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»Ich habe es aus Angst getan«

Eine jugoslawische Mafia mordet und erpreßt in Westdeutschland. Jahrelang galt die serbische Emigranten-Organisation »Ravna Gora« als harmloser Trachtenverein. Jetzt glaubt das Bundeskriminalamt (BKA) belegen zu können: Hinter der westdeutschen Sektion verbirgt sich eine kriminelle Vereinigung. Getarnt als »Königstreue« vom Balkan, erhielten vorbestrafte Gangster politisches Asyl. Mit Schutzgelderpressung und Morden auf Bestellung terrorisiert das Verbrechersyndikat in der Bundesrepublik jugoslawische Landsleute. *
aus DER SPIEGEL 28/1987

Nebelfetzen lagen über dem Friedhof des Belgrader Vororts Znaim. Drei Popen flehten in langgezogenem Singsang: »Gospodi, pomiluj« - »Herr, erbarme dich seiner.«

Damen in Fuchs und Nerz, die dem »feschen Ljubo« eine letzte Träne nachsandten, hatten in Augenhöhe blaue Punkte aufgelegt. Männer wie Schränke, die den Sarg hievten, trugen Hautschmuck besonderer Art zur Schau: Tätowierungen auf Stirn, Nase und Wangen erinnerten an gemeinsam verbrachte Haftjahre.

Das Großaufgebot der trauernden Strizzis und Mizzis galt, im Winter letzten Jahres, dem »Ebenbild eines modernen Spitzengangsters«, wie die Wiener »Presse« notierte: Ljubomir Magas, 38, der am 10. November 1986 vor der Pforte »A« des Frankfurter Landgerichts verblutet war.

Ebenfalls in Frankfurt, vor einer Schwurgerichtskammer, wurden letzten Monat die Umstände des Magas-Todes untersucht - in einem Prozeß, der erstmals ein wenig Licht in eine der düstersten Zonen der bundesdeutschen Kriminal-Szene brachte.

Hinter schußfestem Glas, wie bei RAF-Prozessen, fühlte sich das Gericht vor den Zuhörern halbwegs sicher. Stadtbekannte Gesichter aus der Kroatenszene, narbengeprägte Schlägerfiguren und Prominenz aus dem Bahnhofsmilieu räumten durch Gesten ein, daß mancher zur Sache mehr wußte, als vorne, jenseits der Trennscheibe, erörtert wurde.

Magas hatte, wie polizeiliche Ermittlungen ergeben haben, gut zehn Jahre lang einen Ring jugoslawischer Ganoven dirigiert, der sich in der Bundesrepublik auf Waffenhandel und illegales Glücksspiel, Serieneinbrüche und Lagerdiebstähle, vor allem aber auf Schutzgelderpressungen spezialisiert hatte - und der noch immer aktiv ist.

Unter der Führung von Big Boß Magas war es der jugoslawischen Mafia gelungen, sich vor allem im Rhein-Main-Gebiet und im Raum München breitzumachen. Schutz erfuhren die Gangster, absurd genug, durch Bonner Gesetze ebenso wie, möglicherweise, durch Belgrader Behörden.

In der Bundesrepublik durften sich viele von ihnen aufhalten, weil sie als angeblich politisch Verfolgte Asyl beantragt hatten. Zugleich sollen sie dem jugoslawischen Geheimdienst behilflich gewesen sein, in Westdeutschland lebende Regimegegner zu terrorisieren oder umzubringen.

Wie ernst bundesdeutsche Fahnder die Gang nehmen, zeigte sich bei der jüngsten Expertentagung der Deutschen Kriminologischen Gesellschaft: Der frühere BKA-Vize und jetzige Verfassungsschutz-Chef Gerhard Boeden führte die Aktivitäten des Jugo-Ringes als Beleg dafür an, daß eine »organisierte Kriminalität« in der Bundesrepublik »schon jetzt... Strukturen« entwickelt, »wie wir sie z. B. aus Italien oder den USA kennen«.

Die Gangstertruppe, urteilt Boeden, sei »straff vertikal und horizontal strukturiert«, praktiziere »Abschottungsmechanismen und ein internes Sanktionssystem« und verlange, wie die sizilianische Mafia, »Omerta« - striktes Schweigen gegenüber Freund und Feind.

Das Syndikat operiert inmitten eines schwer überschaubaren kriminellen Milieus. Allein im Raum Frankfurt kämpfen derzeit rund 250 Räuber, Betrüger und Hehler kroatischer, serbischer und albanischer Zunge um Marktanteile. Reisende Taschendiebe aus dem Kosovo, eine bodenständige Montenegro-Gang, bosnische Zuhälter mit Jetset-Touch und mutmaßliche Belgrader Geheimdienstler schießen und fetzen einander gnadenlos.

»Die Leute von Magas«, urteilt der Frankfurter Kriminalrat Peter Walter, »sind in diesem Jugo-Milieu die Fettaugen auf der Suppe.« Durch »Anwendung brutaler Gewalt« sei der Magas-Ring, konstatiert das Frankfurter Ordnungsamt,

zu einem »Machtfaktor« geworden, dem sich im Umfeld Rhein-Main »kein jugoslawischer Staatsangehöriger erfolgreich widersetzen kann«.

»Man mußte wie ein Kind alles tun, was er wollte, sonst bekam man''s auf den Kopf«, erinnert sich ein Zeuge, der seit einer Schießerei mit Magas-Leuten eine nichtoperierbare Kugel im Schädel trägt. Das BKA lastet der Gang das »Aufzwingen von Schutz gegen Bezahlung« in Bars, Spielklubs und Bordellen an, ferner Morde an Verrätern und Morde gegen Bezahlung.

Allerdings: Keine Kripo-Sonderkommission hat je handfeste Beweise gegen Magas vorbringen können. Denn kein Zeuge, der einmal ausgepackt hatte, hielt mit seiner Aussage bis zur Gerichtsverhandlung durch. Von Ljubos Gehilfen bedroht, widerriefen sie alle.

Stillschweigend zahlen bedrängte Gastronomen im Rhein-Main-Gebiet und im Bayrischen, wie BKA-Experten glauben, noch heute monatlich »100 bis 10000 Mark« an die Nachfolgeorganisation des Magas-Rings. Das Ausmaß der Schutzgelderpressungen ist für die Strafverfolger nur schwer abschätzbar, auf einen bekanntgewordenen Fall kommen nach BKA-Ansicht mindestens zehn unbekannte.

Magas'' Leben endete, als eines seiner Opfer sich ihm zum zweitenmal gegenüber sah: sein Landsmann Goran Vukovic, 27. Im Oktober 1984, so Vukovic, hatten Magas und zwei Begleiter ihm im Frankfurter Westend vor seiner Wohnung aufgelauert. Mit einer Kugel im Rücken überstand Vukovic nur knapp eine Notoperation in der Uniklinik.

Zwei Jahre später, an einem Montag um 10.20 Uhr, trafen die beiden zufällig vor dem Gerichtseingang in der Frankfurter Heiligkreuzgasse erneut aufeinander - Mittelgewichtsboxer Magas als Angeklagter, dessen Hauptverhandlung wegen Erpressung, Körperverletzung und Nötigung soeben verschoben worden war; Vukovic, der »aus Angst und Erfahrung immer bewaffnet« war, als Angeklagter in einem Diebstahlsprozeß.

Zeugen hörten die Worte: »Schießt dieses Schwein ab!« Dobrinka Mestrovic, Vukovics Begleiterin, kann »noch heute die Angst nicht beschreiben«, die sie in jenem Augenblick überkam: »Als ich Magas gesehen habe dachte ich, jetzt sind wir kaputt.«

»Er sprang auf mich zu, und ich schoß«, berichtete Vukovic letzten Monat als Angeklagter vor der 21. Frankfurter Strafkammer über die Sekunden vor der Tat: »Ich habe es aus Angst getan, um nicht wieder in seine Hände zu fallen.« Das Gericht nahm Vukovic die Notwehrthese nicht ab und verurteilte ihn am Dienstag letzter Woche zu sieben Jahren Haft wegen Totschlags.

Die Todesschüsse vor Gericht waren für Staatsanwaltschaft und Polizei im vorigen Winter letzter Anlaß gewesen, die Aktivitäten der jugoslawischen Unterwelt im Rhein-Main-Dreieck genauer zu untersuchen. Ermittlungen im Umfeld von Magas und Vukovic ergaben, daß die beiden die Köpfe jugoslawischer Banden waren, »die sich gegenseitig das Terrain streitig machen« (Kripo-Bericht). Nach fünfmonatiger Arbeit zog eine neunköpfige Sonderarbeitsgruppe der Ermittler Bilanz: 450 Stück Edelgarderobe, meist Pelze und Lederjacken, 900 Broschen und Preziosen und einige Dutzend Gemälde waren als Beutegut sichergestellt; dazu zwanzig Schußwaffen und diverse falsche Pässe. Die Polizei nahm 48 Wohnungseinbrecher und Hehler fest; rund 200 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet. Vierzig Bestohlene fanden im Frankfurter Präsidium bei einer Art Flohmarkt mit Beutegut einen Teil ihrer Schätze wieder.

Unabhängig von den Frankfurter Ermittlern entwirrte eine BKA-Sonderkommission ("Betreff: Aktivitäten des jugoslawischen Staatsangehörigen Ljubomir Magas") ein dichtes Geflecht aus Geheimdienst-Rankünen, Exilanten-Intrigen und banaler Gewaltkriminalität.

Wirte von Jugo-Lokalen die sich den Magas-Leuten nicht gefällig erwiesen, mußten damit rechnen, daß ungebetene Besucher ihnen die Gäste vergraulten. Nicht selten verlief der Abend so wie im Lokal »Bosna« im südhessischen Sprendlingen. Als dort ein Gast, der den Magas-Leuten nicht paßte, trotz Anpöbeleien _(Im Frankfurter Polizeipräsidium. )

weiterspeiste, steckten ihm wilde Gesellen aus Serbien erst eine Blume in die Nase, dann schlugen sie ihn mit Fausthieben nieder. Einer der Rowdys holte am Schluß einen tischbeindicken Knüppel aus seinem Wagen und traktierte damit den Verletzten. Nach den Polizeiakten ist der Mann »an den Folgen verstorben«. Autoritätspersonen wie Boxer Magas und seine stämmigen Freunde waren da fast schon willkommen, wenn sie anboten, »gegen eine Spende« (Walter) wieder für Ordnung zu sorgen. Prompt wurde das Lokal nicht länger von Unruhestiftern heimgesucht und der Umsatz stieg.

In den Polizeiakten tauchte Magas erstmals 1974 auf, nachdem er von einem Landsmann namens Delalic, einem Dolmetscher, 10000 Mark verlangt hatte. Der Mann wollte nicht zahlen, verließ die Bundesrepublik aus Angst vor Repressalien und kehrte erst wieder zurück als er den Erpresser im Knast wußte; Interpol Belgrad begehrte damals Magas'' Auslieferung wegen Vergewaltigung.

Neun Jahre später trat Magas mit einem bewaffneten Rollkommando in der »Brückenschänke« in Frankfurt-Höchst auf. Kroaten, die der Schlägertrupp nicht mochte, holten sich blutige Nasen. Ähnliche Szenen spielten sich laut Kripo-Akten etwa in dem Nachtschwärmer-Treff »Kuckuck« am Frankfurter Kaiserdom ab, wo Magas seinen Forderungen nach einem prozentualen Anteil am Geschäft eines gewissen Bihorac Nachdruck verlieh.

Bald kassierte die Bande mehrere Großstädte ab. Bereits vor vier Jahren, als das BKA die bundesweiten Ermittlungen gegen Magas und 16 jugoslawische Komplizen wegen der Erpressung von Schutzgeldern koordinierte, mußten die Fahnder 22 verschiedenen Tatkomplexen nachgehen.

In München kooperierte Magas damals mit dem vielfach vorbestraften Berufskriminellen Rade Caldovic, genannt »Cento«, der ihm 1974 in Belgrad zur Flucht aus dem Knast verholfen hatte. Seit 1978, als ein Mitglied der »Montenegro-Gruppe« in Wien von einem Trio der »Belgrader Gruppe« mit einer vollen Zwei-Liter-Weinflasche erschlagen wurde, hegt die österreichische Kripo gegen Magas und Caldovic Tatverdacht.

Im Juni 1982 verlangte Caldovic in einem Spielklub in der Münchner Kaiserstraße zwanzig Prozent Umsatzbeteiligung: »Ihr müßt alle dasein und mir ins Gesicht sagen, daß ich nichts bekomme, dann tue ich mich beim Aufräumen leichter«, drohte er den Teilhabern. Als der Erpresser nachts um drei Uhr mit fünf Leuten zum Aufräumen kam und einem Türsteher die Pistole an die Stirn setzte, hielt das Türschloß des Klubs den Schüssen stand; der Wächter konnte wegtauchen.

Caldovic wurde später in München wegen dieses Überfalls zu drei Jahren und vier Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, sein Bruder Dragan zelebrierte nach dem Tod des Freundes Magas eine besondere Ehrung für den Paten: Im »Bosna« gab er aus einem Revolver einen Schuß in die Decke ab und befahl den verdutzten Gästen, »für eine Gedenkminute aufzustehen«.

Rade Caldovic war es auch, der bayrischen Kriminalbeamten zu Protokoll gab, wie leicht er und seinesgleichen in Jugoslawien immer wieder aus der Haft entkommen können: _____« Ich sollte am Tag meiner Flucht dem » _____« Ermittlungsrichter vorgeführt werden; auf dem Weg dorthin » _____« habe ich den mich begleitenden Justizbeamten bestochen. » _____« Mein Bruder (Dragan) hatte die ganze Sache organisiert, » _____« er hatte auch mit dem Wachmann vorher gesprochen, wenn es » _____« zu einer Überstellung zum Richter käme, sollte er mich » _____« bei diesem Transport begleiten. Er gab ihm dafür » _____« umgerechnet 5000 Mark. Wir sind mit dem Auto vom » _____« Untersuchungsgefängnis zum Gericht gefahren. Nach dem » _____« Aussteigen sagte mir der Beamte, wir würden nicht mit dem » _____« Lift fahren, sondern die Treppe benützen. Er sagte zu » _____« mir, wenn wir an der Treppe angekommen seien, sollte ich » _____« ihn wegstoßen und fliehen. Vor dem Gerichtsgebäude » _____« wartete bereits mein Bruder mit seinem Auto, und er » _____« brachte mich zu einem Freund. Bei ihm blieb ich bis zum » _____« Abend, dann brachte mich ein anderer Freund bis nach » _____« Frankfurt. Ich benutzte bei der Ausreise wieder einen » _____« falschen Reisepaß. »

Fluchtgeschichten solcher Art nähren bei Jugo-Experten im BKA seit langem einen bizarren Verdacht: Der Belgrader Geheimdienst SDB, mutmaßen sie, lasse in Jugoslawien verurteilte Kriminelle wie Magas aus der Strafhaft frei, statte sie mit falschen Pässen aus und schicke sie mit Mordaufträgen in die Exilkroaten-Szene westlicher Länder.

Gestützt werden solche Vermutungen, so die Ermittler, etwa durch einen ungeklärten Mord, dem im Januar 1980 in Frankfurt der Exilkroate Nikola Milicevic zum Opfer gefallen ist. Wie bei anderen Anschlägen auf jugoslawische Emigranten zeigten die Projektile ein sonderbares Spurenbild: Kaliber 7,65, vier Züge, vier Felder, Rechtsdrall - die »typische Handschrift des SDB«, wie der frühere BKA-Chef Horst Herold befand.

Vier Jahre nach der Tat gab ein Zeuge bei der Frankfurter Kripo den Unterweltkönig Magas als Schützen an. Zu tun haben soll Magas auch mit dem Mord an dem kroatischen Emigranten Stjepan Djurekovic, Jugoslawiens ehemaligem Chefeinkäufer für Erdöl, der sich 1982 in die Bundesrepublik abgesetzt

hatte. Djurekovic, ein anerkannter politischer Flüchtling, gründete im bayrischen Wolfratshausen den Verlag »Das Kroatische Buch«. Aus Manuskripten und Tagebuchnotizen, die der frühere Tito-Vertraute seit Jahren im Westen deponiert hatte, entstand eine Serie von Büchern über »das wahre Gesicht Jugoslawiens«, das »jämmerliche Leben des Arbeiters im Kommunismus« und das »Luxusleben der Führungskaste«.

Als Djurekovics Plan, einen kroatischen Exilsender zu gründen, im Juni 1983 Gestalt annahm, meldete die gefälschte Ausgabe einer Emigranten-Zeitung den Tod des Regime-Gegners. Zwei Wochen später, kurz vor elf Uhr, telephonierte der Schriftsteller in Wolfratshausen mit seiner Freundin und verabredete sich mit ihr für »11.30 Uhr an der Isarbrücke« - doch zu dem Date erschien er nicht. Tags drauf fand ein Mitarbeiter ihn mit Brustschüssen und zertrümmertem Schädel in der Garage. Die Mordkommission stellte sechs Hülsen der Kaliber 7,65 und .22 sicher. Das Beil, das ebenfalls zur Tat verwendet worden war, blieb verschwunden.

Der jugoslawische Geheimdienst SDB, so ließ der Bundesnachrichtendienst (BND) daraufhin das bayrische Landeskriminalamt wissen, zahle an »Kriminelle ... für derartige Aktionen ... bedeutende Summen«. Magas, wußte der BND zu berichten, lebe als »Agent des SDB« im Raum München. Ein Freund von Magas, bekannt unter den Spitznamen »Arko« und »Kare«, sei Djurekovics Mörder gewesen.

Fast überall in Europa füllen die Taten des mysteriösen Magas die Aktenordner von Kriminalbehörden. Im schwedischen Göteborg ging es um Schüsse auf Zollbeamte, in Kiel prüft die Kripo, ob der Unterweltboß etwas mit dem Tod einer Prostituierten im März 1986 zu tun hat, deren zeitweiliger Zuhälter er gewesen sein soll. In Rotterdam soll Magas noch kurz vor seinem Tod ein Hehler-Lager mit Schmuck, Waffen und Kleidung inspiziert haben; die Sore stammt aus Einbruchsdiebstählen in Antwerpen, Brüssel und Gent.

Magas, heißt es in einem BKA-Bericht, habe zuletzt auch »Einfluß im kriminellen Bereich von Mainz zu nehmen« versucht. Im Polizeipräsidium in Offenbach wurde er als »der Pate« einer »reisenden Tätergruppe aus dem Rhein-Main-Gebiet« geführt, »die bevorzugt Einbruchsdiebstähle in Wohnhäuser der gehobenen Klasse und in Boutiquen verübt«.

Die Todesschüsse auf Magas haben den Geschäften seiner Bande offenbar kaum Abbruch getan. »Große Scheine« verlangte etwa im März dieses Jahres der Serbe Mirsad Ukic von den Gästen eines Spielsalons im Frankfurter Bahnhofsviertel; der Mann fuchtelte dabei mit einer abgesägten Schrotflinte vor ihren Gesichtern.

Als keiner der Spieler reagierte, zog er davon und tauchte ein paar Minuten später in einem Lokal an der Galluswarte auf. Bei kartenspielenden Landsleuten sammelte er 1330 Mark ein, dann ließ er sich von einem der Spieler mit vorgehaltener Waffe nach Heidelberg chauffieren.

Um die gleiche Zeit stürmten in Frankfurt zwei frühere Magas-Vertraute nachts in das Lokal »Zum Kuckuck am Dom«. Einer sicherte den Ausgang, der andere zielte auf den Wirt Moncilo Matovic, 42, und drückte ab.

Mit einem Taxi ließ sich der Schwerverletzte ins Heilig-Geist-Hospital chauffieren, er überlebte nach einer Unterleibsoperation. Die Frankfurter Kripo erfuhr erst am folgenden Nachmittag von den Schüssen, weil keiner der Zeugen Zeuge gewesen sein wollte.

In Nordrhein-Westfalen ist die Kripo derzeit dem jugoslawischen Geschäftsführer mehrerer Spielcasinos im Raum Essen auf den Fersen, einem alten Magas-Vertrauten, der laut Polizeiverdacht als Führungskader einer kriminellen Vereinigung abtrünnigen Jugo-Gangstern nachstellt. In München erhielt die Herausgeberin einer tschechischen Exilzeitung kürzlich einen Erpresserbrief: Wenn ihr »das Leben lieb« sei, solle sie zwei Millionen Mark zahlen.

Mit derselben Handschrift und in gleichem Duktus waren Forderungen an einen Mitarbeiter des antikommunistischen Rundfunksenders »Radio Freies Europa« in München formuliert. Als der Erpreßte nicht darauf einging, machten die Briefschreiber ihre Drohungen wahr. Der Jugoslawe Ivan Hlevnjak, der zuletzt lebend in dem Münchner Restaurant »Bosna« gesehen worden war, endete mit zertrümmertem Schädel am Seehamer See.

In Bielefeld offenbarte ein Jugoslawe der Polizei, er habe von der exilserbischen Organisation »Ravna Gora« den Auftrag erhalten, »in der Bundesrepublik Deutschland Banküberfälle zu begehen«. Daß im Namen des Vereins Leute von Magas operieren, gilt den Experten im Jugo-Referat des BKA als gesicherte Erkenntnis. Auch den Beamten des Bundesamts für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge ist die Exil-Organisation zutiefst verdächtig.

Zweifel, ob bei »Ravna Gora« wohl alles mit rechten Dingen zugehe, kamen bei den Behörden spätestens 1983 auf, als eine Reihe von Magas-Komplizen wegen einer Serie von Schutzgeld-Erpressungen in Untersuchungshaft saß. Einige der Beschuldigten bekannten sich im Gefängnis spontan zu der serbischen Exilanten-Organisation und beantragten, um nicht abgeschoben zu werden, politisches Asyl in der Bundesrepublik. Ihre Papiere erwiesen sich, wie die Ermittler herausfanden, zum Teil als »schlichtweg gefälscht«.

Einer der Asylbewerber, Magas-Freund Slobodan Savic, genannt »Cane«, legte zum Beispiel seinem Asylantrag eine Aufnahmebescheinigung des

»Headquarters« von »Ravna Gora« im amerikanischen Milwaukee vor, die den Prüfern auffiel: Anders als sonst hatte der Organisationschef in den USA nicht mit »Djoko P. Maric«, sondern mit »Djoko Marich« unterschrieben.

In Stellungnahmen, die Beamte des Nürnberger Bundesamtes zu Asylverfahren bei Verwaltungsgerichten vortrugen, wird der westdeutsche Sproß von »Ravna Gora« kurz und bündig »als kriminelle Vereinigung« bewertet. »Interpol«-Recherchen erbrachten laut BKA-Dossier schließlich die Bestätigung: Die »Sektion BR Deutschland« des Djoko-Maric-Vereins bestehe »ausschließlich aus Kriminellen«, einem Kreis aus dem »Umfeld des Magas«.

Die »Ravna Gora«-Leute berufen sich auf »die nationalfreiheitliche Tradition des serbischen Volkes« und hängen dem Traum von einer großserbischen Monarchie nach. Eine der Splitter-Organisationen, die sich nach dem Balkan-Berg Ravna nennen, hatte sich nach Titos jugoslawischem Sieg in Milwaukee etabliert. Ihr langjähriger Chef Maric gab 1985 Vernehmern des FBI zu Protokoll, seine Unterschriften unter der Emigranten-Post müßten gefälscht sein: Seit 1970 sei nicht mehr er, sondern ein Landsmann in Berkeley/Illinois Präsident.

»Seit 15 Jahren«, versicherte der Greis, habe er »für ''Ravna Gora'' nichts mehr unterschrieben«. BKA-Fazit: »Seit 15 Jahren also nur Fälschungen aus Milwaukee.« Den Schmu soll laut Kripo seit 1981/82 ein alter Magas-Vertrauter gefingert haben: ein Pilot, der sich mal »Davar Milic«, mal »Stevan Stipic« nennt und der in den »Interpol«-Akten mit sieben weiteren Alias-Namen geführt wird. In Holland wurde Milic/Stipic mit Schecks festgenommen, die ein Professor Stolze nach einem Wohnungseinbruch in Düsseldorf vermißt hatte, in Österreich soll der Pilot Gastarbeiter illegal in den Schwarzwald geschleust haben - für 300 Mark, so die Kripo Villingen-Schwenningen, schrieb er ihnen selber eine »Aufenthaltsgenehmigung« in den Paß.

Von 1981 an trat Milic/Stipic als westdeutscher Repräsentant von »Ravna Gora« auf und »versuchte, jede Menge serbischer Gangster da reinzukriegen«, wie ein in Jugo-Angelegenheiten versierter Anwalt erzählt. Die Prominentesten seiner Kunden, denen der Ober-Serbe mit geschickter Hand auf den Blanko-Bögen Asyl verschafft hat, waren Ljubo Magas und Rade Caldovic.

Als Caldovic letztes Jahr vorzeitig aus der Haft entlassen wurde, warnten Polizeidienststellen einander vor dem »äußerst brutalen Rechtsbrecher, der sich insbesondere im illegalen Glücksspielmilieu« bewegen und »seinen Lebensunterhalt aus Erpressungen« bestreiten soll. Die Jugo-Szene in Frankfurt nennt »Cento« seit dem Tod von Magas den »Vollstrecker«.

Während der Magas-Freund auf seine Ausweisung gefaßt ist, gibt sich sein jüngerer Bruder Dragan, 33, als neuer Frankfurter Repräsentant von »Ravna Gora« aus. Im Februar wurde Dragan Caldovic unter dem Verdacht festgenommen, einen Überfall auf einen Geldtransport des »Massa«-Marktes in Hattersheim geplant zu haben; Komplizen von ihm halten Verbindung zur Kokain-Szene. In einigen Monaten, hoffen die Jugoslawien-Fachleute im BKA, könnte sich das Dickicht der kriminellen Vereinigung etwas lichten. Referenten der BKA-Staatsschutzabteilung schlagen in einem 68-Seiten-Dossier über den Magas-Vertrauten Rade Caldovic vor, eine »aus mehreren Dienststellen bestehende polizeiliche Sonderkommission« zu bilden.

Eine Staatsanwaltschaft jedoch, die »alle bisher bekannten Straftatkomplexe und Personenzusammenhänge« zentral auswerten könnte, ist noch nicht gefunden. Und von »Interpol« Belgrad ist wegen der politischen Dimensionen des Falles Erhellendes kaum zu erwarten.

Im Frankfurter Polizeipräsidium.

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