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Briefe

Ich hätte Hitler töten können
aus DER SPIEGEL 17/1995

Ich hätte Hitler töten können

(Nr. 14/1995, Titel: Hitlers letzte Tage - »Operation Mythos« - Stalins Geheimakte über die Endzeit im Führerbunker, Nr. 15/1995, Teil II)

Die Hitler-Story ist ja ganz interessant, aber welcher Walhall-Geist ist denn in den britischen Zeichner gefahren? Dieses Gottvertrauen im Blick von Papa Hitler hat mit der fotografischen Vorlage nicht das geringste zu tun. Das ist kein gejagter Verlierer, sondern ein fröstelnder Zuschauer. *UNTERSCHRIFT: München JÜRGEN MOELLER

»Über 57 000 deutsche Kriegsgefangene, zuvor mit Diarrhöe-fördernder Fettsuppe gefüttert, ließ Stalin 1944 über die Moskauer Gorkistraße marschieren.« Dem muß ich widersprechen. Bevor wir in Gefangenschaft gerieten, hatten wir gehungert und unseren Durst mit dem Flußwasser der Beresina gestillt. Wie glücklich war ich, als man uns in Moskau zweimal täglich eine warme Mahlzeit servierte. Die Russen waren offenbar daran interessiert, uns kräftemäßig wieder aufzubauen, damit wir in der Lage waren, über Stunden durch die Stadt zu marschieren. Natürlich war das eine Gefangenendarstellung wie im alten Rom, dennoch nicht unmenschlich. *UNTERSCHRIFT: Kassel EBERHARD HEINEMANN

Napoleons prunkvolles Grab in Paris ist ein Pilgerort für ewig Vorgestrige. Stalin und Mao, die noch mehr Menschen als Hitler umgebracht haben, haben prächtige Grabmäler in Moskau und Peking. Niemand empört sich. Auch Franco hat sein Ehrengrab bei Madrid. In Italien liegt Mussolini in seinem Familiengrab, und kein Antifaschist hat Angst, daß Faschisten dort hinpilgern. Sogar Tojo wird in Tokio noch verehrt: im Tempel der Gefallenen. Nur Hitler hat kein Recht auf ein Grab gehabt, nicht einmal auf ein kleines Grab bei seinen Verwandten in Österreich. Er ist nur ein Kadaver. Eine ungerechte Welt, nicht wahr? *UNTERSCHRIFT: Mailand MARCO PICONE

Ich hätte gern gewußt, wie es möglich ist, daß diese haarsträubende Geschichte so lange geheimgehalten wurde. *UNTERSCHRIFT: Kapstadt (Südafrika) R. BEHRENS

Sie schreiben, daß Hitler bei der Mitteilung des französischen Waffenstillstandsersuchens einen Freudentanz vollführte, was keineswegs der Wahrheit entspricht. In Bruly-de-Pesche filmte Walter Frentz die Übermittlung der Nachricht, später schnitten kanadische Filmexperten die Bilder clever zusammen, so daß der Eindruck entstand, er habe einen Tanz vollführt. *UNTERSCHRIFT: Berlin TORSTEN LEWERENZ

Das Geschehen um die 9. Armee bedarf der Berichtigung. Am 20. April verlief deren südliche Frontlinie im Raum Görlitz, wo zu diesem Zeitpunkt mehrere Infanterie- und Panzerdivisionen standen, darunter unsere Panzerdivision. Hier griffen die Russen am 23. April an und bezogen nach zweitägigen Kämpfen eine empfindliche Niederlage. Die auf russischer Seite eingesetzte polnische Panzerbrigade verlor ihren gesamten Mannschafts- und Fahrzeugbestand. Am 30. April rückten wir in Bautzen ein, das von den Russen bereits besetzt war. In zwei Tagen kämpften wir Bautzen frei und stießen ohne ernstlichen Widerstand in Richtung Cottbus vor. Am 4. Mai wurden wir in den Raum nördlich von Dresden verlegt, wo wir allerdings den russischen Vorstoß nicht mehr aufhalten konnten. *UNTERSCHRIFT: Saarbrücken WILFRIED LIMBURG

Ein Jargon im Stile von Goebbels. So kann man eine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte nicht führen. *UNTERSCHRIFT: Essen DR. DETLEF BUNK

Ich bin einer der »zwanzig minderjährigen, mit dem Kreuz von Eisen dekorierten Hitler-Jungen«, die Hitler zu seinem 56. Geburtstag präsentiert wurden. Ich brachte, einmal Melder des Reichsjugendführers Artur Axmann und zweimal Hitlers, Nachrichten aus der »Zitadelle« und zurück. Als Melder trug ich eine Pistole in meiner Manteltasche und wurde niemals aufgefordert, sie herauszugeben, weder bei Hitlers Geburtstagspräsentation, noch als ich im Lagerraum Aufträge entgegennahm, wo Hitler dabei war. Am Morgen des 30. April, zwischen 4.30 und 5.00 Uhr, sah ich Hitler allein im Flur des unteren Bunkers. Ich hätte Hitler töten können. Ich hatte diese Möglichkeit mindestens drei- oder viermal. Und für mich bleibt die Frage, hätte ich es getan, wenn ich schon damals gewußt hätte, was ich erst ein paar Monate später erfuhr: als ich eine Dokumentation über die Befreiung der Konzentrationslager sah, als ich mir des Holocaust bewußt wurde, als mir klar wurde, daß meine Kameraden noch als Kanonenfutter geopfert wurden, als schon lange keine Chance mehr bestand, den Krieg noch zu gewinnen. *UNTERSCHRIFT: Waldport (USA) ARMIN D. LEHMANN

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