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Artikel 23 / 86

»Ich hab' keine Erinnerung davon«

aus DER SPIEGEL 47/1976

Der in München, im Freistaat Bayern, residierende Rolf Bossi, 53, Star-Verteidiger von Beruf, macht einen Besuch bei den Nordlichtern, Gulliver im Lande Liliput, im engen Gehege einer Hansestadt, sein Auftritt in Hamburg ist Große Oper, unter Blitzlichtern und Scheinwerfern zieht er ein, Placido Domingo und Carlo Bergonzi in einer Person, fähig, das zweigestrichene C länger zu halten als jedes Orchester, ein Heilsbringer in dem Landschaftsteil des Rechtslebens, in dem gesungen werden darf, in der Region des Strafrechts also.

Die Gesellschaft der Bundesrepublik, diese Gesellschaft, braucht nicht nur Strafverteidiger, sie hat auch Star-Verteidiger nötig. Beunruhigung, ja sogar äußerste Irritation ist in einem Lande notwendig, das nicht gerade mit Talenten in Sachen Fürsprache, sondern eher mit Begabungen im Anklagen und im Richten gesegnet ist; in einem Lande, in dem sich eine Vorstellung vom Beruf des Strafverteidigers erst bildet.

Wo die Star-Verteidiger einer auslaufenden Epoche wie etwa Erich Schmidt-Leichner und eben Rolf Bossi zuviel zu tun scheinen, wo sie beunruhigen und aufs äußerste irritieren -- dienen sie immer noch dem Bild einer zukünftigen Strafverteidigung.

Der Strafverteidiger tritt, so der Bonner Rechtsanwalt Hans Dahs, dem »Strafanspruch des Staates entgegen": »In einem gewissen Sinne« hat er eine »gegen den Staat gerichtete, justizhemmende Funktion«. Derzeit läßt sich das eher per Star-Verteidigung denn in Stuttgart-Stammheim vorführen, beispielsweise in Hamburg, wenn der Star-Verteidiger Rolf Bossi so auftritt wie zwei weltberühmte Tenöre in einer Person.

Star- Verteidiger Bossis Auftritt in Hamburg hat allerdings einen gewaltigen Haken. Sein Auftritt vergrößert das öffentliche Interesse an einer Strafsache -- die von Anfang an mit einem Übermaß an öffentlichem Interesse geschlagen war.

»Ein vierfacher Frauenmord in Hamburg half der örtlichen Boulevard-Presse, die Sommerflaute zu überbrücken«, schrieb der SPIEGEL (31/1975). Star-Verteidiger Bossi hat während seines Besuchs bei den Nordlichtern ja auch einen Mandanten, Fritz Honka heißt er. Und dieser Fritz Honka hat im Sommer 1975 wochenlang Schlagzeilen gemacht, weil halt sonst nicht sehr viel los war. Der Fall Fritz Honka ist hochpubliziert worden. Fritz Honkas »riesige Schaufel-Hände«, Fritz Honka, der »Blaubart von Mottenburg«, der »Mörder mit dem Menjoubärtchen«, der »Massenmörder«, der die Frauen holte -- das alles hat Pressegeschichte gemacht, was die Pflege der Auflage angeht.

Fritz Honka, der vier Frauen getötet haben soll, ist, was die Gewichtigkeit seiner Taten angeht, in den Olymp der strafrechtlich ungeheuerlichen Vorgänge befördert worden, dorthin, wo ihm sogar, wie weiland Haarmann, auf den man nur ein Weilchen zu warten hatte, bis er mit dem Hackebeilehen kam, ein Schlager gewidmet wurde, der »Gern hab« ich die Frau'n zersägt« beginnt.

Es war vor der Hauptverhandlung zu lesen, daß Star-Verteidiger Bossi »für geplagte Kreaturen« eintritt, »die einfach keine Chance im Leben hatten«, daß er um Menschen bemüht ist, die »einen Menschen brauchen, der die äußeren Scheußlichkeiten ein bißchen wegwischt und das menschliche Schicksal »rauskehrt"«. Es war zu lesen, unwidersprochen: »Ich halte einen Freispruch für möglich!« Und es war auch zu lesen: »Von einem Freispruch sind wir himmelweit entfernt.«

Gewiß, die Kollegen sind keine Schar von Engeln (und ich selber bin auch nur ein Kollege). doch wer sieh etwas aus den Fingern saugt, tut sieh weh. Fritz Honka, so Star-Verteidiger Bossi: »Er zeigt keinerlei Gefühlsäußerung. Nur Selbstmitleid. Er hat wohl Angst vor der Strafe.« Fritz Honka, so Star-Verteidiger Bossi, hat »sein Sexualleben fast bis auf tierische Instinkte reduziert«. Und er ist auch »ein Triebtäter«, bei dem folgendes Vorgehen erfolgreich wäre: »Nimmt man ihm seine Männlichkeit« -- kastriert man ihn also -, »wäre der Trieb nicht mehr vorhanden; er würde gar keine Beziehung zu einer Frau mehr brauchen und darum auch nicht mehr töten.«

Star-Verteidiger Bossi hat im vorhinein öffentlich keinen Zweifel an seiner Taktik gelassen: »Freispruch und Einweisung in eine Anstalt. Wenn das nicht klappt, fünfzehn Jahre und Anstalt.« Und er hat sein Wissenschaftsverständnis unmißverständlich mitgeteilt: »... wenn der Trieb weg ist, richtet er nichts mehr an und kann wieder raus.«

Star-Verteidiger Bossi ließ auch wissen, »daß Strafverteidigung Dreckarbeit ist, ganz unten in den Tiefen menschlichen Daseins«. Die Feststellung einer Tiefe setzt die Annahme einer Höhe voraus, von der herab man tätig wird.

Unter dem Vorsitzenden Richter Reimer Hadenfeldt, 44, verhandelt eine Schwurgerichtskammer, die sieh äußerster Sachlichkeit befleißigt, die dem Angeklagten Fritz Honka mit der Achtung begegnet, die gerade einem Schicksal gebührt, das in die schwerste Kriminalität hineinführte.

Fritz Honka, 41, soll zwischen 1970 und 1975 vier Frauen, wahrscheinlich Prostituierte, getötet haben. Der Verdacht gegen ihn brach unter grotesken Umständen aus: In einer Etage unter der von Fritz Honka bewohnten Dachwohnung kam es am 17. Juli 1975 zu einem Brand. Bei der Suche nach Brandnestern fand man in seiner Wohnung die Reste von vier Frauenleichen. Fritz Honka legte zwei Wochen nachdem er festgenommen worden war, ein Geständnis ab, das er später widerrief.

Ein zierlicher, schmächtiger Mann, klein von Gestalt, 1 Meter 68 groß, das Zerrbild eines Gewalttäters. Die Geschichte seiner Kindheit und Jugend ist eine unselige Geschichte. Freilich, wir sind der »unhappy-childhood-story« müde. Sogar Dieter Hildebrandt ist der Mutzenbacher einmal in einer Fernsehszene, als sie schilderte, was sie erlitten hat als Kind, ins Wort gefallen -- sie stehe hier nicht vor Gericht.

Doch die Geschichten von der unseligen Kindheit und Jugend sind eine Realität. deren wir uns nicht durch Überdruß entledigen können. Und jene, die nur unglücklich und nicht kriminell werden, sind kein Argument gegen die unselige Kindheit und Jugend. Der Vater Fritz Honkas kam ins KZ. er soll Kommunist gewesen sein, was wir denn doch nicht als Unschuldsverbot für Fritz Honka betrachten sollten. Die Mutter war außerstande, mit neun Kindern zurechtzukommen. Das Kind Fritz Honka landete in einem Lager für die Kinder von KZ-Insassen.

Und als man ihn »befreit« hatte, geriet er schon ins nächste Lager, denn die Mutter war von politischen Umständen unabhängig in ihrem Außerstandesein. Fritz Honka kam wieder in eine Zwangsverwaltung seiner Entwicklung. Maurer sollte er lernen, doch er war auf Zement allergisch ("Zementkrätze"). Schließlich floh er in den Westen, in dem man sich nach eigenem Gutdünken umbringen kann.

Er arbeitet bei Bauern. Er erntet mehr Schläge als Lohn. Er hat Unfälle, und sein ohnehin -- nach den geltenden Maßstäben der Frauen -- wenig einnehmendes Äußeres, wird zusätzlich verunstaltet. Schließlich landet er in Hamburg. Die niederdrückende Last seiner Erfahrungen mit Frauen hat ihn flachgemacht, was sein Verhältnis zu Frauen angeht. Er sucht die Partnerin, das Gespräch, den Austausch, jene Hilfe, die allein das Gespräch zwischen den Geschlechtern geben kann (und zu dem der Geschlechtsverkehr mitunter nur ein Anhang, etwas Beiläufiges ist). Doch da war ein Mädchen, die bekam ein Kind, er hat anerkannt, der Vater zu sein. Und dann war er es wohl doch nicht. Er ist hereingelegt worden.

Später heiratet er, die Ehe leidet an Alkohol, den zunächst die Frau, den dann auch er im Übermaß getrunken haben soll. Scheidung, Wiederheirat, das gibt es. Auch der zweite Ehe-Anlauf scheitert. Und dann ist er allein in Hamburg, auf St. Pauli, er findet ein Wort für St. Pauli am ersten Tag seiner Hauptverhandlung: »Man kann nicht alles über einen Kamm scheren. Auch wenn St. Pauli St. Pauli ist.«

Da sind Frauen, spricht er sie an, sprechen sie ihn an? Er gibt einen aus, man redet miteinander, ist da eine Lücke zu Kontakten für die Ruine zu finden, die Fritz Honka heißt, die nie ein Haus war? Sie wollen irgendwo unterkriechen, sie sind aus dem Alter heraus, in dem man noch mühelos anschafft. Sie kommen in seine Dachwohnung, »Geschlechtsverkehr« spielt sich ab -- und dann fallen Worte, die quälen, die bis aufs Blut reizen, die explodieren lassen, denn er ist einer, der eine Wohnung, eine grobe Zuflucht, geben kann, doch nicht die Ruhe des »Geschlechtsverkehrs« -- und dann bricht er blindwütig los.

Immer mal wieder, wenn er erwacht, liegt da eine Frau, und die ist tot, viermal insgesamt, wenn die Anklage recht hat. Und dann ist da Panik, die Angst, man könne ihm einen Mord »anhängen«. Dann versteckt er die Leiche in einer Abseite, dann schändet er sogar die Leiche (in einem Fall) auf das gräßlichste, denn die Frau hat, bevor er sie umbrachte, gesagt, nun habe er sich endlich eine Syphilis eingehandelt.

Er ist ein Moralist, Sauberkeit und Ordnung sind für ihn hohe Werte. In Hamburg war er zuletzt Wachmann bei einer Gesellschaft, die Büroräume und Lagerhäuser sicherte. »Man spürte ja, daß man eine Aufgabe hatte, die einen Sinn hatte«, sagt er. Er trug eine Uniform. Er war in das hineingekommen, was ihm vorschwebte als (eine Fiktion von) Ordnung. Wie es zu den Explosionen kam, denen vier Frauen zum Opfer fielen, die man nicht als Prostituierte abtun darf, denn die Prostitution ist in dieser Gesellschaft eine Alltäglichkeit, wir meinen nicht nur jene, die als »Preisgabe des eigenen Körpers« verstanden wird -- er weiß es nicht.

»Wie soll ich das irgendwie ausdrücken«, sagt er, »ich hab« keine Erinnerung davon.« Er spricht immer wieder davon, daß er etwas nicht sagen kann. »Es ist schwer, das hier plausibel auszudrücken«, sagt er. Er erinnert sich nicht daran, wie und warum im Detail er getötet hat, wieso er explodierte wie ein Geschoß. Er ist in diesem Punkt von einer Fassungslosigkeit, die niederschmettert: Er kann nicht verstehen, wie leicht es dazu kommt, daß man tötet.

In den ersten Prozeß-Berichten ist davon die Rede, er quelle über vor Selbstmitleid. Nun, es gibt Menschen, hinsichtlich derer man dankbar sein muß, daß wenigstens sie selbst noch Mitleid mit sich selbst haben können; Menschen, die nichts mehr haben als die Verzweiflung des Leidens an sich selbst.

Star-Verteidiger Bossi hat einen weiteren Psycho-Gutachter beantragt. Der Professor Krause, der bislang im Verfahren ist, reicht ihm nicht aus. Die Umstände dieses Antrags werden noch zu berichten sein. Sie sind seltsam. Eine verkrüppelte Biographie geriet an Alkohol, den Grenzhelfer der verkrüppelten Biographien in Richtung auf die Katastrophe. Ist Fritz Honka tatsächlich ein Sexualtäter?

Dies ist eine Hauptverhandlung, in der nicht einmal die Zahl der Opfer aus dem Rahmen fällt (denn in dem Milieu, in dem Honkas mutmaßliche Opfer starben, verschwindet man unbemerkt). Dies ist eine Hauptverhandlung, in der es um das Alltäglichste geht: um jene Verzweiflung, die einen Unglücklichen schließlich auch noch kriminell werden läßt.

Darüber kann man nur ganz leise reden.

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