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»Ich bin von mehr Leuten gewählt als Hitler«

Helmut Kohl hat sich selbst einen internationalen Skandal der Extraklasse beschert: Sein fataler Vergleich des sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow mit dem Nazi-Propagandisten Joseph Goebbels empörte Moskau. Weiterhin besteht der Kreml »auf einer klaren Entschuldigung« - doch der Kanzler windet sich. Je mehr er und seine Berater versuchten, die Affäre aus der Welt zu schaffen, um so peinlicher wurde sie. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Heiner Geißler sah plötzlich schwarz. Was als ein Höhepunkt im Wahlkampf der Christdemokraten gedacht war, geriet zum Reinfall.

In der Bonner CDU-Zentrale hatte der Generalsekretär am Montag voriger Woche prominente konservative Politiker aus Europa, Asien, Afrika und Südamerika versammelt, darunter den Zulu-Häuptling Gatsha Buthelezi aus Südafrika und den Vorsitzenden der chilenischen Christdemokraten Gabriel Valdes. Sie sollten Zeugnis ablegen dafür, daß sich deutsche Christdemokraten nicht nur mit Kommunisten anlegen, wenn es um die Menschenrechte geht, sondern auch mit rassistischen und faschistoiden Regimen.

Doch die Fernsehteams - im Wahlkampf erste Zielgruppe derartiger Demonstrationen - hatten, zum Ärger Geißlers, an diesem Tag ein aufregenderes Thema: Helmut Kohl. Der Kanzler hatte durch den fatalen Vergleich des sowjetischen Parteichefs Michail Gorbatschow mit dem Nazi-Verbrecher Joseph Goebbels im amerikanischen Nachrichtenmagazin »Newsweek« für einen internationalen Skandal der Extraklasse gesorgt - seinen Generalsekretär und Wahlkampfleiter Geißler aber über den, schon in der vorletzten Woche absehbaren, schweren Krach mit Moskau nicht unterrichtet.

Kein Wort darüber, daß Sowjetbotschafter Julij Kwizinski bereits am Donnerstag vorletzter Woche im Kanzleramt vorstellig geworden war und »ernsthafte Konsequenzen« angedroht hatte (siehe Kasten Seile 20).

Kein Wort darüber, daß Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble tags darauf den sowjetischen Missionschef, ohne den Namen »Goebbels« zu erwähnen, süffisant daran erinnert hatte, es könne »der sowjetischen Führung nicht entgangen sein, daß sich insbesondere der Bundeskanzler in den letzten Monaten intensiv für eine Verbesserung der West-Ost-Beziehungen eingesetzt hat« (siehe Kasten Seite 20).

Kein Wort, daß am Freitagabend Kwizinski den außenpolitischen Kanzlerberater Horst Teltschik zu Hause angerufen und ihm mitgeteilt hatte, seine Regierung sage hiermit den bevorstehenden _(Mit AA-Chefdolmetscher Heinz Weber, ) _("Newsweek« Redakteuren Andrew Na gorski, ) _(Meynard Parker (vorn). )

Moskau-Besuch von Forschungsminister Heinz Riesenhuber ab. Schäubles Antwort zähle »nichts«, so Kwizinski, die Angelegenheit erfordere »eine klare Antwort«.

Nur mühsam entlockte Geißler seinem Parteivorsitzenden am Rande der Menschenrechtskonferenz die Informationen über die schwere Krise zwischen Bonn und Moskau und die Details ihrer stümperhaften Bewältigung durch den Kanzler und seine Entourage. Im CDU-Wahlkampfstab löste er sofort Alarm aus. Sollte Kohls Gorbatschow-Goebbels-Vergleich ihm, dem für den Wahlkampf seiner Partei Verantwortlichen und nach dem verheißungsvollen Auftakt schon hochgelobten Generalsekretär, den Propagandaflop der achtziger Jahre beschert haben?

»Weiter so, Deutschland! Weiter so, Helmut Kohl«, hatte er vor fünf Wochen unter dem Jubel der Christenschar auf dem Mainzer CDU-Parteitag ausgerufen. Und Helmut Kohl war sich treu geblieben. Nur anders, als Geißler vorschwebte: Dem Blackout Kohls in der Parteispendenaffäre folgte der Brownout im »Newsweek«-Interview.

In ihrer Not haben sich die CDU-Strategen im Konrad-Adenauer-Haus gleichwohl zum Durchmarsch entschlossen. »Kompetenz, Zukunft, Kanzler« - die Stichworte bleiben, die Reihenfolge auch. Generalsekretär Geißler: »Wenn man in einem Zug fährt und einer verschüttet eine Kanne Kaffee, fährt der Zug trotzdem weiter.«

Aber Freund und Feind fühlen sich bestätigt: Auf Helmut Kohl ist Verlaß.

wenn es um Pannen geht. »Eine Katastrophe«, klagte Teltschik im vertrauten Kreise, »an der man noch lange zu beißen haben wird.« Im SPD-Präsidium konnte Fraktionschef Hans-Jochen Vogel seine von Johannes Rau enttäuschten Genossen aufmuntern: »Der Kohl liefert wieder.«

Fest steht: Die strahlende Gestalt der Mainzer Rheingoldhalle ist durch ein Wort zur Skandalfigur der Bonner Politszene geworden.

Das Wort heißt »Goebbels«. Seit die »Newsweek«-Redaktion unter dem Druck Kohlscher Diffamierung (der Kanzler vor dem Bundestag: »Das Interview in ''Newsweek'' gibt in der entsprechenden Passage Sinn und Inhalt des eineinhalbstündigen Gesprächs nicht korrekt wieder") am Donnerstagabend den Originalton der entscheidenden Passage jenes Gesprächs im Kanzleramt freigab, existiert, frei zu weltweiter Bedienung, ein einzigartiges Tondokument.

Es belegt, daß der Regierungschef der drittstärksten Wirtschaftsmacht des Westens vor dem Parlament die Unwahrheit sagte und sich mit seinen wenigen Sätzen selber disqualifizierte: »Ich bin kein Narr, ich halte ihn nicht für einen Liberalen. Es gibt genug Narren in der westlichen Welt zwischen Journalisten und Politikern. Die Frau Gorbatschow ist eine attraktive Frau, die reist nach Paris und kauft sich natürlich Kleider in Paris. Das hat doch damit überhaupt nichts zu tun. Das ist ein moderner kommunistischer Führer. Der war nie in Kalifornien, nie in Hollywood, aber versteht was von PR.«

Und dann kam''s: »Der Goebbels verstand auch was von PR.« Gelächter. Es ermutigte Kohl preiszugeben, warum er ausgerechnet diesen Vergleich gewählt hat: »Man muß doch die Dinge auf den Punkt bringen.«

Mit seiner Stammtisch-Parallele hat Kohl zweierlei bewiesen: *___sein tiefstes Unverständnis für die sowjetische ____Geschichte, für Vergan genheit, Leiden und gegenwärtige ____Empfindungen des russi schen Volkes (siehe Seite 26); *___sein verbogenes Verhältnis zur jüngeren deutschen Ge ____schichte, indem er die hi storische Rolle von Joseph ____Goebbels, dem aggressiven Vorkämpfer von Rassen wahn, ____Massenmord und territorialem Expansionis mus, auf ____absurde Weise verniedlicht (siehe Kasten Seite 24).

Hinzu kommt Unkenntnis dessen, was Public Relations überhaupt sind. »Tu Gutes und rede darüber«, definiert Georg-Volkmar Graf Zedtwitz-Arnim, PR-Fachmann und langjähriger Krupp-Pressechef, sein Gewerbe. »Bemühungen um öffentliches Vertrauen ... durch Einbeziehung der angewandten Ethik«, so beschreibt Gablers Wirtschaftslexikon die Öffentlichkeitsarbeit. Schon protestierte die Deutsche Public-Relations-Gesellschaft dagegen, daß Angehörige ihrer Zunft mit Propagandisten des Nationalsozialismus gleichgesetzt würden.

Nichts gegen die Ehre bedeutender Berufsstände, doch den eigentlichen Schaden hat der pfälzische Aus-dem-Bauch-Redner der außenpolitischen Glaubwürdigkeit der Republik zugefügt.

Kohls hehre Bekundungen sowjetischen Friedenswillens schrumpften zur bloßen Floskel. Am Donnerstag verkündete er vor dem Bundestag: »Die Bundesregierung hat nie einen Zweifel daran _(Der heutige Staatspräsident Andrej ) _(Gromyko (l.), Gorbatschow (2. v. r.) bei ) _(den Beerdigungsfeierlich keiten des ) _(KP-Generalsekretärs Konstantin Tscher ) _(nenko im März 1985. )

gelassen, daß sie die Bemühungen des Generalsekretärs um eine Verbesserung der West-Ost-Beziehungen ernst nimmt und positiv würdigt.

Erste Reaktionen aus dem Moskauer Zentralkomitee auf Kohls Parlamentsauftritt verheißen keine Entspannung. »Wir bestehen auf einer klaren Entschuldigung«, hieß es in der vorigen Woche aus dem Munde eines hohen sowjetischen Funktionärs. Es sei ausgeschlossen, daß Kohl diese Affäre »in seiner bekannten Manier aussitzen« könne. Er habe seine »Gesprächsfähigkeit« verloren.

Wichtigste Botschaft: Gorbatschow werde solange nicht Bonn besuchen oder Kohl in Moskau empfangen, bis der Kanzler die Sache aus der Welt geschafft habe.

In Frage gestellt sind damit zahlreiche Kontakte, die in den nächsten Monaten die guten Beziehungen zwischen Bonn und Moskau belegen sollten. Dazu zählt - so haben es Außenminister Hans-Dietrich Genscher und sein sowjetischer Kollege Eduard Schewardnadse am Rande der Uno-Vollversammlung im September verabredet - eine Diskussion, die von den Fernsehsendern beider Staaten übertragen werden soll.

Ende November soll der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Volker Rühe, nach Moskau reisen, der sowjetische Vize-Ministerpräsident Wsewolod Murachowski die Bundesrepublik besuchen, um einen Agrarvertrag zu unlerzeichnen. Rita Süssmuth ist darauf vorbereitet, in Moskau ein Gesundheitsabkommen abzuschließen. Ende des Monats stehen Verhandlungen über gemeinsame Umweltschutzprojekte an. Und zu klären sind die Voraussetzungen für zwei Generalkonsulate in Kiew und München.

Auf diese »dichtgedrängte Tagesordnung« hatte sich Genscher für sein Treffen mit Schewardnadse am vorigen Dienstag am Rande der KSZE-Folgekonferenz in Wien vorbereitet. Statt dessen mußte er bei seinem Sowjetkollegen um gutes Wetter für den Kanzler bitten - ohne Erfolg. Genscher rechnet mit weiteren Absagen.

Wieder einmal hatte Helmut Kohl die Geschichte verballhornt und sich in diplomatischen Fallstricken verfangen. »Nur in neo-wilhelminischer Tumbheit«, urteilte die »Zeit« könne ein deutscher Politiker darauf verfallen, »Nazi-Untaten als Vergleichsgröße in die internationale Politik einzuführen«. Überschrift: »Wilhelm III.« - eine Anspielung an die sogenannte »Daily Telegraph«-Affäre die das Kaiserreich erschütterte.

Außenpolitische Tapsigkeit hat nämlich bei deutschen Regierenden Tradition.

Kaiser Wilhelm II. drängte es, sich den britischen Untertanen als wahren Freund des Empire darzustellen - in einem Interview des Londoner »Daily Telegraph«.

Die Wirkung, als es schließlich am 28. Oktober 1908 erschien, war verheerend: Die Briten verbaten sich die Taktlosigkeiten, mit denen sich der Hohenzoller als Gönner des Inselreichs aufspielte, die Deutschen waren die öffentlichen Eskapaden des Monarchen leid.

Fassungslos sehen nun die Bundesdeutschen die ahistorischen Schnitzer des Historikers Kohl. 90 Prozent erklärten in einer SPIEGEL-Umfrage der vergangenen Woche, der Kanzler habe falsch gehandelt (siehe Seite 28).

Zu immer neuen Blüten treibt den Christdemokraten sein altes Vorurteil, den Russen sei nicht über den Weg zu trauen. So brachte Kohl - ebenfalls im »Newsweek«-Interview - das Gipfeltreffen in Reykjavik, das auch nach offizieller Bonner Lesart als hoffnungsvoller Anfang gepriesen wird, mit einem fatalen Datum der Geschichte in Zusammenhang: mit dem Münchner Treffen 1938 - als habe er seine eigene Außenpolitik nicht begriffen.

Indem er an Hitler, den englischen Premier Neville Chamberlain und den französischen Kollegen Edouard Daladier erinnerte, entwertete Kohl geradezu das Ergebnis von Reykjavik. Damals nämlich tappten die Weltmächte in eine Falle, sie fielen auf das Friedensgerede Hitlers herein, der im Jahr darauf den Zweiten Weltkrieg entfesselte.

Und nach der gleichen Art des ungeordneten Denkens braute der ausfallende Kanzler auch den unsäglichen Goebbels-Vergleich zusammen. Gleichgültig, wer den erläuternden Nebensatz ("einer von jenen die für die Verbrechen der Hitler-Ära verantwortlich waren") hinzufügte, ob Ost oder der »Newsweek«-Korrespondent Andrew Nagorski - der Kanzler wollte Mißtrauen wecken gegen den sowjetischen Staatschef. US-Präsident Ronald Reagan, mochte er annehmen, werde daran gewiß gehörig Gefallen finden. Kohl merkte nicht, wie sehr er zugleich den ernsthaften Willen der Sowjets zur Abrüstung in Zweifel zog - in offenem Widerspruch zu seinen offiziellen Bekundungen, zuletzt noch letzte Woche im Bundestag.

Kohls Verhängnis: Niemand in seiner Umgebung spürte, in welche Klemme sich der Regierungschef mit dem Goebbels-Vergleich hineinmanövrierte, weder der außenpolitisch unbedarfte Ost noch der sonst so clevere Presse-Profi Eduard Ackermann. Das liegt wohl daran, daß Kohls kleinem Klüngel solches Denken offenbar nur zu vertraut ist, der politische Widerspruch daher ebensowenig auffällt wie die Brisanz. Teltschik: »Ein Riesen-Mist, den Ost und Ackermann da gemacht haben.«

Als dann die Krise ausgebrochen war, verliefen die Versuche der Bewältigung nach bekanntem Kohl-Muster: Alles, was er unternahm, machte die Sache nur noch schlimmer. Und auch dafür findet sich nur die Erklärung, daß der Kanzler und seine Gehilfen immer noch nicht begriffen, was sie angerichtet hatten.

Die Krisenmanager glaubten, sie könnten sich herausreden auf eine »unkorrekte Wiedergabe« des Interviews, auf »Mißverständnisse« und »falsche Eindrücke«. Ein Vergleich mit Goebbels sei gar nicht »beabsichtigt« gewesen; das Ansehen des Generalsekretärs sollte jedenfalls nicht geschmälert werden.

Spät erst erkannten die Kohl-Männer den Ernst der Lage, »zu spät«, wie nachträglich einer von ihnen einräumte. Kwizinskis zahlreiche Warnungen, seine Gespräche mit Genscher, mit Schäuble, mit Teltschik brachten den Kanzler dennoch nicht dazu, unzweideutig von dem Interview abzurücken.

»Wir wollten doch den Amerikanern nur sagen«, so einer der Kanzler-Helfer jetzt, »paßt auf, der neue Mann an der Spitze des Kreml versteht sich auf die neuesten Mittel der Öffentlichkeitsarbeit.« _(Reichaußenminister Rib bentrop, ) _(britischer Premier Chamberlain, Hitler, ) _(franzö sischer Ministerpräsident Da ) _(ladier, britischer Botschafter ) _(Henderson, Chef des Ober kommandos der ) _(Wehrmacht General Keitel. )

Aber auch er weiß nicht zu erklären, »warum man zu diesem Zweck an dieses Arschloch erinnern mußte«.

Nach seinem letzten vergeblichen Schlichtungsversuch bei Schäuble in der vorletzten Woche gab Kwizinski auf: »Das hat das Faß zum Überlaufen gebracht«, berichtete der Sowjetbotschafter anschließend. In Moskau habe seine Erklärung »eine Wutreaktion« ausgelöst: Riesenhuber wurde ausgeladen.

Nunmehr bequemte sich Kohl endlich zu einer Distanzierung, aber ausgerechnet in der »Welt«, deren Herausgeber Herbert Kremp zwei Tage später über Gorbatschow schrieb: »Ein Mann, dessen Regime in Afghanistan explosives Kinderspielzeug unter die Menschen streuen läßt, kann aus der Gegenwart beurteilt werden.«

Seither zitterten die Bonner, ob es denn jetzt endlich genug sei oder ob auch das Treffen Genschers mit dem sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse auf der KSZE-Konferenz in Wien abgesagt werde.

Daß es zu diesem Eklat nicht gekommen ist, hält Genscher allein sich und seinem Renommee im Kreml zugute. Nur mühsam verkniff sich der Außenminister einen Kommentar zu dem Debakel, aber ein Wort zu Kohls Verteidigung ließ er in der Bundestagsdebatte auch nicht hören. Gequält erfüllte er in Wien seine Pflicht, indem er Kohls »aufrichtige« Bußfertigkeit anpries.

Der Bonner Außenminister freute sich, daß der Sowjetkollege ihm gleich zu Beginn des Gesprächs sagte, »zum Glück« sei an den Gerüchten über eine Krankheit des Kollegen wohl »nichts dran«. Stolz nahm er zur Kenntnis, daß Schewardnadse das Gespräch des Deutschen

mit Gorbatschow im Sommer als besonders »positiv« in Erinnerung hatte und als Kontrast zum jetzigen Rückschlag wertete.

Dem Kanzler berichtete Genscher sofort nach dem Treffen, die Verstimmung sei »ernst zu nehmen«, der Konflikt keineswegs ausgestanden. Aber immerhin: »Die Sache wurde in sehr verantwortungsvoller Form behandelt.« Als der Außenminister in Wien am Donnerstagabend dann den O-Ton Kohl vom »Newsweek«-Tonband hörte, schreckte er zusammen und verließ verstört eine Journalistenrunde.

Ende letzter Woche rätselten die Strategen im Kanzleramt noch, ob die Sowjets ihren Platzvorteil weiter auskosten, weitere Nachbesserungen verlangen wollten, womöglich eine Entschuldigung in Form einer hochoffiziellen Note. Denn auf dem offiziellen Empfang zum Jahrestag der Oktoberrevolution am letzten Donnerstag ging Botschafter Kwizinski in seiner Kritik zwar nicht so weit wie Moskauer Funktionäre, hielt sich aber weitere Drohgebärden offen: »Wir müssen gemeinsam einen Ausweg finden. Aber das wird seine Zeit brauchen.«

Vizekanzler Genscher hat schon eine Idee, wie er die Sowjets zurück an den Verhandlungstisch locken kann: mit dem Angebot für eine internationale Konferenz über wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit - für die Amerikaner, die ihre Geheimnisse auf diesem sensiblen Gebiet sorgsam hüten, ein schwerer Brocken. Aber der Außenminister hofft, so könne den Kreml-Herren eine - von den USA gewünschte - Konferenz über Menschenrechte abgehandelt werden. Bei einem solchen Treffen müßten sich ja weder Kohl noch Gorbatschow persönlich begegnen.

Der Kanzler wäre nach der »Newsweek«-Blamage gut beraten, wenn er künftig nicht mehr von Mißverständnissen reden würde.

Amerikanische Korrespondenten wissen von einem Beisammensein mit dem Kanzler in Bonn zu berichten, nur einen Tag vor dem »Newsweek«-Interview-Termin (15. Oktober). Schon bei dieser Gelegenheit fiel der Name Goebbels in ähnlichem Kontext.

Und am Tag danach hatte Kohl noch eine andere historische Parallele auf Lager. »Ich«, verkündete der Kanzler den erstaunten »Newsweek«-Redakteuren, seinem Dolmetscher Heinz Weber und seinem Sprecher Ost off the record, also vertraulich, »bin von mehr Leuten gewählt worden als seinerzeit Hitler.«

Stimmt. Im Juli 1932 wählten 13,8 Millionen, im März 1933 - letzte halbwegs freie Wahl - 17,3 Millionen Deutsche die NSDAP des Adolf Hitler, 50 Jahre später, 1983, stimmten 19 Millionen für den Unionskanzler Helmut Kohl.

Mit AA-Chefdolmetscher Heinz Weber, »Newsweek« Redakteuren Andrew Nagorski, Meynard Parker (vorn).Der heutige Staatspräsident Andrej Gromyko (l.), Gorbatschow (2. v.r.) bei den Beerdigungsfeierlich keiten des KP-GeneralsekretärsKonstantin Tscher nenko im März 1985.Reichaußenminister Rib bentrop, britischer Premier Chamberlain,Hitler, franzö sischer Ministerpräsident Da ladier, britischerBotschafter Henderson, Chef des Ober kommandos der Wehrmacht GeneralKeitel.

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