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»Ich bin sehr stolz«

Von Henryk M. Broder
aus DER SPIEGEL 21/1996

Hinter jedem erfolgreichen Mann steckt eine ehrgeizige Frau, hinter jedem jungen Genie eine Mutter, die sich in ihrem Kind verwirklichen möchte. Manchmal ist es auch der Vater, wie im Fall von Daniel Jonah Goldhagen.

Erich Goldhagen, der sein Alter mit »Mitte Sechzig« angibt und zu seinem Lebenslauf nur sagen möchte, daß er in Czernowitz in der heutigen Ukraine aufgewachsen ist, kennt seit Wochen nur ein Thema: das Buch »Hitler's Willing Executioners«, mit dem sein Sohn Daniel, 36, vor zwei Jahren in Harvard promoviert hat und das im März erschienen ist.

»The book is a bestseller«, sagt Vater Goldhagen voller Stolz, in London stehe es auf Platz eins der Bestsellerliste, in Irland auf Platz fünf und in New York auf dem elften Rang. »Nächste Woche wird es schon Nummer sieben sein«, denn: »Je mehr sich die Deutschen über das Buch aufregen, um so mehr Leute kaufen es hier.«

Die New York Times habe sich viermal mit dem Buch beschäftigt, die Zeit sechsmal. Erich Goldhagen kennt sogar die Artikel aus der deutschen Provinzpresse in Potsdam und Berchtesgaden. »Wer ist eigentlich dieser Jörg von Uthmann, der geschrieben hat, das Buch sei fundiert, enthalte aber nichts Neues?« Kann nur ein Ignorant sein, anders als Volker Ullrich, der Goldhagen Jr. in der Zeit als »brillant« beurteilt hat; das Buch sei es wert, diskutiert zu werden. Und sogar der Korrespondent der Welt schrieb, sagt Vater Goldhagen im Originalton: »This is ein wissenschaftliches Werk!«

Jacob Heilbrunn, der das Buch im Berliner Tagesspiegel und in der Woche verriß, ist ein »Kindskopf, der von der Sache keine Ahnung hat«. Professor Jehuda Bauer, der Doyen der Holocaust-Forschung, der sich bei einer Diskussion in Washington kritisch äußerte, »ist nur neidisch auf Daniels Erfolg«. Daß es sich bei beiden um Juden handelt, empfindet Erich Goldhagen als eine zusätzliche Kränkung. Immerhin, der deutsch-jüdische Historiker Julius H. Schoeps habe das Buch günstig besprochen, »aber er ist Jude, und er ist nicht maßgeblich«.

80 Prozent aller Rezensionen seien positiv gewesen. Daniels Doktorarbeit habe 1994 einen Preis als beste politikwissenschaftliche Dissertation gewonnen. »Und da kommen die Deutschen und sagen: Das ist ein Pamphlet und ein Geschwätz! Sind wir hier alle Idioten?«

Wenn Erich Goldhagen einen Satz nicht mit »The book . . .« anfängt, dann tut er es mit »My son . . .": Mein Sohn sagt, mein Sohn zeigt, mein Sohn analysiert. »Er hat einen neuen Historikerstreit ausgelöst. Ich bin sehr stolz auf meinen Sohn.«

Welcher Vater wäre das nicht? Doch bei Erich Goldhagen kommt noch etwas hinzu, sozusagen ein Sonderweg, auf den er brutal gestoßen wurde. Er hat den Holocaust überlebt - wie, darüber mag er nicht reden - und brachte sein Leben nach dem Überleben damit zu, den Holocaust zu erforschen; ehe er sich jetzt zur Ruhe setzte, dozierte er an der Harvard-Universität 25 Jahre lang über den Völkermord.

Einer seiner Studenten war Sohn Daniel, der über sich selbst sagt, er habe »schon mit 12, 13 Jahren eine sehr akademische Einstellung gegenüber dem Holocaust« gehabt, beeinflußt vom Vater, »dem Lehrer, nicht dem Überlebenden«. Ihm, »meinem Vater und Lehrer«, hat er das Buch gewidmet, er bedankt sich überschwenglich bei Erich Goldhagen, »einem Mann von außergewöhnlicher intellektueller und menschlicher Qualität«, ohne dessen Unterstützung es ihm nicht möglich gewesen wäre, »meine Begabung so zu entfalten, wie ich es getan habe«.

Welcher Sohn täte das nicht gern. Daniel Goldhagen benennt auch in den Fußnoten Erich Goldhagen als Quelle, und zwar nicht nur dessen Texte, sondern auch - bei einem wissenschaftlichen Werk ein wenig ungewöhnlich - »unsere vielen Gespräche«.

Über den Horror und den Terror vom Hörensagen, mit dem die Kinder von Überlebenden aufwachsen, sind ganze Bibliotheken geschrieben worden. Man weiß, welchem Druck sie ausgesetzt sind, die Erwartungshaltungen der Eltern zu erfüllen, wie schwer es ihnen fällt, ein eigenes Leben zu leben. Sich von den Eltern abzunabeln würde bedeuten, deren Leidensgeschichte zu verraten.

Natürlich haben die Eltern alle Qualen nur überstanden, um hernach die Kinder zu zeugen und für sie dazusein. Und wie alle Eltern, die für ihre Nachkommen gelitten haben und ihr Leben in den Dienst der Kinder stellen, fordern auch die Überlebenden des Holocaust von den Objekten ihrer Fürsorge einen Preis: die totale Loyalität.

Was immer die Kinder anstellen, womit die Eltern nicht einverstanden sind, die grausame Quittung ist der Satz: »Und dafür haben wir überlebt . . .« Bei Philip Roth und Woody Allen kann man darüber lachen, im wirklichen Leben ist es die Hölle.

Erich Goldhagen aber hat über sein eigenes Überleben mit seinen Kindern nie gesprochen. Doch er hat sich mit seinem Sohn Daniel beständig über die generellen und detaillierten, die historischen Aspekte des Holocaust unterhalten. Könnte es sein, daß Daniel schon mit 12, 13 Jahren mehr über Adolf Eichmann und Heinrich Himmler wußte als über Tom Sawyer und Huckleberry Finn?

Daß er in einem Alter, in dem andere Jungen Baseball und Rugby spielen, mit seinem Vater darüber diskutierte, warum die Bahnlinien nach Auschwitz nicht bombardiert wurden? Könnte es sein, daß er keine andere Wahl hatte, als die Flucht nach vorn anzutreten, das Erbe und den Auftrag des Vaters zu übernehmen und das Buch zu schreiben, das die Holocaust-Forschung revolutionieren sollte?

Schon vor vielen Jahren, so hört man in Harvard, habe er damit geprahlt, er werde es demnächst allen zeigen. Welches Kind täte das nicht, wenn es endlich einmal aus dem Schatten des Vaters treten möchte?

Daniel Goldhagen ist nicht der einzige, der seine akademische Karriere einer historischen Katastrophe verdankt. Der Holocaust ist inzwischen zu einem Steinbruch geworden, aus dem sich Historiker, Filmemacher, Erzieher, Künstler, Journalisten, Ausstellungsmanager und andere Gewerbetreibende freihändig bedienen.

Wäre Daniel Goldhagen der Sohn eines texanischen Rinderzüchters und hätte er über den Holocaust promoviert, so wie andere über den amerikanischen Bürgerkrieg, wäre die Sache einfach. Aber er ist der Sohn eines jüdischen Intellektuellen, der wahrscheinlich ein deutscher Professor geworden wäre, hätte Hitler nicht interveniert.

»Wir waren die deutschen Kulturträger in Osteuropa«, sagt Erich Goldhagen, »für mich war der Umgang mit der deutschen Sprache so natürlich wie für die russischen Aristokraten zur Zarenzeit der Gebrauch des Französischen. Meine Mutter kannte Goethe und Schiller auswendig«, und er zitiert die ersten Sätze der »Glocke« in einem fehlerfreien, fließenden Deutsch.

Was für eine Genugtuung muß es für Erich Goldhagen sein, daß Daniel ein Buch geschrieben hat, welches in Deutschland Furore macht, deutsche Professoren und berühmte Publizisten zu Stellungnahmen zwingt.

Nein, es ist nicht »Germanbashing«, das hier veranstaltet wird, sondern der Versuch, nach 50 Jahren Abwesenheit Anschluß zu finden an eine Kultur, aus der die »deutschen Kulturträger« mit Gewalt in den Tod expediert wurden, ein paar Glückliche ins Exil.

Dieser Anschluß läßt sich nur herstellen über die Beschäftigung mit dem Holocaust - die Endstation der deutsch-jüdischen Geschichte, nun aber auch der Ausgangspunkt für gemeinsame akademische Unternehmungen: das einzige, was Deutsche und Juden existentiell verbindet.

Noch bevor die deutsche Ausgabe erschienen ist, wurde beinahe alles, was es über das Buch zu sagen gibt, gesagt. Wie kontraproduktiv die PR-Lawine war, hat Daniel Goldhagen inzwischen bemerkt und die Notbremse gezogen.

Seine Teilnahme an einer öffentlichen Diskussion im »Deutschen Haus« der New York University, die für vorletzten Dienstag angesagt war ("The Re-Emergence of National Character?"), sagte er kurz vorher ab: Eine solche Veranstaltung würde »major German media coverage« nach sich ziehen, und das sei das letzte, was er sich im Moment wünsche.

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