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»Ich bin unsichtbar geworden«

SPIEGEL-Redakteurin Marion Schreiber über die Frau um Vierzig
aus DER SPIEGEL 48/1984

Endlich über vierzig«, betitelt die österreichische Schriftstellerin Susanna Kubelka ihren Bestseller. »Der reifen Frau«, behauptet sie, »gehört die Welt.« Die amerikanische Zeitschrift »Harper''s Bazaar« frohlockt: »40 ist sagenhaft.« Und wenn »Denvers« sanfte Blonde Krystle und die frauliche Brünette Sue Ellen aus »Dallas« Kostspieliges in Leder, Pelz, Wolle und Seide auf den folgenden Seiten vorführen, ist es nicht schwer zu glauben, daß Frauen in diesem Alter »besser aussehen und sich besser fühlen als je zuvor«. Zum Beweis posiert »Denver«-Star Joan Collins halbnackt.

Auch Deutschlands Illustrierte finden an den unverwüstlichen Schönen Geschmack: Christine Kaufmann und Marika Kilius hingegossen auf dem Kanapee, die eine solo, die andere mit ihrem 17 Jahre jüngeren Freund. Karrierefrauen, wie die ZDF-Moderatorin Ulrike von Möllendorf oder die Mode-Designerin Jil Sander, wie die Schauspielerinnen Hanna Schygulla und Elke Sommer führen vor, daß Erfolg und dieses Alter nicht unbedingt häßlich machen.

Was hat Jutta Wegener nur falsch gemacht, daß sie diese Freude über die Vierzig nicht empfindet?

Es geht nun schon seit Wochen so: Vor dem Fernsehapparat fallen ihr die Augen zu, doch wenn sie dann im Bett liegt, ist sie wieder dieser Angst ausgeliefert. Starr und bewegungslos verfolgt sie, wie der Mann an ihrer Seite einnickt, zählt sie die Glockenschläge, hört sie das Zuschlagen der Autotüren auf der Straße - erst gegen Morgen schläft sie ein.

Auch tagsüber hält Angst sie umklammert. Routiniert zwar erledigt sie die seit Jahren eingeübten Handgriffe. Aber jeder Termin beim Arzt, jeder Elternabend, jeder Besuch überfordert sie.

Unvorstellbar erscheint ihr, wie sie vor Jahren das alles hatte schaffen können: halbtags Sekretärin, Mutter eines Kleinkindes, eine zweite Schwangerschaft und abends häufig unterwegs. Heute verspürt sie Herzstiche, bricht ihr der Schweiß aus, wenn sie unter Leuten ist.

Die inzwischen achtzehnjährige Tochter und der zwei Jahre jüngere Sohn sind ratlos und ungeduldig mit der Mutter. Sie sei neuerdings so zickig, manchmal sogar hysterisch, werfen sie ihr vor.

Der Ehemann berät sich mit Kollegen und kommt mit dem Vorschlag heim, sie solle doch einen Töpferkurs in der Volkshochschule besuchen. Valium schreibt ihr der Frauenarzt auf, der ihre »nervösen Störungen« als die ersten Anzeichen der Menopause diagnostiziert. Sollte sich ihr Zustand nicht bessern, wird er sie zum Nervenarzt überweisen.

Soweit kommt es nicht. Denn vorher stößt sie auf die Selbsthilfegruppe »Raupe und Schmetterling« für »Frauen in der Lebensmitte«.

Der Berliner »Tagesspiegel« hatte über die Initiative berichtet. In dem Gesprächskreis und der Photogruppe erfährt die 42jährige Jutta Wegener erstmals, daß sie nicht allein ist mit ihren lähmenden Gefühlen.

Mit wem auch hätte sie darüber reden können? Mit der Mutter? »Die fand, ich solle mich nicht so anstellen. Schließlich gehe es mir doch so gut.« Mit der Tochter? »Sie kam mir so selbständig vor, so ungebunden, ich habe mich nicht getraut.« Den Ehemann mochte sie erst recht nicht »belabern«. Eine Freundin hatte sie nicht.

Jetzt weiß Jutta Wegener, in welchen Kokon von Zwängen, Ängsten und Abhängigkeiten auch andere eingesponnen sind. Sie trifft berufstätige Frauen, verwitwete, geschiedene und ledige, die das Alleinsein nicht mehr aushielten. Und sie entdeckt, daß auch diese scheinbar so selbständigen Frauen unter Problemen leiden, die nur wenig mit dem zu tun haben, was sie bisher über die vielbeschriebene Midlife-Krise gehört und gelernt hat.

Da ist Christa mit dem sorgfältigen Make-up und der hochgetürmten Frisur. Sie hat es in den zwei Jahren ihrer Zugehörigkeit zu dieser Gruppe immerhin geschafft, über ihre Phobie zu sprechen, über ihre Angst, die Wohnung zu verlassen. Obwohl sie sich noch immer nicht allein auf die Straße traut, geht sie nun zweimal in der Woche mit einer Freundin schwimmen.

Die 48jährige Uschi, Mutter von drei Kindern und Frau eines Musikers, birst vor Vitalität. Als sie vierzig war, wollte sie Schluß machen. Ihr Mann gastierte im Ausland, als sie nach dem mißglückten Selbstmordversuch in die Klinik eingeliefert und mit einer Schlafkur und Spritzen ruhiggestellt wurde.

Danach glaubte sie, ohne Limbatril nicht mehr leben zu können. Das Beruhigungsmittel dämpfte und benebelte, regte aber auch ihre Eßlust an: Acht Brötchen zum Frühstück, »das war gar nichts, ich wurde rund wie ''ne Tonne«.

Eine Therapeutin brachte sie auf die Spur: »Ich war in der Ehe völlig unselbständig, ohne eigenen Willen.« Sie

erlebte ihre Midlife-Krise zugleich auch als Identitätskrise, wie viele andere Frauen.

Es ist die Zeit, in der lange verschüttete Konflikte aufbrechen. Und es ist für alle jene Frauen, die in der ersten Hälfte ihres Lebens von einer Abhängigkeit in die andere hinübergeglitten sind, endlich die Zeit des Erwachsenwerdens - mit allen Risiken und allen Chancen.

Das Risiko, an dieser Krise kaputtzugehen, ist groß. Denn es sind offensichtlich gefährliche Jahre: Die Statistiken über Ladendiebstähle und Selbstmorde schnellen hoch. 70 Prozent aller Suizide von Frauen werden von Lebensmüden über Vierzig begangen - Zeichen der Ausweglosigkeit und der Irritation.

Auch die Scheidungsrate steigt bei Frauen zwischen 40 und 44 noch einmal an. In demselben Alter, stellte kürzlich der Deutsche Ärztetag fest, beginnen Patientinnen abhängig von Medikamenten zu werden. Gemessen an den verschriebenen Arzneimitteln, vermutet der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Friedhelm Farthmann, dürfte es - statistisch gesehen - keine Frau über Vierzig geben, die nicht mindestens ein oder zwei Psychopharmaka oder Schmerzmittel schluckt.

Die Krise in der Lebensmitte erfaßt gerade jene Frauen, die bisher den gesellschaftlichen Erwartungen in besonders hohem Maße entsprachen: die Nur-Hausfrauen und Nur-Mütter.

Wenn die Kinder aus dem Haus gehen, stellen die Frauen auf einmal fest, daß sie am Ende ihrer Laufbahn angekommen sind. Weil sie sich ausschließlich um Mann und Kinder kümmerten, haben sie versäumt, einen eigenen Lebensplan zu entwerfen, ihre eigenen Interessen wachzuhalten.

Der halbwegs automatisierte Haushalt, die Vierzimmerwohnung oder das Reihenhaus absorbieren ihre Arbeitskraft nicht völlig. Langeweile kommt auf, das Gefühl, überflüssig, nichts mehr wert zu sein. Der Ehepartner, oft im besten Mannesalter und auf dem Höhepunkt seiner beruflichen Karriere, vermag die emotionale Leere nicht auszufüllen. Zu weit haben sie sich voneinander entfernt.

Aber auch berufstätige Frauen beginnen in diesem Alter zu bilanzieren. Für eine vierzigjährige Angestellte, Sekretärin oder Hotelkauffrau ist es absehbar, wie es von nun an weitergehen wird. Große Karrieresprünge, interessante Veränderungen sind kaum mehr zu erwarten. Und manch eine, die ihr Selbstbewußtsein und ihre Selbstsicherheit fast ausschließlich aus beruflichem Erfolg zieht, fragt sich erstmals, ob ihr Privatleben nicht zu kurz gekommen ist, ob sie auch die zweite Hälfte ihres Lebens ohne Kind und Familie verbringen will. Viele bekommen mit Vierzig, wie die Leiterin des Wuppertaler Tanztheaters Pina Bausch, ihr erstes Kind.

Die Krise in der Lebensmitte ist auch aus anderem Grund allgegenwärtig: Spätestens ab Vierzig beginnen jene Frauen gegen den Trend zu leben, für die bisher feststand, daß Jugend und Schönheit unauflöslich miteinander verbunden sind.

»Ich bin unsichtbar geworden«, klagt eine attraktive und gebildete Hamburgerin. Wenn sie ein Restaurant betritt, dreht sich niemand mehr nach ihr um. Das herrschende Schönheitsideal, dem sie so lange gehuldigt haben, wird für diese Frauen zur Bedrohung: Sie fühlen sich über Nacht als Muster ohne Wert.

Daß die Krise zugleich auch Chance ist, aus vorgefertigten Frauenrollen und tradierten Schönheitsklischees auszubrechen, das führt bislang nur eine Minderheit vor.

Frauen wie die Grundschullehrerin Anne Steffens, die sich vor vier Jahren von ihrem Mann trennte. Im vergangenen Sommer war sie mit einer Kollegin auf Rucksacktour in Griechenland. Mal kampierten sie am Strand, mal wohnten sie im Hotel. Das eine war möglich, weil die lästigen Papagalli die jüngeren Touristinnen umschwirrten, das andere war drin, weil sie ihr Gehalt auf dem Girokonto wußten. »So frei«, meint Anne Steffens, »habe ich mich früher nicht gefühlt.«

Wie »Alice im Wunderland« und so gut wie nie zuvor ergeht es nach eigenem Bekunden der 41jährigen grünen Bundestagsabgeordneten Antje Vollmer. Sie allerdings hat sich nie den gesellschaftlichen Ansprüchen unterworfen: Sie studierte Theologie gegen den Willen der Eltern, engagierte sich in der Berliner Apo-Bewegung, bekam als unverheiratete Pastorin mit 36 Jahren ein Wunschkind, zum Entsetzen der Kirchen-Oberen. Auch dem politischen Karrieretrip verweigert sie sich, im nächsten Jahr wird sie rotieren, um wieder mehr Zeit für sich und ihren Sohn zu haben.

Die ehemalige sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Brigitte Erler hatte schon als Schülerin für die hungernden Kinder in Indien gesammelt, sich als Parlamentarierin und Beamtin für die Dritte Welt engagiert. Im vergangenen Jahr schmiß die 41jährige ihren sicheren Job im Entwicklungshilfeministerium hin. Bei einer Reise nach Bangladesch sei ihr »die Illusion weggeschlagen« worden, daß Entwicklungspolitik tatsächlich Hilfe für die Bevölkerung bedeute.

Sie fragte sich: »Kann ich das noch zwanzig Jahre mit diesem Wissen und dieser Einsicht weitermachen?« Jetzt ist sie arbeitslos und sucht nach neuen Aufgaben.

Die Frauenjahre um die Vierzig: Das sind Jahre der Revision, des Aufbruchs oder des Wechsels. Frauen fragen sich: Soll das alles gewesen sein? Doch Veränderungen und Verunsicherung in diesem Alter werden noch immer, wie es seit Großmutters Zeiten üblich ist, von Medizinern auf die bevorstehenden Wechseljahre zurückgeführt. Tranquilizer oder Östrogen-Präparate werden verordnet.

Aber die Krise der Frau in der Lebensmitte ist kein medizinisches Problem. Sie

ist auch anders als die vielbeschriebene Midlife-Krise des Mannes.

Die Frauen erreichen die Lebensmitte mit einer ganz anderen psychologischen Geschichte als die Männer. Sie sind in dieser Periode nicht nur »einer anderen sozialen Realität mit anderen Möglichkeiten für Lieben und Arbeit konfrontiert, sondern sie denken die Dinge aufgrund ihres Wissens über menschliche Beziehungen auch anders«, sagt die amerikanische Psychologin Carol Gilligan.

Es waren Psychologinnen, Therapeutinnen, Ärztinnen und Feministinnen, die in den vergangenen Jahren die gesellschaftlichen Ursachen für die Konflikte der Frau um die Vierzig aufdeckten. Die Deklassierung zum »unsichtbaren Geschlecht« mochten sie sich nicht länger gefallen lassen. Sie durchbrachen die »Konspiration des Schweigens« (so die englische Publizistin Beatrice Musgrave), an der sich bis dahin auch die Betroffenen selbst beteiligt hatten.

Wer mochte sich schon zu einer Altersgruppe bekennen, deren Ansehen so niedrig war? Die amerikanische Psychologie-Professorin Carol Nowack hat bei einer Befragung festgestellt, daß die Frauen in den mittleren Jahren auch von ihren Geschlechtsgenossinnen am negativsten eingestuft werden. Gleichaltrige Männer hingegen besitzen in diesen Lebensjahren die größte Attraktivität.

Wissenschaftlerinnen untergraben nun das Expertenmonopol von Gynäkologen und Freudianern. Sie schreiben an gegen langlebige Vorurteile, wie Sigmund Freuds Behauptung, daß schon die Frau mit 30 am Ende ihrer psychischen Entwicklung, somit von »psychischer Starrheit und Unveränderlichkeit« gekennzeichnet sei. Ein Urteil, das bis in die siebziger Jahre hinein von Medizinern und Psychologen immer wieder aufs neue variiert wurde.

»Ihre Eierstöcke überlebt zu haben, bedeutet vielleicht wirklich«, schrieb 1972 der amerikanische Sex-Spezialist David Reuben über die alternden Frauen, »daß sie ihre Nützlichkeit als menschliches Wesen überlebt haben. Die restlichen Jahre sind für sie vielleicht nur ein Auf-der-Stelle-Treten, bis sie ihren Drüsen in die Vergessenheit nachfolgen.«

Gegen solche Verdikte setzen sich Schriftstellerinnen, Frauengruppen, Ärztinnen heute zur Wehr. Feministinnen versuchen ihren Leidensgenossinnen Mut zu machen, indem sie die gesellschaftlichen Ursachen der Frauenkrise bloßlegen.

»Offensiv altern«, lautet der Kampfruf, mit dem die Berliner Buchautorin Doritt Cadura-Saf die Frauen über Vierzig aus dem gesellschaftlichen Abseits herausholen will - in das vor allem jene geraten sind, die sich jahrzehntelang nur um Mann und Kinder gekümmert haben: »Wir älteren Frauen, die wir uns gegen die Wertvorstellungen einer Gesellschaft wenden, die uns betrogen hat, werden ein revolutionäres Potential sein - wenn es uns gelingt, unseren Töchtern die Wahrheit über unser Leben und den Betrug an uns glaubhaft zu vermitteln.«

Die kämpferischen Töne sind neu. Wie sehr sich das Bewußtsein der betroffenen Frauen in den letzten Jahren geändert hat, beschreibt die Amerikanerin Lillian B. Rubin ("Women of a Certain Age"). Als sie 1962 mit 38 Jahren in die Midlife-Krise geriet, »litt ich still vor mich hin, ich dachte, ich wäre ganz alleine«. Und als sie, zum zweiten Mal verheiratet und Mutter einer 15jährigen Tochter, sich mit 39 entschloß, das College zu besuchen, war sie damals die einzige Frau dieses Alters, die noch einmal die Schulbank drückte. Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Erst die Frauenbewegung vermittelte ihr die Sicherheit, daß sie nichts Schlechtes tat.

Wie ihre Töchter, gerieten auch die Mütter der heute 40jährigen in diesem Alter aus dem Gleichgewicht. Den Absturz in die emotionale Leere wußten sie oft nur zu verhindern, indem sie sich an ihre Töchter klammerten, auf sie ihre unerfüllten Wünsche projizierten. Ein Grund auch für die Mutter-Tochter-Problematik, die eine ganze Frauengeneration heute beschäftigt.

Schon 1961 war die Bonner Psychologin Ursula Lehr in ihrer Studie »Veränderungen der Daseinsthematik der Frau im Erwachsenenalter« auf die Symptome der »Midlife-crisis« gestoßen, ohne daß damals dieser Begriff schon geläufig war. Die Ergebnisse der Untersuchung, in der

120 Frauen aller Altersstufen befragt wurden, beschreiben exakt die Krise.

So sahen die 40- bis 49jährigen Frauen, verglichen mit allen anderen Altersgruppen, »besonders pessimistisch« in die Zukunft. Sie hielten an ihren einmal übernommenen Aufgaben fest, kümmerten sich um die aus dem Haus strebenden Kinder oder versorgten die pflegebedürftigen Eltern. Einerseits klagten sie, weil sie sich überfordert fühlten, andererseits aber erblickten sie in diesen Aufgaben »oft so etwas wie einen letzten ''Sinn des Lebens''« (Ursula Lehr).

Nur auf den ersten Blick paradox scheint, daß die Frauen über Vierzig heftiger als die über 50jährigen der Gedanke ans Älterwerden und Sterben ängstigte. Viel mehr als die älteren und jüngeren Frauen fürchteten sie den Verlust ihrer Kinder. Vor allem die unentschiedene Situation, so folgerte Ursula Lehr, scheint Angst zu erzeugen, die Krise zu verstärken.

Das gilt auch heute noch. Die Göttinger Sozialwissenschaftlerin Heidi Rosenbaum, die in dem Buch »Formen der Familie« die Familienverhältnisse im sozialen Wandel untersuchte, sieht einen Grund für die Krise in der Lebensmitte darin, daß viele Frauen diesen zweiten Teil ihres Lebens meist ohne Kinder, ohne Aussicht auf einen Beruf und mit einer immensen »Kommunikationsleere« verbringen müssen.

»Was machst du eigentlich den ganzen Tag?«, fragt abends der gestreßte Ehemann. Auf Verständnis dürfen Frauen, die in diese gesellschaftliche Falle tappten, selbst bei jenen Politikern nicht hoffen, die sonst das Hohelied der aufopfernden Mütter zu singen pflegen. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht nennt die Wiedereingliederung dieser Hausfrauen und Mütter ins Berufsleben »Recycling« - den Abfall für die Gesellschaft verwertbar machen.

Die negative Einstellung zur Frau in der Lebensmitte ist offensichtlich, so stellte die amerikanische Anthropologin Judith Brown fest, eine Spezialität der westlichen Zivilisation.

In Indien etwa wächst den Frauen in diesem Alter ein höherer Status, mehr Autorität und Freiheit zu. Und bei den Kung-Buschleuten in Afrika wie bei den Eskimos in Alaska gilt: Die Frau um die Vierzig hat eine gesicherte Position im gesellschaftlichen Gefüge der Sippe und des Stammes. Denn sie ist verantwortlich für die Ernährung der Familie und für die Auswahl der Schwiegertöchter.

Im Unterschied zu ihren gleichaltrigen Schwestern in anderen Kulturen, sagt Judith Brown, sei es den westlichen Frauen nicht gelungen, die Hausfrauenrolle zu einer Machtbasis auszubauen: »Wenn man bei uns nichts von Mama zu essen kriegt, geht man eben zu Mc-Donald''s.« Der Entzug der gesellschaftlichen Anerkennung, so die englische Psychiaterin Ann Dally, sei »einer der wichtigsten Gründe für die psychischen Schwierigkeiten und Depressionen der Frau in den mittleren Jahren«.

Unter dem »empty nest«-Syndrom scheinen vor allem jene zu leiden, die besonders heftig die traditionelle Mutterrolle verinnerlicht haben. Je intensiver Frauen sich ihren Kindern widmen, desto schwieriger die Ablösung. In Amerika, so haben Untersuchungen ergeben, quälen sich jüdische und presbyterianische Frauen am meisten, wenn ihre Töchter oder Söhne aus dem Haus gehen. In beiden Religionsgruppen steht die Familie in der Wertskala obenan.

Doch auch intellektuellen Frauen macht der drohende Verlust ihrer Kinder zu schaffen. Im Kursbuch »Mütter« reflektiert die Soziologin Sylvia Kade, was es für sie bedeutet, wenn sie demnächst ihren halbwüchsigen Sohn an andere verliert: »Einmal mehr wird mir klar, daß ich meinem Sohn weder die Angst abnehmen noch zum Kumpel in der Zukunft werden kann, die schon ohne mich begonnen hat.«

»Wie aber«, fragt sie, »helfe ich mir selbst weiter? Wie kann ich die Selbstausschaltung aufhalten, das Resignieren der Wünsche und Ansprüche, die Selbstverdrängung vom Tanzparkett und den Rückzug in die intimen Gelage mit guten Weinen ...?«

Die Kinder stillen nicht nur das mütterliche Bedürfnis nach Nähe und Wärme, sie garantieren auch ein gewisses Maß an Außenbeziehungen und Kontakten. Elternversammlungen, Zufallsgespräche über den Kindergarten oder den neuen Klassenlehrer, Fahrgemeinschaften, Klassenfeste und Schulausflüge, das alles fällt weg, wenn die Herangewachsenen das Haus verlassen.

Vielen Frauen bleibt das Gefühl der Isolation. Und, genauso schlimm, die Erkenntnis, daß mit dem Weggang der Kinder auch das Gespräch zwischen den Eltern erstirbt. Denn Erziehungs- und Schulprobleme sind oftmals die einzigen Themen zwischen Eheleuten, die sich seit langem nichts mehr zu sagen haben.

Parallel zu dem Verlust an Lebenssinn entdeckt die Frau um die Vierzig an sich die nicht mehr zu leugnenden Anzeichen des Älterwerdens. »In diesen Jahren«, resümiert die Gastwirtin Charlotte Pieper, 43, »kommt auf der Minus-Seite eine Menge zusammen.«

Graue Haare lassen sich nicht mehr wegzupfen, Falten sind nicht mehr zu übersehen. Auf dem Markt oder in der Straßenbahn heißt es nun nicht mehr »junge Frau«, schon gar nicht »Frollein«, sondern »Madame«. Die junge Studentin, die freundschaftlich geduzt wird, erwidert mit einem höflichen Sie.

Alltagserfahrungen Vierzigjähriger, die lernen müssen, sich damit abzufinden, daß sie nun zu »den Älteren« gehören.

Das eigene Alter anzuerkennen fällt um so schwerer, je stärker sich eine Frau mit ihren äußeren Vorzügen identifiziert, je ausschließlicher ihr Selbstbewußtsein von einer knackigen Figur und einem ebenmäßigen Gesicht zehrt. Genau wie jene Mütter und Hausfrauen, die plötzlich entdecken müssen, daß sie ohne Familie nichts sind, bricht auch für die welkenden Schönheiten eine Welt zusammen, wenn sie »unsichtbar« werden.

Denn schön sind in unserer Gesellschaft vor allem die Jungen.

Ab Dreißig, so bleut die Kosmetik-Industrie den Frauen ein, müssen sie sich ihre Schönheit kaufen. Ab Dreißig verliert das Bindegewebe seine Elastizität

und »der Busen wird schlaffer«, warnt die Firma Omnicur. Und die Konkurrenten der Firma Jade mahnen: »Warten Sie nicht auf Ihre ersten Fältchen.«

»Für Haare über 40« offeriert der amerikanische Kosmetik-Konzern Johnson & Johnson neuerdings »Affinity Shampoo«. Affinity, Anziehungskraft, so das Kalkül der Werbestrategen, das ist es, wonach diese Frauen sich sehnen.

In den Anzeigen der Hausfrauenzeitschriften »Frau im Spiegel« oder »Bild der Frau« werden den Leserinnen seitenlang Wunderdrogen und -kuren offeriert, die sie schlanker, straffer, jünger und schöner machen. Deutschlands Wunderdoktor Manfred Köhnlechner empfiehlt Übergewichtigen eine »Diät für Frauen um 40«.

Schönheitsfarmen inserieren - Müttergenesungsheime für die höheren Stände. Allein in der »Beauty-Farm« des Schickeria-Hotels Bachmair am Tegernsee absolvieren sechs Tage lang 60 Frauen brav ein Kosmetik- und Fitneßprogramm, das sie mindestens 2000 Mark kostet.

Die Angebote der Privatkliniken für plastische Chirurgie lesen sich wie Dr. Sados Erzählungen und scheinen dennoch nicht zu schrecken. Da lassen sich die Frauen einreden, sie müßten ihre Gesichter oder Busen liften, Hängebäuche wegoperieren, Falten unterspritzen oder Fett absaugen lassen. »Es ist heller Wahn«, so eine Gynäkologin, »zu welchen Körperverletzungen Frauen bereit sind, um einem Schönheitsideal zu entsprechen.«

Und es wird viel Geld damit verdient. Die ambulante Korrektur des Augenoberlides kostet etwa 1200 Mark. Eine Bruststraffung - inklusive vier Tage Klinikaufenthalt und Narkose - rund 5500 Mark. Das Facelifting, bei dem die Wangen- und Kinnhaut abgelöst und um drei Zentimeter verkürzt wird, ist etwa genauso teuer.

»Ein Mann darf Falten haben. Eine Frau nicht.« Dieser Werbespruch für die Hautcreme »Endocil« trifft das Problem exakt: Ein Mann darf älter werden, eine Frau nicht.

Wie sehr selbst aufgeklärte Frauen das eingeschliffene Rollenspiel verinnerlicht haben, nach dem Körper und Aussehen der Frau wichtige Hilfsmittel sind, einen Mann und/oder einen sozialen Status zu ergattern, wurde der Architektin Gisela Kohlhammer bei einem Klassentreffen, 20 Jahre nach dem Abitur, bewußt.

Zum allgemeinen Erstaunen hatte ausgerechnet die unscheinbarste und unattraktivste Mitschülerin den »dicksten Fisch geangelt« und hielt ihn, wider die Regel, noch immer an der Leine. Ausgiebig rätselten einige Klassenkameradinnen, wie sie das wohl angestellt habe. Da wurde Gisela Kohlhammer schlagartig bewußt, »wie sehr wir an dem Vorurteil mitstricken, daß nur eine schöne Frau einen erfolgreichen Mann verdient«.

Viel stärker als Männer sind Frauen fürs eigene Selbstgefühl auf Resonanz beim anderen Geschlecht angewiesen. Sie spiegeln sich im Wohlgefallen ihres männlichen Publikums. Und wie Schulmädchen richten sich noch gestandene Frauen nach Vorlieben ihres Mannes.

»Wenn ich mit abgeschnittenen Haaren nach Hause komme«, erklärt die Enddreißigerin der Friseuse, »dann knallt mir mein Mann die Scheidung auf den Tisch.« Sie bleibt bei ihrem biederen Knoten, obwohl sie lieber eine »praktischere und flottere Frisur« hätte.

»Ein Hosenanzug«, zögert die Dame aus Düsseldorf, die sich nach einer kalorienarmen Woche in der Schönheitsfarm mit einem Boutique-Bummel in Rottach-Egern belohnt, »wäre ja ganz schick. Aber mein Mann mag mich lieber im Rock.«

Diese Abhängigkeit von der Resonanz beim anderen Geschlecht hat, so glaubt die Frankfurter Psychoanalytikerin Marina Gambaroff, vor allem damit zu tun, daß »Frauen kein autonomes Körpergefühl besitzen«. Nicht nur Sexbomben erleiden in diesem Alter ihren Karrierebruch. Die Frauen schlechthin, schreibt in der Zeitschrift »Cosmopolitan« der 55jährige Journalist Benno Kroll - er muß sich offenbar weder seines Alters noch seiner Dickleibigkeit oder seines Glatzkopfes genieren -, verlieren »im Verständnis des Mannes ihre Funktion«, wenn ihre »Reize welken« und ihre »Fruchtbarkeit stirbt«.

Vom französischen Modemacher Andre Courreges ist das Bonmot überliefert, jede Frau über Vierzig solle sich erschießen.

Geliebt und verehrt, glaubt Marina Gambaroff, werden Frauen »vor allem als Sexkätzchen oder Mütter«. Liebe und Zuwendung als Lohn für körperliche Attraktivität oder mütterliche Fürsorge. Und nicht wenige Frauen scheinen das zu akzeptieren.

Frauen, so hat die amerikanische Psychologin Carol Gilligan in ihrem Buch »Die andere Stimme« nachgewiesen, ticken anders als die Männer. Ihr Selbstwertgefühl hat mit der Fähigkeit zu tun, Bindungen und Beziehungen herzustellen und zu erhalten.

Das beginnt schon im Kindesalter beim Spielen. Jungen bevorzugen kämpferische _(Liften der Augenlider in der ) _(Universitätsklinik rechts der Isar in ) _(München. )

und konkurrenzorientierte Spiele und verwenden viel Zeit darauf, die Regeln aufzustellen und zu debattieren. Sie tragen ihre Streitereien aus. Mädchen hingegen meiden schon in diesem Alter Konflikte. Ehe es brenzlig wird, gehen sie lieber fort und ordnen damit »die Fortsetzung des Spiels der Fortsetzung der Beziehungen unter«.

Dieser Vorrang, den Bindungen und Beziehungen für Frauen haben, führt letztlich dazu, daß Frauengeschichten immer auch Liebesgeschichten sind.

Dem Freund zuliebe geben sie Karrieren auf, brechen ihr Studium ab, verzichten auf eine Ausbildung. »Das weibliche Wesen«, erfuhr die italienische Journalistin Vanna Vannuccini, als sie für ihr Buch »Quarant'' anni in faccia« ("Vierzig Jahre im Gesicht") die unterschiedlichsten Frauen interviewte, »zentriert unvergleichlich viel stärker als die männliche Biographie um die Liebe«.

In ihrer Untersuchung über »Konflikte und Lebensalter« bestätigen die Psychologen Ursula Lehr und Hans Thomae diese These. Sie kommen zu dem Ergebnis, daß für die Männer in fast allen Altersstufen die Berufstätigkeit im Vordergrund steht, während für die Frauen das Verhältnis zum Partner Priorität hat.

Selbst wenn die Frau erfolgreich im Beruf ist, die Angst vor Bindungslosigkeit und Alleinsein verläßt sie nicht.

Die Beobachtung, daß selbst emanzipierte Karrierefrauen zum Rückzug neigen, wenn sie vorwärts gehen können, veranlaßte die Amerikanerin Colette Dowling, ihre Theorie vom »Cinderella-Komplex« zu entwickeln: Die Jungen lernen früh, daß sie selbst für sich sorgen, daß sie sich selbst retten müssen. Doch noch als Erwachsene warten die Spielgefährtinnen von einst »wie Aschenputtel auf die Erlösung durch den Mann«. Das Bedürfnis, sich auf jemand zu stützen, der sie vor Schaden bewahrt, hindere sogar eine aufgeklärte Akademikerin, sich der »Furcht vor der Unabhängigkeit zu stellen und sie zu überwinden«.

Eleanor Coppola, die Frau des Hollywood-Regisseurs Francis Coppola, hat in einem Tagebuch die Dreharbeiten zu dem Film »Apocalypse Now« ihres Mannes begleitet und dabei, ohne es zu wissen, die Dramaturgie ihrer Midlife-Krise mitgeliefert. Geradezu modellhaft führt sie vor, wie stark auch sie von dem Cinderella-Komplex beherrscht war.

Am 4. Mai 1976, ihrem 40. Geburtstag, notiert sie: »Im Grund fühle ich mich ausgeglichener, aktiver, selbstsicherer, als ich es meiner Erinnerung nach in beinahe jeder früheren Phase gewesen bin. Meine Kinder sind prachtvoll, ich liebe meinen Mann, mir geht es gut.«

Einige Monate später gibt es Eintrübungen. Sie sucht die Gründe bei sich, macht sich sogar Vorwürfe, daß sie sich immer wieder durch ihre eigenen Interessen ablenken lasse, und sei es nur beim Anschauen von Zeichentrickfilmen oder Skulpturen. »Warum tue ich das hier?« fragt sie. »Ich sollte mich auf die Kinder und Francis konzentrieren, sie sind wichtiger als meine Projekte.«

Als sie endlich den tatsächlichen Grund für ihr lang verspürtes Unbehagen erfährt - ihr Mann eröffnet ihr, daß er eine andere Frau liebt -, ist sie »blind vor Wut«. Doch der »harte Tritt in den Bauch«, von dem sich viele Frauen nicht wieder erholen, rüttelt sie wach. Sie erkennt, daß sie wie »eine Schlafwandlerin« gelebt hat: _____« Ich begriff, daß ich immer nur gewartet habe. Darauf » _____« gewartet, daß ich alt genug war, den Führerschein zu » _____« machen, darauf gewartet, von zu Hause fort aufs College » _____« zu kommen, darauf gewartet, die Jungfräulichkeit zu » _____« verlieren, mit dem College fertig zu werden, einen Job zu » _____« finden, zu heiraten, ein Baby zu bekommen; darauf » _____« gewartet, daß Francis eine Chance erhält, Regie zu » _____« führen, daß sein Film fertig wird, daß der nächste fertig » _____« wird, darauf gewartet, an den Drehort zu reisen, darauf » _____« gewartet, wieder daheim zu sein, auf den Rohschnitt » _____« gewartet, auf den Feinschnitt gewartet. Auf den » _____« Schulanfang der Kinder gewartet. In den letzten Jahren » _____« lief alles komprimierter ab, aber im Grunde blieb es das » _____« gleiche. Auf den Philippinen wartete ich auf einen » _____« Lichtwechsel, wartete auf die Lunchpause, wartete auf die » _____« Post. »

Ähnlich erging es Gerlinde Schilcher, die unter dem Pseudonym Judith Jannberg in dem Buch »Ich bin ich« mit ihrer Ehe abrechnet. Als ihr Mann, ein Abgeordneter der Österreichischen Volkspartei, sie zum ersten Mal einer Konkurrentin wegen verläßt, hat sie das Gefühl: »Die Sonne hat sich entfernt, du bist unsichtbar geworden.«

Sie erinnert sich an die Zeit, als sie sich kennenlernten - sie ein ehemaliges Heimkind, er der behütete Bürgersohn. Damals war sie ihm an Aktivität und Kreativität weit überlegen. »Aber dann habe ich geheiratet und bin in einem unheimlich schleichenden Prozeß die Frau von ... geworden, das Zubehör von ...«

Die Österreicherin Gerlinde Schilcher und die Amerikanerin Eleanor Coppola haben, so unterschiedlich ihre Biographien auch verlaufen sind, in derselben Situation dasselbe erkannt: wie sehr ihre Fürsorge für andere, die ausschließliche Orientierung auf den Mann und die Familie, ihre eigene Entwicklung behinderten.

»Das Unvermögen der Frau, sich abzulösen«, und ihr dominierender Wunsch, in persönliche Beziehungen eingebettet zu sein, so Carol Gilligan, wird »per definitionem zu einem Unvermögen, sich zu entwickeln«.

Da die Frauen um die Vierzig »auf sich zurückgeworfen sind wie nie zuvor« (so die Psychiaterin Ann Dally) - die Kinder werden selbständig, der Mann geht seinen Interessen nach, ihre Attraktivität schwindet -, werden jetzt Persönlichkeitsprobleme und Störungen sichtbar, die jahrelang verborgen blieben. Viele Frauen erleben diese Phase als ihre schwerste Identitätskrise.

Es ist die letzte Phase des Erwachsenwerdens. Konflikte, die in der Pubertät nicht gelöst und jahrelang überdeckt wurden durch Ausbildung, erste Berufserfahrungen, Ehe, Kinderkriegen und Kindererziehung, brechen vehement aus. Die versäumte Ablösung von den Eltern, die mangelnde Selbstbehauptung gegenüber einer bestimmenden, besitzergreifenden Mutter - das sind Probleme, die diese scheinbar so erwachsenen Frauen auf einmal quälen. Hinzu kommen die aktuellen Verlustängste - die Furcht, die Kinder, den Mann, die eigene Anziehungskraft zu verlieren.

Oft äußern sich die seelischen Konflikte als Herzbeschwerden, Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit oder Kreislaufstörungen. Bei Medizinern werden diese körperlichen Signale inzwischen unter dem Sammelbegriff »Hausfrauen-Syndrom« geführt.

Doch nicht nur Hausfrauen leiden unter diesen Symptomen. Seit einem halben Jahr laboriert die 43jährige Maria Rösser - sie ist halbtags bei einer Bank beschäftigt - an einer nicht ausgeheilten Bronchitis. Sie klagt über Kopf- und Rückenschmerzen, verspürt manchmal Herzstiche, kann nicht schlafen.

Die sonst so lebenslustige und aktive Frau mag abends nicht mehr weggehen. Es strengt sie zu sehr an. Ein Kind, das steht nun endgültig fest, wird sie nicht mehr haben können. Ihr Mann, ein Jurist, wird von seiner Arbeit und seinen Interessen absorbiert. Der Internist, zu dem sie sich schon gar nicht mehr hintraut, kann die Ursachen für ihre Malaisen nicht feststellen. »Er glaubt, ich bilde mir das nur ein.«

Frauen werden krank, wenn sie um die Vierzig herum erkennen müssen, daß sich »ihre ohnehin begrenzten Möglichkeiten zur Befriedigung ihrer sexuellen, emotionalen und intellektuellen Bedürfnisse noch weiter reduzieren« (die amerikanische Feministin Phyllis Chesler). Häufig sind Phobien und Depressionen Ausdruck ihrer verzweifelten Situation. Und zwar lange bevor die hormonellen Veränderungen des Wechsels, der meist erst Anfang Fünfzig eintritt, als Standarderklärung herangezogen werden können.

Das Leben der phobischen Frauen verläuft in immer enger werdenden Kreisen. Sie vermeiden Fahrstühle, Tunnels, Autofahren, fremde Menschen.

Bei Sigrid Schenk _(Name von der Redaktion geändert. )

begann die unerklärliche Angst vor allem Unbekannten und Neuen nach der Rückkehr aus Japan. In Tokio hatte sie, verheiratet mit einem Lobbyisten, am Leben ihres Mannes partizipiert. Sie war auf Cocktailempfängen

an seiner Seite, glänzte als Gastgeberin, organisierte Teeparties, nahm intensiv Anteil an den Aktivitäten der Deutschen Schule.

In die Bundesrepublik zurückgekehrt, stellte sie auf einmal fest, daß niemand sie mehr brauchte. Ihre Passivität steigerte sich so sehr, daß sie schließlich kaum noch das Bett verließ.

Daß vor allem Frauen an Phobien und Depressionen leiden, erklären die feministischen Psychotherapeutinnen Luise Eichenbaum und Susie Orbach aus dem weiblichen Unvermögen, mit der Wut umzugehen. Weil sie nie gelernt haben, ihre aggressiven Gefühle gegenüber anderen auszudrücken, neigen sie dazu, ihre Wut gegen sich selbst zu richten.

Dieselben Beobachtungen macht Angelika Mundt von der Selbsthilfegruppe »Raupe und Schmetterling": »Sie haben eine Tendenz zur Selbstzerstörung.«

Hilfe können diese Frauen von den Ärzten nur selten erwarten. »Machen Sie sich doch mal einen schönen Tag; gehen Sie mit einer Freundin Kaffee trinken«, so der Rat eines ratlosen Neurologen. Dieser Tip ist freilich immer noch besser, als wenn er, wie es viele seiner Kollegen tun, Beruhigungsmittel verschreiben würde.

Die gerade bei Frauen dieses Alters verbreitete Medikamentensucht haben die Ärzte oft selber zu verantworten. Mit ihrer Verschreibungspraxis eröffnen sie den Patientinnen erst diesen Fluchtweg in eine neue Abhängigkeit.

Nicht weniger fatal ist ein anderes Mittel der Mediziner gegen die Beschwerden der Frauen über Vierzig: die Entfernung der Gebärmutter.

Die Hysterektomie wird von Gynäkologen gern als vorbeugende Maßnahme gegen Unterleibskrebs oder auch nur zur Sterilisation empfohlen. In Amerika steht diese Operation bereits an der Spitze aller chirurgischen Eingriffe. Einen vergleichbaren Anstieg von Erkrankungen aber gibt es nicht.

Dabei ist der Eingriff keinesfalls komplikationslos. Das Risiko eines Herzinfarktes verdreifacht sich, die Wechseljahre werden um zwei bis fünf Jahre vorverlegt. Und häufig sind psychische Veränderungen, Depressionen die Folge einer solchen Operation - die Mediziner verschärfen nur die Krise.

Roswitha Wetzel hatte schon drei Kinder und war »rundum zufrieden«, als ihr der Gynäkologe zur Hysterektomie riet. Er hatte gutartige Myome an der Gebärmutterwand entdeckt und schockte die Frau mit dem besorgten Ausspruch, »vielleicht könnte sich ja etwas Bösartiges entwickeln«.

Ein viertes Kind, da waren sich die Wetzels einig, wollten sie nicht. Und so entschieden sie sich für die angebliche Krebsvorsorge. »Drei Monate nach der Operation war ich für niemanden ansprechbar«, erzählt die 41jährige, »ich bin in einen Abgrund gefallen.« Sie hatte das Gefühl, sich auf eine Kastration eingelassen zu haben.

Aber die Zahl jener Frauen wächst, die sich mit dem Unverständnis der Mediziner für die weibliche Entwicklung und Psyche nicht mehr einfach abfinden. Sie entdecken, wie die Studienrätin Heide Bußmann, wenn sie krank werden, daß der Körper ihnen »über die Krankheit Signale schickt«. Sie horchen in sich hinein, fragen, was willst du denn, anstatt sich an wohlfeile Ratschläge zu halten.

Eine Eileiter-Schwangerschaft und eine womöglich gar nicht notwendige Entfernung der Gebärmutter, zu der die 40jährige sich von ihrem Arzt hatte überreden lassen, verstärkten ihren »Leidensdruck« so sehr, daß sie endlich etwas tat. Sie ging zum Psychotherapeuten. »Seelenquatsch«, kommentierte der Ehemann, von dem sie sich inzwischen getrennt hat.

Spätestens um die Vierzig müssen für jene, die sich bislang widerspruchslos fremden Ansprüchen unterwarfen, die Jahre des Ungehorsams beginnen. Sie müssen sich aus den gesellschaftlichen Zwängen und Normen befreien, um die Krise in der Lebensmitte als einen »produktiven Zustand« erleben, eine eigene Identität entwickeln zu können.

Das ist das Ende der Abhängigkeit.

Der Versuch, sich zu lösen, kann sich an Nebensächlichkeiten festmachen. Zum Beispiel, wenn die Berlinerin Uschi von »Raupe und Schmetterling« nicht mehr täglich für ihre Familie kocht und damit mehr Zeit für sich gewinnt. Oder wenn die Stuttgarter Arbeiterin Rosel Schmitt sich weigert, in ihrer Freizeit den kleinen Sohn ihrer berufstätigen Tochter zu hüten: »Die erste Hälfte meines Lebens war nur schaffen, schaffen, schaffen. Jetzt bin ich mal dran.«

Der Schnitt kann aber auch radikal sein. Die Journalistin Leonie Lambert verweigerte sich völlig, »machte« sich arbeitslos und erkannte: »Was an mir geliebt wurde, war nur mein Erfolg.« Die Midlife-Krise als Identitätskrise: »Vielleicht bin ich nur erwachsen geworden«, schreibt sie, »dritte Zähne sozusagen.«

Frauen, die versuchen, auch die zweite Hälfte ihres Lebens nach dem alten Rollenmuster weiter zu leben, können leicht zerbrechen - wie die Hausfrau Hannelore U., die, als auch ihr Mann sie wegen einer Jüngeren verließ, sich mit 45 Jahren das Leben nahm. Oder sie verzweifeln, wie die Kundinnen der Schönheitsfarmen

und Kosmetik-Salons bei ihrem vergeblichen Bemühen, ihre Jugendlichkeit zu konservieren.

Für Frankreichs Schönheitsidol Brigitte Bardot gehörte der Imagewechsel um die Vierzig zur Überlebensstrategie. »Da ich keine Lust habe zum Sterben«, sagte sie kürzlich in einem Fernsehinterview, »muß ich mich abfinden mit dem Altern.« Heute zeigt sie sich dem Publikum nur noch als engagierte Tierschützerin. Strandspaziergänge mit ihren Hunden vermeidet sie tagsüber, um die »scheußliche Darbietung von bonbonrosa Fleisch« nicht sehen zu müssen.

Mit Vierzig kommt die Einsicht, so wie bisher nicht weiterleben zu können, nicht zu spät. Noch haben die Frauen fast die Hälfte ihres Lebens vor sich. Ihre Vorfahrinnen aus den Bauern- und Handwerkerfamilien zu Anfang des Jahrhunderts wurden, zermürbt von den vielen Schwangerschaften, durchschnittlich nur 48 Jahre alt.

Heute haben sie Möglichkeiten und Alternativen, die sich ihren Großmüttern nicht boten. Um die Vierzig herum wurde Monika Wulf-Mathies zur Vorsitzenden einer der größten Gewerkschaftsorganisationen gewählt, die Bildungspolitikerin Helga Schuchardt stieg zur Kultursenatorin in Hamburg auf.

Noch sind so spektakuläre Karrieren die Ausnahme. Doch auch die alltäglicheren weiblichen Lebensentwürfe sind heute bunter und interessanter. Ob nun die Sachbearbeiterin mit einem Jurastudium beginnt oder die Hausfrau in einer Friedensinitiative aktiv wird, eines ist gewiß: Die Matrone ist tot.

Dank des medizinischen Fortschritts haben erstmals Frauen um die Vierzig die Chance, sich noch für ein erstes Kind zu entscheiden. Denn die typischen Risiken der Spätgebärenden können durch Vorsorge gemindert werden.

Und die Frauen sind nicht mehr unbedingt darauf angewiesen, zum Kind auch den Vater vorzuzeigen. Die Diskriminierung lediger Mütter hält sich in Grenzen. Eine privilegierte Minderheit gutverdienender Frauen ist nicht einmal auf das weitere finanzielle Engagement des Erzeugers angewiesen.

Die unverheiratete Oberärztin Brigitte Greve zählt zu der wachsenden Zahl von späten Müttern, die - beruflich arriviert - ihre Chance ergreifen, »einen wesentlichen Teil des Frauseins« (Greve) doch noch zu leben. Ein Kind vermittelt Wärme und Nähe - dies in einem Alter, da die Angst vor dem Verlust von Sexualität, Zuwendung und Liebe immer größer wird.

Nicht zufällig präsentieren sich Busenstars um die Vierzig, wie Ursula Andress und Claudia Cardinale, als begeisterte späte Mütter mit einem Baby auf dem Arm. Signora Cardinale gesteht der Zeitschrift »Elle«, warum die neue Schwangerschaft so wichtig für sie ist: »Sie macht mich jünger ... Eine kleine Tochter, das ändert so viel.«

Der Rollenwechsel vom Sexsymbol zur reifen Mutter wird vom Publikum mit Beifall bedacht. Hätte Marilyn Monroe das nur gewußt.

Ein anderer Weg aus der Krise ist der Frau in der westdeutschen Gesellschaft indes weitgehend versperrt: die Rückkehr in den Beruf.

Zu Hunderttausenden gehen in den USA Hausfrauen in diesen mittleren Jahren wieder aufs College oder an die Uni. Der Großteil der »re-entry women« will sich für eine spätere berufliche Laufbahn qualifizieren. Offenbar nicht ohne Aussicht auf Erfolg: In den vergangenen zehn Jahren schnellte die Rate gerade der älteren berufstätigen Frauen in den USA steil nach oben.

Eine breit angelegte Studie des Wellesly Center für Frauenforschung überraschte in diesem Jahr die amerikanische Öffentlichkeit mit einer Neuigkeit: Im Unterschied zu früher erleben zumindest die gut ausgebildeten, verheirateten Mittelschicht-Frauen ihre Jahre um die Vierzig als besonders glücklich.

Die eigene Berufstätigkeit, schlossen die Psychologinnen Grace Baruch und Rosalind Barnett aus ihren Untersuchungsergebnissen, »ist das einzige Merkmal, das mit dem Selbstbewußtsein der Frauen am engsten korreliert«.

Auf die Bundesrepublik ist allenfalls die Theorie übertragbar. In der Praxis ist die Frauenarbeitslosigkeit überproportional hoch. Gerade die typisch weiblichen Berufe sind vom technischen Fortschritt in den Büros, den Labors und den Kanzleien besonders hart betroffen. Da bleibt nur noch die Möglichkeit, Frauen als ehrenamtliche Helferinnen durch staatliche Zuschüsse für Taschengeld und Alterssicherung aufzuwerten, so wie es der Berliner Gesundheitssenator Ulf Fink möchte.

Die gelernte Bibliothekarin Karin Miesbach hat Glück gehabt. Sie schaffte es, aus der »Isolationsfolter« ihres Hausfrauendaseins auszubrechen, weil sie aushilfsweise in der Stadtbücherei gebraucht wurde.

Sie war nahe daran, verrückt zu werden, führte Selbstgespräche, mochte den Telephonhörer nicht abnehmen, weil das Gespräch wahrscheinlich doch nur wieder für ihren halbwüchsigen Sohn war. Sie wurde depressiv. Eine Therapie sollte, so hoffte ihre Familie, den alten bequemen Zustand wiederherstellen.

Doch für Karin Miesbach gab es kein Zurück mehr. Neuerdings veranstaltet sie auch Leseabende in einem Altenwohnsitz. Ehemann und Sohn müssen sich damit abfinden, daß sie nun nicht mehr stets für sie da ist.

Gerade das, was in der Gesellschaft als Schwäche der Frau gilt, kann den Vierzigjährigen helfen, aus dem Teufelskreis der Sinnleere auszubrechen. Ein Mann mit einem Nervenzusammenbruch?

Dann schon lieber einen Herzinfarkt. Eine Frau darf mal durchdrehen, muß nicht unbedingt Stärke zeigen, darf sich von der Krise schütteln lassen. Sie darf zugeben, daß sie es allein nicht schafft, sie darf Hilfe beim Therapeuten oder in der Gruppe suchen.

Die Erkenntnis, nicht allein zu sein mit den Ängsten und Konflikten, erstmals offen darüber sprechen zu können, erschien den Frauen von der Selbsthilfegruppe »Raupe und Schmetterling« wie das Licht am Ende eines langen Tunnels. Danach ging es, so Uschi, »zwei Schritte vor und einen zurück - aber es ging vorwärts«.

Es ist Schwerstarbeit, in diesem Alter die festgefahrenen Wege zu verlassen, sich aus den Abhängigkeiten zu lösen und das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Es kostet Kraft und macht stark. »Mir sind Flügel gewachsen«, sagt die Studienrätin Heide Bußmann, »vielleicht aber auch Pranken.«

Rigoros lehnt sie es ab, daß ihr Mann zu ihr und den Kindern zurückkehrt: »Er hat nichts dazugelernt.«

Frauen, die in ihrem Lebenspartner den starken Mann gesucht und bewundert haben, entdecken auf einmal, wie dünnhäutig, ja wie panisch dieser reagiert, wenn sie ihre eigenen Wege gehen. Da reicht schon der allwöchentliche Abend im Chor oder mit den SPD-Frauen, daß er sich wie ein getäuschter Liebhaber aufführt. In eine Ehekrise kann es ausarten, wenn sie, statt mit ihm wie jedes Jahr an die Nordsee zu fahren, lieber mit einer Freundin in die Toscana reist.

Wenn sich Frauen in diesen Jahren endlich aus ihren Abhängigkeiten lösen, fühlen sich die Patriarchen bedroht. Ihnen wird ein Stück Sicherheit weggeschlagen; sie sehen ihre Privilegien in Gefahr.

Das bekamen auch die Männer in der Bonner Grünen-Fraktion zu spüren, als dort im vergangenen April die Frauen mit einem Überraschungscoup für ein Jahr den Vorstand übernahmen. Daß diese sanften Mütter so unsanft mit ihnen umspringen und zum ersten Mal in der parlamentarischen Geschichte ein Feminat begründen könnten, damit hatten die grünen Männer nicht gerechnet.

»Hiiilfe«, maulte ein Leser in der »tageszeitung« über diesen Bonner Putsch, »alle in diesem powervollen Alter um die Vierzig.«

Ungeahnte Energien sieht auch die amerikanische Feministin Gloria Steinem in ihren Geschlechtsgenossinnen schlummern. »Frauen«, verkündete sie an ihrem 50. Geburtstag, den sie mit viel Pomp und Publicity in diesem Sommer feierte, »werden offensichtlich mit zunehmendem Alter radikaler - eines Tages wird ein Heer grauhaariger Frauen die Erde übernehmen.«

Den meisten würde schon reichen, wenn sie ihr eigenes Leben in die Hand nehmen könnten.

Liften der Augenlider in der Universitätsklinik rechts der Isar inMünchen.Name von der Redaktion geändert.

Marion Schreiber
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