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USA »Ich greife mir die Typen«

Moderne Kopfgeldjäger spüren Justizflüchtlinge auf - ohne Polizeiauftrag, aber völlig legal. Die Menschenhatz ist zu einem einträglichen Geschäft geworden.
Von Petra Sorge
aus DER SPIEGEL 14/1997

Bob Burton schätzt einen Satz des Schriftstellers Ernest Hemingway ganz besonders: »Keine Jagd ist wie die auf Menschen, und jene, die lange genug bewaffnete Männer gejagt haben, werden sich danach für nichts anderes mehr interessieren.«

Burton, 55, Vietnamveteran, Karatekämpfer, professioneller Motorradrennfahrer, ist so ein Typ. Sein Beruf: »Bounty Hunter« - ein Kopfgeldjäger, stets hinter Menschen her, die sich dem Zugriff der Justiz entziehen wollen. Dabei ist er zum »Adrenalin-Groupie« geworden, wie er sich selbst beschreibt, der »schrecklichen Langeweile des bürgerlichen Lebens« nicht mehr zugetan.

Er hat es versucht, natürlich. Als Versicherungsagent hat er gearbeitet, und zweimal verheiratet war er auch. Aber das Abenteuer lockte ihn immer wieder außer Landes - der Bürgerkrieg in San Salvador etwa oder der häßliche Überlebenskampf des weißen Apartheid-Regimes in Südafrika, wo er als Reporter des Söldnerblattes SOLDIER OF FORTUNE im Einsatz war.

Heute lebt Burton in Tombstone (Arizona), vor allem wegen der »tollen Adresse«. Mit Tombstone ist amerikanische Westerngeschichte verbunden. Wyatt Earp und Doc Holliday lieferten sich 1881 dort den berühmten Shoot-out mit der Clanton-Bande am O. K. Corral.

»Tot oder lebendig«, hieß es damals auf den Fahndungsplakaten. Die ausgelobten Prämien lockten Menschenjäger von überall her. Zu ihren modernen Nachfolgern zählen heute 1100 Männer und einige Frauen: So viele Mitglieder hat die von Burton gegründete »National Association of Bail Enforcement Agents« mit Hauptquartier in Tombstone. Beim Einsatz ziehen sie blaue Jacken an, auf denen in grellen gelben Buchstaben steht: »Fugitive Recovery Task Force« (etwa: »Einsatztruppe zur Ergreifung Flüchtiger").

Nicht Rechtsbewußtsein treibt diese zivilen Hilfssheriffs, sondern die Gier nach der Belohnung. Die Menschenjäger arbeiten im Auftrag der »bondsmen«, einer Art Versicherungsmakler im amerikanischen Justizsystem, die für Beschuldigte bis zum Gerichtstermin die Kaution stellen.

Gegen 10 bis 15 Prozent der vom Richter festgesetzten Summe unterschreibt der »bondsman« die durch Grundbesitz oder andere Werte abgesicherte Kautionsgarantie. Erscheint der Angeklagte nicht vor Gericht, bleibt ihm eine je nach US-Staat unterschiedliche Frist, um den Beschuldigten vorzuführen - in Kalifornien 181 Tage, im Staat New York bis zu einem Jahr. Danach verfällt die Kaution.

Wenn der Geprellte sich nicht auf die Fahndungsbemühungen der Polizei verlassen will, alarmiert er die privaten Jäger. Sie sind über das Land verteilt, arbeiten oft als Teams und teilen sich die Beute. Die »bondsmen« übertragen den Kopfgeldjägern ihre »authority of arrest« - in der Praxis so gut wie ein Jagdschein.

»Wir räumen den Abfall von den Straßen«, meint in Macho-Manier der ehemalige Berufssoldat Norman Jennings, 58, der während des Vietnamkriegs 34 Monate hinter den feindlichen Linien operierte. Sein gleichaltriger Kriegskamerad von damals, Mel Barth, übernahm illegale Nachschubflüge für die heimlich von der CIA finanzierten Contras in Nicaragua und verlor darüber seine Pilotenlizenz.

Kollege Warren Levicoff, 51, der gern weiße Strohhüte und Cowboystiefel trägt, ist zwar nicht Vietnamveteran, war aber immerhin Fotograf an der Militärakademie West Point. Was er bei der Armee versäumte, hat er als Zivilist nachgeholt: Levicoff ist Tiefseetaucher, Fallschirmspringer und Schießlehrer.

Palästinensische Polizisten, die von den Amerikanern derzeit ausgebildet werden, erhalten von Levicoff in Philadelphia auf dem Schießstand ganz offiziell den letzten Schliff. Der Nebenjob als Kopfgeldjäger freilich macht ihm mehr Spaß. Seine Frau kann die Faszination für dieses Gewerbe nach 30 Jahren noch immer nicht begreifen: »Sie haßt meinen Job«, sagt Levicoff.

Erst zweieinhalb Jahre ist Robert Randall bei der Greifertruppe, ein ehemaliger Marineinfanterist und Elektronikspezialist. Elf Jahre arbeitete er im Topmanagement von IBM; bei einer Umstrukturierung erwies er sich als überflüssig, und nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit war er pleite. Zufällig entdeckte er eine Anzeige für Burtons Bounty-Hunter-Akademie in Tombstone - für Randall »Erleuchtung und Rettung zugleich«. Inzwischen ist er sicher: »Es wird nicht mehr lange dauern, und ich verdiene soviel wie bei IBM.«

Ein Schnellkurs in Tombstone, 427 Dollar Schulgeld, zwei Paar Handschellen - mehr ist für die Aufnahme in die Jägerzunft nicht erforderlich. Burtons Lehrgänge sind ausgebucht, die Hatz auf Justizflüchtlinge ist »big business« - allein in New York werden mehrere hunderttausend Personen auf den Fahndungslisten geführt.

George Formoe, 30, ein ehemaliger Footballspieler und Sprengstoffspezialist der Marineinfanterie, macht einen »Haufen Kohle«, weil keine Bestimmungen seinen Eifer bremsen: »Ich greife mir die Typen und liefere sie ab, basta.« Formoe, dessen Vater und Bruder reguläre Cops sind, tritt notfalls die Türen ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl ein.

»Ein anderes als dieses Leben in der Grauzone«, meint der zwei Meter große und 135 Kilogramm schwere Kerl, »kann ich mir nicht vorstellen.« Der Junggeselle, der im linken Ohr einen Diamanten und am Gürtel eine Smith & Wesson trägt, legt im Jahr rund 100 000 Kilometer mit dem Auto zurück - stets auf der Fährte von Gesuchten und in der Hoffnung auf die damit verbundene Handvoll Dollar.

Unlängst setzte er einen Mann fest, der den Liebhaber seiner Frau angeschossen hatte. Der Richter ließ den Täter gegen 250 000 Dollar Kaution in Freiheit. Doch dann starb das Opfer. Der Beschuldigte, dem nun wegen Mordes eine lange Freiheitsstrafe droht, setzte sich aus South Carolina ab. »Big George«, wie man Formoe in der Branche nennt, entdeckte den Mörder in einer Sozialsiedlung im texanischen Houston. Er kletterte über die Feuerleiter und schlich sich ins Zimmer des Flüchtigen: »Der hatte die Handschellen dran, bevor er richtig wach war.« Der Einsatz brachte 25 000 Dollar.

Veteran Burton nimmt inzwischen nur noch Fälle an, die mindestens 10 000 Dollar verheißen; mit mehr als einem Dutzend Verfolgungen im Jahr will er sich nicht abplagen. Ihn reizen inzwischen andere Aufgaben, die Fahndung nach gestohlenen Gemälden etwa - oder die Suche nach entführten Kindern.

Einmal lockte er einen marokkanischen Koch, der seine Tochter aus Amerika nach Nordafrika verschleppt hatte, nach Gibraltar. Burton hatte sich als Hotelier ausgegeben und dem Marokkaner am Telefon erklärt, er könne Frau und Kinder auf Kosten des neuen Arbeitgebers zu einem Wochenendbesuch mitbringen.

Der ahnungslose Mann reiste mit Familie an, die »bounty hunters« fesselten ihn und brachten das Kind in die USA. Dem Hotelempfang in Gibraltar meldeten sie: »In Zimmer 38 ist ein Gast, der Hilfe braucht« - der verschnürte Koch.

Die Profis nehmen die Fährte meist am Computer auf. Erscheint irgendwo die Sozialversicherungsnummer eines Flüchtigen, weil er arbeitet? Hat er einen Führerschein in einem anderen Bundesstaat beantragt oder einen neuen Telefonanschluß angemeldet? Hat er Kontakt zu Freunden aufgenommen? Kripo-Arbeit, »95 Prozent Routine, 5 Prozent Terror«, sagt Burton. Nach 30 Jahren einschlägiger Erfahrung weiß der Kopfgeldjäger auch, daß »jeder Flüchtige seinen Judas« hat: eine verlassene Freundin, einen betrogenen Arbeitgeber. An dieser Schwachstelle läßt sich ansetzen, notfalls mit Bestechungsgeldern.

In sieben Jahren hat der ehemalige Zirkusclown Michael Siegel, 37, mehr als 400 Flüchtige festgenommen. Sein höchstes Honorar betrug 150 000 Dollar. Dafür spürte er zwei Italiener in ihrer Heimat auf, die nach Hinterlegung von einer Million Dollar geflüchtet waren. Sie hatten einen Killer gesucht, der in ihrem Auftrag den Manager eines Shopping-Centers ermorden sollte, weil er den Mietvertrag für ihr Restaurant nicht erneuern wollte.

Barth und sein Partner Jennings haben gerade einen flüchtigen Rauschgiftdealer auf den Bahamas geortet. Allerdings zögern sie noch mit dem Einsatz, weil ausländische Justizbehörden eine Verschleppung in die USA als illegal betrachten. Für den Fall, daß sie ihr Opfer nicht von der Insel locken können, haben die beiden einen Alternativplan ausgearbeitet: Sie werden nicht den Mann selbst, sondern seine Jacht schnappen - den »bondsman« interessiert ja nicht vordringlich die Vorführung des Angeklagten, sondern sein Geld.

Der Job ist laut Burton zwar nicht »gefährlicher als der eines Korrespondenten in Bosnien«, zumal er jeden Einsatz so sorgfältig »wie ein Choreograph plant«. Dennoch kommt es zu Pannen. Vor fünf Jahren traf den Veteranen in einem Motel von Las Vegas die Kugel eines Flüchtigen unter dem linken Fußknöchel.

»Rund um die Uhr«, so Jäger Siegel, lasse er sich von seinem Rottweiler begleiten, einem »phantastisch auf den Job dressierten Tier«. Einmal, bei einer scheinbar harmlosen Mission, ließ der Kopfgeldjäger seinen Hund im Auto zurück. Der Gesuchte stand bereits mit gespreizten Beinen an der Wand, und Siegel hatte ihm die Handschellen angelegt, als ein Freund aus dem Nebenzimmer stürzte und den Häscher mit einem Messer angriff. Die Klinge bohrte sich in den Magen. In letzter Sekunde konnte Siegel sich schwer verletzt retten. Er arbeitet seither nie mehr als Solist.

Profis wie Barth wissen: »Was Routine zu sein scheint, kann von einer Sekunde auf die andere zum Drama werden.« Die Gefahr ist auch nach erfolgreichen Aktionen nicht vorbei. Irgendwo kann ein Komplize lauern, der zum Rächer des Verhafteten werden will. »Wenn mir einer dieser Typen mit Vergeltung droht«, erklärt Jennings »dann mache ich ihm klar: Falls du in die Nähe meiner Familie kommst, auch nur zufällig, knalle ich dich ab.«

Er klopft auf seine Pistole, Kaliber neun Millimeter, und grient, ein Rambo vom Scheitel bis zur Sohle: »Don''t try me.«

* Im Deckel des Gewehrkoffers: Fotos der von LevicoffFestgenommenen.

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