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Artikel 25 / 48

ICH BITTE ERSCHOSSEN ZU WERDEN

aus DER SPIEGEL 6/1949

1. Fortsetzung des Berichts

von Philipp Humbert

Wir mußten in einem kleinen Raum warten. Seydlitz, Pfeffer, Korfes, Crome und Dissel trugen Schneetarnanzüge mit Kapuzen und Filzstiefeln. Ich hatte keine Winterbekleidung abbekommen und stand mit Schirmmütze und meinem Pelzmantel mit aufgenähtem roten Fuchspelzkragen da. Ein Dolmetscher kam, musterte uns der Reihe nach und gab mir ein Zeichen, mitzukommen. Ich trat in ein überhelltes Zimmer, offensichtlich das Operationszimmer, die Karten an den Wänden waren verhängt. Ein Halbrund glänzender, Orden besäter Uniformen saß mir gegenüber, wie zum Fotografieren aufgebaut. In der Mitte in Lederweste und engen Pelzstiefeln die robuste Gestalt des Generalobersten Tschuijkow.

Der Dolmetscher begann: »Sind Sie General von Seydlitz?« Ich: »Nein«. Ein unwilliger Blick von Tschuijkow. Dolmetscher: »Sie sind General Pfeffer?« »Nein«. Dolmetscher: »Aber dann sind Sie General Korfes?« »Nein«. Tschuijkow fluchte laut. Dolmetscher, unsicher geworden: »Wer sind Sie denn?« - »Oberleutnant Humbert«. Der Dolmetscher, dem schon die Angst vor dem Unwillen seines Generals im Gesicht stand, wagte nicht einzugestehen, daß er der versammelten Generalität als erste eine so niedrige Charge präsentiert hatte und übersetzte meinen Rang mit »Podpolkownik« (Ober-stleutnant). Damit rettet er die Situation, und ich kam durch seine Lüge zunächst mit in das Sammellager der Generale.

Um weitere Mißverständnisse zu vermeiden, wurden alle fünf, die noch draußen warteten, auf einmal vorgeführt. Seydlitz wurde mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtet. »Seien Sie froh, General, daß Sie bei uns sind. Am 1. Mai macht Stalin eine Parade in Berlin«, sagte Tschuijkow. »Dann wird Frieden gemacht, und wir werden mit Euch zusammenarbeiten.« Fragen prasselten auf uns ein:

»Warum sehen Sie so schlecht aus?« - »Nichts zu essen«. Daß Generale genau so wenig Essen wie Mannschaften bekamen - was ja sonst auch durchaus nicht der Fall war - sei eine außerordentlich törichte Maßnahme. Ein General müsse mehr denken, mehr arbeiten, also auch mehr essen. »Warum sind Sie nicht ausgeflogen worden?« - »Ein Offizier kann seine Soldaten nicht verlassen!« Das sei dumm, die Soldaten könnten auch allein sterben. Hitler sei ein Narr, Spezialisten müßten immer ausgeflogen werden. Tschuijkows Generalstabschef wies auf sich: »Ich bin von Sewastopol ausgeflogen und habe meine Truppen allein gelassen, und darum konnte ich Sie jetzt gefangennehmen!«

Korfes, auf dem rechten Flügel, taute auf und ließ sich zu unserem Entsetzen in leutseliger Beredsamkeit vernehmen: »Es ist eine Tragik der Weltgeschichte, daß die beiden größten Männer unserer Zeit, Hitler und Stalin, die im wesentlichen das Gleiche wollen, nicht einen Weg gefunden haben, um den gemeinsamen Gegner, die kapitalistische Welt, niederzuringen!« Generaloberst Tschuijkow sträubten sich die spärlichen Haare, und Seydlitz zupfte Korfes am Aermel: »Hören Sie doch bloß auf!« Korfes beharrte rechthaberisch: »Kann man doch sagen, ist doch wahr!« Damals war die Zeit allerdings noch nicht ganz reif für solche Erkenntnisse. Aber Korfes, Wehrhistoriker und ehemaliger Abteilungschef des Heeresarchivs in Potsdam, ging sehr schnell über die geistige Brücke von Hitler zu Stalin.

Drei stramme Mädchen in grünen Seidenkleidern brachten Weißbrote mit amerikanischem Speck und Tee mit Wodka. Tschuijkow wünschte guten Appetit. Da bemerkte ich hinter den Generalen, die inzwischen die Mädchen tätschelten, einen Fotografen, der heimlich hereingekommen war. Sofort hielt ich die Hände vors Gesicht, und instinktiv taten es mir die anderen nach. Tschuijkow zog mich an den Haaren hoch: »Was machen Sie da?« - »Ich möchte nicht als essender Offizier auf einem Flugblatt zu sehen sein«, antwortete ich. Ein prüfender Blick von Tschuijkow, der Fotograf wurde hinausgeschickt.

Stolz verkündete der Kommandeur der 62. Armee, Marschall Paulus sei auch in Gefangenschaft. Paulus sei nicht Marschall, lächelten wir. Doch, seit gestern sei er Marschall, belehrte uns Tschuijkow. Wir vermuteten damals, daß Paulus mit dem Marschallstab gleichzeitig auch die Pistole in die Hand gedrückt wurde, zum Heldentod (von eigener Hand) auf den Trümmern der Festung Stalingrad. Aber gerade dieser deutliche Wink hat wohl Paulus veranlaßt, doch in Gefangenschaft zu gehen. Die monatelang aufgespeicherte Enttäuschung über die unerfüllten Versprechungen des Hauptquartiers hat außerdem bestimmt mitgesprochen.

O, ein Kulturinstrument. Mit höflichem Bedauern sprach Tschuijkow von der Bestimmung, daß deutsche Gefangene allen Besitz abzugeben hätten, der in Beuteln bis zur Entlassung verwahrt würde, Doch versorgten sich die sowjetischen Generale vor unseren Augen gleich mit Uhren und Füllhaltern. Ich hatte mich auf diesen Taschensturz präpariert und besaß nur noch eine Nagelfeile. Von allen Seiten bestaunten die Sowjet-Generale das glitzernde Ding, bis Tschuijkow selbst dazukam und anerkennend sagte: »O, ein Kulturinstrument!« Als solches durfte ich es behalten. Korfes »Faust«-Ausgabe bekam dieses Prädikat nicht und ging den »Uhren-Weg«.

Tschuijkow, der früher beim sowjetischen Militärattaché in Washington war, konnte Jahre später als Marschall und Chef der SMA in Thüringen eine weitere Kulturtat vollbringen. Er legte einen Kranz in der Weimarer Fürstengruft nieder und öffnete sie, damit der Geist Schillers und Goethes wieder frei in die Welt hinausgetragen werden könne.

Durch ein dichtes Spalier von Kirgisengesichtern, die abwechselnd Fackeln und in Anschlag gebrachte Maschinenpistolen hielten, wurden wir zu einem uralten kleinen Ford-Omnibus komplimentiert. Vergraben unter schmierigen Pelzen ratterten wir ohne Licht über die Eisbrücke der Wolga ostwärts. Zehn Meter hinter unserem Omnibus sprang ein offener LKW mit 25 bis an die Zähne bewaffneten Russen durch die Schneelöcher. Die Mündung eines Maschinengewehrs war von seinem Dach ständig auf unser Fahrzeug gerichtet. Die fünf Maschinenpistolen-Schützen innerhalb unseres Ford genügten eben nicht.

Unbemerkt überquerten wir nachts 30 Kilometer nördlich Stalingrad die Wolga wieder nach Westen. So glaubten wir uns am anderen Morgen in einem Ort weit ostwärts in der Kirgisensteppe. In Wirklichkeit waren wir in der Nähe des obersten Hauptquartiers für die Stalingrad-Don-Operation nahe dem Don-Knie, wo Marschall Grigori Shukow die Bewegungen Watutins (Süd - West - Front) und Rokossowskis (Don - Front) aufeinander abstimmte. Stalin hatte seinen fähigsten Operateur in diesen Raum geschickt, mit dem Befehl, Stalingrad von den deutschen Angreifern zu befreien, so wie Stalin selbst vor 25 Jahren, von Lenin geschickt, das damalige Zarizyn und damit den Schlüssel zur Wolga vor den Weißgardisten rettete. Stalins langer Arm war damals der Reiterführer Budjonnyj, ehemals zaristischer Wachtmeister, der mit seinen Reiterhorden die Zangenbewegungen ausführte wie jetzt Shukows langer Panzer-Arm Rokossowski.

Karlchen Ribbentrop. Ein kleines Haus, umstellt von sowjetischen Posten, nahm uns auf. Es hatte nur einen Raum, in der Mitte den typischen großen Lehmofen. Selbst von dort herunter beobachtete uns ständig ein grinsendes kirgisisches Gesicht. »Ich kann den Kerl nicht mehr sehen«, sagte Seydlitz oft aufgebracht.

Unter Mittag durften wir wenige Minuten um das Haus laufen. Längere Zeit verboten schon die 35 Grad Kälte. Hierbei sahen wir, daß auch in den umliegenden Häusern deutsche Generale untergebracht waren. Zwei Häuser weiter saß Paulus mit seiner Begleitung. Auch Karlchen Ribbentrop war hier, ein junger Leutnant, der nur wegen der Namensgleichheit mit dem Unterzeichner des sowjetisch-deutschen schen Nichtangriffspaktes zu den wichtigen Persönlichkeiten gerechnet wurde.

Ein Strom von Neugierigen, Offiziere, Kommissare, weibliche Stabsangehörige, belästigte uns dauernd. Da kam auch im schwarzen Ford ein besser aussehender Herr mit seinem Dolmetscher angefahren, bekleidet mit dem üblichen Ledermantel ohne Rangabzeichen. Wir vermuteten in ihm einen Verwaltungsbeamten, und Korfes benutzte die Gelegenheit, sein verlorenes Gepäck zu bejammern. Der Russe fragte unter anderem, ob die Generale besondere Wünsche hätten. Seydlitz richtete sich auf. Der Blick des Russen fing sich an dem Eichenlaub, das unter den roten Generalsspiegeln leuchtete. Seydlitz sagte: »Wir bitten, in die Organisation des Abtransports der Gefangenen eingeschaltet zu werden. Für mich persönlich habe ich keine Wünsche.« Korfes war jetzt still.

Für die Kriegsgefangenen sei bestens gesorgt, sagte der Ledermantel. Es sei darum gar nicht notwendig, die Generale zu bemühen. Am selben Mittag kam aufgeregt ein sowjetischer Major in unser Haus und kündigte den Besuch des Generalobersten Rokossowski an. Auf seinen Befehl mußten russische Soldaten das Zimmer gründlich reinigen, und er selbst gab dem Bettenbau den letzten Schliff, da wir uns nicht dazu verstehen wollten. Ein Wagen rollte vor. Herein kam in dem üblichen Ledermantel mit breiten Schulterstücken Rokossowski. Wir waren maßlos verdutzt, denn es war derselbe, den wir wenige Zeit vorher als Zivilisten erlebt hatten. Das Programm mit Frage und Antwort blieb genau das gleiche. Allerdings fing Korfes nicht mehr von seinem Gepäck an. Im übrigen siegte die Höflichkeit.

Nach Rokossowski war ein NKWD-Oberst aus dem Stabe des Generalobersten ein anderer ungebetener Gast. Seine unangenehme Erscheinung mit tierischen Augen unter buschigen Brauen und seine hämische Art ließen allerlei Gedanken in uns aufkommen. »GPU-Schlächter«, meinte Seydlitz. Er nahm mich beiseite. »Wie öffnet man sich die Pulsadern, Humbert?« Die Sowjets würden seine Abneigung gegen Hitler sicherlich bald herausbekommen, und dann würden sie versuchen, ihn zur Mitarbeit gegen Hitler auszunutzen. Aber eine Zusammenarbeit mit den Sowjets könne sich immer nur gegen Deutschland und deutsches Wesen richten. Das werde er als anständiger Soldat nicht verantworten können. »Diese Kerle werden uns so zusetzen, daß wir alle schwach werden.«

»Aber Herr General«, sagte ich, »wegen solcher Gestalten öffnet man sich doch noch nicht die Pulsadern!« Crome kam dazu. Unser Gespräch steckte die andern an. Wir fragten uns, welche Mittel wohl zur Anwendung kommen könnten, brutale Gewalt, chemische Mittel oder Hypnose. Unsere Neugier sollte bald befriedigt werden.

Einige Tage darauf kam ein sowjetischer Offizier mit einem schriftlichen Befehl. Er hatte den Auftrag, mich mitzunehmen. Seydlitz protestierte: »General Tschuijkow hat mir sein Wort gegeben, daß mein Adjutant bei mir bleiben kann. Haben Sie verstanden?« Mit treuem Lächeln kam es zurück: »Ich habe verstanden. Aber er muß mit.« Ich merkte an Seydlitz' Erregung, daß er wenig Hoffnung für mein weiteres Schicksal hatte. Der Abschied fiel mir schwer. Für eine Weile geriet ich in die graue Masse der Gefangenen von Stalingrad.

Von Leichen markiert. Allein auf einem LKW reiste ich südwärts. Ein Stück vor dem Ziel blieben wir in Schneewehen stecken. Zu Fuß ging es im Abenddunkel durch Schluchten weiter. Ich mußte vorangehen, den Weg konnte ich nicht verfehlen. Er war markiert von erstarrten, verstümmelten Leichen. Der Sowjetoffizier mit seinen beiden MP-Schützen stapften hinter mir. Am Ende jeder Schlucht erwartete ich die Garbe, denn was sollte sonst der Sinn dieses Weges sein.

Nach dem Sinn zu fragen, gewöhnte ich mir später in der Sowjetunion ab. Ich kam zuerst nach Kiseljakow, eine armselige Ansammlung von Hütten im großen Donbogen. In den meist offenen Schneelöchern aus der Kampfzeit hausten 13000 Kriegsgefangene zwei Wochen lang. Sie waren schon geschwächt in Gefangenschaft geraten und mußten die vielen Kilometer bis Kiseljakow im Fußmarsch zurücklegen. Das hatten nur etwa sechzig Prozent überstanden, ich konnte mir nun die Leichen entlang meines Weges erklären.

Hier erfroren oder verhungerten sie bei lebendigem Leibe. Denn an Verpflegung gab es so gut wie nichts. Die nicht fortgeschafften Toten und die wochenlang nicht verbundenen Wunden verpesteten die Luft und trieben die Leute in eine Wahnsinnspsychose. Ich sah Fälle von Kannibalismus.

Der Pfarrer aus dem Kohlenpott. Mein »Oberstleutnant«-Rang brachte mich in einen der beiden Stabsoffizier-Bunker. Das erste, was ich sah, war ein in Todeskämpfen zuckender Mensch, der schrie und sich aufbäumte, den ein Priester mit hypnotisch beschwörender Kraft und monotonen Litaneien zu beruhigen versuchte. Es gelang ihm. Der Offizier starb ruhig.

Der Priester war Josef Kayser (in Pliviers Buch Vorbild für den »Pfarrer aus dem Kohlenpott"). Schon eine Woche vor dem Ende Stalingrads war er in Gefangenschaft geraten. Er erzählte uns, daß er beim russischen Armeestab einen deutschen Emigranten getroffen habe, den sogenannten Dichter Erich Weinert. Weinert habe ihn begrüßt: »Nun, Pfarrerchen, sind Sie denn gern zu den Russen gekommen?« - »Ich stehe in der Hand Gottes und bin mit dem Kreuz in den Händen in Gefangenschaft gegangen«, habe er erwidert. »Und denken Sie sich, dieser Mensch hat gesagt, in einem halben Jahre würde ich zu ihm kommen und mit ihm zusammenarbeiten.« Ueber diese Zumutung Weinerts war Kayser geradezu empört. Es dauerte kein halbes Jahr, und Kayser saß im National-Komitee mit dessen Präsidenten Weinert an einem Tisch.

Aus Moskau direkt kam der Befehl, alle Offiziere müßten abmarschieren. Nicht marschfähige Offiziere und »alles übrige« blieb sich selbst überlassen. Es ist wohl kaum einer lebend aus dem Lager herausgekommen. 120 Kilometer mußten wir in fünf Tagen ohne eine Nachtunterkunft durch die Schneewüste marschieren.

Was auf diesem Marsch geschah, würde ein Buch »Stalingrad II. Teil« füllen. Die diversen Vernichtungsmethoden zu schildern, würde zu weit führen. Nur einige Schlaglichter: Mit Kolbenschlägen und Hunden wurden wir vorwärts getrieben. Die meisten waren dem Marschtempo nicht gewachsen und brachen zusammen. Wer zusammenbrach, bekam den Genickschuß. Wir Jüngeren schleppten die Aelteren weiter und bildeten einen abschließenden Kordon, um die Prügel abzufangen und das Marschtempo zu bremsen. Mancher junge Mann war diesen Anstrengungen nicht gewachsen und blieb selber liegen. Wenn die Straße vorher bereits von den einzelnen Leichen der auf dem Hinweg Erschossenen gezeichnet war, so wurde sie jetzt zu einem Band von Toten.

Marschieren. Nachts gönnte man uns vier Stunden Rast in der Steppe. Wie die Schafe mußten wir uns einpferchen. Wer außen lag und nicht mehr die Kraft hatte, alle halbe Stunde aufzustehen und sich durch Bewegung zu erwärmen, erfror. Diese Kraft konnten viele nicht mehr aufbringen. Feuer durften nicht gemacht werden. Drei Tage marschierten wir an der Bahnstrecke entlang. Leerzüge rollten an uns vorbei gen Beketowka. Aber wir mußten marschieren.

Nur einmal während dieser Tage bekamen wir jeder eine Handvoll Hirse, und sollten uns einen Brei kochen. Dazu wurden wir bei Gumrak in eine enge Schlucht gestoßen, wo der Hauptverbandplatz der 295. ID. gewesen war. Die Sohle der Schlucht war jetzt übersät mit den ehemaligen Verwundeten. Man hatte ihnen mit Kolben die Schädel eingeschlagen, auch ihre Körper waren verstümmelt. Gipsverbände starrten in die Luft. Den Schnee in diesem Leichenfeld kratzten wir uns zum Kochen des Breies zusammen.

Dann kam das Wiedersehen mit Stalingrad. Wir zogen an den Stätten unseres letzten Kampfes vorbei, wo jetzt sowjetische Soldaten im Siegestaumel feierten. Schweigend luden Frauen deutsche Soldatenleichen auf Kamel-Schlitten und schafften sie in die zerklüfteten Schluchten am westlichen Stadtrand, die dann zugesprengt wurden. Es war Strafarbeit für die Frauen, weil sie während der deutschen Besetzung in der Stadt geblieben waren.

Das große Sterben. In Beketowka, 15 Kilometer südlich Stalingrad, endete unser Marsch. Hier war eines der Hauptsammellager für die gefangenen Deutschen, Rumänen und Kroaten. Hier allein starben 36000 Mann, etwa 75 Prozent aller dort Untergebrachten. Zu je tausend Mann bekamen sie ein Riesengrab in den Schluchten südlich des Wolgabogens.

Das große Sterben in diesem Lager, dem die anderen Sammellager Dubowka, Kraßno-Armejsk, Ilmen, Frolow und Kiseljakow in nichts nachstanden, wurde in keinem russischen Bericht erwähnt. Von den in Richtung Astrachan verschleppten Gefangenen habe ich nie wieder etwas gehört.

Doch sowjetischerseits wollte man von vornherein der Gefahr vorbeugen, daß der Verbleib der Stalingrader einmal nachgerechnet würde. Die Gefangenenzahlen des offiziellen Berichtes lauteten deshalb: 91000 Unteroffiziere und Mannschaften und 2700 Offiziere. In Wirklichkeit sind mindestens 125000 in Gefangenschaft geraten. Nachweislich lebten nämlich in den bekannten Sammellagern 5000 Offiziere, von denen etwa 2300 sogar noch die späteren Epidemien überstanden und in den Lagern Jelabuga, Oranki, Susdal und Krasnogorsk zu zählen waren.

(Fortsetzung folgt)

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