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»Ich fahre so fort«

aus DER SPIEGEL 42/1996

SPIEGEL: Herr Walser, die Landessprache, in der Sie schreiben, soll sich ändern - statt »Gemse« soll künftig »Gämse«, statt »rauh« »rau«, statt »Stengel« »Stängel« und statt »Haß« »Hass« geschrieben werden. Wie finden Sie das?

Walser: Bei uns im Süden hat man immer »Gämse« gesagt und, unter hochdeutschem Druck, »Gemse« geschrieben. »Rau« statt »rauh« werde ich nie schreiben. Dem »Hass« tut die Verschärfung gut.

SPIEGEL: In Ihrer Novelle »Ein fliehendes Pferd« schreiben Sie von einer »leichtbekleideten Braungebrannten«. Wie werden Sie verhindern können, daß in Neuausgaben Ihres Buches daraus demnächst eine »leicht bekleidete Braungebrannte« wird?

Walser: Ich habe ein Autorenleben lang verhindern müssen, daß die unter Duden-Diktat lebenden Lektorate mir in meinen Büchern »eine Zeit lang« zu »eine Zeitlang« zusammenschweißten. »Eine Zeit lang« soll jetzt sein, dafür muß ich jetzt »leichtbekleidet« gegen rohe Trennung verteidigen.

SPIEGEL: Haben Sie die Frankfurter Erklärung als Romancier unterschrieben oder als engagierter Staatsbürger?

Walser: Als Zeitgenosse.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich den neuesten bürokratischen Kraftakt der Kultusbehörden? Fühlen Sie sich nun ein bißchen in der Rolle Ihres jüngsten Romanhelden »Fink«, eines Streiters wider die staatliche Allmacht?

Walser: Stefan Fink würde diese Probleme als Luxusprobleme empfinden. Mich hat erst das mobilisiert, was Friedrich Denk und Dieter E. Zimmer über den Anteil der Konzerne an dieser Reform veröffentlicht haben.

SPIEGEL: Wollen die Kritiker der Reform nicht bloß ein Stück notwendiger Modernisierung verhindern?

Walser: Ich leide nicht unter dem Modewahn, in allem ein Attentat gegen die ihrerseits doch recht diktatorisch gewesene Moderne zu sehen.

SPIEGEL: Haben Sie zu der Reform eine Alternative anzubieten außer dem Status quo?

Walser: Ich fahre fort, die Wörter möglichst so zu schreiben, wie ich sie höre und wie ich sie ihrer Herkunft nach verstehe. Rechtschreibnormen sind Zentralismusblüten, Haupteffekt: Fehlerproduktion. Soll doch jeder, auf eigenes Risiko, schreiben, wie er will. Er will verstanden werden, soll er's versuchen auf seine Art. Wie gut und eigenartig hat das Goethes Mutter in den Briefen an ihren Sohn praktiziert. Ein Gutes kann der Rechtschreibstreit bringen: Diese Regeln sind überhaupt von minderer Bedeutung. Eine Milliarde sind sie nicht wert.

SPIEGEL: Warum sind die deutschen Schriftsteller so spät wach geworden? Immerhin ist die Reform schon seit Anfang Juli nach langjährigen Verhandlungen besiegelte Sache, und in den Schulen wird sie vielerorts schon praktiziert.

Walser: Solange man abends im Freien sitzen kann, mag ich mich nicht mit Normen belästigen, die mich nicht beleben. Und tagsüber arbeite ich ja. Erst der sach- und fachverständige Friedrich Denk, dessen Bücher für mich Nachschlagwerke sind, hat mich aus dem verantwortungsscheuen Sommerschlaf geweckt und an die Unterschreibfront zurückgeholt. Komisch, daß Schriftsteller für und gegen Normen streiten, an die sie sich sowieso nicht halten.

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