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Stasi »Ich führe ein unnützes Leben«

aus DER SPIEGEL 42/1993

Daß der Rechtsanwalt Stefan König seine Praxis in einem abgeblätterten Haus in Berlin-Kreuzberg führt, sollte nicht täuschen. Drinnen, im Büro, glänzt der Lack, und schräges Mobiliar signalisiert, daß der Jurist durchaus auf der Höhe der Zeit ist.

König, ein etwas fahriger Typ von scharfem Verstand, entstammt dem linken, wie man damals sagte: »gesellschaftskritischen«, Biotop. Aus jener Zeit ist eine Zuneigung zu Heinrich Heine geblieben: »Gescheiterte Revolutionäre«, zitiert der Anwalt den Dichter, »werden entweder katholisch oder verrückt.«

Der Strafverteidiger läßt die Bemerkung absichtsvoll fallen. In seinem derzeit prominentesten Fall hat der Mandant ein derart verheerendes Ansehen, daß die Aura eines Dichterwortes nur hilfreich sein kann.

König verteidigt Erich Mielke, den letzten der greisen Bösewichte, an denen sich der Rechtsstaat versucht. Erich Honecker, der nach Chile entfleuchte Zellennachbar, hat Mielke zum Abschied seinen Fernseher geschenkt. Aber selbst der funktioniert nicht. Die Fernbedienung fehlt.

Der ehemalige Stasi-Chef ist eines Verbrechens angeklagt, das 62 Jahre zurückliegt. Kurz vor dem Ende der Weimarer Republik soll er am Bülowplatz in Berlin gemeinsam mit einem KPD-Genossen die Polizisten Paul Anlauf und Franz Lenk erschossen haben. Die Gestapo ermittelte den damals 23jährigen Kommunisten als Täter. Mielke floh nach Moskau.

Als die Mauer einstürzte, fiel es der Justiz schwer, für den Kerkermeister der DDR eine angemessene Anklage zu finden. Mehr noch als Honecker war Mielke die Symbolfigur des Unterdrückungsapparates. Und nun sollte er vor Gericht stehen, weil seine Schnüffler Briefe geöffnet oder der Intershop in Wandlitz die Fernseher zu billig an die Herrscher-Kaste verkauft hatten?

Die Ankläger scheuten sich, »mit diesen Fummelgesetzen zu kommen«, wie die ostdeutsche Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley die rechtsstaatlichen Verrenkungen verspottet. Statt dessen zogen sie die Gestapo-Akten.

Jetzt wird, vermutlich noch diese Woche, das Urteil gefällt. Aber längst geht es nicht mehr um lebenslänglich oder Freispruch für den Mord. Da jedem lebenslang Gefangenen, so das Bundesverfassungsgericht, vor dem Ende eine Chance auf die Freiheit erhalten bleiben muß, ist die Frage, wann ist das Ende eines 85jährigen gekommen, wann muß Mielke freigelassen werden?

Wäre er verrückt, müßte der Bülowplatz-Richter Theodor Seidel ihn gehen lassen. Zu Beginn des Prozesses hatte Mielke auf Empfehlung des König-Vorgängers Jürgen Wetzenstein-Ollenschläger, der sich voriges Jahr ins Ausland abgesetzt hat, den Lederhut in die Stirn gezogen und den Schwachsinnigen gespielt.

Die Richter entlarvten den Simulanten, und nun rächt sich die Maskerade. Als der Psychiater Werner Platz dem ehemaligen Minister für Staatssicherheit schwere Depressionen und »eine Lebensphase, in der nur noch eine signalhafte Wahrnehmung der eigenen Person und der Umwelt erfolgt«, attestierte, lehnte das Gericht die dringend empfohlene Haftverschonung ab. Die Richter argwöhnten, daß der alte Tschekist seine Leiden schauspielerisch verstärkt.

Selbst wenn Mielke nach dem Bülowplatz-Urteil die Haft, etwa wie die ehemaligen Genossen Heinz Keßler und Fritz Streletz, nicht antreten muß, bleibt er weiter im Knast. Zwei weitere Haftbefehle halten ihn fest. Vergebens suchte König Richter und Staatsanwälte jener Ermittlungsverfahren zu erweichen, die in Bärbel Bohleys Fummelkategorie fallen.

Sitzt Mielke, wie einst Rudolf Heß, als Symbol des Bösen bis an das Ende seiner Tage ein? Büßt er nun, nachdem Honecker weg ist, allein für alle?

Dem Rechtsanwalt König kam schließlich der zeitgemäße Gedanke, die Presse für seinen Mandanten einzuspannen. Die Beschreibung des tattrigen Greises, fern von Opfern und Taten, so Königs Kalkül, könnte beim Publikum mitmenschliche Regungen wecken und auch die Richter milder stimmen.

Der Zustand des einst am meisten gefürchteten Menschen der DDR weckt Interesse. Aber dürfen sich Journalisten in diesem Fall auf diese Weise benutzen lassen? Vielleicht dürfen sie, wenn sie die Voraussetzungen ihres Artikels öffentlich machen.

Über den Linoleum-Flur des Haftkrankenhauses Moabit tappen kurze Schritte. Mielke kommt aus seiner Zelle, schlurft durch die offene Tür des Besprechungszimmers und reicht die gichtige Hand. Der khakifarbene Anstaltsanzug ist zu groß, die Füße stecken in grün-weißen Turnschuhen. Die kurzen grauen Haare stehen etwas borstig vom Kopf, den Lederhut trägt er nur im Winter.

Als er am Tisch sitzt und seinen Spazierstock angelehnt hat, zieht er vorsichtig einen Briefumschlag aus der Jackentasche. Das Couvert ist beschrieben, drinnen stecken Notizzettel. Da er offenkundig Angst hat, Spuren zu hinterlassen, trägt er den Umschlag - gewissermaßen ein letztes Aktenstück - stets bei sich.

Fast tonlos, den Mund kaum geöffnet, beginnt er zu reden: »Ich spüre täglich ein Abnehmen der Kräfte, psychisch und physisch gehe ich kaputt, man wird so erniedrigt von den Umständen, ich werd'' hier meschugge, ich führe ein unnützes Leben, das beste wäre ein Herzstillstand, daß man weg wäre.«

In Wandlitz schwamm er täglich, hier spaziert er im Hof: »Wenn ich aufstehe«, er stemmt sich vom Stuhl hoch, »muß ich warten, bis das Blut wieder in den Beinen ist.« Gegen die Atemnot hat er »das Herzspray immer dabei«. Aber anders als Honecker fehlt ihm ein konkretes Leiden, das die Freiheit bedeuten könnte. Die Gesichtsfarbe ist gesund. Seine einzige Krankheit ist sein Alter.

Er sieht fern und liest Tageszeitungen. Seit ihm die Kundschafter keine Berichte mehr vorlegen, ist er auf den Nachrichtensender ntv angewiesen, der den Tschekisten ganztägig berieselt. Am frühen Abend schaltet der Mithäftling, dem der Fernseher gehört, das »Glücksrad« ein, »aus Gründen des Konzentrationstrainings«, erläutert Mielke.

Da er kaum Geld hat, bezahlen die diversen Sympathisanten die Zeitungs-Abos. Das Vermögen in Höhe von rund 300 000 Mark hat der Staatsanwalt beschlagnahmt - Schadenersatz für die Billigverkäufe in Wandlitz. Die Rente des ehemaligen Armeegenerals, stasi-üblich 802,00 Mark, verzehrt Ehefrau Gertrud in der Zwei-Raum-Wohnung in einem der Ost-Berliner Neubau-Silos.

Mielke liest den Tagesspiegel, die Süddeutsche Zeitung und die alternative taz, die er beharrlich und in vollem Ernst »tass« ausspricht. Natürlich bezieht er weiterhin das Neue Deutschland, von dem er behauptet, daß es neuerdings »eine gute Zeitung geworden ist«.

In der Zeit hat er eine Serie über seinen ehemaligen Unterhändler, den Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, gelesen. Abwesend, als ob er durch einen Vorhang spricht, sagt er, es sei »interessant, was die über den sogenannten Menschenhandel schreiben«.

Obwohl Mielke, wie in alten Zeiten, die Nachrichten in sich hineinfrißt, scheinen die Informationen keinerlei Rückstände zu hinterlassen: »Man hat keine Haltung zu den Dingen«, murmelt er vor sich hin.

Jedenfalls nicht zu den unangenehmen. Wie Honecker blockt er alles ab, was entfernt nach Schuld klingt. Daß er anfangs den schwachsinnigen Narren gespielt hat, ist ihm inzwischen unangenehm. Seine Rolle ist jetzt der »unerschütterliche Marxist/Leninist, ich denke nicht daran, von meiner Lebenshaltung abzuweichen«.

Krisen nimmt der starre Geist ("Ich bin nicht völlig verblödet, aber vergeßlich") nur dort wahr, wo der ehemalige Gegner in der Bredouille ist: »Die armen _(* Anläßlich Mielkes 70. Geburtstag in ) _(Wandlitz. ) Leute von Bischofferode, alles was wir aufgebaut haben, wird kaputtgemacht.«

Besonders aufmerksam verfolgt der ehemalige Sicherheits-Chef, daß Sitte und Ordnung im neuen Deutschland »den Bach runtergehen«. »Mord und Totschlag, brennende Heime«, das habe es früher nicht gegeben; »lassen Sie das mal prüfen in Ihrem Archiv«, empfiehlt der langjährige SPIEGEL-Leser.

Zur Bundestagswahl im nächsten Jahr will er bei der PDS sein Kreuz machen, ob es denen gefällt oder nicht. »In den Grundfragen des Lebens« nehme die Partei »die richtige Haltung ein«. In jüngster Zeit gab es nur einen Dissens. Der Sportfan Mielke, bei dem einst sein Lieblingsfußballer Andreas Thom oft im Haus war, hätte Olympia gern in Berlin gesehen. Aber da dieser Wunsch gegen die Parteilinie verstößt, behält er ihn für sich.

Mielke sieht sich untergehakt neben anderen Hierarchen des alten Regimes. Markus Wolf, seinen so unendlich eleganteren Stellvertreter, dem er die ewigen Frauengeschichten übelnahm, hat er inzwischen verziehen. Er lobt ihn dafür, daß Wolf sich seinem Prozeß gestellt hat.

Die Devise heißt, vor der Ewigkeit bestehen. Die ehernen Vokabeln von den »Entwicklungsgesetzen der Gesellschaft« sitzen bei Mielke wieder ganz fest.

Solange die Themen nicht zu schnell wechseln, kann er dem Gespräch gut folgen. Nach einer Dreiviertelstunde läßt er sich in den Gefängnishof stellen und fotografieren. Er trägt den gleichen maskenhaften Gesichtsausdruck, der ihn während der gesamten Unterhaltung nicht verlassen hat.

Er ist mißtrauisch, weiß nicht recht, ob dieser Auftritt eine gute Idee ist.

Mielke steckt in einem Dilemma. Einerseits müßte er debil und hinfällig sein, um von der Haft verschont zu werden. Andererseits gefällt ihm die Rolle des politisch Verfolgten, der angeblich seiner Überzeugung wegen im Gefängnis sitzt.

Er ist fest davon überzeugt, und Briefe und Besuche von alten Kämpfern bestärken ihn, daß er Opfer eines politischen Prozesses ist. Die Heldenrolle aber läßt ihm frische Kräfte zuwachsen: »Ich will nicht als Jammerlappen erscheinen.« Schließlich ist er so aufgekratzt, daß er einen Wandervogel-Vers rezitiert: »Jetzt nehm'' ich die Klampfe von der Wand und lasse das Trauern sein . . .«

Zum Abschied liest er noch einmal die Notizen auf dem Briefumschlag durch. Er will sich vergewissern, daß er nichts Wichtiges vergessen hat. Ganz unten steht in großen steilen Buchstaben »Frank«.

Die Phantasien des Alten kreisen um den einzigen Sohn, der als Internist in der Ost-Berliner Bettenburg Hellersdorf praktiziert. Der Vater nimmt Anteil und hat ihm neulich einen Zeitungsbericht über die Abrechungs-Usancen der Kassenärztlichen Vereinigung ausgeschnitten.

Der Sohn wirft seinem Vater vor, in der alten DDR alles gewußt und nichts unternommen zu haben. Er wisse nicht, wie lange das noch gutgehe, hat der Stasi-Chef 1987 gesagt, aber dann vor Honecker und der Partei gekuscht. In der Mielke-Familie gilt der Alte als höchst anpassungsfähig.

Von der PDS-Hochburg Hellersdorf aus gesehen, muß sich die Welt in einem eigenartigen Zustand darbieten. In fünf, sechs Jahren würden Honecker und der Vater, wenn es so weitergehe, Märtyrer sein. Man werde sich an die Männer mit den richtigen Ideen zur falschen Zeit erinnern. Der Sohn zieht einen verblüffenden historischen Bogen: Napoleon habe doch Europa in einen Krieg gestürzt und sei heute in Frankreichs Schulbüchern ein Heros.

Aus einer Altbauwohnung im Prenzlauer Berg sieht die Welt grundlegend anders aus. Bärbel Bohley kann nicht begreifen, wozu die Beschäftigung mit Erich Mielke noch gut sein soll. Der Prozeß nach 62 Jahren sei »absurdes Theater«. Daß der Unterdrücker nicht der Unterdrückung schuldig sein soll, sondern eines Verbrechens aus ferner Zeit, findet sie schlimmer, als Mielke gleich laufenzulassen: »Für die Empfindungen der Menschen«, urteilt sie über den Prozeß, »wird eine falsche Spur gelegt.«

Worauf nach westlichem Verständnis alles fußt, »euer Rechtsbewußtsein, darauf kommt es gar nicht an«. Daß an Leuten wie Mielke, »den engsten Kleinbürgern«, die gescheiterte DDR-Geschichte aufgerollt wird, ist ihr ein Greuel.

Vor Gericht zerfällt der Alptraum, der ein ganzes Leben gedauert hat, in kurze Episoden, in Satzfetzen und lückenhafte Erinnerungen, die Ankläger und Verteidiger nach Bedarf interpretieren. Davon, wie es war, findet sich nichts wieder.

Die Schuld, sagt Bärbel Bohley, muß laut und öffentlich »benannt werden«. Was dann mit dem Mielke passiere, sei ihr gleichgültig. Soll er leben wie die Ärmsten im Lande, im Altersheim, im Vier-Bett-Zimmer. Oder als Gärtner im Kanzleramt von Helmut Kohl. Y

»Für die Empfindungen wird eine falsche Spur gelegt«

* Anläßlich Mielkes 70. Geburtstag in Wandlitz.

Joachim Preuß
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