPIEGEL: Vielleicht fällt der Vergleich leichter: Wie sieht sich der Ministerpräsident Rau im Vergleich zum Ministerpräsidenten Kohl?

RAU: Man ist oft ungerecht gegenüber dem politischen Gegner. Ich bin kein Landesherr. Mich interessieren in der Tat die konkreten Lebenslagen der Menschen mehr. Ich entwickle meine Kritik an den Strukturen der Gesellschaft von den Unzuträglichkeiten der Lebenslagen her. Die muß ich konkret erfahren haben. Von denen muß ich detailliert wissen, um dann Anstöße geben zu können.

SPIEGEL: Das würde Helmut Kohl wohl genauso sagen.

RAU: Warum auch nicht? Ich hoffe, viele - nicht nur Kohl und Rau - werden das so sagen.

SPIEGEL: Läßt es sich so unterscheiden: Sie versuchen zu regieren, der amtierende Kanzler zu herrschen?

RAU: Das ist meine Empfindung. Ich weiß nicht, ob ich damit gerecht bin.

SPIEGEL: Wollen Sie weiter so nobel mit Kohl umgehen wie jetzt?

RAU: Ja.

SPIEGEL: Ist das Macke oder Stil?

RAU: Ich kann nicht anders.

SPIEGEL: Was ist denn das Schlimmste, was Sie bisher über einen anderen Politiker gesagt haben? Über Strauß haben Sie mal gesagt »Der mit der Brechstange«.

RAU: Habe ich das gesagt?

SPIEGEL: Ja! Da müssen Sie sehr erregt gewesen sein. Was für Gefühle haben Sie Kohl gegenüber?

RAU: Jedenfalls keine feindseligen.

SPIEGEL: Lassen Sie nach gewonnener Wahl im Kanzler-Arbeitszimmer das Aquarium stehen?

RAU: Nein.

SPIEGEL: Und die schwarzrotgoldene Fahne?

RAU: Ja. Ich habe kein überhöhtes Amtsverständnis, aber ich habe ein klares Verständnis vom Amt. Und ich halte es nicht für auswechselbar mit einer verlegerischen, kaufmännischen oder irgendeiner anderen Tätigkeit.

SPIEGEL: Sie glauben an Symbole?

RAU: Ich glaube, daß wir als Deutsche allen Grund haben, mit Symbolen sehr, sehr vorsichtig und sparsam umzugehen. Aber wir sollten nicht ganz auf sie verzichten - ebensowenig wie auf staatliche Autorität.

SPIEGEL: Wenn Sie nicht der Erzieher der Bürger und der Nation sein wollen - als was verstehen Sie sich dann? Als einer, der den Bürgern die Gestaltung der Tagespolitik abnimmt?

RAU: Als jemand, der nach dem demokratischen Meinungsbildungsprozeß seine Politik so zu gestalten und zu verantworten versucht, daß sie mehrheitsfähig bleibt und daß sie - das soll keine Floskel sein - Nutzen bringt und Schaden abwendet.

SPIEGEL: Es geht Ihnen nicht darum, die Welt zu verändern? Für die Verbesserung der Welt ist ja in Ihrem Weltbild der christliche Glaube zuständig.

RAU: Nein, so ist das nicht. Ich glaube schon, daß es weitergeht und daß man die verbesserungswürdige Welt als verbesserungsfähig erkennen muß. Das ist das Entscheidende. Daß sie verbesserungswürdig ist, sagen alle, wobei die Konservativen sich das so vorstellen, daß man das behält, was man hat, und einiges von dem abschafft, was - in ihren Augen: leider - hinzugekommen ist.

Wenn ich das christlich definiert habe, kann ich diese Definition nur als eine persönliche gelten lassen. Sie gilt für mich, sie ist nicht common sense, und ich bin nicht derjenige, der sagen würde, ich könne daraus den common sense machen. Der andere, der mit mir Weltveränderungen, wenn Sie wollen: Weltverbesserungen will, braucht doch meinen christlichen Ansatz nicht zu teilen. Es kann aber auch nicht staatlich reglementiert werden, wo, wann und auf welchen Gebieten welche Weltverbesserung stattfindet. Das muß sich aus gesellschaftlichen Prozessen ergeben.

SPIEGEL: Sind Sie schon einmal wütend geworden?

RAU: Bitte?

SPIEGEL: So richtig wütend, nicht nur for show, sondern echt, von innen?

RAU: Ja, sicher habe ich solche Situationen schon erlebt. Ich wüßte jetzt kein Beispiel zu nennen - ich bin so veranlagt daß ich das nicht behalte.

SPIEGEL: Und einen gezielten Wutausbruch - können Sie sich so etwas vorstellen? Wie Willy Brandt im Fernsehen nach Ihrem NRW-Wahlsieg gegenüber Kohl explodierte?

RAU: Nein. War das gezielt?

SPIEGEL: Glauben Sie, daß man ein guter Schauspieler sein muß, um heutzutage Politiker zu sein?

RAU: Nein, nein.

SPIEGEL: Immerhin sind da schon professionelle Schauspieler tätig.

RAU: Man muß natürlich bestimmte Dinge überspielen können - aber nicht, um ein guter Politiker zu sein, sondern um seine Selbstachtung behalten zu können.

SPIEGEL: Kann ein guter Mensch ein guter Politiker sein?

RAU: Ja, warum nicht?

SPIEGEL: Hält man das durch?

RAU: Die Politiker sind nicht besser und nicht schlechter als die anderen auch.

SPIEGEL: Die Bürger sehen schärfer hin. Das verlangt schärfere Kriterien.

RAU: Ich kann doch genausogut wie ein guter Kaufmann oder ein guter Familienvater ein guter Politiker sein.

SPIEGEL: Man muß, andererseits, als Politiker auch Freunde verraten. Das muß Ihnen sehr schwer fallen.

RAU: Ich brauche doch keine Freunde zu verraten!

SPIEGEL: Auch Sie müssen sich gegen Freunde stellen.

RAU: Nein. Das brauche ich nicht. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen. Als ich 1977 für die Nachfolge von Heinz Kühn als SPD-Landesvorsitzender kandidiert habe - das war ja eine Vorentscheidung für das Ministerpräsidenten-Amt -, da hatte Friedhelm Farthmann zuerst die besseren Chancen. Dann hat sich das _(Rechts: Kohls Aquarium. )

gedreht, und ich habe gewonnen. Da haben wir uns sofort zusammengesetzt. Wir haben geredet und zusammen nachgedacht, was nun zu tun sei. Und wir kommen gut miteinander aus und können uns auch bei unterschiedlichen Temperamenten aufeinander verlassen.

Ich glaube nicht, daß ich politische Feinde - Feinde im Wortsinne - habe. Und daß man auch nach einem harten Wahlkampf nicht bloß für die Fernsehkameras mit dem politischen Gegner zusammensitzt und redet, gerade auch dann, wenn dieser Gegner nicht gewinnt, das halte ich für richtig und wichtig. Das gehört nicht in die Zeitung, aber man sollte so miteinander umgehen, daß man''s kann.

SPIEGEL: Wenn Sie Helmut Kohl geschlagen haben, werden Sie ihn abends trösten? Hätten Sie das Bedürfnis?

RAU: Ach, Kohl läßt sich seine Lebensfreude ohnehin nicht vergällen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin ja kein hauptberuflicher Tröster, und ich will nicht die Soße falscher Freundlichkeit über diese Republik gießen. Dazu brauchen wir keinen Wechsel. Aber ich werde mir jedenfalls kein Feindbild aufbauen müssen, um die Monate des Wahlkampfs durchzuhalten. Wie ich danach mit Helmut Kohl zurechtkomme, wird sich zeigen.

SPIEGEL: Herr Rau, fassen wir mal Ihr Persönlichkeitsbild so zusammen, wie es sich aus Äußerungen von jenen ergibt, die Ihnen nicht gerade nahestehen. Da heißt es, Sie seien entscheidungsscheu, konfliktscheu, harmoniesüchtig.

RAU: Ja, und so entscheidungs- und konfliktscheu, so harmoniesüchtig, wie ich bin, habe ich im bevölkerungsreichsten Industrieland der Bundesrepublik zweimal die absolute Mehrheit gewonnen - 1980 die der Mandate, 1985 auch die der Stimmen - 52,1 Prozent.

SPIEGEL: Warum ärgern Sie sich über diese Charakteristika? Sie könnten doch auch sagen, das stimmt überhaupt nicht. Oder Sie halten es für überhaupt keinen Vorwurf - schließlich ist es zwar so, aber Sie haben damit Erfolg.

RAU: Ich empfinde es nicht als Vorwurf. Ich empfinde es als falsch. Ich bin nicht entscheidungsscheu, sondern ich bevorzuge einen anderen Entscheidungsprozeß. Ich sage nicht: Das will ich und das mache ich jetzt; sondern ich will, daß möglichst die, mit denen ich das tue, es mittragen. Nicht um jeden Preis übrigens. Aber ich tue das mir Mögliche, damit sie es können.

SPIEGEL: Sie versuchen also unentwegt zu überzeugen?

RAU: Ja. Und das kann gelegentlich durchaus etwas länger dauern.

SPIEGEL: Weil der andere nicht notwendigerweise weiß, was Sie meinen.

RAU: Das ist nicht das Problem. Sondern: daß er die von mir für richtig gehaltene Ansicht teilt - oder seine eigene festigt und behält.

SPIEGEL: Wenn so leicht ein falscher Eindruck entsteht - müssen Sie sich da nicht fragen, was Sie falsch machen?

RAU: Es kommt doch was Gutes raus: Ich habe gewonnen.

SPIEGEL: Deshalb oder trotzdem?

RAU: Auch dann.

SPIEGEL: Können Sie denn auch bei Entscheidungsfragen im Kabinett oder in Parteigremien mal nein sagen?

RAU: Aber ja.

SPIEGEL: Empfinden Sie Widerstand in der Sache als persönliche Niederlage? Verletzt Sie das persönlich, wenn jemand sagt, was der sagt, ist Quatsch?

RAU: Nein. Aber entschuldigen Sie: Ich sage im Kabinett meine Meinung. Ich sage es, wenn ich völlig anderer Auffassung bin als der Kollege. Nur: Die Richtlinienkompetenz, die ich habe, ist doch nicht dazu da, daß der politische Freund oder der Gegner niedergemacht werden darf.

SPIEGEL: Der Gegner ist doch, wie Sie, Profi im politischen Geschäft; eigentlich muß er doch, wie Sie, Niederlagen verkraften - heiße er Helmut Kohl oder Bernhard Worms.

RAU: Sicher. Ich wollte nicht, daß Bernhard Worms Ministerpräsident wird. Aber ich habe doch nichts gegen ihn als Person. Darum geht es mir.

SPIEGEL: Warum sollte der das annehmen?

RAU: Weil seine Freunde sich schon nicht um ihn kümmern.

SPIEGEL: Deshalb sind Sie verantwortlich?

RAU: Wie heißt es: »Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast« - Der Kleine Prinz, Seite 37.

SPIEGEL: Das hört sich menschlich an, aber nicht sehr politisch. Ist es christlich?

RAU: Ja. Für mich. Aber das heißt nicht, daß das nur Christen so machen. Es machen andere auch, die nicht Christen sind.

SPIEGEL: Mithin werden Sie versuchen, Konflikte zu vermeiden, die polarisieren, sobald Sie meinen, daß Sie die richtige Entseheidung auch auf einem anderen Weg erreichen können?

RAU: Ja. Es gibt Sachfragen, da geht es nicht ohne Konflikte. Nur: Der Konflikt muß nicht ohne Not den anderen Menschen und mich treffen.

SPIEGEL: Sie sagten, das machten andere auch so. Ist Ihnen persönlich das schon mal begegnet?

RAU: In der Politik seltener. Aber spräche das gegen meine Art, mit Menschen umzugehen?

SPIEGEL: Niederlagen haben Sie noch nicht erlitten?

RAU: Nein, nicht solche, die ich als persönliche empfunden hätte.

SPIEGEL: Fürchten Sie, daß eine kommt?

RAU: Ich hab'' mal als Vorsitzender des Sparkassenrates kandidiert und bin es nicht geworden, obwohl ich es gern geworden wäre.

SPIEGEL: Aber in der großen Politik haben Sie noch nie verloren?

RAU: Das war als Politiker, in der Kommune. Ich war damals ziemlich sauer.

SPIEGEL: Macht Ihnen der Gedanke angst, zum Kanzler gewählt zu werden? Oder der andere - nicht gewählt zu werden?

RAU: Weder - noch. Aber nach all diesem »Zögern und Zaudern« will ich nun auch ein Ergebnis haben, daß die SPD am Ende gut, hervorragend dasteht.

SPIEGEL: Aber es ist am Ende nicht nur - wenn es so kommt - eine Niederlage der Partei, es ist auch die Ihre.

RAU: Sie täuschen sich! Ich will Kanzler werden. Kandidat - das ist doch kein Job.

SPIEGEL: Aber Sie hoffen, eine Niederlage unversehrt wegstecken zu können?

RAU: Kann ich nur schwer beantworten. Ich gewinne ja. Wer zur Wahl 1987 nur mit halber Kraft antritt, ist 1991 weg vom Fenster.

SPIEGEL: Das könnte ja auch Absicht sein?

RAU: Ich bin kein Schauspieler. Was ich mache, versuche ich richtig zu machen.

SPIEGEL: Sie fürchten den Wahlkampf wegen Streß und Hektik - auch wegen der zu erwartenden Tiefschläge?

RAU: Sie wissen doch, ich setze auf Anstand und Versöhnung ...

SPIEGEL: Bonner Politik ist ja derzeit bei den Bürgern nicht besonders hoch angesehen: Entweder gehen die in Bonn zu rüde miteinander um, oder sie stecken alle unter einer Decke. Glauben Sie, das als Kanzler ändern zu können?

RAU: Ich glaube schon. Ich bemühe mich immer um Verständnis, um das Verständlichmachen von Entscheidungen und darum, das öffentlich zu verantworten.

Ich mache eine Politik, bei der die anderen nicht verteufelt werden. Es gibt ja wirklich einen Überdruß an dem Geschimpfe und an der persönlichen Herabsetzung in der Politik.

SPIEGEL: Sie wollen also einen Wahlkampf gegen Bonn führen?

RAU: Ich habe nichts gegen Bonn, das ist eine reizvolle Stadt. Aber es gibt ein politisches Klima in Bonn, von dem ich glaube, daß es nicht viel zu tun hat mit der Lebenswirklichkeit der Bürger. Und mich interessieren die konkreten Lebenssituationen der Bürger eben stärker als die Rituale, die ich in Bonn feststelle.

SPIEGEL: Wie kann man das Klima konkret ändern?

RAU: Vor allem, indem man sich Zeit nimmt für andere.

SPIEGEL: Hat man die als Kanzler?

RAU: Ich glaube, daß man sich das einteilen kann. Ich führe, seit ich im Amt bin, als Ministerpräsident Gespräche mit allen gesellschaftlichen Gruppen, mit Industrie, Gewerkschaftern, Kirchenleuten und Bürgern, Behinderten und Nichtbehinderten, ohne jede Publizistik, damit bei mir Menschen sitzen können, die nicht das Recht haben, andere zu zitieren, sondern das Recht, sich selber zur Sprache zu bringen. Und das möchte ich gern durchhalten.

SPIEGEL: Der Terminkalender wird gewinnen; der hat in Bonn schon jeden geschafft.

RAU: Ich will mich nicht verbiegen lassen - abrackern ja; häuten, verstellen und verbiegen - nein. Und ich glaube, daß man sein Leben so einrichten kann, daß man die Zeit zum Gespräch hat. Ich werde sie aufbringen.

SPIEGEL: Und wenn Sie dann zu einer wichtigen internationalen Begegnung aufbrechen, dann reden Sie ins Mikrophon die gleichen Sprechblasen wie alle Kanzler vor Ihnen.

RAU: Nein. Es ist für mich ein Hauptpunkt, daß Menschen wieder so reden und so angeredet werden, daß man sich ohne Übersetzer versteht. Diese Statements am Flughafen, die der Fernsehzuschauer zu konsumieren hat und die nichts zum Ausdruck bringen - da will ich lieber versuchen, nichts zu sagen.

SPIEGEL: Dann heißt es, Rau ist kommunikationsfeindlich.

RAU: Diesen Vorwurf habe ich schon ein paar Monate ertragen; das stört mich nicht. Ich finde, bisher hat jeder, der hier in Bonn Regierungsverantwortung hatte, ein Stück den Stil, das Klima, die Atmosphäre verändert.

SPIEGEL: Die Bonner Krebsstation und ihre Bürokratie wird alles überwuchern.

RAU: Auch den Ministerialbeamten unterstelle ich, daß sie nicht nur aus Kopf bestehen.

SPIEGEL: Das dürfen sie im Dienst nicht vorzeigen.

RAU: Dann muß man sie ermutigen.

SPIEGEL: Die werden Sie in Papier ersticken.

RAU: Dann suche ich mir gute Leute mit Schaufeln.

SPIEGEL: Welche?

RAU: Namen von denen, die ich in Aussicht genommen habe, nenne ich noch nicht.

SPIEGEL: Und von denen, die nicht in Aussicht sind?

RAU: Über die sollte man erst recht nicht reden.

SPIEGEL: Herr Rau, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Rechts: Kohls Aquarium.

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