Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 12 / 95

»Ich habe daran zu knapsen«

Wie der Journalist Sebastian Knauer den toten Uwe Barschel in der Badewanne fand *
aus DER SPIEGEL 43/1987

Sebastian Knauer, seit zehn Jahren Redakteur beim »Stern«, schläft seit einer Woche schlecht. Er wacht jeden Morgen früh auf und fängt an, »Nick Knatterton« zu spielen. »Ich hätte diesen Mann retten können«, sagt er sich immer wieder, »und dieser Gedanke bedrückt mich.«

Dieser Mann war Uwe Barschel. Knauer hat ihn am vorletzten Sonntag im Zimmer 317 des Genfer Hotels »Beau-Rivage« in einer Badewanne tot aufgefunden.

Am Abend zuvor war Knauer von Hamburg in Richtung Genf geflogen. Bei einer Zwischenlandung in Frankfurt versuchte er, Barschel telephonisch im »Beau-Rivage« zu erreichen. Doch niemand hob ab, obgleich Barschel, wie der »Stern« wissen will, »seinen Zimmerschlüssel an der Reception bereits abgeholt hatte«.

Nach der Landung in Genf und »ersten vergeblichen Nachforschungen« ging Knauer um Mitternacht auf sein Zimmer im zweiten Stock, eine Etage unter dem Ex-Ministerpräsidenten. Pflichtbewußt meldete er sich noch einmal bei seiner Redaktion in Hamburg: »Wir versuchen morgen beim Frühstück, Barschel zu interviewen. Jetzt schläft er wohl. »

Der Hotel-Weckdienst holte den Journalisten um 5.45 Uhr aus dem Bett. Um sieben Uhr saßen Knauer und der »Stern«-Photograph Hanns-Jörg Anders beim Frühstück. Kriminalistischer Spürsinn verhalf ihnen zu einem ersten Erfolgserlebnis: Der Gast »Dr. Barschel« stand, siehe da, im Frühstücksraum auf der Gästeliste - nur: Der Gast erschien nicht.

Die Rechercheure fanden heraus, daß er sein Frühstück auch nicht aufs Zimmer bestellt habe. Und das machte sie stutzig.

Mehrmals zwischen 9.30 Uhr und zwölf Uhr wählten die beiden die Nummer 317, die Nummer von Barschels Einzelzimmer. Vergebens.

Bis dahin hatte Knauer, wie er selber sagt, »die normalen Recherchen gemacht, die ein Journalist in einer solchen Situation macht": Zimmernachbarn, Portiers und Telephonistinnen befragt, doch niemand wußte etwas. »Die Schwierigkeit war«, so Knauer, »daß das Hotel in der Tat sehr diskret arbeitet und nicht gerade kooperationsfreudig war, was diese Auskünfte betrifft.«

Knauer wollte nun Klarheit: War Barschel noch im Hotel? Hatte er die Recherchen unterlaufen, indem er heimlich abgereist war? War »etwas passiert«, so Knauer, »was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnten?«

Er hatte von der Redaktion den Auftrag, Barschel in Genf aufzutreiben und von ihm ein Interview zu bekommen. Ein Knüller ist schließlich nur, was man alleine hat.

Gegen zwölf Uhr klopfte Knauer, wie er sich erinnert, an Barschels Zimmertür und rief »laut und deutlich": »Hallo, ist hier jemand?« Keine Antwort.

Er drückte auf die Klinke, die Tür ging auf. Er schaute kurz in den Flur und stellte fest: »Da liegt ein Schuh.«

»Überrascht« zog Knauer die Zimmertür zu, berichtete seinem Kollegen Anders, was er gesehen hatte. Nach kurzer Wartezeit ging er noch einmal in den dritten Stock, wieder Klopfen, Rufen, keine Antwort.

Vorsichtig öffnete Knauer die Tür und machte sie wieder hinter sich zu. Das Zimmer war »schummrig beleuchtet«, die Gardine bis auf einen kleinen Spalt zugezogen. Das Fenster stand offen, ein leichter Luftzug bewegte die Gardine.

Er sei »nicht in das Zimmer eingedrungen«, so Knauer, die von ihm geöffnete Tür sei unverschlossen, also quasi offen gewesen. Doch das nennen Juristen »Eindringen«, und für Hausfriedensbruch reicht das allemal. An seinem Hotelzimmer hat auch der Hotelgast ein Hausrecht - egal ob er abschließt oder nicht. Und ein Recht auf Wahrung seiner Intimsphäre hat er auch.

Knauer hatte bei seinem zweiten Eindringen ins Barschel-Zimmer gleich eine Kamera mit Blitzlicht mitgenommen. Er war nach eigener Aussage »überzeugt, daß das Zimmer leer ist«. Das Bett war »offensichtlich über Nacht nicht benutzt worden«, fast »in einem jungfräulichen Zustand«. Die Tagesdecke hatte eine leichte Delle, es mußte jemand darauf gelegen haben.

Wie ein Kripo-Fahnder am Tatort zückte Knauer den Photoapparat, machte Bilder vom Schlafzimmer, vom Bett und vom Flur, auch an der Stelle, wo der Schuh lag.

Auf dem Nachttisch neben dem Telephon fand er sechs oder sieben Blätter, kariertes Papier im DIN-A5-Format - letzte handschriftliche Notizen von Uwe Barschel?

Sebastian Knauer las sich alles genau durch, es war die »saubere, ordentliche Handschrift eines Notars«, gut leserlich mit Kuli geschrieben. Der Text gab Auskunft über einen geheimnisvollen Informanten »R. R.«, einen »fast 1,80 Meter großen Mann«, »dunkelblond und glattrasiert, bekleidet mit Jeans, blauem Pullover und Popelinejacke«. Und 48 Stunden später wird im »Stern« stehen, daß es jener Mann war, den Barschel »in der Nähe des Airports« getroffen hatte, mit dem er »knapp eine halbe Stunde spazierengehend« sprach.

Einen Beweis, daß es den unbekannten Mann und das geheime Treffen tatsächlich gegeben hat, liefert der »Stern« nicht. Es war eine Fährte, auf die sich das Blatt von Barschel hatte locken lassen.

Knauer lichtete ein Blatt nach dem anderen ab, ganz im Stile eines mit »richterlichem Haftbefehl ausgestatteten Staatsanwalts« ("FAZ").

Auch im Bett wurde der Hamburger Ermittler fündig. Auf der Decke lag, aufgeschlagen mit dem Buchrücken nach oben, ein Werk des französischen Existentialisten Jean-Paul Sartre, der sich zeitlebens mit dem Begriff der Freiheit befaßt hatte. »Dieses Buch«, so Knauer hinterher, »kann mithelfen zu klären, was in den letzten Stunden in Uwe Barschel vorgegangen ist«, die aufgeschlagenen Seiten handelten von der Freiheit - und vom Tod.

Knauer verspürte beim Schnüffeln »schon ein Muffensausen«, aber er wußte, daß das »Beau-Rivage« ein Hotel ist, »das ein 'Do not disturb'-Schild auch berücksichtigt«. Und draußen vor der Tür, am Messinggriff, signalisierte das Schild dem Zimmermädchen: »Bitte nicht stören.«

Die »Recherchenarbeit« konnte ungestört weitergehen, auch wenn dem Eindringling »klar war, daß es kein normaler Vorgang war, in ein fremdes Hotelzimmer zu gehen«. Knauer: »Als ich die Badezimmertür öffnete, hatte ich die Hose voll.«

Doch der kaltschnäuzige Reporter Knauer triumphierte auch in diesem Moment über den empfindsamen Menschen Knauer - einen Journalisten, der in der Redaktion durchaus als abwägender Rechercheur gilt, der gewöhnlich nicht - horribile dictu - »über Leichen geht«.

In der Badewanne lag, unter spiegelglatter Wasserfläche, der leblose Körper Uwe Barschels, die Haut blaß und aufgedunsen, eine Hand in ein Frotteehandtuch gehüllt, die andere über der nassen Hemdenbrust.

Da war nichts mehr, was »auf irgendeine Art von Leben hindeutete«. Knauers »erster Gedanke": »Dieser Mann war tot« - laut Polizei seit elf Uhr.

Aber dann, der »zweite Gedanke": Vielleicht war Barschel noch zu helfen, vielleicht war doch noch was zu machen? »Mein Gott, in was für eine Situation bin ich geraten?« Knauer wollte mit diesem Mann ein Gespräch führen, und jetzt lag Barschel tot vor ihm - jener Mann, der seit Wochen die Nation bewegte und sie jetzt, nach seinem Tode, noch mehr bewegen sollte.

Knauers dritter Gedanke galt dem »Stern«. »Unter Schock« drückte er, wie er später berichtete, »nur noch reflexartig auf die Kamera«. Das Ergebnis war zwei Tage später im »Stern« zu sehen, gleich danach in der »Tagesschau«, im ZDF, in vielen Tageszeitungen und - natürlich - ganz groß in »Bild«.

Der »Stern«-Reporter hatte im »professionellen Reflex« auf den Auslöser gedrückt und mit dem Bild zur Affäre eine neue Affäre ausgelöst, über die »das journalistische Gewerbe«, wie Theo Sommer, der Nestor der feinen Publizistik, in der »Zeit« kommentierte, »auch weiter wird reden müssen«.

Durfte der »Stern« Barschels Leiche photographieren? Wurde Knauer »ein Opfer seines Berufs« ("Frankfurter Allgemeine Zeitung")? War es »geschmacklos«, ein Ausdruck von »Sudeljournalismus« ("Süddeutsche Zeitung"), das Photo zu veröffentlichen?

»Das Photo mußte gezeigt werden«, sagt Knauer, »weil es ein Dokument ist, das zur Aufklärung beitragen kann.« Auch der Leser müsse sich »ein authentisches Bild machen können«.

Und Knauer selber? »Also, mein Verhalten muß ich zunächst einmal vor mir selbst rechtfertigen. Und daran habe ich in dieser Situation zu knapsen.«

Der »Stern« wird ihm dabei nicht helfen - und kann es auch nicht.

Zur Ausgabe
Artikel 12 / 95

Mehr lesen über