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»Ich brauch' 'nen freien Rücken«

Von Hans-Joachim Noack
aus DER SPIEGEL 46/1993

Später Abend ist es am Mittwoch vergangener Woche, als sich im Hamburger Rathaus eine Szene von Seltenheitswert besichtigen läßt: Ein gutes Dutzend Kameras rücken da nahe an einen Mann heran, der ein politisches Wunschziel erreicht hat, aber darüber keineswegs glücklich zu sein scheint.

Wenige Minuten zuvor sind die Gespräche zweier Verhandlungskommissionen gescheitert, die dem Stadtstaat ein Rot-Grün-Bündnis bescheren sollten, und dessen Schlüsselfigur, Henning Voscherau, wird als »Sieger« ausgemacht. Das sei ihm doch nur recht gewesen, schallt es ihm lauthals entgegen.

Der Bürgermeister der Freien und Hansestadt reagiert darauf abwehrbereit. Etwas fahrig und ziemlich erschöpft, während er mit schmalen Händen die eingefallenen, bleichen Wangen massiert, sitzt er inmitten seiner Parteifreunde, um entschieden »dem falschen Eindruck« zu widersprechen: Er habe sich »durchgesetzt«? Das könne »so nicht im Raum stehenbleiben«.

Nein, das gefällt ihm nicht - und schon gar nicht »vor dem Hintergrund eines Geschehensablaufs«, auf dem er noch am Donnerstag nachmittag in seinem Büro beharrt. Vehement beschreibt sich Voscherau dort in der Rolle des »ehrlichen Emissärs«, der zu keiner Zeit im Schilde führte, »die Sache kaputtzuverhandeln«.

Das will er der GAL noch einmal vermitteln, aber um die Grünen geht es ja kaum mehr. Der Sozialdemokrat denkt bei seinem Ärger über ein »unliebsames Medienecho« allem voran an die eigene Partei, deren »labiler Seelenzustand« ihn mit Sorge erfüllt. Muß sich auf die Genossen, zumal die Linken, nicht als »demütigend niederschlagen«, wenn er nun zum klammheimlichen Triumphator umgedeutet wird?

Derart mißverstanden worden zu sein erscheint ihm als ungerecht, und nachdem »die Sache« schiefgelaufen ist, sieht sich der rote Stadtregent lieber in der Pose des eigentlichen Verlierers. Er hat versucht, die Ökos der Krista Sager und Co. »redlich zu überzeugen«, und es nicht geschafft. Jetzt hält er für wichtig, jenen Freunden aus seiner »wunden SPD« beizustehen, die darunter besonders leiden.

Henning Voscherau als Therapeut - eine Selbstdarstellung, die sich freilich rasch wieder verflüchtigt. Dem in Augenblicken milde gestimmten Hierarchen folgt der Egozentriker, der »den Maßstab« setzt.

Mehrere Wochen lang hat der bei den Bürgerschaftswahlen um die absolute Mehrheit gebrachte Hanseat zähflüssig sich dahinquälende Koalitionsgespräche geführt, die von Anfang an um einen bombastischen Popanz kreisten. Den nannte der 52jährige Dr. jur. und Hobby-Philosoph schlicht »die Wirklichkeit«.

Es ging (und geht) ihm um »die Realitäten der Stadt« mitsamt ihrer vermeintlich unverzichtbaren Großprojekte wie der Erweiterung des Hafens oder der vierten Elbtunnelröhre - Voscheraus berühmte »Eckpunkte«. Die mögen dem Wesen nach durchaus ein politisches Programm beschreiben, doch das ist dem Notar zuwenig. Er versieht sie mit den Weihen einer gleichsam objektiv feststellbaren Faktizität, von der dann »auch leider keine Abstriche gemacht werden können«.

Die widerspenstige GAL »auf diese Wirklichkeit hin zu konditionieren«, ist ihm mißlungen - aber darf das als Grund gelten, nun »den Grünen in der eigenen Partei« den schmerzlichen Lernprozeß zu ersparen? Das werde es mit ihm nicht geben, sagt der schwer gebeutelte Obersozi finster. »Ich bin ja glücklicherweise imstande, meine Brötchen anderweitig zu verdienen.«

Da ist es wieder, das Spiel mit der von Voscherau so geliebten Rücktrittsdrohung, zu dem er schon zu Beginn des Wahlkampfs Zuflucht genommen hatte. Und hervorgeholt wird nun zugleich wieder jenes Selbstbild vom »vorsichtigen Falken, der sich von seiner Partei nicht fangen läßt: Ich brauch' 'nen freien Rücken«.

Wird so diesmal tatsächlich das Ende eingeläutet, das auch im Oktober ziemlich nahe schien? Da hatte der Bürgermeister dann schließlich doch eine »krachende Niederlage« quittiert, die ihm per Vorstandsbeschluß den Kontaktversuch mit der Grün-Alternativen Liste auferlegte.

Doch gestern ist gestern und keine Verpflichtung für ihn, sich ständig solchermaßen »parteifromm« zu verhalten. War das nicht ohnedies ein unsinniger Akt der »feigen Linken«, gerade ihn für das Tete-a-tete mit den Grünen auszugucken? Das sieht er heute ganz klar - und er wäre ja auch »nach Hause gegangen«, hätte ihm die SPD die mit seinem Mentor Helmut Schmidt verabredeten Eckpunkte beschnitten.

Am Tag nach dem Debakel darf er sich, so betrachtet, als rundum unabhängig fühlen. Nicht einmal den Bundesvorsitzenden und Kanzlerkandidaten Rudolf Scharping, den er am Morgen gleich zur Berichterstattung angerufen hat, scheinen die Hamburger »Vorgänge« sonderlich zu berühren. »Ich hab's ihm mitgeteilt«, sagt Voscherau lapidar, »und dann haben wir über anderes gesprochen.«

Aber das ist ja nur der eine Teil seiner wahren Empfindungen, mit dem das isoliert wirkende Stadtoberhaupt diesen 11. November zum ganz normalen Datum herunterredet. Der andere Teil, der ihn aufwühlt, widmet sich um so intensiver den obwaltenden Schwierigkeiten, in die er seine hanseatischen Genossen nun unheilvoll verstrickt glaubt: Werden die endlich von der »Wolke« herabsteigen, um die herrschenden Realitäten zu akzeptieren?

Quo vadis SPD, quo vadis Voscherau? Zunächst einmal, sagt der Bürgermeister, sei es nicht das Wichtigste, einen Koalitionspartner zu finden. »Entscheidend ist, wie stehen die 58 da« - jene nach der Septemberwahl den Sozialdemokraten verbliebenen Parlamentarier, denen er heißen Herzens wünscht, zur gemeinsamen Sache zurückzukehren.

Denn den Bürgermeister plagt ein gewaltiger Bammel, daß ihm noch am selben Abend die Partei um die Ohren fliegt - doch da geschieht ein »kleines Wunder«. In knapp zweieinhalb Stunden schafft sich der Landesvorstand die verwelkten öko-sozialen Träume vom Hals, um alsdann nahezu einstimmig die Flucht in eine irrlichternde Alternative anzutreten. Rot-Grün ist tot, es lebe Rot-Grau mit den neuen Freunden von der Statt Partei.

Und Henning Voscherau, wie er hernach anerkennend vermerkt, hat sich dabei nicht mal krummlegen müssen. Die Linken selbst hätten sich »knochentrocken« der entstandenen Lage gestellt: »Das sind zumindest in diesem Gremium«, revidiert der Kritiker seine trüben Taggedanken, »alles politisch hochrationale Menschen.«

Ist das schon der Durchbruch, der es dem Stadtvater anschließend gestattet, einen fröhlichen Stammtisch aufzusuchen? Der vorsichtige Falke möchte sich da nicht zu früh festlegen, aber er kennt bereits den Weg, auf dem sich die SPD befreien könnte:

Es müsse an der Basis bloß »der Desillusionierungsprozeß« voranschreiten.

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